Was bedeutet „Mittelalter“? – so fragte der Mediävist Kahl, und er antwortete mit dem
Hinweis auf genau fünf Gegebenheiten, die „Mittelalter“ bedeuten, nämlich eine
„Gesellschaft mit überwiegend agrarischer Struktur“, die „Partikularisierung des öffentlichen
Lebens“, die „Adelsherrschaft“, ein „christliches Kirchentum“ von „vortridentinischerkatholischer
Gestalt“ als Grundlage „alles höheren geistigen Lebens“ und schließlich die
„Traditionsmacht“ der „lateinischen Antike“. Wenn aber nur diese fünf Punkte von Belang
für das Mittelalter sind, was kann dieses noch für den modernen Menschen für eine
Bedeutung haben? Diese Frage wird gestellt und auch in Zukunft gestellt werden, wie Otto
Gerhard Oexle meint, denn die traditionellen historischen Rechtfertigungen der
Mittelalterforschung und des Mittelalterwissens sind inzwischen vergangen. Weder sind Ost-
und Italienpolitik römisch-deutscher Könige und Kaiser, noch der heroische Kampf der
Bürger gegen Fürstenmacht und Fürstenwillkür wirklich interessant. Im Zeichen
verschwundener nationaler Ideologien ist auch das nationalgeschichtliche Bedürfnis nach
Mittelalterforschung, zumindest in Westeuropa, rückläufig. Und angesichts des allgemeinen
Desinteresses in unserer Gesellschaft an Religion und Kirche stellt sich die Frage, welche
Rolle die Erinnerung an Entstehung und Geschichte der Kirche im Mittelalter noch spielen
sollte. Ebenso kann man nach dem Ende des real existierenden Sozialismus und seiner
Formationstheorien, in denen der Feudalismus des Mittelalters einen unverzichtbaren Platz
einnahm, nach weiterem Sinn mittelalterlicher Geschichtsforschung fragen. Sind also nur
noch ein paar spärliche Reste des Mittelalters, die im Rahmen politischer und kultureller
Europa-Rhetorik aufgegriffen werden, wie die Übermittlung des antiken Erbes, die
Geschichte des lateinischen Christentums oder die Gestalt Karl des Großen, für uns von
Interesse? Oder sollten wir drei französischen Mediävisten folgen, die den Sinn von
Mittelalterkenntnissen in der Optimierung der Entwicklungshilfe der Dritten und Vierten Welt
sehen? [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wesen und Bedeutung der Grundherrschaft im frühen Mittelalter
3. Der Begriff Grundherrschaft in den Quellen des frühen Mittelalters
4. Die ältere deutsche Grundherrschaftsforschung und der Historismus
4.1 Karl Theodor von Inama-Sternegg
4.2 Karl Lamprecht
4.3 Georg von Below
4.4 Alfons Dopsch
4.5 Rudolf Kötzschke
5. Abschließende Betrachtung
6. Quellen und Literatur
6.1 Quellen
6.2 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anfänge der frühmittelalterlichen Grundherrschaft in der älteren deutschen Grundherrschaftsforschung. Dabei steht insbesondere der kontroverse Historikerstreit zwischen Georg von Below und Karl Lamprecht im Mittelpunkt, um die verschiedenen grundlegenden Auffassungen innerhalb des zeittypischen Historismus kritisch zu beleuchten.
- Grundlagen und Wesen der frühmittelalterlichen Grundherrschaft
- Die Etymologie und Genese des Begriffs Grundherrschaft
- Die deutsche Grundherrschaftsforschung im Kontext des Historismus
- Methodenstreit zwischen individualistischer und kollektivistischer Geschichtsauffassung
- Chronologische Analyse der Standpunkte einflussreicher Historiker
Auszug aus dem Buch
4.1 Karl Theodor von Inama-Sternegg
Die wichtigsten Vertreter der deutschen Rechts-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts sahen in der allmählichen Konzentration von Grund und Boden in wenigen Händen den Ausgangspunkt der Entstehung und Ausbildung der mittelalterlichen Grundherrschaft. Auch Inama-Sternegg gehörte dieser Schule an. Aufbauend auf die Arbeiten von Landau, Hanssen und Maurer zeichnete Inama-Sternegg 1879 im Band 1 seiner „Deutschen Wirtschaftsgeschichte“ ein Bild der karolingischen Grundherrschaft, die einen mächtigen Einfluss (Hofrechtstheorie) auf die frühmittelalterliche Wirtschaft ausübte. Inama-Sternegg meinte: „Die Ausbildung der grossen Grundherrschaften während der Karolingerzeit ist das Resultat des ganzen Entwicklungsganges, welchen das politische, sociale und wirthschaftliche Leben des deutschen Volkes während zweier Jahrhunderte eingeschlagen hat.“ Inama-Sternegg vertrat die Ansicht, dass die germanische Urverfassung und Sozialstruktur, die durch Freiheit und Gleichheit gekennzeichnet war, langsam aber beständig durch den Adel, der Grundbesitz und politische Macht hortete, zerstört wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel erörtert die Bedeutung des Mittelalters für den modernen Menschen und begründet die Relevanz der historischen Forschung zu mittelalterlichen Herrschaftsstrukturen.
2. Wesen und Bedeutung der Grundherrschaft im frühen Mittelalter: Es wird dargelegt, wie die Grundherrschaft als fundamentales Element der Agrarverfassung und bäuerlichen Lebensordnung über ein Jahrtausend das Wirtschaftsleben in West- und Mitteleuropa bestimmte.
3. Der Begriff Grundherrschaft in den Quellen des frühen Mittelalters: Dieser Abschnitt thematisiert die Problematik des Begriffs Grundherrschaft als moderne Wortschöpfung und untersucht, welche lateinischen Termini in den historischen Quellen tatsächlich für die beschriebenen sozialen Verhältnisse verwendet wurden.
4. Die ältere deutsche Grundherrschaftsforschung und der Historismus: Dieses Hauptkapitel analysiert den Einfluss des Historismus auf die Geschichtswissenschaft und stellt die Standpunkte bedeutender Historiker wie Inama-Sternegg, Lamprecht, Below, Dopsch und Kötzschke chronologisch dar.
5. Abschließende Betrachtung: Das Fazit fasst die Bedeutung der Grundherrschaft als periodenübergreifende Grundstruktur der menschlichen Geschichte zusammen und reflektiert die methodischen Kontroversen der Forschung.
6. Quellen und Literatur: Dieses Kapitel listet die verwendeten Quellen und die weiterführende Literatur zur Arbeit auf.
Schlüsselwörter
Grundherrschaft, Frühmittelalter, Historismus, Methodenstreit, Agrargeschichte, Inama-Sternegg, Karl Lamprecht, Georg von Below, Alfons Dopsch, Rudolf Kötzschke, Villikationsverfassung, Feudalismus, Herrschaftsgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Agrarverfassung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Erforschung der frühmittelalterlichen Grundherrschaft und wie diese durch deutsche Historiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts interpretiert wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Struktur der Grundherrschaft im Frühmittelalter, die Etymologie und Verwendung des Begriffs sowie die fachhistorische Entwicklung der Agrargeschichtsforschung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklung der verschiedenen Forschungspositionen und den daraus resultierenden Methodenstreit zwischen bedeutenden Historikern wie Below und Lamprecht zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-kritische Analyse, die den Forschungsstand chronologisch betrachtet und die Standpunkte der jeweiligen Historiker gegenüberstellt und hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Werke und Thesen von Inama-Sternegg, Lamprecht, Below, Dopsch und Kötzschke detailliert erarbeitet, insbesondere in Bezug auf ihre Auffassung von Grundherrschaft und historischer Methodik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Grundherrschaft, Historismus, Agrargeschichte, Methodenstreit und die genannten Historikernamen definiert.
Wie bewerten die Historiker die Rolle des Adels bei der Ausbildung der Grundherrschaft?
Die Einschätzungen variieren: Während Inama-Sternegg den Adel als Machtkonzentratoren sieht, betonen Dopsch und Below stärker die Bedeutung von Standesqualitäten und die Vielfalt der Rechtsverhältnisse neben dem bloßen Grundeigentum.
Inwiefern unterscheidet sich der Begriff "Grundherrschaft" von den zeitgenössischen Quellen?
Die Arbeit stellt heraus, dass "Grundherrschaft" ein moderner Ordnungsbegriff des 19. Jahrhunderts ist, während die Quellen des frühen Mittelalters eher Begriffe wie "villa" oder spezifische Dienst- und Abgabentermini verwendeten.
- Arbeit zitieren
- Frank Stüdemann (Autor:in), 2003, Die frühmittelalterliche Grundherrschaft in der älteren deutschen Grundherrschaftsforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118808