Deutsche Kolonien in Georgien (1818-1914). Migrationsmotive, Diaspora-Merkmale und kulturelle Identität


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Einleitung..

1. Migration und Diaspora.
1.1. Migration: Formen und Motive
1.2. Diaspora: Begriffserklärung und Konzepte

2. Russlanddeutsche
2.1. Auswanderung der Deutschen nach Russland und die Rückwanderung nach Deutschland. Ein Exkurs
2.1. Deutsche Kolonien in Georgien im 19. Jahrhundert.

3. Die Kaukasische Post im Jahr 1914
3.1. Eine kurze Geschichte der Kaukasischen Post
3.2. Die Berichte aus der „Kaukasischen Post“ im Jahr 1914

4. Zusammenfassendes Fazit

Liste der wissenschaftlichen Literatur

Liste der historischen Quellen

Einleitung

Die Auswanderung der Deutschen aus religiösen, wirtschaftlichen oder politischen Motiven nach Russland hat eine lange Tradition. Während die Geschichte der deutschen Siedlungen auf russischem Gebiet und deren Rückkehr nach Deutschland als Russlanddeutsche inzwischen ein gut erforschtes Feld darstellt (Weiß; Hecker; Ludwig u. a), stellen die deutschen Kolonien im Südkaukasus verhältnismäßig ein weniger erforschtes Feld dar. So wird sich die vorliegende Arbeit „Die deutschen Kolonien in Georgien. 1818-1914“ mit den Deutschen in Georgien beschäftigen. Da das Ansiedlungsjahr auf 1818 datiert wird, werden die Motive und die Gründe der Auswanderung sowie ihre kulturelle-, soziale-, gesellschaftliche- und religiöse Lebensformen im Residenzland ab Anfang des 19. Jahrhunderts untersucht. Aufgrund dessen, dass der Erste Weltkrieg die Situation der Deutschen in den russischen Gebieten deutlich verschlechterte und die mir vorliegende Quelle „Kaukasische Post“ aus dem Jahr 1914 ist, wird das Untersuchungsfeld mit dem Jahr 1914 abgeschlossen.

Der Fokus der schriftlichen Arbeit wird auf die Ansiedlung, Gründungen von Kolonien sowie auf die Entwicklung bzw. Beibehaltung der gemeinsamen kulturellen Identität von Deutschen in Georgien gelegt. Dabei sollen den Leitfragen nachgegangen werden: Was waren die Migrationsmotive der deutschen Auswanderer nach Südkaukasus? Welche Diaspora-Merkmale weisen die deutschen Kolonien in Georgien sowohl am Anfang ihrer Ansiedlung als auch am Vorabend des Ersten Weltkrieges auf? Was charakterisiert ihre kulturelle Identität in Abgrenzung zur Mehrheitsgesellschaft im Residenzland?

Nach der Einleitung werden im 1. Kapitel die Gründe und Formen der Migration nach Hiebig skizziert. Darüber hinaus werden Diasporabegriff und -konzepte nach Mayer und Kokot, Diasporamerkmale nach Moosmüller sowie die Bedeutung der Ausbildung und Erhaltung von kultureller Identität in einer Diaspora nach Kokot, Moosmüller und Baumann untersucht. Dabei werden die deutschen Kolonisten als eine diasporische Gemeinschaft verstanden, die die eigene kulturelle Identität als Symbol für die Repräsentation der Diaspora sowie für die Abgrenzung von kulturell Anderen ausbildet und pflegt.

Das 2. Kapitel wird die Geschichte der Aus- und Rückwanderung der Deutschen nach Russland und zurück skizzieren. Im Anschluss wird die Ansiedlung der Deutschen im Südkaukasus im Mittelpunkt gerückt und die Gründungen von Kolonien in Georgien aufgezeigt. Dabei wird der Fokus auf die Auswanderungsgründe sowie auf die Entwicklung von wirtschaftlichen-, sozialen-, gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Deutschen im 19. Jahrhundert gelegt.

Das 3. Kapitel wird sich der, ab dem Jahr 1906 in Tiflis verlegten Zeitschrift „Kaukasische Post“ widmen, die auch als Quellenmaterial dienen wird. Nach einer kurzen geschichtlichen Vorstellung der Zeitung, wird anhand der Zeitungsbeiträge die Selbstwahrnehmung der Deutschen als Minderheitsgesellschaft in Georgien hinterfragt. Es soll aufgezeigt werden, welche kulturellen und religiösen Praxen in den Kolonien gelebt und welche sozialen Netzwerke aufrechterhalten wurden. Kurz: Es soll die Frage - was machte die deutsche Minderheit im Residenzland nach ca. 100 Jahren Einwanderung als eine eigenständige Gruppe als „Deutsche“ aus - beantwortet werden.

Anhand der dargelegten Forschungsstande bezüglich der Migrations- und Diasporaforschung, mithilfe der Geschichte der deutschen Auswanderer in Russland und im Südkaukasus und nicht zuletzt mittels von Berichten aus der Kaukasischen Post soll im Anschluss ein zusammenfassendes Fazit im 4. Kapitel gezogen und die Leitfragen beantwortet werden.

1. Migration und Diaspora

1.1. Migration: Formen und Motive

Das lateinische Wort „ migrare “, das für „Wandern“ steht, bedeutet die Bewegung von Menschen von einem Ort zum anderem. Es weist auf dem Wechsel - wenn auch nicht immer dauerhaft - des Wohnortsitzes, aber auch auf dem Pendeln zwischen Heimat und Wahlheimat von Menschen hin.

Die Migration ist ein jahrtausendaltes Phänomen, das aus unterschiedlichen Gründen und Motiven, freiwillig aber auch unfreiwillig durch Vertreibung, Armut oder Krieg, im In- und Ausland unternommen wird.1

Im Folgenden werden die Formen und Motiven der Migration nach Hiebig skizziert.

Die Arbeitsmigration, stellt einen Migrationsmotiv dar, der den Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten zu hoffen lässt, im Gastland so viel Geld zu verdienen, dass sie dadurch ihre Familie ernähren und eine Existenz in ihrem Heimatland aufbauen zu können. Diese soll eine Rückkehr in die Heimat ermöglichen. Sollten die Arbeitskräfte sich entscheiden im Gastland zu bleiben, ist es eine Familiennachzug üblich.

Die Kettenmigration entsteht aus den Migrantennetzwerken zwischen Heimat- und Gastland. Diese Netzwerke sorgen für das Austauschen der Information mit Heimgebliebenen sowie deren Anwerbung und Unterstützung bei der Auswanderung. Die Migrantennetzwerke fördern zudem die Entstehung von internationalen Geschäften und den Dienstleitungen im Gastland.

Politisch motivierte Migration stellt einen Gegensatz zur Arbeitsmigration dar. Hierbei ist die Unzufriedenheit mit der Regierung, Unterdrückung der Bürgerinnen und Bürger seitens der Regierung sowie die Angst vor Folter, Gefängnis- oder Todesstrafe anzusprechen. Zudem zählen zur politisch motivierten Migration die Flucht von Bürgerkriegen und die Gefahr der Ermordungen bestimmter Bevölkerungsgruppen.

Die Migrationsmotiven Flucht und Vertreibung stehen dem politisch motivierten Grund nahe. Durch Flucht und Vertreibung emigrierte Menschen sind diejenigen, die aufgrund der Bürgerkriege und Kriege, Terroranschläge oder auch der Naturkatastrophen fliehen müssen, um in einem sicheren Land Schutz und Asyl zu suchen.2

Schließlich gehört die erzwungene Migration zu den Formen und Motiven der Migration und stellt eher einen, nicht ganz klar definierten Begriff dar, da laut Hiebig auch die Migration aus den wirtschaftlichen oder politischen Gründen eine Form des Zwangs darstellen. „Gleichzeitig gehört zur Zwangsmigration die Verschleppung von Menschen im Rahmen von Bevölkerungsumsiedlungen, wie sie zum Beispiel im China Maos vorkamen, oder in der ehemaligen Sowjetunion, als Millionen von Menschen zur Zwangsarbeit nach Sibirien transportiert wurden.“3 So die Autorin, die die Verschleppung von Juden durch Nationalsozialisten oder allgemein die Zwangsarbeit im Dritten Reich ebenfalls zur erzwungenen Migration zählt.

1.2. Diaspora: Begriffserklärung und Konzepte

Der griechische Begriff „Diaspora“, der „Zerstreuung“ oder „Vertreibung“ bedeutet, wurde erstmalig bei der Übersetzung der jüdischen Schriften ins Griechische im 3. Jahrhundert v. Christus erwähnt und wird auf die Lebenssituation der Juden außerhalb des Heimatlandes bezogen. Aufgrund dessen, dass mit dem Diaspora-Begriff das Exil oder die Verbannung beschrieben wird, wurde dieser Begriff zunächst als negativ konnotiert. Nach der Annäherung an die Schlüsselbegriffe der Globalisierungs- und Migrationserfahrung und im Zusammenhang von Transkulturations- und Transnationalismusforschung wurde der Diaspora-Begriff nach und nach positiv besetzt. Denn ein und derselbe und nur negativ besetzter Begriff passt nicht zu den verschiedenen disaporishen Formen und sollen demnach laut Mayer offen gelassen und situationsbezogen untersucht werden.4 Mayer distanziert sich demnach von Cohens ausdifferenzierten Typen von Diaspora wie Handels-, Opfer-, Arbeits- und kulturellen und imperialen Diaspora, da die Übergänge zwischen den Typen deutlich fließend und die Vermischung unausweichlich sei.5

Die bereits erwähnte jüdische Diaspora zählt - neben den griechischen und armenischen - zu den „klassischen Diaspora“ Prototypen. Ein weiterer Typ der Diaspora stellt für mache Diasporaforscher der, bereits vor 1,5 Millionen Jahren aus Afrika ausgewanderte Homo erectus dar (Safran 1999 u. a.). Zudem kommen für Cohen Afrikaner und für Safran Sinti und Roma, für Dabag und Platt Chinesen, Inder und Griechen oder für Cork die Iren als Prototypen der Diaspora hinzu.6 Tölölyan unterscheidet dagegen zwischen alten und neuen Konzepten von Diaspora, in denen das „alte Diasporaverständnis“ durch Vertreibung, Leid oder Entwurzelung einen negativ besetzten Begriff darstellt. Während das „neue Konzept“ sich positiv auf „Flexibilität und Weltoffenheit“ berührt.7

An dieser Stelle ist ein kurzes Fazit nach Kokot zu ziehen. Die treffende Formulierung der Autorin lautet, dass der Diasporabegriff „als wissenschaftlicher Arbeitsterminus ebenso wie als Instrument der Selbstdefinition“8 ein komplizierter und nicht leicht zu definierter Begriff darstellt.

1.2.1 Diasporamerkmale

Trotz der Schwierigkeit der genauen Erklärung des Diasporabegriffs wird von Moosmüller der Versuch unternommen, die Merkmale der Diaspora herauszukristallisieren. Diese fasst der Autor wie folgt zusammen.

Als erstes Diasporamerkmal zählt für Moosmüller das Verlassen des Heimatlandes aus den wichtigen Gründen. Diese Gründe zur Auswanderung können sowohl Vertreibung und Flucht aber auch die Hoffnung auf ein besseres Leben sein. Angekommen im Residenzland, sollen laut dem Autor Netzwerken oder Institutionen gebildet werden, die die Aufgabe übernehmen, die Unabhängigkeit sowie die Abgrenzung von Residenzgesellschaft zu gewährleisten. Dabei soll eine Elite für die Aufrechterhaltung von Diasporagemeinschaft sorgen. Zudem sollen die Werte, Praktiken und Normen der Unterscheidung von der Kultur der Mehrheitsgesellschaft im Gastland beitragen. Moosmüller vertritt der Meinung, dass Aufgrund der Idealisierung des (mythischen) Heimatlandes, der Wunsch zur Rückkehr sowie das Belangen für das Heimatland einzusetzen in den Diasporagemeinschaften immer vorhanden sei. Dazu gehört auch das Herrschen des Gefühls „nicht-akzeptiert-zu-sein “ im Gastland. Dennoch wird laut dem Autor dem Dilemma - loyal sowohl gegenüber dem Residenzland als auch dem Heimatland sein zu müssen – gefolgt. Zu den weiteren Diaspora-Merkmalen zählt Moosmüller die Solidarität gegenüber anderen Diasporagemeinden gleicher Ethnie. Darüber hinaus ist es wichtig, dass der Diaspora-Gemeinschaft nicht zu klein und ihr dauerhafter Bestand geleistet ist.9

[...]


1 Liebig, Sabine (2007): Migration: Motive und Formen. In: Liebig, Sabine (Hrsg.): Migration und Weltgeschichte. Studien zur Weltgeschichte. S. 7f.

2 Liebig, Sabine (2007): Migration: Motive und Formen. In: Liebig, Sabine (Hrsg.): Migration und Weltgeschichte. Studien zur Weltgeschichte. S. 8-11.

3 Liebig, Sabine (2007): Migration: Motive und Formen. In: Liebig, Sabine (Hrsg.): Migration und Weltgeschichte. Studien zur Weltgeschichte. S. 11f.

4 Mayer, Ruth (2005): Diaspora. Eine kritische Begriffsbestimmung. S. 8f. Hierbei bezieht sich die Autorin auf Clifford.

5 Mayer, Ruth (2005): Diaspora. Eine kritische Begriffsbestimmung. S. 13.

6 Kokot, Waltraud (2002): Diaspora - Ethnologische Forschungsansätze. S. 31f.

7 Moosmüller, Alois (2002): Diaspora – zwischen Reproduktion von „Heimat“, Assimilation und transnationaler Identität. S. 11f; Mayer, Ruth (2005): Diaspora. Eine kritische Begriffsbestimmung. S. 9.

8 Kokot, Waltraud (2002): Diaspora - Ethnologische Forschungsansätze. S. 30.

9 Moosmüller, Alois (2002): Diaspora – zwischen Reproduktion von „Heimat“, Assimilation und transnationaler Identität. S. 13.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Deutsche Kolonien in Georgien (1818-1914). Migrationsmotive, Diaspora-Merkmale und kulturelle Identität
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2020
Seiten
25
Katalognummer
V1188125
ISBN (Buch)
9783346624673
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russlanddeutsche, Kaukasusdeutsche, Russisches Kaiserreich, Georgien, Migration, Diaspora, Globale Migration, Diasporamerkmale, kulturelle Identität, Deutsche Kolonien, Kaukasus, Kaukasische Post
Arbeit zitieren
Tamari Herding (Autor:in), 2020, Deutsche Kolonien in Georgien (1818-1914). Migrationsmotive, Diaspora-Merkmale und kulturelle Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1188125

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