Bunte Herzen


Klassiker, 2008
88 Seiten
Eduard Graf von Keyserling (Autor)

Leseprobe

In Kadullen wurde im Sommer schon um vier Uhr gespeist, um den Abend für sommerliche Unternehmungen frei zu haben. Dann lag das Nachmittagslicht stetig auf der langen, weißen Gartenfront und den drei schweren Giebeln des Landhauses. In den geradlinigen Beeten glänzten die Levkojen wie krause hellfarbige Seide und der Buxbaum duftete warm und bitter. Ein Diener stellte sich auf die Stufen der Gartenveranda und läutete mit einer großen Glocke, das Signal, daß es Zeit sei, sich für das Mittagessen anzukleiden.

Der Hausherr, der alte Graf Hamilkar von Wandl-Dux, kam schon fertig angekleidet mit seinem Gast, dem Professor von Pinitz, in den Garten hinaus. Graf Hamilkar, sehr lang und schmal in seinem schwarzen Gehrock, hielt sich ein wenig gebeugt. Den Panama zog er tief in die Stirn. Das glattrasierte Gesicht mit dem langen, lippenlosen Munde hatte etwas Asketisches, wie es jene Gesichter haben, auf denen alles, was das Leben hineingeschrieben hat, beruhigt, gleichsam widerrufen erscheint. Mit langen Schritten begann er den Gartenweg hinabzuschreiten. Der Professor vermochte kaum Schritt zu halten, denn er war kurz und dick, die weiße Weste saß sehr prall über dem runden Bauch und das Gesicht war rot und erhitzt unter dem kannelfarbigen Bartgestrüpp. Er erzählte dem Grafen einen merkwürdigen Traum, den er gehabt hatte, dafür interessierte er sich jetzt, denn er wollte eine Theorie des Traumes schreiben, und der Graf teilte ihm das Material mit, welches er einmal auch über dieses Thema gesammelt hatte. Graf Hamilkar hatte immer gesammeltes Material für die Bücher, welche die anderen schreiben wollten, er selbst hatte nie eins geschrieben, »ich wußte nie«, pflegte er zu sagen, »welches meiner Bücher ich schreiben sollte und so kam es denn zu keinem.«

»Also denken Sie sich«, berichtete der Professor, »ich war beim Kollegen Domnitz, im Traum nämlich. Nun Domnitz legt mir beide Hände auf die Schultern, macht ein ganz feierliches Gesicht und sagt mit einer ganz tiefen Stimme, die er sonst nie hat: ›Kollege, ich habe die Grundform, die Urform der Schönheit gefunden, einfach die Schönheit an sich.‹ Ich sage Ihnen, das fuhr mir so durch alle Glieder, so eine Art Schreck oder Freude oder Rührung, gewiß, das Weinen war mir so nahe. Das sind Empfindungen, wie wir sie nur im Traum haben können: ›Nein wirklich‹, sage ich. ›wo ist sie denn?‹ – ›Da‹, sagte er und ja – und zeigt sie mir.«

»Er zeigt sie Ihnen?« fragte der Graf und blieb stehen, »ja, wie sah sie denn aus?«

Der Professor kniff die Augenlider zusammen, als wollte er einen Gegenstand scharf betrachten. »Sie sah aus«, meinte er, »ja, sie sah eigentlich ganz einfach aus, wissen Sie. Eine schmale weiße Tafel ähnlich den Grabsteinen auf den jüdischen Friedhöfen, ein Meter hoch, denke ich, oben abgerundet und in der Rundung ein Gesicht, nur zwei Punkte die Augen; ein vertikaler Strich die Nase, ein horizontaler Strich der Mund – nichts weiter. Was sagen Sie dazu, was?«

»Eigentümlich«, sagte der Graf und schaute über den Professor hinweg in den Garten hinaus.

»Ja, aber was das Wunderbarste ist«, fuhr der Professor fort und seine Stimme wurde leiser, als spräche er von sehr geheimnisvollen Dingen, »ich sagte sofort ach ja, denn es leuchtete mir sogleich ein, ich wußte, das ist die Schönheit an sich; ja, mir war es, als hätte ich das eigentlich schon längst gewußt. Wie erklären Sie sich das?«

»Ja, das ist schwierig«, erwiderte der Graf ein wenig zerstreut und schaute noch immer in den Garten hinaus.

Drüben zwischen den Stockrosen und Malvenbeeten war es jetzt lebhafter geworden. Eine Schar junger Mädchen und junger Leute ging den Weg hinab dem Hause zu, helle Sommerkleider und Flanellanzüge und ein eifriges Stimmengewirr. Der Professor schwieg nun auch und wandte sich nach den Kommenden um. Da waren seine beiden Töchter, große Mädchen in grellrosa Batistkleidern und gelben Schäferhüten und sehr erhitzt. Beide lachten zu gleicher Zeit in einem hohen, ein wenig schrillen Diskant. Neben ihnen schritt der Leutnant von Rabitow vom Alexanderregiment, ein wenig steifbeinig in seinem weißen Tennisanzug. Die beiden Neffen des Hauses Egon und Moritz von Hohenlicht, beides Studenten, beide sehr blond, den Scheitel tief bis zum Nacken herabgezogen, waren mitten auf dem Wege stehen geblieben und fochten mit ihren Raketts. Fräulein Demme, die Gouvernante, trieb scheltend die vierzehnjährige Erika vor sich her und Erika setzte aus Opposition die dünnen Beine in den schwarzen Strümpfen nur lässig in Bewegung. Die beiden alten Herren ließen diese Welle jugendlichen Lebens wohlgefällig an sich vorüberrauschen. Beide lächelten ein wenig.

»Sehen Sie, Professor, das dort ist auch sofort einleuchtende Schönheit, eigentlich Schönheit an sich«, begann der Graf und wies zu einem Beet voll dicker dunkelroter Rosen »Sultan von Zansibar« hinüber, an dem seine siebzehnjährige Tochter Billy stand.

Es war sehr hübsch, wie das Mädchen im hellblauen Sommerkleide dort bei den Rosen stand, das runde Gesicht rosa und lächelnd, ohne Hut. Im grellen Sonnenschein hatte ihr Haar ein ganz warmes Braun wie alter Portwein und das Ganze war farbig wie ein Blumenbeet. Neben Billy stand Marion Bonnechose, die Tochter der französischen Gouvernante, die mit Billy zusammen erzogen worden war, klein und dunkel, im hageren, etwas gelblichen Gesichte zu große braune Augen, die Billy gespannt und wachsam anschauten.

»Gewiß«, sagte der Professor, »Komtesse Sibylle ist unzweifelhaft sehr schön, aber die Schönheit an sich in meinem Traum war einfach eine halbrunde weiße Tafel«.

Die jungen Leute waren im Hause verschwunden und auch Billy und Marion liefen dem Hause zu, die Hände voll roter Rosen. Der Garten wurde wieder still. Der Graf bog ein wenig den Kopf zurück und zog in seine lange weiße Nase die Düfte der Spätsommerblumen, reifer Pflaumen und Sommerbirnen ein mit dem Ausdruck eines Genießers, der einen kostbaren Wein trinkt. Vom Tennisplatz her kam noch ein Nachzügler, Boris Dangellô. Er ging langsam und nachdenklich, den Kopf gesenkt, nur als er an den beiden Herren vorüberkam, grüßte er, das feine bleiche Gesicht lächelte, aber die Augen behielten den sinnenden Ausdruck, als wollten sie ihre sentimentale Schönheit nicht stören.

»Auch Schönheit«, bemerkte der Professor, »Ihr Neffe, Herr von Dangellô, sieht ungewöhnlich gut aus«.

Aber da war etwas, das den Grafen verstimmte. »Für einen jungen Menschen«, sagte er streng, »ist es nicht vorteilhaft, so gut auszusehen, das zerstreut und zieht ab.«

»So, so«, murmelte der Professor, »ich weiß nicht, ich habe darüber keine Erfahrung.«

Sie waren jetzt bis an das Ende des Gartenweges gekommen, blieben einen Augenblick stehen und schauten über das Gartengitter hinweg auf die Stoppelfelder und gemähten Wiesen. Dahinter legte der Wald einen blauschwarzen Rahmen um das Bild, das gelb von Sonnenschein war, dieser dichte Tannenwald, der sich ununterbrochen bis an die russische Grenze hinzog.

»Ich weiß nicht, ob ich mich täusche«, begann der Professor wieder, »aber es will mir scheinen, als sei in der heutigen Generation das gute Aussehen verbreiteter als in meiner Jugendzeit. Sie sehen jetzt alle gut aus.«

»Möglich«, erwiderte der Graf, »aber vielleicht liegt das auch an uns. Wir haben jetzt die richtige Distanz und Sie wissen, daß Bilder schöner werden, wenn wir den richtigen Abstand haben. Aber vor allem, Professor, wir haben das nötig. In unserem Alter wollen wir hübsche Jugend um uns haben, wir verlangen Schönheit von der Jugend. Das ist sehr egoistisch. Wir genießen das behaglich. Aber die arme Jugend. Glauben Sie ›schön sein‹ sei bequem? Schönheit kompliziert das Schicksal, legt Verantwortungen auf und vor allem es stört unsere

Abgeschlossenheit. Denken Sie sich Professor, Sie wären sehr schön. Mit jedem Menschen, der Ihnen begegnet, bindet Ihr Gesicht an, wirkt auf ihn, drängt sich ihm auf, spricht zu ihm, ob Sie wollen oder nicht. Schönheit ist eine beständige Indiskretion. Wäre das angenehm?«

»Ich … ich kann mich da wohl nicht recht hineindenken,« erwiderte der Professor.

Der Graf lächelte sein unterdrücktes etwas schiefes Lächeln. »Ach ja, uns beiden sind diese Schwierigkeiten erspart geblieben.«

Dann wandten sie sich um und schritten wieder dem Hause zu.

Auf der Veranda fanden sie schon Komtesse Betty, die Schwester des Grafen, die ihm, seitdem er Witwer war, den Haushalt führte und seine Kinder erzog. Sie war feierlich angezogen in ihrem langen Spitzenburnus. Das weiße Gesicht mit den rosa Bäckchen schien sehr klein unter der großen Spitzenhaube nach der Mode der sechziger Jahre. Tante Betty saß wie an einem Krankenbett neben dem Liegestuhl, auf den sich ihre älteste Nichte Lisa hingestreckt hatte. Lisa, die geschiedene Fürstin Katakasianopulos, lehnte ihren Kopf müde zurück und schloß halb die Augen. Die braunen Löckchen fielen ihr wirr in einer Art Opheliafrisur in das blase feine Gesicht. Sie trug ein schwarzes Spitzenkleid, denn seitdem ihre Ehe geschieden worden war, liebte sie es, sich in Schwarz zu kleiden. Sie hatte ihren Griechen in Biarritz kennen gelernt und eigensinnig darauf bestanden, ihn zu heiraten. Als nun aber der Fürst Katakasianopulos sich als unmöglicher Ehemann erwies, war die Familie froh, ihn wieder los zu sein.

Lisa jedoch behielt seitdem etwas Tragisches, das Tante Betty als Krankheit behandelte und mit der sorgsamsten Pflege umgab. Auch der Hauslehrer, ein stattlicher Hannoveraner, und Bob, der Jüngste der Familie, hatten sich eingefunden.

»Wie ist das Befinden, Frau Fürstin?« sagte der Professor.

Lisa lächelte matt. »Ich danke, ein wenig müde.«

»Ruhe haben wir nötig,« meinte Tante Betty.

Im Hintergrunde echote Bobs ungezogene Stimme ein: »Möde«.

Der Graf schaute seine Tochter unzufrieden an. »Gegen zu lyrische Nerven,« sagte er, »wäre etwas Beschäftigung vielleicht ratsam.«

»Aber Hamilkar,« wehrte Tante Betty ab.

Lisa zog resigniert die Augenbrauen empor und wandte sich zum Hauslehrer, um eine liebenswürdige Unterhaltung zu beginnen: »Ist es in Ihrer Heimat jetzt auch so heiß, Herr Post?«

Oben in der Tür des Gartensaals erschien Billy im weißen Kleide, rote Rosen im Gürtel, und wie sie die Stufen zur Veranda herabstieg, schauten alle zu ihr auf und lächelten unwillkürlich. Sie lächelte auch, als brächte sie etwas Gutes. Bob gab der allgemeinen Stimmung Ausdruck, indem er rief: »Billy sieht heute wieder erster Güte aus!« Boris folgte ihr und nahm sie sofort in Beschlag, um halblaut mit ihr zu sprechen. Er sprach mit Damen immer halblaut, als sei das, was er sagte, Vertrauenssache.

Alle Hausgenossen waren nun versammelt, nur die Frau Professor fehlte. Die ließ stets auf sich warten.

»Ach ja, meine Frau,« meinte der Professor, »die beweist mir zur Genüge, daß die Zeit etwas Subjektives ist. Sie hat immer ihre eigene Zeit.«

Endlich kam sie, erhitzt und mit flatternden roten Haubenbändern. Man konnte zu Tisch gehen.

Graf Hamilkar liebte diese Lebenslage, wenn er oben an der langen Tafel saß, die Reihe der jungen Gesichter entlangblickte und das Schwirren der gedämpften Stimmen hörte. Das erheiterte ihn. Er pflegte dann die Unterhaltung, wollte sie angenehm und harmonisch. Allein heute kam etwas wie ein Mißton hinein.

Man sprach von Politik. Der Professor war Patriot und nationalliberal. Er unterbrach sich im Essen seiner Erbsen, faßte mit Daumen und Zeigefinger ein Crouton, gestikulierte damit und sagte begeistert:

»Bitte, in der Wissenschaft als Gelehrter, da folge ich der Vernunft und Logik ganz unbedingt, wohin sie mich auch führen, aber in der Politik, da ist es anders, da kommt ein wichtiger Faktor hinzu, ein Affekt, die Liebe zum deutschen Vaterlande. Verstand und Logik müssen die Herrschaft mit der Liebe teilen, was sage ich, teilen – sie müssen sich der Liebe unterordnen; ja geradezu unterordnen. So bin ich auch ganz bereit, aus Liebe zum Vaterlande zuweilen unlogisch zu sein. Ja, mein lieber Graf, das bin ich.«

Er schaute sich triumphierend um und lachte.

»Gewiß, gewiß,« meinte der Graf, »es wäre ja überhaupt schlimm, wenn wir nicht hin und wieder bereit wären unlogisch zu sein.«

Da beugte sich Boris vor und begann zu sprechen mit seinem ein wenig singenden slawischen Akzent und dem rollenden r: »Sie haben sehr recht, Herr Professor, aber es muß nicht immer nur die Liebe sein, es kann auch der Haß sein. Uns Polen ist auch der Haß heilig.«

Der Graf zog die Augenbrauen empor und beugte sich über seinen Teller. »Ich habe bemerkt,« versetzte er mit einer Schärfe, die alle überraschte, »daß Haß als Beschäftigung verdummt.«

Boris erbleichte. Er wollte auffahren. »Ich muß doch bitten, Onkel,« aber dann zuckte er die Achseln und lächelte ironisch. Billy und Marion, die ihm gegenübersaßen, erröteten beide und schauten ihn angstvoll an. Die beiden Kinder unten am Tisch kicherten. Es gab eine unangenehme Pause, bis der Professor wieder hastig zu sprechen begann. Boris schwieg, schaute gekränkt vor sich hin und lehnte alle Speisen ab. Auch Billy und Marion hatten jede Freude am Essen verloren und waren froh, als die Mahlzeit zu Ende ging.

Die Sonne schien schon ganz schräg durch die Obstbäume, als auf der Gartenveranda der Kaffee genommen wurde. Graf Hamilkar rauchte eine Zigarette und schaute behaglich den Garten hinab, der jetzt wieder voller Leben war. Um diese Stunde wurden ihm stets die Augenlider ein wenig schwer. Drüben an der Buchsbaumhecke gingen Boris und Billy auf und ab. Boris sprach eifrig, machte mit seiner schmalen weißen Hand weite Bewegungen und ließ seine vielen Ringe in der Sonne blitzen. Darin lag etwas, was dem Grafen mißfiel, aber er wollte sich in dieser angenehmen Lebenslage nicht ärgern. Als er dann aufstand und in sein Zimmer hinüberging, um ein wenig zu ruhen, begegnete ihm seine Schwester. Er blieb stehn, legte einen Finger an die Nase und sagte: »Betty, was ich dir sagen wollte.«

»Was denn, Hamilkar,« sagte die alte Dame und bog ihren Kopf sehr weit zurück, um ihrem Bruder in die Augen zu sehen. Der Graf deutete durch das Fenster zur Buchsbaumhecke hinaus: »Die Beiden dort, du solltest ein wenig acht geben.«

»Ach Hamilkar,« meinte Betty, »laß doch die Jugend sich unterhalten. Wir waren doch auch einmal jung.«

Der Graf lächelte wieder sein unterdrücktes schiefes Lächeln. »Gewiß, Betty, wir waren auch einmal jung und es wäre doch gut, wenn unsere Kinder von dieser unserer Erfahrung einigen Nutzen hätten. Die polnischen Liköraugen geben einen ungesunden Rausch; wir haben an dem griechischen Rausche gerade genug gehabt. Du solltest ein wenig acht geben.«

Damit ging er in sein Zimmer und streckte sich auf seinem Sofa aus. Er liebte diese halbe Stunde des Ruhens. Er schloß die Augen. Die Fenster standen weit offen. Vom Garten tönten die Stimmen herein, wie sie sich riefen, suchten, vereinigten und dazu immer das unermüdliche Wetzen der Feldgrillen. »Wie die eifrig bei der Arbeit sind,« dachte der Graf, »wie eilig die das haben, das klingt ja, als haspele ein jeder schnell einen Faden von einer Spule. Wie sie schnurren diese Spulen, wie die Unruhe in ihnen fiebert.« Er fühlte sich angenehm abseits von dieser Unruhe. Im Halbschlummer schienen die Stimmen sich zu entfernen, zu sänftigen. »Ja ja, so muß es sein, die unruhigen Stimmen entfernen sich, verhallen und dann – Stille. Ja, so wird es sein – vielleicht – man wird ja sehen.«

Unten an der Buchsbaumhecke aber gingen Boris und Billy noch immer auf und ab. Boris sprach leidenschaftlich auf Billy ein. Er war ganz bleich von Beredsamkeit und verstand es, ein wunderbar unumwundenes Pathos in seine Worte zu legen.

»Ich weiß, dein Vater liebt mich nicht, er will mich demütigen. Natürlich man liebt uns hier bei Euch nicht. Wir sind die Unbequemen der Geschichte. Eigensinnige Idealisten liebt man nicht. Wer mit einem Schmerz geboren wird, wer für einen Schmerz erzogen wird, ist unsympathisch, ich weiß. Unglücklich sein ist hier bei Euch unmodern, es ist nicht comme il faut

»Ach, Boris, warum sprichst du so,« sagte Billy mit vor Erregung heiserer Stimme, »wir hier, wir alle, haben dich gern.«

Boris zuckte die Achseln. »Wir alle, ach Gott, das ist ja auch gleichgültig. Aber du, Billy, ich weiß, du bist gut, du bist für mich, aber nein, nicht so wie ich es verstehe. Sieh, wir Polen, die wir alle mit einer Wunde im Herzen umhergehen und deshalb einsam sind, wir verstehen die Liebe anders. Wir verlangen eine Liebe, die bedingungslos unsere Partei nimmt, ohne zu fragen, ohne sich umzuschauen, die ganz, ganz, ganz für uns ist. Aber,« und Boris machte eine Handbewegung, als werfe er eine Welt von sich, »aber, wo finden wir solch eine Liebe!«

Die Sonne hing jetzt, eine himbeerrote Scheibe, über dem Waldsaum. Billy blieb stehen, schaute mit weitoffenen Augen die Sonne an. Das dunkele Blau dieser Augen wurde blank von Tränen und zwei kleine rote Sonnen spiegelten sich in ihnen. »Ach, Boris, warum mußt du so sprechen,« brachte sie mühsam heraus, »du weißt doch – was soll ich tun, was kann ich tun.«

»Du kannst alles,« versetzte Boris geheimnisvoll.

Billys Herz schwoll schmerzhaft von unendlichem Mitleid für den schönen bleichen Jungen vor ihr und es schien ihr in diesem Augenblicke wirklich, als könnte sie für ihn alles tun.

Der Garten war jetzt ganz rot vom Abendlicht, überall standen die Mädchen und die jungen Leute beieinander, von dem bunten gewaltsamen Lichte wie von einer Festbeleuchtung aufgeregt. Egon von Hohenlicht machte die Professorentöchter lachen, immer beide zu gleicher Zeit. Moritz ging mit Marion zwischen den Levkojenbeeten umher und sie sprachen von Billy. Selbst das kleine Fräulein Demme und der stattliche Hannoveraner standen ein wenig abseits beieinander und flüsterten. Lisa hatte den Liegestuhl auf dem Rasenplatz unter dem Birnbaum hinaustragen lassen. Dort lag sie regungslos, als fürchtete sie das schöne rote Licht, das über sie hinfloß, durch eine Bewegung in Unordnung zu bringen. Der Leutnant von Rabitow hatte sich zu ihren Füßen auf den Rasen hingestreckt.

»Ach wie schön das ist,« sagte Lisa mit einer sanft klagenden Melodie in der Stimme, »wenn man das so sieht, würde man nicht glauben, daß auch so viel Schmerz auf dieser Erde ist.«

»Allerdings,« meinte der Leutnant, »aber daran dürfen wir nicht denken. Wenn ich abends mein Bad genommen habe, Toilette gemacht habe und auf die Straße hinuntergehe, – die Restaurants sind hübsch erleuchtet, wenn ich scharf um die Ecken biege, karamboliere ich mit lieben kichernden Mädchen, und ich denke dann ein wenig nach und sage mir, wohin gehst du jetzt – na, dann schlage ich es mir auch aus dem Sinn, daß morgen wieder Dienst ist und Rekruten usw.«

»Sie sind, glaube ich, glücklich, Herr von Rabitow,« sagte Lisa leise.

Auf der Veranda aber saßen Komtesse Betty und Madame Bonnechose beieinander, falteten die Hände im Schoß und sagten andächtig: »ah, la jeunesse, la chère jeunesse.«

Nur die beiden Kinder waren unzufrieden. Bob und Erika standen auf dem Gartenwege und grollten, weil es nicht zu einer Unternehmung kam, zu einem Spaziergang, oder zu einem gemeinsamen Spiel.

»Wenn alle sich immer nur verloben,« meinte Bob, »dann kommt es natürlich zu nichts. Boris legt auf Billy Beschlag, als ob sie Polen wäre.«

»Das wird ihm nichts helfen,« bemerkte Erika, »Papa ist gegen die Partie, das weiß ich.«

Die Sonne war untergegangen. Vom Wald und den Wiesen her kam ein feuchtes Wehen und schüttelte an den Zweigen der alten Obstbäume. Eintönig und klagend ging das Singen der Bauernmädchen die dämmerige Landstraße entlang.

Bob hatte sein gemeinsames Spiel durchgesetzt. Jemand stand an einem Baum und zählte, die anderen versteckten sich. Billy lief zu dem dichten Berberitzengebüsch hinüber. Dort war es dunkel, es roch nach den Brettern einer alten Holzkiste, die dort stand, nach Gartenerde und den säuerlichen Trauben der Berberitzen. Billy war ein wenig atemlos, ihr Herz klopfte so stark, sie hörte es klopfen, es klang wie leise Schritte, die eilig einem unbekannten Ziele zulaufen. Eine große Erregung ließ Billy in sich zusammenschauern, eine Erregung, die das Allvertraute ringsumher fremd erscheinen läßt, bedeutungsvoll und gleichsam schwer von heimlich heranschleichenden Ereignissen. Billy war zu jedem Erlebnis bereit. Boris' weiche Stimme schien alle Schranken, in die dieses Kind sorgsam eingehegt worden war, niederzureißen. Ach ja, Boris' Leben, das so voll großer Gefühle und großer Worte war, mitleben zu dürfen, das war es, was Billy jetzt haben mußte.

»Billy,« hörte sie eine leise Stimme im Dunkeln. Es war Boris. Billy wunderte sich nicht darüber, sie hatte die ganze Zeit ihn so leidenschaftlich gefühlt, daß seine Gegenwart ihr selbstverständlich erschien. »Ja Boris,« antwortete sie ebenso leise.

Er stand jetzt ganz nahe vor ihr, sie spürte das starke, süße Parfüm, das er zu gebrauchen liebte. »Billy,« sagte er, »ich komme, um Gewißheit von dir zu haben.« Er schwieg, aber Billy vermochte nichts zu sagen, sie wartete. Das Ereignis, dessen Heranschleichen sie gespürt, stand jetzt vor ihr.

»Sieh, Billy,« fuhr Boris fort und seine Stimme klang ein wenig trocken, dozierend, »ich muß es wissen, ob du in meinem Leben das bist, auf das ich unbedingt bauen kann. Ich kann mir mein Leben ohne dich nicht denken, aber gerade deshalb darf ich mich nicht täuschen, wenn ich mich hier täuschen würde, könnte es mein Untergang sein.«

Er wartete wieder.

»Aber Boris, du weißt doch –« begann Billy, aber er unterbrach sie ärgerlich: »Nein, ich weiß nicht, ich kann es nicht wissen, du verstehst mich nicht, das ist alles ganz anders.« Billy war das Weinen nahe, die strenge Stimme, die aus dem Dunkeln auf sie einsprach, quälte sie unsäglich. »Doch, gewiß verstehe ich dich. Warum soll ich dich nicht verstehen. Warum sagst du das? Sprich doch morgen mit dem Papa, alle verloben sich, warum muß es denn bei uns so furchtbar traurig sein.« Das Weinen war ihr nahe, müde setzte sie sich auf die alte Holzkiste. Da hörte sie Boris leise lachen, es war das kurze, hochmütige Lachen, mit dem er seine Aufregung zu verbergen liebte. Dann setzte er sich auch auf die Holzkiste, nahm Billys Hand, hielt diese kühle Mädchenhand in der seinen wie etwas Zerbrechliches und Kostbares und begann wieder zu sprechen:

»Nein, nein, du verstehst mich nicht. Natürlich werde ich mit deinem Vater sprechen, ich will ja korrekt sein; aber was wird das helfen, dein Vater haßt mich, ich habe mir mein Glück immer erkämpfen müssen, und ich will das auch und du mußt das auch wollen. Es ist alles gleich, hörst du, alles, es kommt nur auf das Eine an, daß du und ich zueinander kommen. Ich sehe nur dich und du sollst nur mich sehen, was daraus wird, darf uns nicht kümmern, nur du und ich, du und ich.« Er sprach noch immer leise, aber seine Stimme nahm wieder ihren leidenschaftlich singenden Ton an. Er berauschte sich wieder an seinen Worten, an seinem Selbst. »Kannst du das nicht, dann sage es gleich, es ist besser, dann gehe ich fort, es ist gleich, was aus mir wird. Sterben kann ich, aber getäuscht werden, das geht über meine Kraft. Kannst du das, sag, sag?« Und er drückte ihre Hand und schüttelte sie.

»Ja, ich kann,« erwiderte Billy gehorsam.

»Also,« fuhr Boris fort, »wir gehen einen Weg aufeinander zu, von beiden Seiten sind hohe Mauern und wir sehen nichts, nur diesen Weg und du siehst mich und ich sehe dich und wir gehen aufeinander zu, nur das, verstehst du?«

»Ja,« sagte Billy und wirklich sah sie diesen gelben Weg zwischen den grauen Mauern unter einem hellgrauen Himmel und zwei einsame Gestalten, die aufeinander zugehen.

»Es ist ja gleich,« fuhr Boris fort, »ob unsere Liebe tragisch ist, es kommt eben nur auf diese Liebe an. Wir Polen können nichts dafür, wenn wir als Abenteurer geboren werden, daran ist die Geschichte schuld, aber Abenteurer brauchen ganz sichere Gefährten, bist du das? Sag'.«

Jetzt nahm er sie fest an sich und küßte sie. Die großen Worte, das große Mitleid, diese Lippen, die sie küßten, diese Hände, die fieberhaft nach ihr griffen, all das tat ihr weh. O Gott, dachte sie, wäre das doch schon vorüber. »Bitte,« flüsterte sie, »geh' jetzt.«

Boris ließ sofort von ihr ab, stand auf und sagte höflich: »Wenn du es wünschest. Aber, Billy, ich fürchte, du bist mir noch recht fern.«

»Ich will aber nicht fern sein,« rief Billy weinerlich und nun kamen auch die Tränen. Boris stand einen Augenblick schweigend da, dann sagte er leise »gute Nacht« und ging. Billy blieb auf der Holzkiste sitzen, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. In den Berberitzenbüschen raschelte der Nachttau. Dort irgendwo durch das Dunkel schwirrte eine Fledermaus und stieß ihr angstvolles und unendlich einsames Pfeifen aus. Billy fror, sie fürchtete sich auch. Es war ihr, als käme in der Finsternis etwas heran, das sie nehmen und sie forttragen wollte. Aber was konnte sie tun, jetzt war auch alles gleich. Sie gehörte zu Boris und seinem schönen, unverständlichen Schmerze.

Sie hörte Schritte, jemand stand neben ihr.

»Billy, bist du hier?« Es war Marion.

»Ja, Marion.«

– »Weinst du?«

»Ja, ich … ich weine.«

Marion setzte sich zu Billy auf die Holzkiste, ihr war auch sehr weinerlich zumute. Beide schwiegen eine Weile, dann fragte Marion: »War er hier?« »Ja« erwiderte Billy.

»Und hat er,« fuhr Marion fort, »hat er etwas gesagt? Seid Ihr verlobt?«

»Ja, ich glaube,« meinte Billy, »aber es ist doch alles sehr traurig.«

Die beiden Mädchen saßen wieder schweigend nebeneinander. Draußen im Garten hörte man Stimmen, jemand rief: »Billy! Marion!« dann wurde es still.

»Komm,« sagte Billy und stand auf, »aber wir gehen nicht zu den Anderen, ich mag niemanden sehen, ich mag keinen Tee, wir wollen zu uns hinaufgehen, ohne daß jemand uns sieht.«

Über dem Dach des Hauses war der Mond emporgestiegen, der Garten war plötzlich hell und die Schatten der Bäume lagen hart und schwarz auf den beschienenen Wegen. Die beiden Mädchen schlichen an den Büschen die Buchsbaumhecke entlang, zuweilen blieben sie stehen und horchten zur Veranda hinüber. Dort saßen die Anderen, Billy hörte die Stimme des Professors, dann die Stimme ihres Vaters. »Der Tod, lieber Professor,« sagte der gerade, »ist uns deshalb unverständlich, weil wir auf ihn die Maßstäbe des Lebens anwenden. Es ist wie mit dem Traum. Wenden Sie auf einen Traum die Maßstäbe des Wachens an und Sie werden sich nie in ihm zurechtfinden.«

»Mein Gott,« flüsterte Billy verachtungsvoll, »sie sprechen über den Tod.« Hurtig schlüpften die beiden Mädchen in das Haus. Oben im Giebel lagen ihre beiden Zimmer nebeneinander und sie hatten einen großen gemeinsamen Balkon, der auf den Garten hinausging. Billys Zimmer war hell von Mondschein, sie zündete daher kein Licht an. »Ist es gekommen?« fragte sie Marion.

»Ja,« meinte Marion, »heute mit der Post,« und holte ein kleines Paket hervor. Beim Licht des Mondes öffneten es die beiden Mädchen; es enthielt eine weiße Porzellanbüchse, »Anadyomenit« stand auf dem Deckel und darin war eine weiße Salbe, die süß nach Rosen duftete. »Hier ist auch eine Anweisung,« sagte Marion; sie hielt einen Zettel gegen das Mondlicht und las: »Man bestreiche das Gesicht dünn mit der Salbe und setze es dann eine halbe Stunde einem milden Lichte, am besten dem Lichte des Vollmondes aus. Die Haut wird durchsichtig, lilienweiß …«

[...]

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Bunte Herzen
Autor
Jahr
2008
Seiten
88
Katalognummer
V118818
ISBN (eBook)
9783640214334
ISBN (Buch)
9783640215287
Dateigröße
1065 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bunte, Herzen
Arbeit zitieren
Eduard Graf von Keyserling (Autor), 2008, Bunte Herzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118818

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