Erstmalig erschienen 1909. Auszug: In Kadullen wurde im Sommer schon um vier Uhr gespeist, um den Abend für sommerliche Unternehmungen frei zu haben. Dann lag das Nachmittagslicht stetig auf der langen, weißen Gartenfront und den drei schweren Giebeln des Landhauses. In den geradlinigen Beeten glänzten die Levkojen wie krause hellfarbige Seide und der Buxbaum duftete warm und bitter. Ein Diener stellte sich auf die Stufen der Gartenveranda und läutete mit einer großen Glocke, das Signal, daß es Zeit sei, sich für das Mittagessen anzukleiden.
Der Hausherr, der alte Graf Hamilkar von Wandl-Dux, kam schon fertig angekleidet mit seinem Gast, dem Professor von Pinitz, in den Garten hinaus. Graf Hamilkar, sehr lang und schmal in seinem schwarzen Gehrock, hielt sich ein wenig gebeugt. Den Panama zog er tief in die Stirn. Das glattrasierte Gesicht mit dem langen, lippenlosen Munde hatte etwas Asketisches, wie es jene Gesichter haben, auf denen alles, was das Leben hineingeschrieben hat, beruhigt, gleichsam widerrufen erscheint. Mit langen Schritten begann er den Gartenweg hinabzuschreiten. Der Professor vermochte kaum Schritt zu halten, denn er war kurz und dick, die weiße Weste saß sehr prall über dem runden Bauch und das Gesicht war rot und erhitzt unter dem kannelfarbigen Bartgestrüpp. Er erzählte dem Grafen einen merkwürdigen Traum, den er gehabt hatte, dafür interessierte er sich jetzt, denn er wollte eine Theorie des Traumes schreiben, und der Graf teilte ihm das Material mit, welches er einmal auch über dieses Thema gesammelt hatte. Graf Hamilkar hatte immer gesammeltes Material für die Bücher, welche die anderen schreiben wollten, er selbst hatte nie eins geschrieben,»ich wußte nie«, pflegte er zu sagen,»welches meiner Bücher ich schreiben sollte und so kam es denn zu keinem.«
»Also denken Sie sich«, berichtete der Professor,»ich war beim Kollegen Domnitz, im Traum nämlich. Nun Domnitz legt mir beide Hände auf die Schultern, macht ein ganz feierliches Gesicht und sagt mit einer ganz tiefen Stimme, die er sonst nie hat: ›Kollege, ich habe die Grundform, die Urform der Schönheit gefunden, einfach die Schönheit an sich.‹ Ich sage Ihnen, das fuhr mir so durch alle Glieder, so eine Art Schreck oder Freude oder Rührung, gewiß, das Weinen war mir so nahe. Das sind Empfindungen, wie wir sie nur im Traum haben können: ›Nein wirklich‹, sage ich. ›wo ist sie denn?‹ – ›Da‹, sagte er und ja – und zeigt sie mir.«
Inhaltsverzeichnis
1. Bunte Herzen
Zielsetzung & Themen
Die Erzählung thematisiert die emotionalen Verwicklungen und den schmerzhaften Reifeprozess der jungen Komtesse Billy in einer von gesellschaftlichen Konventionen geprägten Umgebung. Im Mittelpunkt steht die ambivalente Beziehung zu dem polnischen Abenteurer Boris, dessen idealisierte und tragische Lebensauffassung mit der rationalen, distanzierten Welt ihres Vaters kollidiert.
- Die Zerrissenheit zwischen jugendlicher Leidenschaft und väterlicher Kontrolle
- Die Suche nach Identität in einer starren aristokratischen Lebenswelt
- Der Gegensatz zwischen der polnischen "schicksalhaften" Liebe und deutscher Vernunft
- Die flüchtige Natur des Glücks und das Erleben von Schmerz
- Die generationsübergreifende Entfremdung und das Schweigen über das Unaussprechliche
Auszug aus dem Buch
Die Begegnung im Garten
In Kadullen wurde im Sommer schon um vier Uhr gespeist, um den Abend für sommerliche Unternehmungen frei zu haben. Dann lag das Nachmittagslicht stetig auf der langen, weißen Gartenfront und den drei schweren Giebeln des Landhauses. In den geradlinigen Beeten glänzten die Levkojen wie krause hellfarbige Seide und der Buxbaum duftete warm und bitter. Ein Diener stellte sich auf die Stufen der Gartenveranda und läutete mit einer großen Glocke, das Signal, daß es Zeit sei, sich für das Mittagessen anzukleiden.
Der Hausherr, der alte Graf Hamilkar von Wandl-Dux, kam schon fertig angekleidet mit seinem Gast, dem Professor von Pinitz, in den Garten hinaus. Graf Hamilkar, sehr lang und schmal in seinem schwarzen Gehrock, hielt sich ein wenig gebeugt. Den Panama zog er tief in die Stirn. Das glattrasierte Gesicht mit dem langen, lippenlosen Munde hatte etwas Asketisches, wie es jene Gesichter haben, auf denen alles, was das Leben hineingeschrieben hat, beruhigt, gleichsam widerrufen erscheint. Mit langen Schritten begann er den Gartenweg hinabzuschreiten.
Zusammenfassung der Kapitel
Bunte Herzen: Der Roman entfaltet eine melancholische Geschichte über die unerfüllte Liebe und das Verstreichen der Zeit vor der Kulisse eines herrschaftlichen Landsitzes, in der die Protagonistin Billy an der Schwelle zum Erwachsenwerden an ihren Sehnsüchten und den gesellschaftlichen Erwartungen zu zerbrechen droht.
Schlüsselwörter
Eduard von Keyserling, Bunte Herzen, Adelsleben, Jugend, Liebe, Schicksal, Melancholie, Leidenschaft, Generationenkonflikt, Sommer, Identitätssuche, soziale Konventionen, Vergänglichkeit, Polen, Kadullen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Das Werk schildert das Leben einer jungen Adligen, Billy, die sich in einer emotional geladenen Sommeratmosphäre in einen gesellschaftlich nicht akzeptierten jungen Mann verliebt und an den daraus resultierenden Konflikten reift.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Diskrepanz zwischen Jugend und Alter, das Empfinden von Schmerz als "Schmuck" des Lebens, die Unvereinbarkeit von Leidenschaft und Pflicht sowie der Einfluss gesellschaftlicher Normen auf das Individuum.
Was ist das primäre Ziel?
Das Ziel der Darstellung ist es, den inneren Reifeprozess und die damit verbundene schmerzhafte Desillusionierung der Protagonistin in einer sterbenden, aristokratischen Welt einzufangen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um ein literarisches Werk; die Analyse erfolgt durch die literaturwissenschaftliche Betrachtung der ästhetischen Mittel des Impressionismus und des Symbolismus im Kontext der Epoche.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die nächtlichen Ausflüge, die Auseinandersetzungen zwischen Billy und ihrem Vater Graf Hamilkar sowie das tragische Ende der Affäre mit Boris.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Impressionismus, gesellschaftliche Konvention, melancholisches Lebensgefühl, Schicksal, Jugend, Entfremdung, Sehnsucht, Tod.
Wie steht Graf Hamilkar zu den Lebensentscheidungen seiner Tochter?
Der Graf reagiert distanziert, streng und ironisch; er sieht in der Liebe seiner Tochter lediglich eine "Gefühlskrise" oder eine "lächerliche Tragödie", der er mit der Autorität seiner Erfahrung entgegenzutreten versucht.
Welche Rolle spielt der Charakter Boris für den Verlauf der Geschichte?
Boris agiert als Katalysator; durch seine ständige Inszenierung eines tragischen Schicksals und seine leidenschaftliche, aber haltlose Art konfrontiert er Billy mit dem Ideal der Liebe, das in der Realität des Gutes Kadullen keinen Bestand haben kann.
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- Eduard Graf von Keyserling (Author), 2008, Bunte Herzen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118818