Die Schweiz weist mit ihren rund 3000 Gemeinden sehr kleine Siedlungsstrukturen auf, was in gewissen Kantonen dazu führt, dass sich kleine Gemeinden zum Teil nicht mehr selbst tragen können und in finanzielle Notlagen geraten. Daher wird von verschiedenster Seite gefordert, derartige Strukturen zu verändern, indem die Gemeinden fusionieren. Die Kantone, aber auch der Bund verlangen verstärkt, dass die Probleme bereits auf der kleinsten Stufe, sprich der Gemeindeebene, angegangen werden. Der aktuellste Fall solcher umwälzenden Veränderungen wird sich im Kanton Glarus vollziehen, dessen Landsgemeinde im Mai 2006 beschlossen hat, seine Gemeindelandschaft komplett umzugestalten, indem die momentan 25 Gemeinden auf 3 reduziert werden.
Die zu erfüllenden Aufgaben werden für die Gemeinden immer breiter und die Problemkonstellationen immer komplexer, was gut ausgebildetes und professionelles Personal verlangt. Um eine kompetente Verwaltung zu besitzen, muss eine Gemeinde eine gewisse Grösse aufweisen, denn bloss auf diese Weise können in der Verwaltung Stellvertretungen geregelt werden und nur so kann in einer Gemeinde genügend Know-how aufgebaut werden. Das Subsidiaritätsprinzip wird meines Erachtens immer wichtiger, weshalb auch der Druck auf die Gemeinden wächst, da sie zu immer mehr Effizienz gezwungen werden. Zur Umsetzung solcher Effizienzsteigerungen, sind insbesondere bei kleinen Gemeinden Kooperationen untereinander nicht mehr wegzudenken. Doch auch in grösseren Agglomerationen treten verstärkt Koordinationsprobleme auf - beispielsweise in der Verkehrspolitik - welche kooperativ gelöst werden müssten. Kooperationen können in gewissen Bereichen mühsam und anstrengend werden, da mehrere Exekutivgremien, welche eigentlich nur ihrer Gemeindebevölkerung verpflichtet sind und zusätzlich noch aus verschiedensten Parteimitgliedern bestehen, sich auf die genau gleichen Entscheidungen einigen müssen, damit eine Kooperation überhaupt möglich wird.
Wenn daher eine Exekutive zu egoistisch handelt oder zwischenmenschliche Hürden bestehen, kommt eine sinnvolle Kooperation nicht zustande. Falls die Kooperation in einem externen Verband stattfindet, kann zwar die Entscheidungsfähigkeit sichergestellt werden, doch werden zugleich häufiger Demokratiedefizite beobachtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der akteurzentrierte Institutionalismus
3. Gemeindefusionen: Grundsätzliche Argumente für und gegen Gemeindezusammenschlüsse
3.1 Optimale Gemeindegrösse
3.2 Ökonomische Argumente
3.3 Demokratieargumente
3.4 Verteilungsargumente
3.5 Entwicklungsargument
3.6 Studien zur Wichtigkeit von Gemeindefusionen
3.7 Zwischenfazit
4. Einflussfaktoren einer Gemeindefusion
4.1 Ökonomische Faktoren
4.1.1 Steuerunterschiede
4.1.2 Verschuldungsgrad
4.1.3 Effizienzfaktoren
4.1.4 Verfügbare Infrastrukturen und Kapazitäten
4.2 Kulturelle Faktoren
4.2.1 Vereinsleben
4.2.2 Kirchgemeinden
4.3 Geschichtliche Faktoren
4.3.1 Vergangenheitsgeschichte
4.3.2 Raumplanerische Entwicklung (Bevölkerungs- und Dienstleistungszentren)
4.4 Politische Faktoren
4.4.1 Bereits stattfindende interkommunale Zusammenarbeit
4.4.2 Auslöser / Initianten von Fusionsprojekten
4.4.3 Politische Parteien
4.4.4 Exekutive
4.4.5 Verwaltung
4.4.6 Kommissionen
4.4.7 Ortsbürger
4.4.8 Bürger/innen
4.5 Kantonale Unterstützungsfaktoren / Externe Beratung
4.5.1 Finanzielle Unterstützung
4.5.2 Rechtliche und politische Unterstützung durch Kanton und Externe
5. Zustandekommen einer Gemeindefusion am Beispiel Ober- und Unterehrendingen
5.1 Einführendes zu Ehrendingen
5.1.1 Oberehrendingen
5.1.2 Unterehrendingen
5.2 Ökonomische Faktoren
5.2.1 Steuerunterschied
5.2.2 Verschuldungsgrad
5.2.3 Effizienzsteigerungen
5.2.4 Verfügbare Kapazitäten und Infrastrukturen
5.3 Kulturelle Faktoren
5.3.1 Vereinsleben
5.3.2 Kirchgemeinden
5.4 Geschichtliche Faktoren
5.4.1 Vergangenheitsgeschichte
5.4.2 Raumplanerische Entwicklung (Bevölkerungs- und Dienstleistungszenter)
5.5 Politische Faktoren
5.5.1 Bereits stattfindende interkommunale Zusammenarbeit
5.5.2 Auslöser/Initiant von Fusionen
5.5.3 Politische Parteien
5.5.4 Politische Kultur
5.5.5 Exekutive
5.5.6 Verwaltung
5.5.7 Kommissionen
5.5.8 Ortsbürger
5.5.9 Bevölkerung
5.6 Kantonale Unterstützungsfaktoren / Externe Beratung
5.6.1 Finanzielle Unterstützung
5.6.2 Rechtliche und politische Unterstützung durch Kanton und Externe
5.7. Zwischenfazit
6. Nicht Zustandekommen einer Gemeindefusion am Beispiel Nieder- und Oberrohrdorf
6.1 Einführendes zu Rohrdorf
6.1.1 Oberrohrdorf
6.1.2 Niederrohrdorf
6.2 Ökonomische Faktoren
6.2.1 Steuerunterschiede
6.2.2 Verschuldungsgrad
6.2.3 Effizienzsteigerungen
6.2.4 verfügbare Kapazitäten und Infrastrukturen
6.3 Kulturelle Faktoren
6.3.1 Vereinsleben
6.3.2 Kirchgemeinden
6.4 Geschichtliche Faktoren
6.4.1 Vergangenheitsgeschichte
6.4.2 Raumplanerische Entwicklung (Bevölkerungs- und Dienstleistungszentren)
6.5 Politische Faktoren
6.5.1 Bereits stattfindende interkommunale Zusammenarbeit
6.5.2 Auslöser / Initiant von Fusionen
6.5.3 Politische Parteien
6.5.4 Politische Kultur
6.5.5 Exekutive
6.5.6 Verwaltung
6.5.7 Kommissionen
6.5.8 Ortsbürger
6.5.9 Bürger/innen
6.6 Kantonale Unterstützungsfaktoren / externe Beratungen
6.6.1 Finanzielle Unterstützung
6.6.2 Rechtliche und politische Unterstützung durch Kanton und Externe
6.7 Zwischenfazit
7. Gegenüberstellung und Interpretation
7.1 Gegenüberstellung der Beispielsgemeinden
7.2 Handlungsfelder und Akteurskonstellationen welche eine Gemeindefusion positiv beeinflussen können
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die entscheidenden Erfolgsfaktoren bei Gemeindefusionen. Das Hauptziel besteht darin, die komplexen Interaktionsformen, Akteurskonstellationen sowie Handlungs- und Entscheidungsmuster im politischen Prozess zu analysieren, um zu verstehen, warum Fusionsprojekte in einigen Gemeinden auf Zustimmung stoßen und in anderen scheitern.
- Analyse der theoretischen Grundlagen (akteurzentrierter Institutionalismus) bei Fusionen.
- Untersuchung ökonomischer, kultureller, geschichtlicher und politischer Einflussfaktoren.
- Vergleichende Fallstudie der erfolgreichen Fusion von Ober- und Unterehrendingen.
- Vergleichende Fallstudie des Scheiterns der Fusion von Nieder- und Oberrohrdorf.
- Identifikation von Handlungsfeldern und Akteurskonstellationen für das Gelingen von Fusionsprojekten.
Auszug aus dem Buch
2. Der akteurzentrierte Institutionalismus
Der akteurzentrierte Institutionalismus stellt ein handlungstheoretisches Instrumentarium bereit, welches geeignet ist, Dynamiken handelnden Zusammenwirkens und deren strukturelle Effekte auf einer gesellschaftlicher Ebene zu erfassen (Schimank, 2004, S.299).
Mayntz & Scharpf (1995, S.39) unterlegen diesem Ansatz bewusst keine gegenstandsbezogene inhaltliche Theorie, sondern wollen mit dem akteurzentrierten Institutionalismus lediglich eine Forschungsheuristik erstellen. Es handelt sich dabei gemäss Schimank (2004, S.292) weiterhin auch nicht um eine rundweg neue theoretische Perspektive, sondern um eine selektive Kombination von Komponenten unterschiedlicher bereits existierender sozialwissenschaftlicher Handlungstheorien, so werden gewichtige Anleihen beim Rational Choice sowie bei verschieden Spielarten des neuen Institutionalismus in der Politik-, Geschichts- und Wirtschaftswissenschaften gemacht.
In diesem Sinne sollen nun die wesentlichen Elemente des akteurzentrierten Institutionalismus erläutert werden und es wird versucht, die verschiedenen Elemente auf eine Gemeindefusion zu subsumieren.
Akteure: Der akteurzentrierte Institutionalismus kennt Akteure als Ursprung und Träger des Handelns, anders als bei Luhmann, welcher jene letztlich als Fiktion auffasst (Schimank, 2004, S.293). Als zentrale Träger gesellschaftlicher Dynamiken begreift der akteurzentrierte Institutionalismus korporative Akteure, also im Wesentlichen formale Organisationen. Mayntz und Scharpf sehen so die moderne Gesellschaft als Organisationsgesellschaft in dem Sinne an, dass fast alle Gesellschaftsbereiche immer stärker durch Organisations- und Interorganisationszusammenhänge geprägt werden (Schimank, 2004, S.293).
Auf der Ebene der Gemeindefusion beziehungsweise der Kommunalpolitik kann ein Akteur eine an politischen Entscheidungen handelende beteiligte Person, oder Organisation sein. Zu den wichtigsten politischen Akteuren zählen die Parteien, Interessensgruppen, Regierung, Verwaltung, Behörden, vermutlich auch Ortsbürger und Vereine beziehungsweise Personen, die diese Organisationen vertreten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beschreibt die Ausgangslage der zahlreichen kleinen Gemeinden in der Schweiz und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Einflussfaktoren bei Gemeindefusionen.
2. Der akteurzentrierte Institutionalismus: Dieses Kapitel führt die theoretische Forschungsheuristik des akteurzentrierten Institutionalismus ein, um soziale Dynamiken und Interaktionsformen im Kontext von Fusionen erklärbar zu machen.
3. Gemeindefusionen: Grundsätzliche Argumente für und gegen Gemeindezusammenschlüsse: Hier werden die theoretischen Pro- und Contra-Argumente (ökonomisch, demokratisch, entwicklungsbezogen) gegenübergestellt, um die Komplexität der Thematik aufzuzeigen.
4. Einflussfaktoren einer Gemeindefusion: Dieses Kapitel systematisiert verschiedene Einflusskategorien wie ökonomische, kulturelle, geschichtliche und politische Faktoren sowie die Rolle kantonaler Unterstützung.
5. Zustandekommen einer Gemeindefusion am Beispiel Ober- und Unterehrendingen: Diese Fallstudie analysiert den erfolgreichen Fusionsprozess von Ehrendingen und bewertet die Wirkung der verschiedenen Einflussfaktoren in diesem speziellen Beispiel.
6. Nicht Zustandekommen einer Gemeindefusion am Beispiel Nieder- und Oberrohrdorf: Diese Fallstudie untersucht das Scheitern des Fusionsprojekts in Rohrdorf und identifiziert die Gründe für die Ablehnung durch die Bevölkerung.
7. Gegenüberstellung und Interpretation: Der abschließende Teil gewichtet die zuvor analysierten Faktoren und leitet daraus konkrete Handlungsfelder für zukünftige Fusionsbestrebungen ab.
Schlüsselwörter
Gemeindefusion, Erfolgsfaktoren, Kommunalpolitik, Akteurzentrierter Institutionalismus, Fusion, Verwaltungsreform, interkommunale Zusammenarbeit, Steuerfuss, Effizienzsteigerung, Gemeindeautonomie, politischer Prozess, Fallstudie, Schweiz, Aargau, Bürgerbeteiligung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Faktoren, die das Zustandekommen oder Scheitern einer Gemeindefusion beeinflussen, unter Anwendung des theoretischen Rahmens des akteurzentrierten Institutionalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit deckt ökonomische, kulturelle, geschichtliche und politische Einflussfaktoren ab, die im Prozess eines Zusammenschlusses von Gemeinden eine Rolle spielen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, durch eine vergleichende Analyse von zwei Aargauer Praxisbeispielen aufzuzeigen, welche Akteure und Bedingungen für das Gelingen einer Gemeindefusion ausschlaggebend sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine qualitative Untersuchung, die auf Interviews mit den politischen Akteuren der betroffenen Gemeinden (Gemeindeammänner, Verwaltung, Fusionsgegner) basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, die Systematisierung von Einflussfaktoren sowie detaillierte Fallstudien zu Ehrendingen und Rohrdorf, die abschließend interpretiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gemeindefusion, Akteurkonstellationen, interkommunale Zusammenarbeit, politische Kultur und lokale Demokratie.
Warum ist Ehrendingen ein Beispiel für ein erfolgreiches Fusionsprojekt?
Die Fusion gelang, da Exekutive, Verwaltung und Vereine positiv hinter dem Projekt standen und die finanzielle Ausgangslage beider Dorfteile als vergleichbar wahrgenommen wurde.
Warum scheiterte das Fusionsprojekt in Nieder- und Oberrohrdorf?
Das Scheitern war primär auf finanzielle Bedenken zurückzuführen, insbesondere auf große Unterschiede bei Steuerfüßen und Verschuldung, sowie auf Ängste der Bevölkerung vor Identitäts- und Infrastrukturverlusten.
- Citation du texte
- B.A. Peter Sinelli (Auteur), 2006, Erfolgsfaktoren einer Gemeindefusion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118889