Kindertheologie als eine von Kindern selbst hervorgebrachte Theologie ist in den letzten Jahren auf breite Resonanz gestoßen. Verstanden als ein dreidimensionales Programm einer Theologie der Kinder, für Kinder und mit Kindern wird Kindertheologie zunehmend in das Bildungsprogramm von Kindergärten, Vorschulen und Schulen integriert, um durch eine bewusste Förderung kindlicher Theologie, d.h. einer selbsttätigen Entfaltung theologischer Kompetenzen, gleichsam eine umfassende und vielseitige Selbstbildung des Kindes zu gewährleisten, letztlich mit dem Ziel der `Entwicklung zu einer gemeinschaftsfähigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeit´. Der Wandel im Kindesbild und das Vertrauen in die kindliche Kompetenz, eigenständig religiöse Vorstellungen entwickeln und reflektieren zu können, spielen dabei neben weiteren wesentlichen Grundsätzen des Programms, z.B. einer grundlegenden Ernstnahme kindlicher Äußerungen, eine entscheidende Rolle.
Kindertheologie als Programm erstreckt sich über verschiedene Bereiche, die sowohl das eigenständige und selbsttätige Fragen-Stellen und Nachdenken der Kinder z.B. über Gott als auch das bewusste Theologisieren mit Kindern durch Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen implizieren. An dieser Stelle, an der Kommunikation und Interaktion zu tragenden Elementen des Umgangs mit Kindern und ihrer Theologie sowie kindliche Vorstellungen durch biblische Bezüge herausgefordert werden, setzt der religionspädagogische Ansatz der Bibeldidaktik ein. Wenngleich die bibeldidaktischen Aufgaben vielfältig sind, lassen sich doch grob auf einen Aspekt zusammenfassen: Bibeldidaktik soll den Zugang zu biblischen Texten durch Schaffung eines entsprechenden Rahmens ermöglichen, sodass subjektive Erfahrungen mit biblischen Traditionen in Verbindung gebracht werden können. Die Auslegung biblischer Texte durch Kinder bildet dabei eine nicht unbedeutsame Rolle. Wie deuten und verstehen Kinder biblische Texte?
Kann man Kinder, wenn doch bereits als Theologen tituliert, dann nicht auch als eigenständige Exegeten bezeichnen?
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kindliche Exegese im Kontext der Bibeldidaktik
2.1 Die Bibeldidaktik: ein Überblick
2.2 Kinder als Exegeten?
3. Wie deuten Kinder biblische Geschichten?
3.1 Kindliche Interpretationen des Gleichnisses vom `verlorenen Schaf´
4. Resümee
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial und die Relevanz der Kindertheologie als bibeldidaktischen Ansatz. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob und auf welche Weise Kinder biblische Texte eigenständig deuten können und wie dieser Prozess durch die Bibeldidaktik sinnvoll unterstützt werden kann, ohne die kindliche Ausdrucksweise durch erwachsene Vorgaben zu korrigieren.
- Grundlagen und Definition der Kindertheologie als pädagogisches Programm
- Die Rolle der Bibeldidaktik in der religiösen Bildung
- Empirische Einblicke in kindliche Interpretationsweisen biblischer Gleichnisse
- Das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Exegese und kindlicher Deutung
- Bedeutung der Förderung kindlicher Kompetenzen für die Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
3.1 Kindliche Interpretationen des Gleichnisses vom `verlorenen Schaf´
Das Gleichnis vom verlorenen Schaf, welches im Folgenden als Beispiel für die Deutungen und Interpretationen von Kindern im Umgang mit biblischen Texten dienen soll, ist sowohl in Mt 18,10-14 als auch in Lk 15,1-7 überliefert und geht in seiner Grundstruktur auf die gemeinsame Logienquelle Q zurück. Seinem Inhalt nach geht es um einen Hirten, der von seinen 100 Schafen eines verliert, es suchen geht und dabei die anderen 99 Schafe zurücklässt. Nachdem er es gefunden hat, freut er sich.
In Mt und Lk wird die Bedeutung dieses Verlaufs – ein Mensch verliert, sucht und findet etwas wieder – dabei auf verschiedene Weise pointiert. Während in Lk vor allem die Mitfreude der Nachbarn und Freunde über das verlorene Schaf im Vordergrund steht, fokussiert Mt mehr die Freude des Hirten über das wieder gefundene Schaf, die weitaus größer ist, als die Freude über die 99 anderen, die nicht verloren waren. Dabei wird also sowohl die Freude als auch der Begriff `verloren´ jeweils anders begründet und definiert: So wird in Lk die Freude vorwiegend als „Mitfreude über die Bekehrung eines Sünders“ akzentuiert, während Mk die größere Freude über das eine Schaf mit dem göttlichen Willen begründet, „dass auch nicht eines der `Kleinen´ verloren gehen soll, obwohl sie besonders gefährdet sind“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Programm der Kindertheologie ein und erläutert die Bedeutung der Bibeldidaktik für den Zugang von Kindern zu biblischen Texten.
2. Kindliche Exegese im Kontext der Bibeldidaktik: Dieses Kapitel verknüpft kindertheologische Ansätze mit bibeldidaktischen Prinzipien und diskutiert, inwiefern Kindern eine eigene exegetische Kompetenz zugesprochen werden kann.
2.1 Die Bibeldidaktik: ein Überblick: Der Abschnitt skizziert die Entwicklung der Bibeldidaktik als Disziplin, die heute auf Mehrperspektivität und die Lebenswelt des Subjekts fokussiert.
2.2 Kinder als Exegeten?: Hier wird kritisch hinterfragt, ob die professionelle wissenschaftliche Exegese auf kindliche Deutungsprozesse übertragbar ist oder ob Kinder als eigenständige Interpreten betrachtet werden sollten.
3. Wie deuten Kinder biblische Geschichten?: Dieses Kapitel analysiert, wie Kinder Gleichnisse in Abhängigkeit von ihrem Entwicklungsstand und ihren Vorerfahrungen interpretieren.
3.1 Kindliche Interpretationen des Gleichnisses vom `verlorenen Schaf´: Anhand einer Studie wird praxisnah aufgezeigt, wie Grundschulkinder das Gleichnis vom verlorenen Schaf deuten und welche religiösen sowie ethischen Bezüge sie dabei herstellen.
4. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, Kinder in ihrer theologischen Kompetenz ernst zu nehmen und zu fördern.
Schlüsselwörter
Kindertheologie, Bibeldidaktik, Religionsunterricht, Kinder als Exegeten, Gleichnis vom verlorenen Schaf, Bibelauslegung, Mehrperspektivität, Religiöse Bildung, Subjektorientierung, Hermeneutik, Identitätsbildung, Kindliches Denken, Theologische Kompetenz, Glaubensvorstellungen, Religionspädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Kindertheologie und Bibeldidaktik mit dem Ziel, den kindgerechten Umgang mit biblischen Texten in der Schule zu legitimieren und zu fördern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit fokussiert sich auf die kindliche Kompetenz zur Textexegese, die bibeldidaktische Rahmensetzung für den Unterricht und die Analyse von Interpretationsbeispielen durch Kinder.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage lautet, ob und wie Kinder biblische Geschichten als eigenständige Theologen deuten können und welche Voraussetzungen dafür in der Schule geschaffen werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Umfrageergebnisse zur kindlichen Interpretation biblischer Gleichnisse.
Was steht im inhaltlichen Mittelpunkt des Hauptteils?
Im Hauptteil wird das Gleichnis vom verlorenen Schaf als Fallbeispiel herangezogen, um zu illustrieren, wie vielfältig und individuell Kinder biblische Inhalte auf ihr Leben beziehen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Kindertheologie, Bibeldidaktik, autonome Subjektbildung, Mehrperspektivität und kindliche Exegese.
Können Kinder überhaupt echte Exegese betreiben?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Kinder zwar keine wissenschaftlich-kritische Exegese betreiben, jedoch als kompetente Interpreten gelten, die den Sinn biblischer Texte auf ihre Weise erschließen.
Warum ist das Gleichnis vom verlorenen Schaf als Beispiel gewählt worden?
Es dient als praxisnaher Beleg dafür, wie stark die Interpretation von den individuellen Vorerfahrungen und dem Entwicklungsstand der Kinder beeinflusst wird.
Welche Rolle spielt die "Erste Naivität" bei Kindern?
Die Autorin argumentiert, dass Kinder ein Recht auf diese ursprüngliche Sichtweise haben und diese nicht vorschnell durch Korrekturen seitens Erwachsener zerstört werden sollte.
Was fordert die Autorin für den zukünftigen Religionsunterricht?
Sie plädiert für eine Umgebung, in der Kinder ihre Gedanken zu religiösen Texten frei äußern können, ohne belehrt zu werden, um so ihre eigene religiöse Identität zu konstruieren.
- Quote paper
- Christina Busch (Author), 2008, Wie verstehen Kinder die Bibel? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118902