Wir präsentieren theoretische Überlegungen sowie empirische Resultate zu der Frage, warum erfahrene Programmierer unentgeltlich an Projekten zur Entwicklung von Software teilnehmen. Dabei zeigt sich, dass nur ein Zusammenspiel ökonomischer, psychologischer und soziologischer Erklärungsansätze ein gutes Bild von der tatsächlichen (durchschnittlichen) Motivationsstruktur der Teilnehmer ergibt. Karrierebezogene Motive können eine solche Entwicklung nur bedingt erklären. Der Aufbau von Reputation und politische Motive erscheinen gelegentlich als bessere Ansätze. Dies wird durch unsere empirische Studie bestätigt. Intrinsische Motivation wie die intellektuelle Herausforderung ist in einer durch Autonomie und Selbstbestimmung gekennzeichneten Gemeinschaft sehr wichtig. Die Programmierer wollen nicht nur Software nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten, sondern eine gute Reputation in der Community erlangen. Wenn dabei noch ein Erfolg gegen die großen kommerziellen Softwarehersteller gelingt, motiviert das die Programmierer weiter.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ökonomische Motivationsfaktoren
2.1 Persönlicher Bedarf
2.2 Karrierebezogene Motive
3 Psychologische Motivationsfaktoren
3.1 Das Flow-Erlebnis
3.2 Selbstbestimmungstheorie und Open Source Entwicklung
4 Soziologische Motivationsfaktoren
4.1 Reputation – Die FOSS Gemeinschaft als Geschenkgesellschaft
4.2 Politische Motive
5 Bisherige empirische Untersuchungen
6 Eigene Studie
6.1 Datenmaterial
6.2 Datenaufbereitung
6.3 Extraktion der Motivationsfaktoren
6.4 Ergebnisse
6.4.1 Demographische und personenbezogene Daten
6.4.2 Karrierebezogene Beweggründe
6.4.3 Politische Motive
6.4.4 Intrinsische Motivation und Kompetenz
6.4.5 Statusorientierte Motive
6.4.6 Persönlicher Nutzen
6.4.7 Regionale Unterschiede in den Motivationsfaktoren
7 Zusammenfassender Ausblick
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zugrunde liegenden Motivationsstrukturen, die erfahrene Programmierer dazu bewegen, unentgeltlich an Open-Source-Software-Projekten (FOSS) mitzuwirken. Ziel ist es, durch die Synthese ökonomischer, psychologischer und soziologischer Ansätze sowie eine eigene empirische Analyse zu klären, welche Faktoren – wie etwa persönlicher Nutzen, intellektuelle Herausforderung oder Reputationsgewinn – den Ausschlag für das freiwillige Engagement geben.
- Analyse ökonomischer Motivationsfaktoren und der Kosten-Nutzen-Abwägung von Entwicklern.
- Untersuchung psychologischer Aspekte wie Flow-Erleben und Selbstbestimmung.
- Erforschung soziologischer Faktoren, insbesondere der Rolle von Reputation und der FOSS-Community als Geschenkgesellschaft.
- Empirische Untersuchung der Motivation anhand einer Online-Umfrage unter Entwicklern aktiver FOSS-Projekte.
- Vergleich der eigenen Studienergebnisse mit bestehenden Forschungsarbeiten (z.B. BCG-Hacker-Studie, FLOSS-Studie).
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Flow-Erlebnis
Csikszentmihaly (1975, S. 75) beschreibt „Flow“ als einen Zustand, in dem „Handlung auf Handlung [folgt] und zwar nach einer inneren Logik, welche kein bewusstes Eingreifen von Seiten des Handelnden erfordert. Er erlebt den Augenblick als einheitliches Fließen [...] wobei er Meister seines eigenen Handelns ist“.
In diesem Zustand erfährt die betreffende Person ein Gefühl der Kontrolle über die Handlung und vergisst ihre Sorgen. Dieses Gefühl der Kontrolle ist eine der wichtigsten Komponenten des Flow-Erlebnisses (Csikszentmihaly 1975, S. 71).
Der Flow-Zustand stellt sich dann ein, wenn die Aktivitäten der handelnden Person im Verhältnis zu deren Fähigkeiten eine optimale Herausforderung bieten. Ist die Herausforderung zu klein, so stellt sich Langeweile ein. Ist sie zu groß, dann reagiert die Person mit Sorge und Angst (Csikszentmihaly 1975, S. 76).
Zusammenfassend kann man den Flow-Zustand dadurch charakterisieren, dass es zu einer Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein, Zentrierung der Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Zeit, optimalen Herausforderungen und einem autotelischen Wesen der Handlung kommt.
Bei den Tätigkeiten der FOSS-Entwickler steht die Freude am Entdecken und Erforschen genauso wie das Ausloten und Überwinden eigener Grenzen im Vordergrund. Wichtig ist nicht nur, dass ein Problem gelöst wird, sondern wie ein Problem gelöst wird. Die Lösung soll einfach und elegant sein. Programmieren wird nicht als Mittel zum Zweck verstanden, sondern als Selbstzweck. Elegant implementierte Programme gelten als Kunstwerke, besonders fähige Programmierer verstehen sich als Künstler (Hannemyr 1999).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Konzept der Freien und Open-Source Software (FOSS) ein, beleuchtet das ökonomische Problem des öffentlichen Guts und begründet die Notwendigkeit, die Beweggründe der Entwickler zu erforschen.
2 Ökonomische Motivationsfaktoren: Hier werden Erklärungsansätze diskutiert, die auf der Kosten-Nutzen-Abwägung basieren, insbesondere der persönliche Bedarf an einer Problemlösung sowie potenzielle Karrierevorteile.
3 Psychologische Motivationsfaktoren: Dieses Kapitel befasst sich mit der intrinsischen Motivation der Entwickler, wobei Konzepte wie das Flow-Erlebnis und die Selbstbestimmungstheorie in Bezug auf die FOSS-Entwicklung analysiert werden.
4 Soziologische Motivationsfaktoren: Hier wird die Motivation aus Sicht der Reputation beleuchtet, wobei die FOSS-Gemeinschaft als Geschenkgesellschaft interpretiert wird und zusätzlich die Rolle politischer Motive betrachtet wird.
5 Bisherige empirische Untersuchungen: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über relevante bestehende Studien zur FOSS-Entwicklung, wie die FLOSS-Studie und die BCG-Hacker-Studie.
6 Eigene Studie: Der methodische Teil beschreibt das Datenmaterial und die Durchführung der eigenen Online-Umfrage, gefolgt von einer detaillierten Ergebnispräsentation, unterteilt in verschiedene Motivationsbereiche und regionale Vergleiche.
7 Zusammenfassender Ausblick: Hier werden die Hauptergebnisse der Studie zusammengeführt, kritisch diskutiert und eine Einordnung von Open-Source als nachhaltiger Prozess vorgenommen.
Schlüsselwörter
Open-Source Software, FOSS, intrinsische Motivation, extrinsische Motivation, Karriere, Reputation, Geschenkgesellschaft, Selbstbestimmung, Flow-Erlebnis, empirische Untersuchung, Softwareentwicklung, Gemeinschaft, öffentliches Gut, Programmierer, IT-Arbeitsmarkt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Hintergründe und Motive, warum erfahrene Software-Entwickler in ihrer Freizeit unentgeltlich an Open-Source-Projekten mitarbeiten, obwohl dies ökonomisch zunächst paradox erscheint.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die ökonomischen Beweggründe (Kosten-Nutzen), die psychologischen Antriebe (intrinsische Motivation, Selbstbestimmung) und die soziologischen Faktoren (Reputation, Geschenkökonomie).
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die heterogenen Beweggründe für die Teilnahme an FOSS-Projekten zu identifizieren und zu belegen, warum ein Zusammenspiel verschiedener theoretischer Erklärungsansätze notwendig ist, um die reale Motivationsstruktur zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autoren kombinieren eine fundierte theoretische Literaturanalyse mit einer eigenen quantitativen empirischen Studie, basierend auf einer Online-Umfrage unter Entwicklern aktiver Projekte auf Sourceforge.net.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Motivationsfaktoren und eine umfangreiche eigene empirische Analyse, die demographische Daten, karrierebezogene Motive, politische Ansichten sowie intrinsische und statusorientierte Faktoren untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Open-Source Software (FOSS), intrinsische Motivation, Reputation, Geschenkgesellschaft, Selbstbestimmungstheorie, Karriereplanung und empirische Analyse.
Wie bewerten die Entwickler den karriererelevanten Aspekt ihrer Arbeit?
Die Studie zeigt, dass der Wunsch nach Karrierevorteilen zwar vorhanden ist, aber als Hauptmotivation hinter intrinsischen Faktoren wie Spaß und persönlicher Weiterbildung zurücktritt.
Welche Rolle spielt das "Flow-Erlebnis" in der Entwicklung von FOSS?
Das Flow-Erlebnis spielt eine zentrale Rolle; Entwickler berichten von einer hohen Identifikation mit der Aufgabe und Freude am Problemlösen, was die Tätigkeit für sie häufig zum Selbstzweck werden lässt.
Was unterscheidet diese Studie von anderen Untersuchungen?
Sie unterscheidet sich durch die explizite Einbeziehung der intrinsischen Motivation und die Möglichkeit für Teilnehmer, Statements auf einer 7-stufigen Skala zu bewerten, was eine präzisere statistische Analyse durch Faktorenanalysen ermöglichte.
Welchen Stellenwert hat der soziale Aspekt innerhalb von FOSS-Teams?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Bedeutung des unmittelbaren Projektumfelds (die Wertschätzung der Kollegen) höher ist als das Streben nach allgemeinem Status in der gesamten FOSS-Community.
- Quote paper
- Dr. Jürgen Noll (Author), Mag. Ralph Spitzer (Author), Dr. Udo Brändle (Author), 2004, Motivationale Grundlagen von Open-Source Software, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/118907