Ich habe versucht im Folgenden verschiedene Strömungen, insbesondere Radical-Design,
Pop-Design, Alchimia und Memphis gegeneinander abzugrenzen bzw. Besonderheiten
herauszuarbeiten. Dies insbesondere im Hinblick auf ein Verstehen von Memphis.
Die meistgelesene Feststellung, dass der Funktionalismus kritisiert und in Frage gestellt
wurde, griff für mich zu kurz und rechtfertigte Memphis für mich nicht, da die grundsätzliche
Kritik und Infragestellung der bis dahin gültigen „guten Zweckform“ bereits Mitte
der sechziger Jahre stattgefunden hatte. Auch meine Annahme, dass diese Auseinandersetzung
sich noch nicht in Objekten manifestiert hatte, ist nur bedingt richtig.
Gleichzeitig ist der Blick auf den Zeitraum von etwa 1950 bis etwa 1980 ein Blick auf den
Wandel des Begriffs „Funktionalismus“. In den Nachkriegsjahren, also in den 50er und 60er Jahre hatte sich in Italien ein ästhetisch
ausgereiftes, formal reduziertes, zweckdienliches und rationales Design durchgesetzt,
das als „Bel Design“, also „Schönes Design“ bezeichnet wird. Aufgrund der tiefen
Einbettung in industrielle Prozesse wurde auf „nutzloses“, d.h. vor allem produktionstechnisch
widersinniges, Dekor verzichtet. Allgemeine Kritik an unreflektiertem Konsum, d.h. an einer allzu trägen Wohlstandsgesellschaft
und die dämmernde Erkenntnis, dass besonders der Wohnungsbau des
International Style mitunter menschenunwürdige Züge trägt, lassen in den 60er Jahren
erstmals Stimmen gegen dieses Selbstverständnis von Design laut werden.
Inhaltsverzeichnis
01. Inhaltsverzeichnis
02. Einführung
03. Bel Design / ital. Funktionalismus
04. Radical Design
04a. Radical Design
04b. Pop Design
05. Alchimia
06. Memphis
06a. Der Hintergrund
06b. Die Objekte
07. Fazit
08. Zum Funktionalismus-Begriff
09. Quellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den historischen Wandel des Funktionalismusbegriffs im italienischen Design zwischen 1950 und 1980. Ziel ist es, die Entwicklung von den rigiden Zweckformen des „Bel Design“ über die kritischen Ansätze des „Radical Design“ und der Gruppe „Alchimia“ bis hin zur expressiven Formensprache von „Memphis“ aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen.
- Abgrenzung der Designströmungen Radical Design, Pop-Design, Alchimia und Memphis.
- Analyse der Kritik am klassischen Funktionalismus und der „guten Zweckform“.
- Untersuchung der Rolle von Material, Dekor und Symbolik in der Memphis-Bewegung.
- Erörterung der Diskrepanz zwischen ideologischem Anspruch und kommerzieller Vermarktung.
- Neubewertung des Begriffs „Funktionalismus“ im Kontext ästhetischer und emotionaler Funktionen.
Auszug aus dem Buch
Memphis – Die Objekte
Die Gruppe nahm die Gedanken und Tendenzen des Radical Design und besonders von Alchimia auf, arbeitete jedoch kommerzieller und vor allem medienwirksamer. Die Produkte sollten vertrieben und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Am 18.September 1981 fand eine erste, stark beworbene, Ausstellung von Memphis-Produkten in der Galerie Arc ’74 statt. Knapp 2500 Besucher sahen 31 Möbel, 3 Uhren, 10 Lampen und 11 Keramiken. Die Objekte folgten allesamt dem anti-funktionalistischen Grundgedanken, die Betonung des Zwecks in Frage zu stellen. „Beverly“ von Ettore Sottsass aus dem Jahre 1981 z.B. kann sowohl Kommode, als auch Leuchte und Stuhl sein, hat also keinen eindeutigen Zweck.
Die konstruktiven Eigenschaften von Materialien werden zur Nebensache, im Vordergrund stehen deren Texturen, Muster, Farben und Symbolkraft. Oft ist das konstruktive Material gar ein anderes als das Oberflächenmaterial. Die Oberfläche soll kommunizieren, z.B. ein Image oder was auch immer, sie soll mit dem Betrachter in Kontakt treten. So sind Möbel von Memphis häufig mit Kunststofflaminat überzogen. Dieses Material war bis dahin weitgehend unbenutzt in der Möbelproduktion und wurde gerade deswegen und wegen seines billigen, kitschigen Images eingesetzt. Hier wird gerade das Alltägliche, Billige des Materials für Memphis wichtig, da die Absicht war das Überhöhte des Designs auf eben Alltäglich-Triviales herunterzubrechen.
Zusammenfassung der Kapitel
02. Einführung: Der Autor erläutert den Fokus auf den Zeitraum 1950–1980 und die Absicht, durch den Vergleich verschiedener Strömungen den Wandel des Funktionalismusbegriffs verständlich zu machen.
03. Bel Design / ital. Funktionalismus: Dieses Kapitel beschreibt das in den 50er und 60er Jahren dominierende, formal reduzierte italienische Design, das den industriellen Zweck in den Mittelpunkt stellte.
04. Radical Design: Hier wird die Rebellion gegen den International Style thematisiert, die das Design als Diener der Industrie ablehnte und utopische Ansätze forderte.
05. Alchimia: Das Studio Alchimia wird als Plattform für experimentelle Freiheit vorgestellt, die mit kunsthandwerklichen Mitteln rationale Praktikabilität ironisierte.
06. Memphis: Das Kapitel beleuchtet den Übergang von Alchimia zu einer kommerziell orientierten Bewegung, die Alltags- und Trivialkultur in das Design integrierte.
07. Fazit: Der Autor resümiert, dass die kritischen Bewegungen zwar den funktionalistischen Dogmatismus brachen, Memphis jedoch letztlich zu einer Vermarktung von „Oberflächlichkeit“ führte.
08. Zum Funktionalismus-Begriff: Abschließend wird eine theoretische Neubewertung vorgenommen, die zeigt, dass Objekte neben praktischen Zwecken stets auch ästhetische und symbolische Funktionen erfüllen.
Schlüsselwörter
Funktionalismus, Memphis, Radical Design, Alchimia, Bel Design, Designgeschichte, Ettore Sottsass, Michele De Lucchi, Zweckform, Ästhetik, Konsumkritik, Trivialkultur, Industriedesign, Materialästhetik, italienisches Design.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Wandel des Funktionalismusbegriffs im italienischen Design der Nachkriegszeit bis in die frühen 1980er Jahre.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die kritische Auseinandersetzung mit dem International Style, die Rolle von Designgruppen wie Alchimia und Memphis sowie der Übergang von einer rein zweckorientierten zu einer symbolisch aufgeladenen Gestaltung.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Arbeit fragt nach dem Wandel des Begriffs „Funktionalismus“ und versucht zu verstehen, wie Memphis die Ideologie des „guten Designs“ durch den Einbezug von Trivialität und Subkultur auflöste.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Der Autor nutzt eine historisch-analytische Methode, um Strömungen abzugrenzen und durch die Betrachtung von Objekten sowie Zitaten den ideengeschichtlichen Wandel zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Bel Design, Radical Design, Alchimia und schließlich der Entstehung und den Objekten der Memphis-Gruppe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Funktionalismus, Memphis, Radical Design, Alchimia, Zweckform, Symbolik und Konsumkritik.
Warum spielt das Lied von Bob Dylan eine Rolle für den Namen "Memphis"?
Der Name stammt aus dem Lied „Stuck inside of Mobile with the Memphis Blues Again“ und symbolisiert die Verbindung von Hochkultur mit der Trivialkultur der Stadt Memphis in Tennessee.
Wie bewertet der Autor den Erfolg von Memphis?
Der Autor sieht in Memphis zwar eine bedeutende formale Errungenschaft, kritisiert jedoch, dass die ursprünglichen gesellschaftskritischen Ansätze durch den kommerziellen Erfolg zu einer oberflächlichen Trenderscheinung verkümmerten.
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- Diplom Produkt-Designer Johannes Müller (Author), 2006, Lernen von Memphis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119031