Am 24. Juni 1797, im sogenannten Balladenjahr, stellte Schiller die Ballade „Der Ring des Polykrates“ fertig. Diese schickte er an Goethe als „Gegenstück zu Ihren Kranichen“. Der Erstdruck der Ballade findet sich im Musen-Almanach für das Jahr 1798.
In der Ballade greift Schiller die Erzählung über Polykrates und den Ring aus Herodots Historien auf. Diese entnahm Schiller dem dritten Buch (Abschnitt 39-44) in der Übersetzung von Johann Friedrich Degen. Auf diesen Stoff wurde er durch den „2. Teil von Christian Garves Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben“ aufmerksam. In diesem Teil spricht Garve „Ueber zwey Stellen des Herodot“ und nennt die Geschichte des Polykrates als Beispiel für die „Überzeugung der Alten“, dass Menschen, denen das Glück außergewöhnlich gut gesinnt ist, dadurch dem Unglück ausgeliefert sind.
In dieser Seminararbeit soll nun gezeigt werden, wie Schiller die Quelle („Herodots Geschichte“) und die darin enthaltene Thematik des Glücks verarbeitet hat. Dazu werden zunächst die beiden Texte, Schillers „Der Ring des Polykrates“ und Herodots Erzählung über Polykrates und dessen Korrespondenz mit dem ägyptischen König, einzeln vorgestellt. Im Anschluss werden die beiden Texte dann formal und inhaltlich verglichen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Eine ahistorische Ballade Schillers: „Der Ring des Polykrates“
2.1. Die Problematik des „unbegrenzten Glück[s]“ und die damit verbundenen Konsequenzen am Beispiel eines Tyrannen
2.2. Die Steigerung der Spannung und des Unheimlichen
3. Die Quelle: Eine von Herodot überlieferte Erzählung über einen Briefwechsel
4. Gestaltung einer Ballade aus dem „Herodot-Märchen“
4.1. Vom Briefwechsel zum kürzeren, dramatischen Dialog
4.2. „Freie“ Nähe in der Verarbeitung
4.3. Mehrdeutigkeit zu einem gemeinsamen Zweck
5. Fazit: Verkannte Darstellung eines Menschenbildes
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die künstlerische Transformation der von Herodot überlieferten Geschichte des Polykrates in Friedrich Schillers Ballade „Der Ring des Polykrates“. Ziel ist es, die formale und inhaltliche Verarbeitung der Quelle aufzuzeigen sowie das in der Ballade vermittelte Menschenbild im Kontext von Glück, Schicksal und menschlicher Hybris zu analysieren.
- Vergleich zwischen der historischen Prosa-Quelle (Herodot) und der balladesken Form Schillers.
- Analyse der narrativen Strategien zur Steigerung von Spannung und Unheimlichkeit.
- Untersuchung der thematischen Gewichtung, insbesondere der Rolle des Glücks und der Götter.
- Herausarbeitung des in der Ballade implizierten Menschenbildes als Gegenentwurf zum unreflektierten Handeln.
- Beurteilung der poetischen Mehrdeutigkeit und der Funktion des offenen Schlusses.
Auszug aus dem Buch
2.1. Die Problematik des „unbegrenzten Glück[s]“ und die damit verbundenen Konsequenzen am Beispiel eines Tyrannen
Die ersichtlichste Thematik der Ballade „Der Ring des Polykrates“ von Schiller wird bereits in der ersten Strophe durch den Protagonisten selbst erwähnt: Er verlangt, dass sein Freund Amasis, der König Ägyptens, ihm sein Glück bestätigt.
Auf diese Aufforderung des Polykrates folgt eine dreifache Wiederholung der gleichen Struktur. Diese Struktur besteht zum einen aus der Äußerung eines Vorbehalts des Königs von Ägypten gegenüber dem Glück des Polykrates und zum zweiten aus einem darauffolgenden Ereignis, das den Vorbehalt scheinbar augenblicklich widerlegt:
Amasis spricht von einem Feind, der noch nicht besiegt ist und schon erscheint ein Bote mit dem Kopf eben dieses Feindes (vgl. Sch. V. 13-24). Hierauf warnt der König Ägyptens davor „[…] dem Glück zu trauen […]“ (Sch. V. 26) und verweist auf die Flotte des Tyrannen und die unzähligen Gefahren, denen sie auf dem Meer ausgesetzt ist (vgl. Sch. V. 28-30). Daraufhin erscheinen die Schiffe „reich beladen“ (Sch. V. 34) an der Küste (vgl. Sch. V. 24-36). Zuletzt mahnt „Der königliche Gast […]“ (Sch. V. 37) Polykrates abermals vor der Unbeständigkeit des Glücks (vgl. Sch. V. 38-39) und der Gefahr, die von den nahenden Kretern ausgeht (vgl. Sch. V. 40-42). Im nächsten Augenblick jedoch wird bereits der Sieg über diese verkündet (vgl. Sch. V. 45-48).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Entstehungsjahr der Ballade ein und umreißt die literarische Quelle Herodots sowie die zentrale Forschungsabsicht der Arbeit.
2. Eine ahistorische Ballade Schillers: „Der Ring des Polykrates“: Dieses Kapitel erläutert die Gattung und Thematik der Ballade und vertieft die strukturelle Auseinandersetzung mit den Konsequenzen des unbegrenzten Glücks sowie den ästhetischen Mitteln der Spannungssteigerung.
3. Die Quelle: Eine von Herodot überlieferte Erzählung über einen Briefwechsel: Hier wird der historische Hintergrund der Herodot-Erzählung und deren inhaltlicher Kern als Vergleichsgrundlage für Schiller dargestellt.
4. Gestaltung einer Ballade aus dem „Herodot-Märchen“: Dieses Hauptkapitel vergleicht detailliert die dramaturgische Komprimierung, die inhaltliche Nähe zur Quelle und die thematische Mehrdeutigkeit in Schillers Bearbeitung.
5. Fazit: Verkannte Darstellung eines Menschenbildes: Das Fazit fasst zusammen, dass die Ballade über eine reine Stoffwiedergabe hinausgeht und als moralische Reflexion über das menschliche Maß und die Hybris fungiert.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Der Ring des Polykrates, Herodot, Ballade, Glück, Schicksal, Nemesis, Hybris, Amasis, Tyrannis, Literaturvergleich, Menschenbild, Motivik, Spannungssteigerung, poetische Form.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Friedrich Schiller die historische Erzählung über Polykrates aus den Historien des Herodot in eine künstlerisch verdichtete Ballade transformiert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Problematik des unbegrenzten Glücks, das Wechselspiel von Glück und Unglück, die moralische Verantwortung eines Herrschers und die Darstellung von Schicksal und göttlichem Neid.
Welches primäre Ziel verfolgt die Seminararbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Schiller durch formale und inhaltliche Verdichtung aus einer historischen Prosaquelle ein „Modellfall“-Gedicht über menschliches Maß und Hybris erschafft.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine vergleichende Literaturanalyse durchgeführt, die den Primärtext Schillers mit der zugrunde liegenden Quelle Herodots inhaltlich und formal gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Vorstellung der beiden Primärtexte, eine Analyse der balladesken Struktur und einen detaillierten Vergleich der narrative Bearbeitung der Motive.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind: Glücksthematik, Nemesis, dramatische Verdichtung, poetische Vieldeutigkeit und die Bestimmung des Menschen im Schillerschen Werk.
Warum wählt Schiller einen offenen Schluss in seiner Ballade?
Der offene Schluss dient dazu, den Leser zur eigenständigen Reflexion über das Schicksal des Polykrates und das darin vermittelte Menschenbild anzuregen.
Wie unterscheidet sich der Briefwechsel bei Herodot von der Konversation bei Schiller?
Während Herodot einen schriftlichen Briefwechsel zwischen den Königen schildert, verwandelt Schiller dies in eine persönliche, unmittelbare Konversation, um die szenische Wirkung zu steigern.
- Citar trabajo
- Kim Henn (Autor), 2019, Wie verarbeitet Schiller die Erzählung über Polykrates aus Herodots Historien zu der Ballade "Der Ring des Polykrates"?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190332