Soziale Arbeit als Begleitung kindlicher Trauerbewältigung


Bachelorarbeit, 2022

48 Seiten


Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis:

I. Inhaltsverzeichnis

II. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methode: Literaturarbeit
2.1. Literaturrecherche
2.2. Literaturauswahl
2.3. Methodenkritik der Literaturarbeit

3. Tod und Trauer
3.1. Was ist der Tod?
3.2. Die Trauer und der Trauerprozess
3.3. Tod und Trauer heute: Tabu oder Trend?
3.4. Trauerrituale
3.5. Trauerarbeit

4. Kindliche Trauer
4.1. Kindliche Auffassung von Tod und Trauer
4.1.1. Kleinkindalter (0-3 Jahre)
4.1.2. Frühe Kindheit (3-6 Jahre)
4.1.3. Kindheit (6-12 Jahre)
4.2. Kindern den Tod erklären
4.3. Mögliche Reaktionen im Umgang mit Tod und Trauer

5. Soziale Arbeit als Trauerbegleitung von Kindern
5.1. Trauerarbeit als Hilfe zur Trauerbewältigung
5.2. Kooperation mit den Eltern
5.3. Kindliche Abschiedsrituale zur Trauerbegleitung
5.4. Trauerarbeit - Methoden
5.4.1. Wort und Schrift
5.4.2. Literatur - Märchen
5.4.3. Musik
5.4.4. Malen und Basteln
5.4.5. Spielen
5.5. Grenzen der beruflichen Rolle als Trauerbegleiter

6. Fazit

III. Literaturverzeichnis

Abstrakt Deutsch:

Es gibt wohl kaum Themen, die in den Medien so häufig besprochen und gleichzeitig tabuisiert werden wie der Tod und die Trauer. Diese Tabuisierung führt dazu, dass es Menschen in der heu­tigen Gesellschaft schwer fällt, einen adäquaten Trauerprozess zu durchleben. Zudem versuchen Erwachsene, besonders Kinder vor diesen sensiblen Themen zu schützen, damit sie möglichst verschont bleiben. Das birgt jedoch die Gefahr des endlosen Teufelskreises, dass auch bei kindli­cher Trauer kein angemessener Umgang zur Trauerbewältigung gefunden wird. Seit einigen Jah­ren hat sich die professionelle Trauerarbeit entwickelt, um Kinder bei ihrer Trauerbewältigung zu begleiten. Die Trauerarbeit fällt neben anderen Professionen in den Aufgabenbereich Soziale Ar­beit. Diese Arbeit beschreibt Begrifflichkeiten wie Tod und Trauer in Bezug auf Kinder, die Vielfäl­tigkeit der professionellen Trauerarbeit durch die Soziale Arbeit sowie die Wirksamkeit von kindli­cher Trauerarbeit.

Keywörter: Tod, Trauer, Trauerbewältigung, Soziale Arbeit, Trauerarbeit, Kinder

Abstract English:

There are probably no topics discussed so much in the media and at the same time tabooed as death and grief. This taboo leads to the fact that people in today's society find it difficult to carry out the typical mourning process. In addition, adults try to protect children in particular from these sen­sitive topics so that they are reprieved as much as possible. However, this implies the danger of an endless vicious circle that no appropriate way of coping with grief related to children is found. For some years now, professional grief work has been developed to help children to cope with their grief. Along with other professions, grief work falls within the remit of social work. This paper de­scribes concepts such as death and grief in relation to children, the diversity of professional grief work through social work, and the effectiveness of children's grief work.

Keywords: death, grief, coping with grief, social work, grief work, children

II. Abkürzungsverzeichnis:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Trauer ist der Preis, den wir für die Liebe bezahlen“

Queen Elisabeth II.

Das Sterben, der Tod und die Trauer sind wahrscheinlich die letzten Tabus der Moderne, die be­sonders Menschen betreffen, die in Situationen an ihre Grenzen stoßen und auf Hilfe und Unter­stützung angewiesen sind (vgl. Mühlum 2011, S. 304). Dabei ist vermutlich jede Person auf dieser Welt schon einmal mit dem Gefühl der Trauer in Zusammenhang mit dem Tod eines nahestehen­den oder auch entfernten Menschen in Kontakt gekommen. In diesem Zusammenhang weiß jeder, wie wichtig es ist, dass die Themen Tod und Trauer offen besprochen werden sollten. Wie ist es also möglich, dass über solche Themen heutzutage noch immer geschwiegen wird?

Besonders Kinder möchte man vor diesen Themen schützen, dabei gehören doch Sterben und Tod, genau wie Ernährung und Geld, zum Leben dazu. Nun stellt sich die Frage, ob die Gesell­schaft auf dem richtigen Weg ist, wenn sie sich und besonders ihre Kinder von Gesprächen über Tod und Trauer fernhält oder ob es nicht besser wäre, wenn sie Tod und Trauer als etwas Alltägli­ches behandeln würde.

Viele Erwachsene denken, die Worte Tod und Kindheit passen nicht zusammen. Sie hoffen da­rauf, dass Kinder solche Worte vermeiden, sind aber gleichzeitig daran interessiert, die Kinder am Weltwissen teilhaben und sie existenzielle Erfahrungen sammeln zu lassen. Erwachsene sollten sich stets vor Augen halten, dass ein jedes Kind neugierig ist und alle Seiten des Lebens kennen­lernen und erkunden möchte. Dabei ist es wichtig, alle möglichen Fragen eines Kindes über den Tod und das Sterben ernst zu nehmen und diese möglichst offen zu beantworten (vgl. Ennulat 2013, S. 17f.).

Die Neugier der Kinder sollte genutzt werden, um ihnen auch sensible Themen wie Tod und Trau­er nahezubringen. Dabei können alltägliche Situationen helfen, um die Thematik aufzugreifen und nahe zu bringen. Offene Gespräche über Trauer und Tod tragen zum besseren Verständnis des Kindes bei und bereiten auf unvorhersehbare Todesereignisse vor.

Trifft ein Verlust im nahestehenden Umfeld ein, sind es oft die Eltern, die ihre Kinder bei der Trau­erbewältigung begleiten. Die Eltern wollen dem Kind Halt geben und Stärke zeigen, jedoch gelingt dies oftmals nicht, weil Eltern in ihrer eigenen Trauer dazu nicht in der Lage sind.

Solch unerwartete Krisen bringen das Leben eines Kindes durcheinander und so benötigen sie zur Trauerbewältigung Orientierung und Sicherheit. Die äußere Struktur des Alltags gibt dem Kind da­bei eine innere Struktur. Sofern es möglich ist, sollten Kindern in solchen Lebensabschnitten keine weiteren Veränderungen zugemutet werden. Sollten sich trauernde Eltern jedoch unfähig fühlen, ihren Kindern einen sicheren Zufluchtsort zu bieten, so kann diese Aufgabe auf professionelle Fachkräfte übertragen werden. Hierbei handelt es sich um Sozialarbeiter1, die trauernde Familien im Rahmen der Familienhilfe entlasten und bei Bedarf gewisse Aufgaben übernehmen (vgl. Franz 2021, S. 104).

Die vorliegende Arbeit greift die Thematik der professionellen Trauerarbeit auf und zeigt, wie viel­fältig und vor allem wie hilfreich sie bei der kindlichen Trauerbewältigung sein kann. Dazu wird folgende Forschungsfrage gestellt: „Wie kann die Soziale Arbeit als Unterstützung kindlicher Trau­erbewältigung mitwirken?“ Um diese Frage zu beantworten , wurde in der vorliegenden Arbeit eine systematische Literaturübersicht angewendet, anhand welcher erklärt wird, wie verschieden die kindliche Trauerbegleitung durch Sozialarbeiter gestaltet werden kann und wie hilfreich sie den Kindern ist.

Der erste Teil dieser Arbeit befasst sich mit den Themen Tod und Trauer und erklärt diese genau­er. Darauf aufbauend wird diese Thematik im zweiten Teil der Arbeit auf das Kind bezogen. Ab­schließend wird im letzten Teil der Arbeit untersucht, wie die Soziale Arbeit trauernde Kinder bei ihrer Trauerbewältigung begleiten kann. Schließlich werden gängige Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit aufgezeigt, die bei der Trauerbegleitung unterstützen können.

2. Methode: Literaturarbeit

Die Literaturarbeit, auch Literaturübersicht genannt, ist ein methodischer Ansatz, der vergleichs­weise jung ist. Für diese Methode existieren neben synonymen Begriffsbestimmungen auch unter­schiedliche Definitionen. In der Kernaufgabe sind sich jedoch alle Definitionen einig, denn dabei soll wissenschaftliche Literatur gesucht, beschafft, überlesen und dann als Text verfasst werden. Eine Literaturarbeit beschreibt sowohl den Arbeitsprozess als auch das Endprodukt. Zudem ist die Literaturarbeit anzusehen als Teil des wissenschaftlichen Arbeitens, das Forschungslücken er­kennt und begründet. Gleichzeitig ist sie auch als eigenständige Arbeit anzusehen, die eine For­schungsfrage beantwortet. Dabei wird darauf abgezielt, dass sich der Autor tiefgründig und kritisch mit der bestehen Literatur auseinandersetzt (vgl. Prexl 2017, S. 14f.). Gleichzeitig können auf die­sem Weg des wissenschaftlichen Arbeitens, wie beim empirischen Forschen, neue Erkenntnisse erworben werden,. Daher stehen sich beide gleichwertig gegenüber (vgl. Werner et al. 2017, S. 12).

Bei der Literaturarbeit wird zwischen einer traditionellen und einer systematischen Literaturüber­sicht unterschieden. Dadurch, dass im Rahmen dieser Arbeit die systematische Literaturarbeit ge­wählt wurde, wird auch ausschließlich diese vorgestellt.

Besonders in den Sozialwissenschaften nimmt die Anwendung der systematischen Literaturarbeit als methodischer Ansatz stetig zu. Das liegt unter anderem daran, dass dieser junge Ansatz durch die zunehmende Digitalisierung der letzten Jahrzehnte einen leichteren und schnelleren Zugriff auf Literatur verspricht. Außerdem sind aufgrund der unübersichtlichen Zunahme von Publikationen teilweise widersprüchliche Ergebnisse aufzufinden, welche kritisch bewertet werden müssen (vgl. Prexl 2017, S. 29f.). Die verfügbare Literatur zum ausgewählten Thema sollte demnach gesucht, und verglichen werden, bevor ein selbstständiges Fazit gezogen wird. Dabei legen einige Quellen neue Erkenntnisse vor, während andere bestehende Forschungen prüfen und erweitern oder ver­schiedene Erkenntnisse vergleichen (vgl. Prexl 2017, S. 23f.).

Um den Qualitätsansprüchen der systematischen Literaturarbeit gerecht zu werden, schreibt diese eine strenge methodische Herangehensweise vor, die sich in fünf Schritte unterteilen lässt: Die Entwicklung der Forschungsfrage, die systemische Literartursuche mit Selektionskriterien (Ein- und Ausschlusskriterien), die Qualitätsuntersuchung der gesichteten Literatur (methodische Quali­tät und Validität) und deren quantitative Datensynthese (Gegenüberstellung von ausgewählter Lite­ratur) sowie das objektive Interpretieren der Ergebnisse (vgl. Prexl 2017, S. 30ff.).

Im späteren Verlauf der Arbeit wird die Trauerarbeit als ein junges Arbeitsfeld beschrieben. Dies ist ein Argument, sich für die systematische Literaturarbeit zu entscheiden, denn dieser junge Ansatz bietet die Möglichkeit, aktuelle Literatur zu finden, die somit nicht veraltet ist und den neusten For­schungsstand aufweist. Ein weiteres Argument für diese Art der Literaturarbeit war, dass aufgrund der Vielzahl an aktueller Literatur, die bereits veröffentlicht wurde, eine klare Gegenüberstellung von widersprüchlicher oder stimmiger Literatur ermöglicht wurde. Diese Herangehensweise bietet die nötige Objektivität, um Theorien miteinander zu vergleichen oder sie zu unterscheiden. Außer­dem eröffnet die Literaturarbeit den Zugriff auf eine Vielzahl an Quellen- und Medientypen, die für die Bearbeitung der Thesis genutzt werden können; somit bietet die Methode einen Zugriff auf inte­ressante und vielfältige Informationen. Ein weiteres Kriterium, das die systematische Literaturarbeit vorzieht, ist die Planbarkeit und Flexibilität der Arbeitsaufteilung. Durch einen hohen Recherche­aufwand kann schließlich der Expertenstatus in Hinblick auf das Thema erreicht werden.

Die in der Literatur besprochene Theorie könnte durch qualitative Interviews gestützt werden, um persönliche Erkenntnisse zu erlangen, jedoch besteht die Gefahr, dass aufgrund von Subjektivität zu wenig neue Erkenntnisse erforscht werden. Trotz Anfragen in verschiedenen Trauerbewälti­gungsvereinigungen wurde eine Feldforschung aufgrund des hochsensiblen Themas nicht gestat­tet. Eine quantitative Forschung erschien dem Autor nicht als die richtige Methode, da sie diese besondere und sensible Thematik zu unpersönlich aufgriff.

Im Anschluss an die Entwicklung der Forschungsfrage wurde die systematische Literaturarbeit vorbereitet; auf dieser Grundlage wird im nun folgenden Kapitel die Literaturrecherche dokumen­tiert.

2.1. Literaturrecherche

Zu Beginn einer Literaturarbeit wird recht unspezifisch nach Literatur gesucht; diese soll einen gro­ben Überblick über das ausgewählte Thema verschaffen. Wurde die Forschungsfrage der Arbeit bereits erarbeitet, so bietet sich das Schneeballsystem als bewährte Herangehensweise, um sich einen ersten Einblick zu verschaffen. Dazu sollten aktuelle Fachartikel verwendet werden, um wei­terführende Literatur zu entdecken, oder auch spezifische Stichwörter in Suchmaschinen eingege­ben werden, um eine ausreichende Auswahl an Treffern zu erhalten. Zeitgleich sollte die Quali­tätskontrolle beachtet werden. Im Laufe dieser Schlagwortsuche sollte dokumentiert werden, wel­che Begriffe, Fachtermini in englischer und deutscher Sprache sowie Synonyme bereits eingege­ben wurden und wie erfolgreich diese waren (vgl. Prexl 2017, S. 103f.). Der Vorteil des Schnee­ballprinzips liegt darin, dass in einer konsultierten Quelle aus anderen Quellen zitiert oder para­phrasiert wird und diese schließlich im Literaturverzeichnis aufgelistet sind. Somit ist es nicht mehr nötig, die Datenbanken mühsam zu durchsuchen. Zudem kann davon ausgegangen werden, dass diese Literatur wichtig und seriös ist, da sie bereits in anderen Publikationen zitiert wurde (vgl. Folz/Brauner 2017, S. 62).

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurden zunächst Dissertationen und Lehrbücher zum ausge­wählten Thema gesichtet und überlesen, die als Hilfestellung für die Gliederung dienten. Nachdem die Gliederung angefertigt war, wurden in Zusammenhang mit den einzelnen Kapiteln spezifische­re Suchbegriffe verwendet. Folgende Schlagworte waren für die Arbeit mehr oder weniger aus­schlaggebend: Trauerarbeit, Tod, Trauer, Trauerbewältigung, professionelle Trauerarbeit, Trauer­begleitung, Trauerrituale, Tabu UND Trauer.

Schlagworte die erfolglos blieben: Soziale Arbeit UND Trauerarbeit, kindliche Trauerbewältigung, kindliche Trauer.

Während der Quellenrecherche wurden Ein- und Ausschlusskriterien stets bedacht. Die Quellen sollten ein Alter von 20 Jahren nicht überschreiten, insofern sie nicht ausgesprochen relevant sind. Aufgrund des besseren Verständnisses wurde lediglich deutschsprachige Literatur gesucht. Au­ßerdem wurden Studien, Monografien, Sammelbänder, Sach- und Fachbücher bevorzugt. Auch Zeitungsartikel wurden gewählt, jedoch wurde in diesem Fall prinzipiell beachtet, welchen Beruf der jeweilige Autor ausübt (Professor, Psychologe, ...), sodass die Wissenschaftlichkeit des Artikels signifikant ist. Auch Podcasts wurden herangezogen, weil sie meist aktuell sind und auch hier die Wissenschaftlichkeit durch entsprechende Recherche herausgefunden werden kann. Unabhängig vom Quellentyp sollte eine wissenschaftliche Fundiertheit erkennbar sein, indem bspw. der Autor angegeben ist, ein Inhaltsverzeichnis erstellt wurde sowie ein Datum der Erfassung aufzufinden ist. Abschließend sollten Schlüsselwörter wie Tod, Trauer, Trauerarbeit, Kind, Soziale Arbeit, Trauer­bewältigung, Trauerbegleitung in den Quelltexten enthalten sein.

Für den weiteren Werdegang der Literaturrecherche wird das Suchmedium festgelegt. Es kann sowohl in Bibliotheken, in Online-Bibliotheken, in Datenbanken als auch im Internet nach passen­der Literatur gesucht werden, die als relevant erscheint. Um die Recherche thematisch einzugren­zen, wird nach Bibliografien, Buchbeiträgen oder Zeitschriftenartikeln gesucht, die bestenfalls lü­ckenlos über den neusten Forschungsstand informieren. Damit solche Werke möglichst einfach zu finden sind, werden sie über den Abstract gesucht (vgl. Bortz/Döring 2006, S. 47ff.).

Aufgrund einer großen Entfernung kam eine ortsgebundene Stadtbibliothek für die Bearbeitung der vorliegenden Arbeit nicht in Frage, und so wurden für die Literaturrecherche lediglich die fol­genden Suchportale im Internet genutzt: Amazon, Google, Google Books, Wiso, Statista, Base Search und die Online-Bibliothek der IU.

Da die Literaturrecherche im Laufe der Thesisbearbeitung andauert, sollten Suchstrategien und - begriffe immer variiert und konkretisiert werden. Außerdem sollten zum weiteren Recherchieren verschiedene Informationsressourcen genutzt werden (vgl. Prexl 2017, S. 106).

2.2. Literaturauswahl

Nach der ersten breitgefächerten Literaturrecherche liegen meist sehr viele Quellen vor, sodass eine gewisse Auswahl getroffen werden muss. Dabei ist das wissenschaftliche Niveau ein aus­schlaggebendes Qualitätssiegel. Für die Auswahl der verwendeten Quellen gelten die Kriterien der Zitierfähigkeit, der Zitierwürdigkeit und der Relevanz. Die Zitierfähigkeit ist klar erkennbar, da die Quelle für den Leser uneingeschränkt und dauerhaft zugreifbar sein soll. Die Zitierwürdigkeit wird an den wissenschaftlichen Kriterien festgelegt, wie bspw. möglichst aktuelles, inhaltlich anspruchs­volles, nachvollziehbares und generalisierbares Material. Eine Quelle erweist sich als relevant, wenn sie einen Bezug zum Thema und zur Forschungsfrage aufweist (vgl. Prexl 2017, S. 107ff.).

Das Überlesen und Auswählen ist eine Arbeit, die viel Zeit in Anspruch nimmt und mühsam ist, jedoch ist sie für den weiteren Verlauf der Arbeit sinnvoll. Das Querlesen, d.h. das Überfliegen eines Textes und das Erfassen des Inhaltsverzeichnisses, bietet einen ersten Überblick über Se­kundärliteratur (vgl. Folz/Brauner 2017, S. 65).

Nachdem eine Auswahl an Literatur getroffen war, wurden die Inhaltsverzeichnisse erst grob über­flogen und anschließend relevante Kapitel ausgewählt und überlesen. Die konkrete Literaturaus­wahl erfolgte, indem Wert darauf gelegt wurde, welche Autoren die jeweiligen Texte verfasst ha­ben; zudem wurden fragwürdige Quellen miteinander verglichen. Stellte sich heraus, dass beide Quellen das gleiche angaben, wurde aus einer dieser Quellen zitiert bzw. paraphrasiert. Wider­sprachen sich Quellen, waren aber jeweils schlüssig, wurden diese Sichtweisen zitiert und gegen­übergestellt. Eine weitere Aufgabe bestand darin, die Literatur so zu ordnen, dass die passenden Artikel zu den jeweiligen Kapiteln griffbereit waren. Dies stellte sich als größte Herausforderung heraus, denn erst im Laufe der Arbeit konnte eine gute Struktur und Organisation der ausgewähl­ten Literatur erarbeitet werden. Mit Leuchtstift und Klebezetteln wurden demnach alle relevanten Stellen markiert und betitelt. Anschließend wurde in einem Ordner die Literatur nach ihrer Thema­tik sortiert. Dabei konnte es vorkommen, dass eine Quelle in zwei Themenordnern auftauchte und somit Material für beide Kapitel bot. Für Papierbücher wurde dieselbe Arbeitsweise gewählt. Diese Herangehensweise erwies sich als effizient und wurde bis zum Abschluss dieser Arbeitsphase beibehalten.

2.3. Methodenkritik der Literaturarbeit

So vorteilhaft diese Methodenwahl für diese Arbeit auch sein mag, weist sie dennoch auch Nach­teile auf. Bspw. kann die sehr groß Menge an gesammelter Literatur zu einem Verlust der Über­sicht führen. Außerdem ist die Gefahr, Plagiat zu begehen, größer als bei einer empirischen Stu­die. Die Objektivität, die diese Methode mit sich bringt und generell vorteilhaft scheint, kann gleich­zeitig Nachteile bergen, da persönliche Erfahrungen von Betroffenen nicht einbezogen werden können.

Diese Reflexion verdeutlicht, dass man zwischen unterschiedlichen Methoden wählen kann und dass eine jede sowohl Vor- als auch Nachteile birgt. Man soll sich dieser Nachteile bewusst sein, um abzuwägen, welche Methode sich als die effizientere erweist.

3. Tod und Trauer

Der Tod und damit der Abschied eines geliebten und vertrauten Menschen führen bei den Hinter­bliebenen zu Trauer. Während die seelischen Vorgänge der Trauer angeboren sind, äußert sich die Verhaltensweise der Trauernden im Umgang mit dem Tod kultur- und religionsabhängig unter­schiedlich (vgl. Bender 2019, S. 12). Ursache und Auslöser der Trauer und die Reaktionen der Trauernden ist der vorangegangene Todesprozess (vgl. Bender 2019, S. 5). Jedoch existiert die Trauer nicht nur in Zusammenhang mit dem Tod, sondern auch mit dem Abschiednehmen, bspw. durch einen verlorenen Gegenstand, durch das Wegziehen aus der Heimat oder durch den Wech­sel des Arbeitsplatzes, und dient somit der Verarbeitung verschiedener alltäglicher Ereignisse (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S. 26). In dieser Arbeit wir die Trauer ausschließlich in Bezug auf einen na­hestehenden Verstorbenen behandelt. Aus diesem Grund werden zunächst für diese Arbeit rele­vante Begriffe näher erläutert.

3.1. Was ist der Tod?

Viele Arbeits- und Lebensbereiche versuchen, den Tod zu verstehen. Aus wissenschaftlicher Sicht ist der Tod als das Ende des Lebens eines Erdenbürgers mit irreversiblen Funktionsverlusten von и. a. Atmung, Kreislauf und Zentralnervensystem zu definieren. Der Hirntod dient als erforderliches Kriterium für die medizinische Feststellung des Todes und ist damit vom ehemaligen Todeskriteri­um des Herzstillstandes unabhängig. Unsichere Todeszeichen wie der Atmungs- und der Herzstill­stand sind meist auf den klinischen Tod zurückzuführen und demzufolge durch frühzeitige Wieder­belebung reversibel. Erst nach Eintreten der sicheren Todeszeichen wie der Leichenstarre und der Totenflecken wird der Totenschein vom Mediziner erstellt. Da der Hirntote von einem Bewusstlo­sen äußerlich kaum zu unterscheiden ist, ist die Diagnose von besonderer Bedeutung. Dazu gehö­ren der Reflextest, um klinische Symptome festzustellen, die Todesfeststellung von zwei unabhän­gigen Ärzten, die wiederholte klinische Untersuchung des Hirntoten und die apparative Untersu­chung, die mindestens 30 Minuten keine Aktivität mehr feststellen darf, um den Hirntod zu diag­nostizieren. Im Rahmen der Organspende und der lebenserhaltenden Maßnahmen wird die Fest­stellung des Todes in der fortschreitenden Medizin zunehmend bedeutsamer, was wiederum die Diskussion zur Ausgleichsfindung zwischen der ethisch-moralischen und der medizinischen Seite erschwert (vgl. Everding 2006, S. 30ff.).

Besonders in Bezug auf die postmortale Organspende wird der Tod in der Ethik heftig debattiert. Das deutsche Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften (DRZE) betont, dass sich die Ethik vor allem auf den Zeitpunkt und auf die Kriterien des Todes konzentriert. Der Hirntod als To­deskriterium wird somit zum Merkmal eines sterbenden Menschen und nicht zu dem eines toten, da physiologische Reaktionen, die vom ganzen Organismus ausgelöst werden, in diesem Zustand stets beobachtbar sind. Dazu gehören eine normale Körperwärme, Erektionen und das Aufrecht­erhalten von Schwangerschaften (vgl. DRZE o.J.). Reiner Anselm (2020, S.12) beschreibt den Tod als Zustand vollkommener Passivität, in dem der Mensch jede Aktivität verliert. Er stellt fest, dass die Ethik sich weniger auf den Tod als auf das Ende des Lebens fokussiert; seiner Meinung nach steht vor allem das Sterben als Bestandteil des Lebens im Mittelpunkt. Unklar bleibt, ob das Gehirn einzig für das Bewusstsein zuständig ist, da bspw. das Schmerzempfinden beim Hirntod weiterhin bestehen bleibt und dies kaum von maschinellen Interventionen beeinflusst werden kann (vgl. Anselm 2020, S. 12).

Aus juristischer Sicht ist der Begriff des Todes definitionsbedürftig, da er trotz verschiedener Rechtsfolgen weder im Strafrecht, noch im Bürgerlichen Recht definiert wird. Auch das Grundge­setz erläutert die Begriffe des Lebens und des Todes nicht näher und soll daher als verfassungs­rechtliche Wertungsfrage von (Verfassungs-)Juristen beantwortet werden. Zur Beantwortung sollten diese medizinischen Erkenntnisse, wie das Hirntodkonzept, einbezogen werden (vgl. Deter 2012, S. 9ff.).

Auch für die verschiedenen Religionen stellt der Tod die Grundfrage des menschlichen Lebens dar. Während jede Religion auf unterschiedliche Art versucht, diese Frage zu beantworten, sind sich alle Religionen in ihrer Vorstellung hingegen einig, dass der Sterbeprozess und der Tod auf das physische Ende eines Menschen hinausführen. Damit versteht sich jede Religion als Hoff­nungsträger und erklärt das Jenseits auf verschiedenste Weise; dabei greifen die Religionen auf grundsymbolische Botschaften zurück und ähneln sich interkulturell (z.B. Tor als Durchgang) (vgl. Frisch 2020, S. 10). An dieser Stelle werden die Vorstellungen der fünf Weltreligionen vom Tod kurz erläutert. Begonnen wird mit den Christen, die an die Auferstehung nach dem Tod glauben und daran festhalten, dass sich die Seele vom Körper löst und in den Himmel emporsteigt, insofern der Mensch in seinem Leben gläubig war. Während im Judentum die konservativen und orthodo­xen Juden an die Auferstehung glauben, vertrauen die Reformjuden auf die Unsterblichkeit der Seele. Auch Moslems glauben an das Leben nach dem Tod. Hier wird die Seele jedoch vom Kör­per getrennt, in den siebten Himmel zu Gott gebracht und anschließend vor ein Gericht gestellt, welches entscheidet, ob die Seele nach dem Tod im Paradies oder in der Hölle verweilen wird. Die Hindus sowie die Buddhisten gehen, auf dem Karma beruhend, vom ewigen Zyklus der Reinkarna- tion2 aus, die als leidvoll angesehen wird und durch das Erreichen des sogenannten Moksha im Hinduismus oder des Nirwanas im Buddhismus Erlösung findet (vgl. Fernandes 2019).

Folglich können das Sterben und der Tod nach Feldmann neben Medizin, Ethik und Religion ge­genwärtig in weitere teilautonome Subsysteme codiert und thematisiert werden (siehe Abb. 1) (vgl. Feldmann 2004, S. 8). Folgende Tabelle stellt diese Bereiche beispielhaft dar:

Abb. 1: Subsysteme und mögliche Sterbethemen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Feldmann 2004, S. 8.

Grundsätzlich wird in Bezug auf den Tod zwischen natürlichen und unnatürlichen Todesursachen unterschieden. Während die natürlichen Ursachen meist in Zusammenhang mit dem Ende der Körperfunktionen durch das Alter oder durch Krankheiten entstehen, gehören zu den unnatürlichen Ursachen bspw. Unfälle, Gewalt und Krieg (vgl. Hopp 2016, S. 251f.).

Neben der Unterscheidung der verschiedenen Todesursachen beschreibt Margarete Hopp die unterschiedlichen Sterbephasen nach Elisabeth Kübler-Ross. Kübler-Ross interviewte als Sterbe­forscherin zahlreiche Sterbende und befragte sie während des Sterbeprozesses bezüglich ihrer Gefühle, Gedanken und Bedürfnisse. Durch ihre Interviews mit Sterbenden zum Ende der sech­ziger Jahre gewann sie Erkenntnisse über Gesetzmäßigkeiten der Sterbephasen, die die Gründe­rin der Sterbeforschung dazu bewogen, den Prozess des Sterbens in fünf Stadien zu unterteilen: -Die erste Phase des Sterbeprozesses bezeichnet Kübler-Ross als das Nichtwahrhabenwollen und die Isolierung. Die Diagnose führt zu einer Schockreaktion und veranlasst den Patienten, die erhaltene Information zu leugnen bzw. zu verdrängen. Diese spontane Schutzreaktion ist meist von kurzer Dauer und führt oft zu Empfindungslosigkeit, während hoffnungsvoll nach Gegenbewei­sen gesucht wird, um die Diagnose zu widerlegen.

- In der zweiten Phase, der sogenannten Phase des Zorns, begreift der Mensch, dass er tatsäch­lich betroffen ist. Die empfundene Ungerechtigkeit des Schicksals erzeugt bei jenen Menschen ein Gefühl von Frust und Wut gegen das gesamte Umfeld. Hierbei gilt es, den Menschen möglichst nicht aufgrund seines Verhaltens zu verurteilen, damit die nächste Phase schneller erreicht wird.
- Im Laufe der dritten Phase, auch Phase des Verhandelns genannt, hegt der Mensch die Hoff­nung, sein Schicksal verhandeln zu dürfen, um Genesung zu erlangen, indem ein Versprechen oder Gelübde abgelegt wird. Hier kann von einer Akzeptanz der Realität als Waffenstillstand ge­sprochen werden.
- Während der vierten Phase der Depression wird der Schmerz enttäuschend und hoffnungslos angenommen. Der Mensch ist sich bewusst, dass er Abschied nehmen muss, verliert fallweise das Interesse am Leben, was zur Trägheit führt.
- Die letzte Phase der Annahme wird nicht von allen Sterbenden erreicht. Ist dies jedoch der Fall, so wird das bevorstehende Ende akzeptiert und der Betroffene kann die Zeit, die ihm auf Erden bleibt, selbstbestimmt verbringen, sodass er seinen inneren Frieden findet und mit seinem Schick­sal im Reinen ist. Sich dieser unterschiedlichen Sterbephasen bewusst zu sein ist laut Hopp von großer Bedeutung, um sämtlichen Reaktionen von Trauernden Verständnis entgegenzubringen (vgl. Hopp 2016, S. 107ff.).

3.2. Die Trauer und der Trauerprozess

Der Begriff Trauer hat seinen Ursprung in den mitteldeutschen Wörtern trure / truren. Die Trauer als gefühlsabhängige Reaktion, die als individueller Schmerz empfunden wird, ist ein Phänomen des 18. und 19. Jahrhunderts. Während die Trauer in den Vorjahren eine affektive Angelegenheit der gesamten Gemeinschaft war, wird sie heute zunehmend zur Privatsache (vgl. Hopp 2016, S. 116f.). Die sprachlichen Wurzeln des Wortes Trauer aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen tragen folgende Bedeutungen: niederfallen, kraftlos und matt werden, die Augen niederschlagen und den Kopf sinken lassen. Die bildliche Vorstellung dieser Bedeutungen lässt die innere Gefühlslage ei­ner trauernden Person erahnen (vgl. Everding 2006, S. 55). Es gilt zu erwähnen, dass sich folgen­de Erläuterungen auf Erwachsene beziehen. Die Trauer der Kinder unterscheidet sich von der Trauer erwachsener Menschen, wobei Überschneidungen möglich sind.

Die Trauer, die angeboren ist, gilt als eine notwendige, gesunde und kreative Reaktion des Kör­pers und der Seele auf ein Ereignis der Trennung oder des Verlusts (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S. 26). Trauer ist demnach eine übliche Reaktion auf einen bedeutsamen Verlust. Sie dient der Be­wältigung von Verlustereignissen und übt demnach eine heilende Funktion aus. Außerdem tritt sie nur dann auf, wenn sie nötig ist, sodass ein minderbedeutender Verlust geringer betrauert wird. Wer trauert, ist demzufolge weder krank noch charakterlich oder psychisch schwach. Bekannte Erscheinungsformen der Trauer sind Veränderungen der Psyche (z.B. depressive Verstimmun­gen), des Geistes (z.B. Wahrnehmungsstörungen), des Körpers (z.B. Schlafstörungen) und des Verhaltens (z.B. Verwahrlosung) bzw. des Sozialverhaltens (z.B. Teilnahmslosigkeit) (vgl. Lammer 2014, S. 2f.). Für Barbara Leu kann die Trauer nicht ohne Weiteres hervorgerufen werden; auch kann man sie nicht wieder ablegen, denn das Wissen um den Verlust einer nahestehenden Person ist unwiderruflich. Jedoch kann Trauer auch als Geschenk gesehen werden, da man die Verbun­denheit und die Liebe zur verstorbenen Person erfahren durfte (vgl. Leu 2019, S. 14).

Der individuelle Prozess der Trauer äußert sich bei jeder Person anders. Die Hinterbliebenen füh­len sich oftmals einsam und isoliert. Sie können kaum verstehen, dass das Leben für andere Men­schen einfach weitergeht, während sie mit diesem Verlust zu kämpfen haben. Während manche trauern, indem sie wütend, verärgert oder verzweifelt sind, sich schuldig oder hilflos fühlen, verspü­ren andere eine Art der Erleichterung (vgl. Hinderer/Kroth 2005, S. 26). So äußern sich Gefühlsre­gungen im Verlusterlebnis als Weinen, Schluchzen, Anlehnungsbedürfnis oder auch Schreien. So unterschiedlich die Ausdrucksweisen der Trauernden auch sind, sie alle haben doch gemeinsam, dass sie sich auf dem gesunden Weg der Bewältigung befinden und ihre Trauer nicht unterdrü­cken, da dies zu Krankheiten führen könnte (vgl. Everding 2006, S. 56). Nachfolgend sollte zwi­schen dem plötzlichen und dem vorhersehbaren Tod unterschieden werden, da die Annahme be­steht, dass der plötzliche Tod zu einer größeren Belastung führt, als es beim vorhersehbaren Tod der Fall ist (vgl. Haustein 2017, S. 72). Zur Eingrenzung des Themas wird in dieser Arbeit nicht zwischen vorhersehbarem und plötzlichem Tod unterschieden.

Laut der FriedWald GmbH ist der Tod einer nahestehenden Person für 62% aller Deutschen die größte Katastrophe. In einer repräsentativen Studie erforschte die FriedWald GmbH demnach den Umgang mit Trauer von Hinterbliebenen und kam zu dem Ergebnis, dass der Verlust einen indivi­duellen Schmerz auslöst, die Trauer jedoch durch erkennbare Muster von Phasen und durch Ri­tuale bewältigt wird. Außerdem stellte sich heraus, dass 76 % aller Deutschen einen Ort des Ge­denkens benötigen, um den Verlust allmählich aushalten und annehmen zu können (vgl. FriedWald 2017, S. 1).

In der Psychologie existiert eine Vielzahl an Literatur, die Trauermodelle beschreibt und diese in Phasen und Aufgaben der Trauer unterscheidet. Im Folgenden werden das Phasenmodell der Trauer nach Verena Kast sowie die Traueraufgaben nach William Worden beschrieben. Die Schweizer Psychologin und Hochschulprofessorin Verena Kast lehnt sich an das mittlerweile über­holte Phasenmodell von Elisabeth Kübler-Ross. Erkennbar ist, dass das Phasenmodell des Ster­bens vergleichbar mit dem Phasenmodell der Trauer ist (vgl. Leu 2019, S. 15f.). Das Phasenmo­dell der Trauer gehört zu den Gängigsten dieser Zeit und bietet eine Hilfestellung, um Verlustreak­tionen zu verstehen, jedoch gilt es zu beachten, dass sich ihre Beobachtungen stets auf die hiesi- ge Kultur und Gesellschaft beziehen. Da die Beschreibungen der Phasen dem Sterbemodell nach Kübler-Ross sehr ähneln, werden sie in diesem Kapitel nur kurz erwähnt. Die erste Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens beschreibt das unbegreifliche Gefühl des Trauernden. Die zweite Phase der aufbrechenden Emotionen erklärt all die widersprüchlich erlebten Emotionen von Freude bis Zorn. Um die nächste Phase erreichen zu können, müssen diese Gefühle akzeptiert werden. Die dritte Phase des Suchens, Findens und Sich-Trennens geht davon aus, dass der Trauernde den Verstorbenen vielerorts bewusst oder unbewusst sucht. Der Hinterbliebene glaubt ihn zu sehen und führt im Traum oder auch im Wachzustand Gespräche mit ihm, um offengeblie­bene Fragen zu beantworten. Die vierte und damit letzte Phase ist die des neuen Selbst- und Weltbezuges und definiert die Akzeptanz des Verlustes. Der Trauernde begreift, dass der Tote nicht vergessen ist und ihm durch die innere Aufnahme neue Handlungs- und Lebensmöglichkei­ten eröffnet werden (vgl. Everding 2006, S. 57). Kast geht davon aus, dass jede Phase durchlau­fen werden muss, um einen erfolgreichen oder gescheiterten Abschluss des Trauerprozesses zu erreichen und lässt vermuten, dass man bei gescheiterter Trauer selbst die Schuld dafür trägt. Auf Basis dieser Kritik wurde die Trauerliteratur um das Trauer-Aufgaben-Modell erweitert. Der ameri­kanische Trauerforscher William Worden entwickelte demnach den Ansatz der Traueraufgaben, die sich in vier Aufgaben innerhalb eines Trauerprozesses unterteilen lassen. In seinem Werk be­zieht er Arbeiten seiner Kollegen (z.B. Robert Neimeyer) ein und legt fest, dass diese Aufgaben gelöst werden müssen, damit für den Trauernden ein normales Leben erhalten bleibt. Unverzicht­bar ist dabei für ihn die dauerhafte Überarbeitung seiner Traueraufgaben (vgl. Leu 2019, S. 16f.).

- Die erste Aufgabe, das Anerkennen der Realität, besteht darin, das Geschehene intellektuell zu verstehen und seelisch zu erfassen. Dabei sollte die Realität nicht beschönigt, wie bspw. die Per­son ist entschlafen, sondern beim Namen genannt werden.
- In der zweiten Aufgabe soll der Abschiedsschmerz durchlebt werden. Da die Trauer nicht schmerzlos an einem vorbeiziehen kann, ist es von großer Bedeutung, dass der Schmerz wahrhaf­tig zugelassen und empfunden wird. Der Schmerz sollte dabei nicht ständig durch Medikamente oder dauerhafte Ablenkung unterdrückt werden, denn diese Art des Umgangs könnte zum Betäu­ben des Schmerzes führen. Der Schmerz ist der Weg der Behandlung und der Heilung und sollte auch als solcher akzeptiert werden.
- Die dritte Aufgabe ist das Verinnerlichen von dem, was war; sie zielt darauf ab, jegliche Erinne­rungen zu pflegen. Dabei sollte das Gewesene vom Aktuellen unterschieden werden. Diesbezüg­lich können Gespräche über Erinnerungen und das Philosophieren über mögliche Reaktionen des Verstorbenen sehr hilfreich sein.
- Die letzte und damit die vierte Aufgabe ist die Entwicklung der neuen Identität. Hierzu gehört das Entwickeln eines neuen Familien- und Selbstbildes ohne den Verstorbenen (vgl. Hinde- rer/Kroth 2005, S. 26f.).

Ferner unterscheidet Worden vier Ebenen des Trauerns, die ineinandergreifen. Stets zu bedenken ist, dass jeder Mensch anders trauert und vielfältige Kombinationen existieren. Zur emotionalen Ebene gehören Gefühle, von Einsamkeitsgefühlen bis hin zur emotionalen Taubheit. Auf kogniti­ver Ebene beobachtet Worden bei Trauernden Denkmuster wie das Leugnen oder spirituelle Vor­stellungen. Unter der körperlichen Ebene versteht er unter anderem psychosomatische Be­schwerden wie eine niedrige Toleranzschwelle von Geräuschen oder auch visuelle sowie akusti­sche Halluzinationen (z.B. das Hören der Stimme des Verstorbenen). Hier sei betont, dass dies kein pathologisches Symptom ist, sondern ein Phänomen, das in der Regel vorübergeht. Als vierte Ebene nennt er die Verhaltensebene, die objektiv beobachtbar ist. Handlungsweisen wie depres­sive Gestimmtheit, Rückzug aus der Gesellschaft oder ständiges Reden über den Verstorbenen gehören dazu (vgl. Jungbauer 2013, S. 50ff.). Folgende Abbildung verdeutlicht, wie sich alle Ebe­nen überschneiden und zusammenhängen.

Abb. 2: Vier Ebenen der Trauerreaktionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an: Jungbauer 2013, S.51.

Da die Trauer, wie bereits erwähnt, ein individueller und bestenfalls ein vorübergehender Prozess ist, sollten die Intensität und die Dauer der Trauer beim Hinterbliebenen beobachtet werden. Zeigt die betroffene Person über einen längeren Zeitraum depressive (z.B. Desinteresse), regressive (z.B. Rückzug), passive (z.B. Vermeidungsverhalten) und apathische (z.B. Gefühlslosigkeit) Ver­haltensweisen auf, so kann dies ein Anzeichen dafür sein, dass die gesunde Trauer zur pathologi­schen Trauer übergegangen ist. In diesem Fall sollte zwingend therapeutische Hilfe hinzugezogen werden, um gravierende Folgen wie Suizid oder Drogensucht zu vermeiden (vgl. Czakon/Harpes 2021, S. 5). Pathologische Trauer wird dann beobachtet, wenn der Hinterbliebene nicht fähig ist, einen normalen Trauerprozess zu durchlaufen. Die Trauersymptomatik ist ausgeprägter als bei durchschnittlichen Trauerreaktionen; in diesem Fall kann die Psyche überdurchschnittlich belastet sein (vgl. Lezoch o.J.). Auf diese krankhafte Art von Trauer wird die vorliegende Arbeit nicht näher eingehen. Lediglich kindliche Reaktionen werden im Kapitel 4.4. benannt, damit pathologische Trauer erkennbar und von normaler Trauer zu unterscheiden ist.

[...]


1 In dieser Arbeit wird das Generische Maskulinum aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwendet. Weibli­che und anderweitige Formen werden zwar nicht verwendet, aber immer ausdrücklich mitbedacht, insofern es für die Aussage erforderlich ist.

2 Reinkarnation ist besonders in indischen Religionen wiederzufinden und bedeutet Wiedergeburt (Duden, 2021).

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit als Begleitung kindlicher Trauerbewältigung
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn  (IU Internationale Hochschule)
Autor
Jahr
2022
Seiten
48
Katalognummer
V1190500
ISBN (Buch)
9783346624970
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tod, Trauer, Trauerbewältigung, Soziale Arbeit, Trauerarbeit, Kinder
Arbeit zitieren
Janina Holzheimer (Autor:in), 2022, Soziale Arbeit als Begleitung kindlicher Trauerbewältigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1190500

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Soziale Arbeit als Begleitung kindlicher Trauerbewältigung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden