Der Unterschied zwischen dem Erleben und dem Erinnern von Glück (und Unglück)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auswirkungen der Dauer des Erlebens auf die Erinnerung
2.1 Temporal Monotonicity und Temporal Integration
2.2 Weighted Averaging, Peak and End-Rule und Duration Neglect
2.3 Verschiedene Modelle im theoretischen Vergleich
2.4 Wie sensibel wird die Intensität von Schmerzen wahrgenommen?
2.5 Studie 1: Einfluss der Dauer auf den Real-Time-Affect und die globale Bewertung
2.6 Studie 2: Die retrospektive Beurteilung über einen längeren Zeitraum
2.7 Zusammenfassung der beiden Experimente

3. Unterschiede in der Erinnerung von positiven und negativen Emotionen
3.1 Experiment 1
3.2 Experiment 2
3.3 Experiment 3
3.4 Zusammenfassung der drei Experimente

4. Bedauern von Aktivität und Inaktivität im Zeitablauf
4.1 Bedauern von Handlung und Untätigkeit
4.2 Der zeitliche Aspekt des Bedauerns

5. Fazit

1. Einleitung

„Memory does not make films, it makes photographs.“ (Kundera M., 1991, S. 314). Diese Feststellung ist eine sehr treffende Metapher für die menschliche Erinnerung an erlebtes Glück und Unglück.

In dieser Arbeit soll der Zusammenhang zwischen der Erinnerung und dem Erleben von Glück und Unglück (Emotionen) untersucht werden. Ansatzpunkt für diese Untersuchungen sind dabei drei Aspekte.

Zunächst ergibt sich die Frage, wie sich die Dauer einer Emotion auf die retrospektive Erinnerung auswirkt. Grundlage hierfür sind die Studien von Fredrickson und Kahneman (1993) sowie Redelmeier und Kahneman (1996). Mit Hilfe dieser Forschungsergebnisse wird der Zusammenhang zwischen dem Extrem- und Endwert, sowie der Dauer eines emotionalen Erlebnisses untersucht.

Zu prüfen ist dann, wie sich – abhängig vom Zeitablauf – die Erinnerung an positive und negative emotionale Erlebnisse verändert und welche Verzerrungen eintreten. So hat wohl jeder schon einmal den mahnenden Satz der Eltern gehört: „Die Schule ist die schönste Zeit des Lebens!“. Aber ist das wirklich so oder sind die Erinnerungen der Eltern an die eigene Schulzeit nur verzerrt?

Gegenstand der weiteren Analyse ist dann das Problem des Bedauern verpasster Chancen, das John Greenleaf Whittier (1898) so ausgedrückt hat: „For all sad words of tongue or pen, the sadest are these: ‚It might have been!’“ (John Greenleaf Whittier, 1898, S.153)

2. Auswirkungen der Dauer des Erlebens auf die Erinnerung

Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist zunächst die Frage, wie sich die Dauer affektiver Ereignisse auf die retrospektive Bewertung auswirkt. Grundlage hierfür sind zwei in der Wissenschaft erörterte Modelle der Speicherung von Erfahrungen im Gedächtnis, nämlich temporal monotonicity und duration neglect. Dabei sind auch temporal integration und weighted averaging als Prozesse der Urteilsbildung zu untersuchen.

2.1 Temporal Monotonicity und Temporal Integration

Wenn sich Menschen an vergangene Situationen erinnern, spielt nicht nur die Art des Erlebten – ob positiv oder negativ – sondern auch die Intensität der damit verbundenen Emotionen eine Rolle. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob auch die Dauer des Erlebten von Bedeutung ist. Nimmt man beispielsweise an, dass eine Woche Urlaub ein angenehmes Erlebnis ist, so lässt sich darauf schließen, dass eine Verlängerung des Urlaubs auf zwei Wochen das positive Erlebnis noch verstärkt. Bei diesem Phänomen sprechen Fredrickson und Kahneman (1993) von temporal monotonicity. Allgemein sagt diese Regel aus: Fügt man negative Momente zu einer Situation, wird die Gesamtbeurteilung negativer ausfallen. Addiert man positive Momente zu einer Situation, fällt die Gesamtbewertung besser aus. Der Prozess der Urteilsfindung, also das Aufaddieren sämtlicher einzelner Momente wird als temporal integration bezeichnet (Fredrickson & Kahneman, 1993).

2.2 Weighted Averaging, Peak and End-Rule und Duration Neglect

Im Gegensatz zur temporal monotonicity und temporal integration wurde in vielen Studien gezeigt, dass die Probanden länger andauernde unangenehme Erfahrungen nicht immer als schmerzhafter empfanden als kürzere aversive Ereignisse. Augenscheinlich liegt der Bildung eines Gesamteindrucks also nicht die Summe aller gemachten Erfahrungen zu Grunde, sondern andere Faktoren. Zur Erklärung dieses Problems bietet die Theorie des weighted averaging einen anderen Lösungsansatz für retrospektive Urteilsbildung an. Hierbei wird die Logik der temporal monotonicity missachtet: Hinzugefügte negative Momente können eine Situation angenehmer machen, wenn diese Momente weniger unangenehm sind als die bisherigen und gleich gewichtet werden. Dabei werden in der einfachsten Form des weighted averaging alle Momente gleich gewichtet. Auf Grundlage dieses Modells favorisieren Fredrickson und Kahneman jedoch eine Abwandlung, bei welcher einige saliente „Momentaufnahmen“ stärker gewichtet sind als andere. Nach Kahneman und Thaler (2006) sind die subjektiven retrospektiven Bewertungen von Emotionen sehr gut durch die Theorie der Peak and End-Rule beschrieben, bei welcher der einfache Durchschnitt aus der Qualität einer Erfahrung an ihrem extremsten Punkt und an ihrem Ende gebildet wird. Der so ermittelte Wert prognostiziert die retrospektive Bewertung mit beachtlicher Genauigkeit.

Der hauptsächliche Unterschied zwischen diesen beiden konträren Ansätzen der Erinnerungsbildung ist der zeitliche Aspekt. Das Modell der temporal integration ist durch die Intensität der affektiven Erfahrung und deren Dauer determiniert. (Fredrickson & Kahneman, 1993).

Dagegen bringt weighted averaging duration neglect mit sich, was Fredrickson und Kahneman (1993) wie folgt definieren: „…little or no independent effect of duration on retrospective evaluations of affective episodes.“ (Fredrickson & Kahneman, 1993, S. 46)

2.3 Verschiedene Modelle im theoretischen Vergleich

Die peak and end-rule ist eine Sonderform des weighted averaging. Hier wird im Gegensatz zur temporal integration angenommen, dass die Dauer eines Prozesses nur marginalen Einfluss auf das Gesamturteil hat. Dieser Unterschied wird im Folgenden an einem Zahlenbeispiel in Abbildung 1 verdeutlicht.

Dieses Beispiel geht von zwei Serien schmerzhafter Erfahrungen bei medizinischen Eingriffen aus, die auf einer Skala von 1 = „leicht unangenehm“ bis 10 = „unerträgliche Schmerzen“ bewertet werden. In Anlehnung an Kahnemann et al. (1993) basiert die Verteilung der Schmerzen in Abbildung 1 nicht auf einem Experiment, sondern dient dem besseren Verständnis der unterschiedlichen Ergebnisse bei Anwendung von temporal integration, weighted averaging und peak and end-rule.

Abbildung 1:

Beispiel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkungen:

Add. = aufaddierte Werte

Avr. = durchschnittliche Werte über die Dauer der jeweiligen Serie

P-E = durchschnittliche Werte aus dem höchsten Wert (peak) und dem letzten Wert (end)

Anhand dieses Beispiels kann man die verschiedenen Auswirkungen der unterschiedlichen Prozesse der Bildung des Gesamteindrucks erkennen. Bei Anwendung der temporal integration ergäbe sich für Serie 2 ein deutlich negativeres Ergebnis, da die Gesamtsumme der Schmerzen erheblich höher ist als in Serie 1 (28 ‚Schmerzeinheiten’ gegen 22 ‚Schmerzeinheiten’). Betrachtet man aber den Durchschnitt der Schmerzerlebnisse, ist Serie als unangenehmer zu bewerten, nämlich 4,4 ‚Schmerzeinheiten’ gegenüber 4 ‚Schmerzeinheiten’ bei Serie 2. Prüft man nun die Ergebnisse für die peak and end-rule, fallen nur noch die salienten Momente (Schnappschüsse) ins Gewicht, d.h. der höchste Wert und der Endwert der jeweiligen Serie. Hier fällt das Gesamturteil für Serie 1 deutlich am negativsten aus.

Diese theoretisch dargestellten Auswirkungen werden in Kapitel 2.5 und 2.6 anhand von Experimenten weitergehend untersucht.

2.4 Wie sensibel wird die Intensität von Schmerzen wahrgenommen?

Zur Messung der Intensität von Schmerzen und zu der Frage, wie sensibel Probanden auf Veränderungen reagieren, haben Kahneman et al. (1993) eine Studie mit 32 männlichen Studenten der University of California durchgeführt. Hierbei hielten die Testpersonen ihre Hand für 60 Sekunden in 14° kaltes Wasser und bewerteten die dabei empfundenen Schmerzen (aversiver Reiz). Nachdem die Probanden ihre Hände wieder auf Zimmertemperatur aufgewärmt hatten, hielten sie ihre Hände erneut 60 Sekunden lang in 14° kaltes Wasser, darüber hinaus wurde die Wassertemperatur in 30 weiteren Sekunden auf 15° erhöht. Dies hatte zur Folge, dass die Testpersonen ihre Hände länger in unangenehm kaltes Wasser hielten, aber in den letzten 30 Sekunden eine Milderung des aversiven Reizes spürten. Auf die Frage, welche der beiden Prozeduren die Probanden gegen Bezahlung wiederholen würden, entschieden sich 69% für das zweite, länger andauernde Verfahren. Kahnemann und Fredrickson postulieren dazu: „extra moments of misery could make the overall experience less aversive if the added moments are less miserable than others and are given substantial weight.” (Fredrickson & Kahneman, 1993, S. 46)

2.5 Studie 1: Einfluss der Dauer auf den Real-Time-Affect und die globale Bewertung

In der Studie von Fredrickson und Kahneman (1993) wird der Einfluss der Dauer auf die globale Bewertung untersucht. Hierbei besteht, nach Meinung der Forscher, durchaus die Möglichkeit, dass die Dauer den real-time-affect (direkte Wahrnehmung) beeinflusst, die retrospektive Beurteilung jedoch nicht.

Zur Überprüfung dieser These wurden Probanden Videoclips vorgeführt, die während und nach der Vorführung zu bewerten waren. Bei den Testpersonen handelte es sich um 32 Studenten der University of California im Alter zwischen 16 und 35 Jahren.

Zur Durchführung dieser Studie wurden 4 Stimulusvideobänder verwandt, auf denen jeweils 16 Clips zu sehen waren. Diese Clips unterschieden sich in ihrer Valenz (z.B. „spielende Pinguine“ bis hin zu z.B. „sterbenden Menschen“) und ihrer Dauer (55 sec. – 138 sec.). Bei der Auswahl der Filme wurde darauf geachtet, dass eine Kürzung ohne Änderung der inhaltlichen Bedeutung möglich war und dass keine größeren Schwankungen in der Intensität der Inhalte auftraten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Unterschied zwischen dem Erleben und dem Erinnern von Glück (und Unglück)
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Wirtschafts- und Sozialpsychologie)
Veranstaltung
"Psychologie des Glücks"
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V119070
ISBN (eBook)
9783640225767
ISBN (Buch)
9783640227327
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Unterschied, Erleben, Erinnern, Glück, Unglück), Psychologie, Glücks
Arbeit zitieren
Dominik Otto (Autor:in), 2007, Der Unterschied zwischen dem Erleben und dem Erinnern von Glück (und Unglück), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119070

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