[...] “[The] Postconflict Peacebuilding developed into something of a growth industry in the
1990s.“ (Paris 2005: 3) Die Tatsache, dass in den 90er Jahren 94 Prozent aller gewaltsamen
Konflikte innerstaatlichen Charakter hatten (vgl. ebd.: 1) und das Bundesministerium für
wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung im Jahr 2005 insgesamt 34 Länder zur
Kategorie der Nachkriegsgesellschaften zählt, verdeutlicht die hohe Relevanz dieses
Problems. (vgl. Debiel/ Terlinden 2005: 1) Obwohl „die Strategie der Demokratisierung in vieler Hinsicht terra incognita“ (Gromes
u.a. 2004: I) darstellt, herrscht in Forschung und Praxis weitgehender Konsens, dass die
langfristige Friedenskonsolidierung in Nachkriegsgesellschaften ohne demokratische Institutionen zur Konflikttransformation und „zur Sicherung friedlicher Koexistenz
zwischen Mehrheiten und Minderheiten nicht denkbar ist. Ein beträchtliche Diskrepanz
besteht indes in der Einschätzung der jeweiligen Designs in Bezug auf ihre Wirksamkeit.“
(Pfaff-Czarnecka 2003: 4) Daher liegt die Zielsetzung der vorliegenden Arbeit darin, das
Modell der konkordanzdemokratischen Machtteilung und das Modell der
Konkurrenzdemokratie hinsichtlich ihrer konfliktregulierenden Wirkung in fragmentierten
Nachkriegsgesellschaften, vergleichend zu untersuchen. Im Folgenden wird zunächst der Ansatz des peacebuilding eingeordnet und die mit „tief
verwurzelten Konflikten“ verbundenen Probleme für Demokratisierungsprozesse skizziert.
Auf die Erläuterung der zentralen Bedeutung politischer Institutionen in
Transitionsprozessen folgt im dritten Kapitel aus einer demokratietheoretischen Perspektive
eine vergleichende Darstellung zentraler Prinzipien und institutioneller Ausprägungen von
Konkurrenz- und Konkordanzdemokratie. Die Diskussion der Leistungsprofile der beiden
Demokratieformen in Nachkriegsgesellschaften in Bezug auf ihre konflikttransformierende
Wirkung wird durch die Fallbeispiele Angola sowie Namibia, Ruanda und Bosnien ergänzt.
Anschließend wird ein Zwischenfazit der vergleichenden Darstellung gezogen und der
Frage nachgegangen, ob sich ein „optimales Modell“ demokratischer Institutionen zur
Konfliktregulierung identifizieren lässt.
Inhaltsverzeichnis
1. „Wachstumsindustrien“: Peacebuilding und Demokratieförderung
2. Transitionsprozesse in Nachkriegsgesellschaften
2.1. Der Ansatz des Peacebuilding
2.2. Charakteristika fragmentierter Nachkriegsgesellschaften
2.3. Probleme für den Demokratisierungsprozess
2.4. Die Bedeutung politischer Institutionen im Transitionsprozess
3. Designs demokratischer Institutionen in Nachkriegsgesellschaften
3.1 Das Modell der Konkurrenzdemokratie
3.1.1 Prinzipien und institutionelle Merkmale
3.1.2 Leistungsprofil in Nachkriegsgesellschaften
3.1.3 Fallbeispiel Angola
3.2 Das Modell der Konkordanzdemokratie
3.2.1 Prinzipien und institutionelle Merkmale
3.2.2 Leistungsprofil in Nachkriegsgesellschaften
3.2.3 Fallbeispiele Namibia, Ruanda und Bosnien
3.3 Konkurrenz, Konkordanz und „Integrative Power-Sharing“
4. Fazit und Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die konfliktregulierende Wirkung der Modelle der konkordanzdemokratischen Machtteilung und der Konkurrenzdemokratie in fragmentierten Nachkriegsgesellschaften vergleichend zu untersuchen, um zu bewerten, welche institutionellen Designs eine langfristige Friedenskonsolidierung am effektivsten fördern können.
- Analyse des Konzepts von Peacebuilding und der Herausforderungen für Demokratisierungsprozesse nach innerstaatlichen Konflikten.
- Untersuchung der Funktionsweise und Wirkung von Konkurrenzdemokratien (Mehrheitswahlrecht) in ethnisch fragmentierten Kontexten.
- Bewertung konkordanzdemokratischer Ansätze (Machtteilung, Proportionalität) zur Stabilisierung gespaltener Gesellschaften.
- Empirische Fallbetrachtungen zu Angola, Namibia, Ruanda und Bosnien zur Überprüfung der theoretischen Annahmen.
- Diskussion des „integrative power sharing“-Ansatzes als Alternative zur reinen Machtteilung.
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Leistungsprofil in Nachkriegsgesellschaften
Das weit verbreitete „Loblied auf die angloamerikanischen [Konkurrenz-] Demokratien“ und die Ansicht, dass Konkurrenzdemokratie und Mehrheitswahlrecht das „Rom der Demokratie“ (Schmidt 2000: 325 - 326) darstellen, resultiert aus ihren zahlreichen Stärken gegenüber anderen Demokratieformen:
Zu den Vorzügen von Konkurrenzdemokratien zählen insbesondere ihre Eigenschaft stabile Regierungen hervorzubringen und durch das Regierungs-Oppositions-Verhältnis mit höherer Wahrscheinlichkeit einen Machtwechsel und politische Innovationen zu ermöglichen. Mehrheitsregierungen gelten als effektiver als Koalitionsregierungen und verhindern Entscheidungsblockaden. Das Mehrheitswahlsystem führt zu einer „eindeutigen, übersichtlichen und effizienten Übersetzung von Individualpräferenzen in Kollektiventscheidungen“ (ebd.: 336) und einer transparenten Verteilung politischer Macht: „[It] offers the electorate a clear-cut choice between two broadly based competing parties, and the national vote clearly translates into winning and losing parties.“ (Reynolds/ Sisk 1998: 23) Aus der Mehrheitswahl von Repräsentanten in den einzelnen Wahlkreisen resultiert eine erhöhte Verantwortlichkeit und Rechenschaftspflichtigkeit der ParlamentarierInnen, wodurch die vertikale Legitimität der Demokratie gestärkt wird. (vgl. Barkan 1998: 59) Darüber hinaus stellt Sisk fest: „Partys are more comfortable with government-versus-opposition roles than they are with trying to hammer out a consensus policy.“ (Sisk 2001: 793)
Zahlreiche Autoren (Sisk 2001, Schmidt 2000, Lijphart 1999, Jeong 2005 u.a.) stimmen allerdings dahingehend überein, dass Konkurrenzdemokratien vor allem in relativ homogenen, durch eine säkularisierte politische Kultur gekennzeichneten Gesellschaften stabil und leistungsfähig sind. (Schmidt 2000: 325) In fragmentierten Nachkriegsgesellschaften können die Nachteile der Konkurrenzdemokratie – insbesondere der große Gestaltungsspielraum für die Mehrheit sowie die mangelhafte Integration von Wahlverlierern und Minderheiten in den Entscheidungsprozess – kontraproduktiv wirken und zu einer „Tyrannei der Mehrheit“ führen. (Reynolds/ Sisk 1998: 24)
Zusammenfassung der Kapitel
„Wachstumsindustrien“: Peacebuilding und Demokratieförderung: Das Kapitel analysiert den Anstieg von Peacebuilding-Operationen nach dem Kalten Krieg und die verbreitete Annahme, dass Demokratisierung ein zentrales Element für dauerhaften Frieden ist.
Transitionsprozesse in Nachkriegsgesellschaften: Hier werden die spezifischen Merkmale fragmentierter Gesellschaften, die Herausforderungen für den Demokratisierungsprozess sowie die Bedeutung politischer Institutionen bei der Konflikttransformation beleuchtet.
Designs demokratischer Institutionen in Nachkriegsgesellschaften: Das Kernkapitel vergleicht theoretisch und anhand von Fallbeispielen die Ansätze der Konkurrenz- und Konkordanzdemokratie sowie den integrativen Machtteilungsansatz hinsichtlich ihrer konfliktregulierenden Eignung.
Fazit und Schlussfolgerungen: Das Fazit stellt fest, dass inklusive Institutionen die Stabilisierung eher fördern, während "winner-take-all"-Modelle in tief gespaltenen Gesellschaften oft kontraproduktiv wirken; es betont die Notwendigkeit von politischem Willen und pragmatischen Ansätzen.
Schlüsselwörter
Peacebuilding, Nachkriegsgesellschaften, Demokratisierung, Konkurrenzdemokratie, Konkordanzdemokratie, Machtteilung, Konfliktregulierung, Institutionendesign, Politische Legitimität, Ethnische Fragmentierung, Good Governance, Friedenskonsolidierung, Integrative Power-Sharing, Transitionsprozesse, Politische Stabilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Design demokratischer Institutionen in fragmentierten Nachkriegsgesellschaften und deren Auswirkungen auf die Friedenskonsolidierung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf den Konzepten des Peacebuilding, den spezifischen Herausforderungen in Nachkriegssituationen sowie dem Vergleich von Konkurrenz- und Konkordanzdemokratien.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage ist, wie sich das Design demokratischer Institutionen – konkret Konkurrenz- versus Konkordanzdemokratie – auf die konfliktregulierende Wirkung in fragmentierten Nachkriegsgesellschaften auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt einen deskriptiven und vergleichenden Ansatz, der demokratietheoretische Konzepte auf aktuelle Transformationsprozesse anwendet und durch eine selektive Analyse internationaler Fallbeispiele stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Erläuterung der beiden Demokratiemodelle, die Analyse ihrer Leistungsprofile in Nachkriegskontexten sowie die Überprüfung dieser durch Fallstudien wie Angola, Namibia, Ruanda und Bosnien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Peacebuilding, Machtteilung (Power-Sharing), Konflikttransformation, Legitimität und die Unterscheidung zwischen Konkurrenz- und Konkordanzdemokratie.
Warum scheiterten demokratische Ansätze in Angola laut der Analyse?
Das Scheitern wird maßgeblich auf das angewandte „winner-take-all“-Mehrheitswahlsystem zurückgeführt, welches den Wahlverlierern zu geringe Anreize bot, sich in das neue System zu integrieren, und stattdessen zu einem „Klima des Wettbewerbs und der Feindseligkeit“ beitrug.
Was zeichnet den „integrative power sharing“-Ansatz aus?
Im Gegensatz zur festen Gruppenteilung zielt dieser Ansatz darauf ab, durch gezielte Anreize im Wahlsystem (wie das „Alternative Vote“) eine multiethnische Kooperation über Gruppenidentitäten hinweg zu fördern.
- Quote paper
- Daniel Nordmann (Author), 2007, Das Design demokratischer Institutionen in fragmentierten Nachkriegsgesellschaften, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119079