Geschlecht und Zugehörigkeit im Schreiben von Catalina de Erauso. Ein kurzer Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

12 Seiten, Note: 1,3

Nathalie Thomas (Autor:in)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische und gesellschaftliche Kontextualisierung

3. Geschlecht und Zugehörigkeit im Schreiben von Catalina Erauso

4. Fazit

Bibliographie

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit der Frage der Konzeptualisierung von Geschlecht und Zugehörigkeit in der Autobiographie von Catalina de Erauso auseinander. Im ersten Schritt soll eine kurze inhaltliche Zusammenfassung des Werks und die historische Einordnung desselben zur Orientierung dienen. Dabei wird insbesondere das Bild der Frau und die Idee von Geschlecht und travestismo in der spanischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts betrachtet.

Im zweiten Schritt werden die erläuterten Begriffe und Hintergrundinformationen zum Zweck der Interpretation mit Erausos Werk in Zusammenhang gesetzt. Hierbei soll das Augenmerk auf der Darstellung von Geschlecht und Zugehörigkeit im Schreiben Erausos liegen und schließlich in einem Fazit münden.

1. La Historia de la Monja Alférez escrita por ella misma

Kurze Zusammenfassung der Autobiographie

Catalina de Erauso wird im Jahr 15851 als solche in San Sebastián geboren und im Alter von vier Jahren in ein dominikanisches Kloster gegeben, in dem ihre Tante als Oberin dient. Nach einer gewaltsamen Auseinandersetzung mit einer Nonne stiehlt die erst 15 Jahre alte Catalina ihrer Tante die Schlüssel und flieht aus dem Konvent. Auf ihrer Flucht schneidert sie sich Männerkleidung aus ihrem Habit, schneidet ihr langes Haar ab und erfindet sich als Alonso Díaz Ramírez de Guzmán neu. Nach etwa drei Jahren als Page unter verschiedenen Herren heuert sie2 als Schiffsjunge an und reist so nach Lateinamerika. Die folgenden 19 Jahre, die sie dort verbringt, sind gezeichnet von problemas de faldas und blutigen Duellen. Immer wieder muss sie von ihrem aktuellen Aufenthaltsort fliehen und sich verstecken, meist um einer Heirat zu entkommen, die ihr Geschlecht aufdecken würde, oder weil sie im Streit erneut einen Mord begangen hat.

Zunächst gelangt sie über Cartagena und Nombre de Diós nach Panama und Perú. Schließlich wird sie auf einer ihrer Fluchten für den Chilefeldzug eingezogen und dient die nächsten Jahre als Soldat unter ihrem Bruder Miguel de Erauso, der seine Schwester Catalina nicht in dem jungen Mann wiedererkennt. Als Alonso erlangt sie durch außerordentliche Tapferkeit im Kampf, wenn nicht sogar wegen ihrer herausragenden Brutalität, den Rang eines Leutnants bzw. Alférez. Wo immer sie hinkommt verstrickt sie sich in verbale und gewaltsame Auseinandersetzungen. Sie tötet zwei Fremde im Streit in einem Spielhaus und ermordet später sogar ihren eigenen Bruder. Nach einer Reihe von Abenteuern, Gefechten und ungewollten Verlobungen wird sie schließlich in Guamanga von einem Bischof vor einer erneuten Festnahme bewahrt und beichtet diesem ihr Geheimnis. Ihr Geschlecht und ihre Jungfräulichkeit werden nach Inaugenscheinnahme durch zwei Hebammen bestätigt und sie verbringt eine Zeit in einem Konvent bis aus San Sebastián die Bestätigung kommt, dass sie kein Ordensgelübde abgelegt hat und so das Konvent und auch den Kontinent verlassen darf. So findet sie als Catalina de Erauso ihren Weg zurück nach Spanien. Sie beantragt dort in einer Petition an den spanischen König eine Soldatenrente. In Männerkleidung macht sie sich von dort auf die Reise nach Rom, um vor dem Papst zu sprechen. Dieser gesteht ihr zu, ihr Leben in Männertracht fortzuführen, solange sie ein ehrliches und abstinentes Leben führt. Hier endet die Autobiographie.

2. Historische und gesellschaftliche Kontextualisierung

Um die Themen Geschlecht und Zugehörigkeit im Text Erausos diskutieren zu können, bedarf es zunächst einer historischen und vor allem sozialen Kontextualisierung. Hierbei ist insbesondere das Bild der Frau und das vorherrschende Geschlechterkonzept im Spanien des 17. Jahrhunderts genauer zu betrachten.

2.1 Das Bild der Frau im Spanien des 17. Jahrhunderts

Den Frauen dieser Gesellschaft wurden in der Regel nur zwei Bereiche zugestanden, denen sie sich widmen dürften: die Familie oder das Kloster. Oft blieb ihnen nicht einmal die Wahl zwischen den beiden, da die soziale Herkunft bzw. das Vermögen des Elternhauses darüber entschied, ob junge Frauen verheiratet werden konnten. Das Leben im Kloster hatte den Vorteil, dass es jungen Mädchen einen Zugang zu Bildung verschaffte. Sie lernten hier Lesen und Schreiben und konnten ihre Persönlichkeit in besonderer Weise entfalten. Mit einer Heirat hingegen übernahmen junge Frauen die Rolle der Ehefrau und Mutter, waren verantwortlich für den Haushalt und das Wohlergehen ihrer Ehemänner, auf deren Erlaubnis sie fortan für jegliche Handlung angewiesen waren. Die Attribute, die man Frauen jeder sozialen Schicht zusprach, waren vor allem Keuschheit und Bescheidenheit3.

Wichtig ist hierbei noch herauszustellen, dass es sich bei all dem nicht nur um gesellschaftliche Normen handelt. Die Repression des weiblichen Geschlechts fand nicht nur im sozialen Raum statt, sondern wurde politisch diktiert und kontrolliert. Mit den Beschlüssen des Konzils von Trient4, welche schon im Jahr darauf von Philipp II durch die real cédula5 in Spanien gesetzlich festgehalten wurden, wurde die patriarchale Autorität gestärkt. Väter, Brüder, Ehemänner und auch Pfarrer wurden in ihren Rollen als Vormünder der Frauen ihrer Familie bzw. ihres Konvents legitimiert. Die zwei Lebensräume der Frau, in Ehe und Kloster, wurden fortan verstärkt unter kirchliche und staatliche Kontrolle gestellt6. Es wurde versucht, religiöse Lebensformen zu vereinheitlichen und so wurden insbesondere die Klosterregeln uniformiert und verschärft. Dies hatte zur Folge, dass das Kloster stärker von der Außenwelt isoliert wurde7.

Auch im Kontext humanistischen Gedankenguts dieser Zeit war die Frau dem Mann gegenüber minderwertig, sodass Humanisten und Gegenreformatoren sich trotz offenkundiger Differenzen in ihren Ideologien in puncto Frauenbild und Maskulinisierung zumeist einig waren8.

Interessant ist, wie die zeitgenössische Frau auf diesen Einschnitt reagierte. Dodell spricht von zwei Diskursen, die als Reaktion auf Trient entstanden: der offiziell-normative und der subversiv-pragmatische Diskurs. So sahen sich Frauen einerseits mit einer rückwärtsgewandten Ideologie konfrontiert, welche andererseits im Widerspruch zum zunehmend vorwärtsgewandten Bewusstsein stand. Dodell hält fest, dass Frauen aus der Not heraus begannen, die Tatsache, dass sie in allen Belangen unterschätzt wurden, auszunutzen. Um sich Bewegungsfreiheit und eine Stimme zu verschaffen waren Frauen gezwungen, sich Nischen zu suchen und subversive Strategien zu entwickeln. So wurde der Pragmatismus für die Frau der frühen Neuzeit zur Überlebensstrategie9.

2.2 Geschlecht, sexuelle Identität und travestismo im Spanien des 17. Jahrhunderts

Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert war die vorherrschende Idee von Geschlecht das Eingeschlechtermodell. Demnach sind Frau und Mann biologisch betrachtet grundsätzlich gleich. Der Unterschied bestehe darin, dass das Geschlecht des Mannes bei der Frau nach innen gestülpt sei, was auf qualitativ schlechten Samen zurückzuführen sei. Der männliche Körper ist demnach vollkommen und der weibliche das Produkt einer fehlerhaften Befruchtung und somit minderwertig10. In der Vorstellung Huartes konnte ein Kind im Mutterleib sein Geschlecht ändern, sodass ein Mädchen auch als Junge und umgekehrt geboren werden konnte. In diesen Fällen konnte sich das eigentliche, ursprünglich vorgesehene Geschlecht einer Person in physischen Eigenschaften wie der Stimme oder der Gangart, aber auch in Verhalten und Neigungen wiederfinden. Tatsächlich hält er auch fest, dass eine Transformation des Geschlechts auch noch nach der Geburt stattfinden kann und dass solche Fälle auch in Spanien bekannt seien11. Wie genau dies vonstatten geht, wird nicht spezifiziert, allerdings dient diese Theorie als eine (antiquierte) Erklärung für Homosexualität und aus heutiger Sichtweise auch für Transsexualität. Sie macht zudem deutlich, dass diese Formen der sexuellen Orientierung und Identität nichts gänzlich Unbekanntes für seine Zeitgenossen darstellten.

Auch der travestismo war zu dieser Zeit nicht beispiellos. Insbesondere die großen Dramaturgen des siglo de oro bedienten sich vielfach des Motivs der Frau in Männerkleidung12. Dabei lässt sich zwischen zwei typischen Figuren unterscheiden. Auf der einen Seite finden wir in den Theatern die Rolle der Kriegerin, die mujer heróica oder mujer guerrera. Die Kriegerin trägt Männerkleidung, um ihren Mut und ihre Abenteuerlust, also ihre „männlichen“ Eigenschaften ausleben zu können. Sie ist oft besonders blutrünstig, verabscheut das weibliche Geschlecht und will von Liebe und Heirat nichts wissen. Daneben steht die Figur der mujer varonil oder mujer enamorada, für die die Verkleidung als Mann der einzige Weg ist, ihrem Geliebten in die Schlacht folgen zu können13. Letztere war beim Publikum beliebter, weshalb sie wahrscheinlich öfter im Theater zu finden ist als erstere. Trotz ihrer enormen Gegensätze haben beide Figuren dennoch eine bedeutsame Gemeinsamkeit: bei beiden handelt es sich zweifellos trotz ihrer Kleidung ganz offenkundig um Frauen und am Ende des Theaterstücks finden sie sich an ihrem von der Gesellschaft diktierten Platz wieder, nämlich in den Armen eines Mannes und finden zurück zu ihrem weiblichen Selbst14.

Dieser Umstand ist darauf zurückzuführen, dass travestismo in der frühen Neuzeit kein einfaches Verkleiden war, sondern ein von der Inquisition als sodomía geächtetes Verbrechen, das im schlimmsten Fall mit dem Scheiterhaufen bestraft wurde. Frauen, die Männerkleidung trugen und sich als solche ausgaben, wurden demnach gemeinsam mit Ehebrechern und Sodomiten vor dem Santo Oficio zur Rechenschaft gezogen15. Ein anderes Ende der Theaterstücke hätte daher vor der Inquisition nicht bestanden und im besten Fall eine Zensur, im schlimmsten eine strafrechtliche Verfolgung bedeutet.

Die mujer guerrera und die mujer varonil spiegeln dennoch wider, aus welcher Motivation heraus Frauen auch im wahren Leben zur Männertracht greifen mochten. Zum einen haben wir bereits untermauert, dass Frauen keinerlei Selbstbestimmung, geschwiege denn uneingeschränkte Bewegungsfreiheit zugestanden wurde. Die Verkleidung eröffnete ihnen - neben den Risiken entdeckt und bestraft zu werden - auch weitreichende Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen aus Frauen verwehrt blieben. Die mujer varonil verkleidet sich eben genau deshalb, um sich frei bewegen zu können. Sie spiegelt die Unterdrückung ihres Geschlechts insofern wider, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, als sich als Mann zu verkleiden, um ihrem freien Willen folgen zu können.

Nach heutiger Definition homosexuelle Frauen und transsexuelle Personen, die als Frau geboren wurden, hätten die Motivation zum Crossdressing wohl nicht (nur) in einem Streben nach Freiheit, sondern vor allem (auch) in ihrer sexuellen Identität begründet, auch wenn sie diese Konzepte nicht als solche benannt hätten. Jene Personen hätten sich vermutlich wie die mujer guerrera gewünscht als Mann geboren worden zu sein, um ihre sexuelle Identität bzw. ihre sexuellen Neigungen frei ausleben zu können.

[...]


1 Die Daten in dieser Arbeit stützen sich auf die Autobiographie und weichen unter Umständen von solchen ab, die in authentischen historischen Dokumenten auftauchen. So belegt beispielsweise eine Taufurkunde Erausos Geburt im Jahr 1592 (vgl. Trauthwein, Niki (2021): Das Leben von Antonio de Erauso. Die geschlechtliche Identität einer baskischen Person in den frühen Kolonien Südamerikas. Eine vergleichende und kommentierte Ausgabe. LIT Verlag, Münster, S. 48.)

2 Zur Vereinfachung wird weiterhin das Feminin verwendet, obwohl die Autorin an dieser Stelle mit ihrer Transformation auch linguistisch ins Maskulin wechselt.

3 vgl. Lotthammer, Cornelia (1998): La Monja Alférez. Die Autobiographie der Catalina de Erauso in ihrem literarischen und gesellschaftlichen Kontext. Lang, Frankfurt am Main. S. 58f.

4

5

6 vgl. Dodell, Petra (2005): Frauenbilder in der spanischen Novellistik des Siglo de Oro. Frey, Berlin. S. 36f.

7 vgl. Dodell (2005), S. 42.

8 vgl. Dodell (2005), S. 40ff.

9 ebd.

10

11

12 Zahlreiche Beispiele finden sich bei Lope de Vega, Tirso de Molina, Mira de Amescua oder Calderón de la Barca. Vgl. Martín Contreras, Ana María (1998): Las disfrazadas de hombre en la Fénix de Salamanca. In: Las mujeres en la sociedad española del siglo de oro: Ficción teatral y realidad histórica. Universidad de Granada.

13 Vgl. Martín Contreras (1998), S. 342 oder Lotthammer (1998), S. 64ff.

14 Vgl. Lotthammer (1998), S. 66.

15 Vgl. Borrachero Mendíbil, Aránzazu (2006): Catalina de Erauso ante el patriarcado colonial: un studio de Vida i sucesos de la Monja Alférez. In: Bulletin of Hispanic Studies, Vol. 83, Issue 6. Liverpool University Press. S. 488.

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Details

Titel
Geschlecht und Zugehörigkeit im Schreiben von Catalina de Erauso. Ein kurzer Überblick
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
12
Katalognummer
V1191130
ISBN (Buch)
9783346634245
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Catalie de Erauso, Antonio de Erauso, La monja alférez, Feminismus, Transgender, Homosexualität, Transsexualität, Frühe Neuzeit
Arbeit zitieren
Nathalie Thomas (Autor:in), 2021, Geschlecht und Zugehörigkeit im Schreiben von Catalina de Erauso. Ein kurzer Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1191130

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