Die Bachelorarbeit behandelt die folgende Frage: Wie kann die Soziale Arbeit bei der Bewältigung der Bedarfe von Autist:innen unterstützen? Eine umfassende Literaturarbeit geht dieser leitenden Frage nach und schafft dafür zunächst Grundlagen über Autismus allgemein sowie deren unterschiedlichen Perspektiven von klinischer und Betroffenensicht, geht über in die rechtliche Einordnung, die dann den Rahmen der Sozialen Arbeit absteckt und nähert sich schließlich ihrer Handlungsmöglichkeiten im Kontext von Autismus.
Autismus wird heute von einer breiteren Öffentlichkeit verhandelt als noch vor einigen Jahren und ist für viele Menschen durch die Auseinandersetzung in Film und Serien ein Begriff. Mindestens genauso groß ist die Fülle an Verallgemeinerungen und Falschannahmen, die Autismus und Autist:innen gleichermaßen betreffen. Von automatischen Zuschreibungen der geistigen Behinderung, fehlender Intelligenz, Problemverhalten oder sozialer Unfähigkeit bis hin zur Vorstellung von Superkräften in Form unglaublicher kognitiver Leistungen wirkt das Bild über Autismus diffus und unübersichtlich.
Neben diesen wenig wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Autismus herrschten selbst in der Fachwelt viele Annahmen, die zunehmend obsolet erscheinen. Gemein ist den angerissenen Bildern, dass diese den Facetten und der Vielfältigkeit von Autismus und erst recht nicht den Menschen, die es betrifft, gerecht werden können. Die Relevanz der Auseinandersetzung mit der Thematik ergibt sich aber nicht allein aus einem weit verbreitetem Laienverständnis, sondern ebenfalls aus den Prävalenzzahlen.
In Anbetracht der vielfältigen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit und ihrer vermeintlichen Allzuständigkeit treffen Sozialarbeitende zwangsläufig auf Menschen im Autismus-Spektrum. Aus diesem Grund erscheint es verwunderlich, dass zum einen gerade die Soziale Arbeit kaum in Bezug zu Autismus verhandelt wird und zum anderen die Perspektive der Betroffenen selbst selten im Fokus der Aufmerksamkeit steht.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 GRUNDLEGENDE TERMINOLOGIE UND HISTORIE DES GEGENSTANDS AUTISMUS
3 PERSPEKTIVEN AUF AUTISMUS
3.1 AUTISMUS AUS KLINISCHER PERSPEKTIVE
3.1.1 Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD)
3.1.2 Neurologisch-psychiatrische Erklärungsansätze
3.2 AUTISMUS AUS BETROFFENENPERSPEKTIVE
3.2.1 Autismus im Zuge von Selbstvertretungsorganisation
3.2.2 Das Autismus-Konzept nach ASAN
3.3 KRITISCHE BEURTEILUNG DER VERSCHIEDENEN PERSPEKTIVEN AUF AUTISMUS
4 RECHTLICHE GRUNDLAGEN
4.1 DAS VERSTÄNDNIS VON AUTISMUS ALS BEHINDERUNG IM RECHTLICHEN KONTEXT
4.2 RECHTLICHE ENTWICKLUNGEN BEIM TEILHABERECHT FÜR BEHINDERTE MENSCHEN
4.3 DAS VERHÄLTNIS VON BEDÜRFNIS, BEDARF UND TEILHABE
4.4 BEDARFSERMITTLUNG IN DER EINGLIEDERUNGSHILFE
5 DIE SOZIALE ARBEIT UND AUTISMUS
5.1 DEFINITION SOZIALER ARBEIT UND ANNÄHERUNG AN AUTISMUS
5.2 SOZIALE PROBLEME ALS BINDEGLIED ZWISCHEN AUTISMUS UND SOZIALER ARBEIT
5.3 DIE MANDATE DER SOZIALEN ARBEIT
5.4 GRUNDHALTUNGEN UND PRINZIPIEN DER SOZIALEN ARBEIT IM UMGANG MIT AUTISMUS
6 BEWÄLTIGUNG IM KONTEXT VON AUTISMUS UND SOZIALER ARBEIT
6.1 THEORETISCHER ZUGANG ZUM BEGRIFF BEWÄLTIGUNG
6.2 VULNERABILITÄT, STRESS, ÄNGSTE UND DIE BEWÄLTIGUNG VON MENSCHEN IM AUTISMUS-SPEKTRUM
7 MÖGLICHKEITEN DER UNTERSTÜTZUNG VON AUTIST*INNEN DURCH DIE SOZIALE ARBEIT
7.1 AUTISMUS-THERAPIEZENTREN
7.2 STRESS UND ÄNGSTE
7.3 BERATUNG UND PSYCHOEDUKATION
8 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Soziale Arbeit Autist*innen bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Bedarfe unterstützen kann, indem sie Autismus als Behinderung versteht und die Perspektive der Betroffenen in den Mittelpunkt stellt.
- Verhältnis zwischen Autismus, Bedarf und Bewältigung aus Sicht der Sozialen Arbeit
- Kritische Analyse klinischer vs. betroffenenorientierter Perspektiven auf Autismus
- Rechtliche Grundlagen und das Bundesteilhabegesetz (BTHG) für die soziale Teilhabe
- Methodische Unterstützungsmöglichkeiten wie Beratung, Psychoedukation und Therapiezentren
- Empowerment und Ressourcenorientierung als fachliche Leitprinzipien der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
Stimming
Im Bereich autistischer Verhaltensweisen erscheint das so genannte Stimming als bedeutsam. Der Begriff ist eine Abkürzung für „self stimulation“ (Selbststimulation) und wird zumeist von Autist*innen aus dem Kontext der Selbstvertretungen (ASAN) verwendet. Stimming meint Verhaltensweisen die im deutschsprachigen Raum zur klassischen Symptomtriade gehören und als repetitiv und stereotyp beschrieben werden. Über die Verbindung als Diagnosekriterium hinaus kann Stimming in seiner funktionalen Betrachtung und Anwendung durch Autist*innen als Fähigkeit für die „[…] Herstellung eines angenehmen Gefühls, der Selbst-Regulation, Beruhigung oder dem Abbau von Angst oder Stress, der Bewältigung negativer Emotionen und mit unter der Erkundung und Aneignung von Welt […]“ dienen. So schreibt Gee Vero, die selbst Autistin und Autorin zahlreicher Bücher über Autismus ist:
„[…] Stimming ist immer und überall anwendbar und ermöglicht es mir, während meiner Vorträge relativ ruhig vor meinem Publikum zu stehen, die Menschen anzuschauen und zu ihnen sprechen zu können. Während ich also über meinen Autismus spreche, zähle ich im Kopf zweisprachig rückwärts oder sage Schaltjahre auf, zähle die Deckenpaneele oder bewege ständig die Zehen in den Schuhen. Diese Beschäftigung oder Konzentration auf bekannte Reize ermöglicht es mir, mich so zu regulieren, dass der Stress, den eine solche Situation unweigerlich mit sich bringt, auf einem Level zu halten, der es mir ermöglicht, in der Situation zu verbleiben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in das Thema, Vorstellung der Forschungsfrage und Erläuterung der Relevanz einer soziologisch-sozialpädagogischen Perspektive auf Autismus.
2 GRUNDLEGENDE TERMINOLOGIE UND HISTORIE DES GEGENSTANDS AUTISMUS: Überblick über die historische Entwicklung des Autismus-Begriffs und den aktuellen sprachlichen Wandel hin zum Autismus-Spektrum.
3 PERSPEKTIVEN AUF AUTISMUS: Gegenüberstellung der klinisch-medizinischen Sichtweise (ICD) und der Betroffenenperspektive (ASAN) mit anschließender kritischer Beurteilung.
4 RECHTLICHE GRUNDLAGEN: Erläuterung der rechtlichen Einordnung von Autismus als Behinderung nach dem SGB IX sowie die Bedeutung von Teilhabebedarfen und Bedarfsermittlung.
5 DIE SOZIALE ARBEIT UND AUTISMUS: Theoretische Verortung der Sozialen Arbeit im Kontext von Autismus, unter Berücksichtigung von Mandaten und sozialen Problemen.
6 BEWÄLTIGUNG IM KONTEXT VON AUTISMUS UND SOZIALER ARBEIT: Darstellung der Bewältigung (Coping) als zentrale Anforderung im Alltag von Menschen im Autismus-Spektrum.
7 MÖGLICHKEITEN DER UNTERSTÜTZUNG VON AUTIST*INNEN DURCH DIE SOZIALE ARBEIT: Konkrete Ansätze wie Autismus-Therapiezentren, Stressprävention, Beratung und Psychoedukation.
8 FAZIT: Zusammenfassende Betrachtung der zentralen Ergebnisse und Ausblick auf die zukünftige Bedeutung der Sozialen Arbeit bei der Unterstützung von Autist*innen.
Schlüsselwörter
Autismus-Spektrum, Soziale Arbeit, Bewältigung, Empowerment, Ressourcenorientierung, Teilhabe, Bundesteilhabegesetz, Bedarfsermittlung, Stimming, Inklusion, psychosoziale Handlungsfähigkeit, Autismus-Therapiezentren, Lebensbewältigung, Betroffenenperspektive, Behinderung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das Verhältnis zwischen Autismus und Sozialer Arbeit, mit dem Ziel aufzuzeigen, wie letztere Menschen im Autismus-Spektrum bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Herausforderungen effektiv unterstützen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition und Einordnung von Autismus (klinisch und aus Betroffenensicht), die rechtliche Lage (SGB IX, BTHG) sowie professionelle Unterstützungsansätze der Sozialen Arbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass die Soziale Arbeit durch Ansätze wie Empowerment und Ressourcenorientierung gewinnbringende Unterstützung bei der Bewältigung spezifischer Bedarfe von Autist*innen leisten kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine umfassende theoretische Arbeit, die auf einer Literaturrecherche aus interdisziplinären Bereichen wie Medizin, Psychiatrie, Rechtswissenschaft und Sozialer Arbeit basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in Autismus, die rechtlichen Rahmenbedingungen, die spezifischen Mandate und Grundhaltungen der Sozialen Arbeit sowie die praktische Unterstützung mittels Bewältigungsstrategien und Beratung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist insbesondere durch Begriffe wie Empowerment, Ressourcenorientierung, Teilhabe, Lebensbewältigung und Autismus-Spektrum geprägt.
Was versteht man unter dem in der Arbeit beschriebenen "ASAN-Konzept"?
Das Autismus-Konzept nach ASAN (Autistic Self Advocacy Network) betrachtet Autismus als neurologische Variation und nicht als zu heilende Krankheit, wobei die Akzeptanz des autistischen Seins im Vordergrund steht.
Wie unterscheidet sich die "Symptomtrias" von der "Lebensbewältigung"?
Die Symptomtrias ist ein defizitorientiertes Diagnosemodell der medizinischen Klassifikation (ICD-10), während das Lebensbewältigungskonzept die Suche nach psychosozialer Handlungsfähigkeit und die Gestaltung des Alltags in den Fokus rückt.
Warum ist das "Integrierte Teilhabeplan (ITP)"-Instrument wichtig?
Der ITP dient in der Eingliederungshilfe dazu, auf Grundlage der ICF eine personenzentrierte Bedarfsermittlung durchzuführen, die Stärken und Ressourcen der Betroffenen statt nur deren Defizite berücksichtigt.
- Quote paper
- Tobias Thiemrodt (Author), 2021, Autismus und Soziale Arbeit. Unterstützung bei der Bewältigung von Bedarfen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1191554