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Debatten über die Nation in Tschechien - Versuch eines soziologischen Profils

Titel: Debatten über die Nation in Tschechien - Versuch eines soziologischen Profils

Magisterarbeit , 2008 , 85 Seiten , Note: 2,1

Autor:in: Jan Fischer (Autor:in)

Soziologie - Politik, Majoritäten, Minoritäten
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Die Diskussion in den Sozialwissenschaften um kollektive Identitäten hat seit dem Fall der Berliner Mauer scheinbar an Intensität und Ausmaß gewonnen. Der Fokus richtet sich darauf, kollektive Identitätsbildungsprozesse besser zu verstehen und Erklärungen für sogenannte ‚Ethnic Revivals’ zu finden. Das Phänomen Nationalismus wurde unter dem Mantel des Kalten Krieges und vielleicht auch über die Scham der Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges mehr oder weniger öffentlich totgeschwiegen (McCrone 1998, S.2). Eine schockartige Wirkung hatten dann die Vorgänge in den post-sozialistischen Ländern, das klassische Beispiel ist das ehemalige Jugoslawien, als sich Konfliktlinien zwischen einzelnen ethnischen Gruppen und kollektiven Identitäten ergaben, deren teilweise blutige Absteckung vor allen Dingen in Westeuropa nicht unbedingt so erwartet wurde. Auf der Suche nach Verständnis und Aufklärung für die gesellschaftlichen Transformations- und Identitätsbildungsprozesse ist klar geworden, dass bisherige Theorien auch um die gesellschaftliche Erfahrung der sozialistischen Erziehung und Sozialisation in den jeweiligen Staaten erweitert werden müssen. Alte Muster kollektiver Identitäten, welche in den sozialistischen Nationalstaaten auf verschiedene Weise unterdrückt und verzerrt erlebt und wahrgenommen wurden, treffen auf die Überbleibsel der kosmoplitischen sozialistischen Identitäten und Sozialstrukturen, und entwickeln mit ihnen zusammen ihre Wirkung in einer Welt der Globalisierung und neuen Wettbewerbs zwischen den Nationalstaaten. Die heutige Tschechische Republik, die jahrzehntelang zusammen mit der Slowakei einen gemeinsamen Staat bildete, ist in ihrer jetzigen Form noch keine zwanzig Jahre alt. Die Tschechen und die Slowaken haben sich institutionell voneinander getrennt, vielleicht auch deshalb, weil die tschechische Kultur im tschechoslowakischen Bündnis immer dominiert hatte (Znoj 1997, S.261). Um mehr über Identitätsbildungsvorgänge an einem konkreten Beispiel zu erfahren, widmet sich meine Arbeit dem Versuch, Debatten zur tschechischen Nation in ein soziologisches Profil zu fassen. Die Arbeit ist dazu in zwei größere Teile aufgeteilt.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kollektive Identitäten und nationale Identität

1. Kollektive Identitäten

1.1. Geschlecht

1.2. Territoriale Identitäten

1.3. Sozio-ökonomische Identitäten

1.4. Religiöse Identitäten

1.5. Religiöse und ethnische Identitäten

2. Nationale Identität

2.1. Elemente nationaler Identitäten

2.2. Nationenkonzepte

2.3. Funktionen nationaler Identitäten

2.3.1. Externe Funktionen

2.3.2. Interne Funktionen

2.4. Probleme nationaler Identitäten

2.5. Ethnische Grundlagen

2.6. Typen ethnischer Gemeinschaften

2.6.1. Laterale ethnische Gemeinschaften

2.6.2. Vertikale ethnische Gemeinschaften und ihre Transformationswege

3. Moderne und Antike in der Nation

3.1. Nationalismus und Moderne

3.2. Nationalismus und Industrialismus

3.3. Soziale Entropie

3.4. Die Bedeutung vormoderner Elemente

3.5. Die kulturelle Nation

3.6. Ethnische nationale Identitäten

3.7. Die Anwendung ethnischer Geschichte

3.8. Stärken und Schwächen

3.9. Ethnizität und Nationalismus

3.10. Ethnizität

3.11. Kollektive Identität in Krisen

3.12. Multiple Identitäten

III. Die tschechische Nationalidentität

1. Die Rolle von Ethnizität

1.1. Das Konzept der tschechoslowakischen Identität

1.1.1. Tschechoslawismus und Tschechoslowakismus

1.1.2. Das Bild der Tschechen von den Slowaken

1.1.3. Der Trennungsprozess

1.1.4. Gründe für die Trennung

1.2. Sprache und Nation

1.3. Mystifizierung auf Tschechisch

1.4. Landesname

2. Tschechische Nation und tschechische Geschichte

2.1. Das historische Gedächtnis der Nation

2.2. Das nationalistische Geschichtsbild

2.2.1. Der tschechische Mythos vom weißen Berg und sein poltitisches Potenzial

2.2.2. Das Münchner Abkommen und seine Wiedergutmachung

2.3. Das nicht-nationalistische Geschichtsbild

2.4. Tomas Masaryk & Vaclav Havel

2.5. Die Geburt der modernen tschechischen Identität

2.6. Die Sozialstruktur des Nationalbewusstseins

3. Nationale Symbole, Stereotypen, Traditionen

3.1. Die tschechische Nationalidentität und die postkommunistische soziale Transformation

3.1.1. Speziell tschechische Aspekte während der Revolution von 1989 und zur Zeit des Kommunismus

3.1.2. Das Öffentliche und das Private in der sozialistischen Tschechoslowakei

3.1.3. Opposition zum kommunistischen Regime

3.1.4. Symbolische Aspekte der ersten öffentlichen Demonstrationen

3.1.5. Schauplätze als nationale Symbole

3.1.5.1. Der Wenzelsplatz

3.1.5.2. Das Denkmal von Jan Hus

3.1.5.3. Die Prager Burg

3.2. Tschechische Märtyrersymbolik

3.3. Das Samt – Symbol

3.4. Die Wahrheit siegt

3.5. Stereotypen und Selbstbilder

3.6. Nationale Traditionen und ihr Einfluss auf politische Ereignisse

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht Identitätsbildungsprozesse und die Konstruktion der tschechischen Nation im soziologischen Kontext, wobei sie theoretische Konzepte (u.a. von A. Smith und E. Gellner) auf tschechische Fallbeispiele anwendet, um zu ergründen, wie Geschichte, Mythen und Symbole zur Identitätsbildung beitragen.

  • Analyse kollektiver Identitäten und Nationalidentität
  • Transformationen von Ethnien zu modernen politischen Nationen
  • Rolle von Sprache, Geschichte und nationalen Mythen für die tschechische Identität
  • Symbolik und Bedeutung von Traditionen (z.B. Wenzelsplatz, Jan Hus, Samtene Revolution)
  • Zusammenhang zwischen politischem Wandel und nationaler Selbstwahrnehmung

Auszug aus dem Buch

3.1.5.1. Das symbolische Herz des Landes: Der Wenzelsplatz

Die Kulisse des Wenzelsplatzes im Stadtzentrum von Prag speist sich vor allem aus dem 1891 vollendeten Museum des Böhmischen Königreichs und heutigen Nationalmuseum in Verbindung mit dem Reiterstandbild des heiligen Wenzel, das unmittelbar vor dem Museumsgebäude seit 1912 am oberen Ende des Platzes steht. Wenzel war der Sohn und Nachfolger von Vratislav, dem Stammesobersten der Tschechen aus dem frühen zehnten Jahrhundert mit Sitz in Prag, und gilt als Gründer des tschechischen Staates, der die böhmischen Stämme vereinte. Von seinem Bruder Boleslav ermordet, wurde er schnell zum Märtyrer für das Christentum, dem er treu ergeben war, und in Regensburg von der Diözese heilig gesprochen. Der Legende nach ist er einer der tschechischen Ritter, die schlafend am Fuße des Berges Blanik in Mittelböhmen auf ihre Auferstehung warten, um die Nation gegen ihre Feinde zurück in die Freiheit zu führen (Holy 1996, S.35f).

Schon von 1678 bis 1879 stand eine barocke Reiterstatue des heiligen Wenzel in der Mitte des Platzes, wo nach einer Messe 1848 die nationalen Juniaufstände begannen. Die in der Tradition des heiligen Wenzel angelegten Rollen als zentraler Landespatron, als Repräsentant der früheren und künftigen Autonomie der böhmischen Länder, und als Bezugsfigur der politischen Visionen und Legitimationen, in der sich die Idee politischer Selbständigkeit mit dem Bewusstsein von einer autonomen tschechischen Kultur verbindet, kamen damals politisch zur Geltung und bestehen in dem heutigen Reiterstandbild des hl. Wenzel von Josef Vaclav Myslbek fort, auch wenn die Figuren inzwischen, einem geschichtlichen Rahmen entrückt, betont individuell dargestellt sind.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Einführung in die sozialwissenschaftliche Diskussion über kollektive Identitäten und Skizzierung des Untersuchungsrahmens zur tschechischen Nation.

II. Kollektive Identitäten und nationale Identität: Theoretische Auseinandersetzung mit Identitätsbegriffen, der Abgrenzung von Ethnien und Nationen sowie den Transformationsprozessen von traditionellen Gemeinschaften zu modernen Nationalstaaten.

III. Die tschechische Nationalidentität: Analyse des tschechischen Nationalismus, der Rolle von Mythen, Geschichte und Symbolen, sowie deren Bedeutung bei der postkommunistischen Transformation der tschechischen Gesellschaft.

Schlüsselwörter

Tschechische Nation, Nationalidentität, Nationalismus, Ethnizität, Kollektive Identität, Transformation, Soziale Entropie, Moderne, Traditionen, Symbole, Geschichtsbild, Jan Hus, Wenzelsplatz, Samtene Revolution, Identitätsbildung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die soziologischen Grundlagen und Diskurse, die die tschechische nationale Identität seit dem 19. Jahrhundert bis zur Zeit nach dem Fall des Kommunismus geprägt haben.

Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?

Die zentralen Felder sind die Definition von Nation und Nationalismus, die Bedeutung ethnischer Grundlagen, die Konstruktion von Geschichtsbildern sowie die Funktion nationaler Symbole und Traditionen.

Was ist das primäre Ziel der Forschung?

Das Ziel ist es, den Versuch zu unternehmen, die komplexen Debatten zur tschechischen Nation in ein soziologisches Profil zu fassen und die Rolle von Geschichte, Mythen und nationalen Erfindungen in diesem Prozess zu beleuchten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt einen soziologisch-theoretischen Ansatz, indem sie Konzepte von Theoretikern wie A. Smith und E. Gellner mit empirischen Daten zur tschechischen Sozialstruktur (insbesondere von Miroslav Hroch) kombiniert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Auseinandersetzung mit Identität und Nationalismus sowie die detaillierte Betrachtung der tschechischen Geschichte, ihrer Mythen (wie der Schlacht am Weißen Berg) und ihrer nationalen Symbole (z.B. Wenzelsplatz, Prager Burg, das Samt-Symbol).

Was charakterisiert diese Arbeit inhaltlich?

Die Arbeit zeichnet sich durch die interdisziplinäre Verknüpfung von historischer Analyse, anthropologischer Perspektive und soziologischer Theoriebildung aus, um den "tschechischen Fall" im Kontext europäischer Entwicklungen zu verstehen.

Welche Rolle spielt der Mythos vom "Weißen Berg" für die tschechische Identität?

Er gilt als "nationale Tragödie" und zentraler Scheideweg, der die tschechische Geschichte in eine glanzvolle Epoche vor 1620 und eine Epoche des "dunklen Verfalls" unter fremder Herrschaft einteilt, was zur Vereinigung der Nation nach innen beiträgt.

Warum wird das "Samt-Symbol" als ambivalent betrachtet?

Es fungiert sowohl als positives Symbol der gewaltlosen Demokratisierung nach 1989 als auch als Indikator für eine vermeintliche tschechische Schwäche (Konfliktvermeidung und mangelnde Entschlossenheit), was die ambivalente nationale Selbstwahrnehmung verdeutlicht.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Debatten über die Nation in Tschechien - Versuch eines soziologischen Profils
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Magisterarbeit
Note
2,1
Autor
Jan Fischer (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2008
Seiten
85
Katalognummer
V119181
ISBN (eBook)
9783640225996
ISBN (Buch)
9783640227426
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Debatten Nation Tschechien Versuch Profils Magisterarbeit
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Jan Fischer (Autor:in), 2008, Debatten über die Nation in Tschechien - Versuch eines soziologischen Profils, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119181
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Leseprobe aus  85  Seiten
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