Die Schattenseite der Straßensozialarbeit. Grenzen der Methode und Folgen für die Berufsgruppe

Selbstfürsorge. Das Licht im Dunkeln für die Straßensozialarbeiter:innen


Forschungsarbeit, 2022

16 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Fall Richard Brox

3 Die Methode der Strabensozialarbeit
3.1 Das Housing First-Konzept
3.2 MOMO-The Voice of Disconnected Youth

4 Die Folgen der Strabensozialarbeit
4.1 Mitgefühlsstress / Mitgefühlserschöpfung
4.2 Sekundärtraumatisierung

5 Prävention durch Selbstfürsorge
5.1 Meditation/Yoga..
5.2 Das empathiebasierte Entlastungskonzept emp Care
5.3 Die Ego-State-Therapie

6 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Straßensozialarbeit oder auch Straßenbetreuung gehört neben der Einzelfallhilfe, der sozialen Gruppen­arbeit und der Gemeinwesenarbeit zu den klassischen Methoden der Sozialen Arbeit. Sie richtet sich an eine breite Masse von Individuen; sowohl Obdachlose, Prostituierte und Straßenkinder, als auch Drogenabhän­gige und aggressive, delinquenteJugendbanden zählen zu ihren Zielgruppen (Galuske, 2013, S. 294).

Im Fokus dieser Arbeit stehen Minderjährige und junge Erwachsene, die auf der Straße leben. Grund dafür ist die sogenannte Entkopplung von regulären Hilfesystemen. Dieser Begriff ist der Selbstbeschreibung der Jugendlichen entlehnt. Er unterscheidet sich prekär von der Obdach- oder Wohnungslosigkeit. Die jungen Menschen leben zwar auf der Straße, aber ihnen sind verschiedene Schlafplätze zugänglich. Zudem mangelt es ihnen nicht nur an einer Wohnung, sondern auch am Zugang zu verschiedenen institutionellen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten, wie Schule oder Ausbildung. Die Kosten für medizinische Versorgung sind hoch und der Zugang zu materieller und monetärer Grundversorgung ist ihnen oft verwehrt. Der Begriff des Ent- koppelt-Seins spiegelt die multidimensionale Problemlage der Jugendlichen wider und verdeutlicht die Situ­ation, wie jungen Erwachsenen Menschenrechte wie Bildung und Gesundheitsvorsorge beschnitten werden. Die Straßensozialarbeit versucht Hilfe- und Unterstützungsmöglichkeiten zu bieten, kann dabei aber nicht vor entwürdigenden Erfahrungen schützen.

Betrachtet man das Kinder- und Jugendhilfegesetz so ist es fragwürdig, warum es hinsichtlich der dort ver­ankerten Rechte überhaupt eines solchen Schutzes bedarf und wie es dazu kommen kann, dass junge Erwachsene derart vom Hilfesystem entkoppelt werden (Clark, 2019, S. 91 f.). Besonders im Sozialgesetzbuch VIII werden die Ansprüche von Kindern und Jugendlichen konkretisiert, die das sozialgesetzliche Ziel verfol­gen, die Erziehung der jungen Menschen zu fördern und die Entwicklung zu einer gemeinschaftsfähigen und eigenverantwortlichen Persönlichkeit zu stärken (SGB VIII, 2022, § 1, Abs. 1). Weiter sieht das Gesetz Hilfen für junge Volljährige bis zum 21. Lebensjahr vor und ebenso soll die Unterbringung in Einrichtungen der Jugendhilfe bis zum 27. Lebensjahrgestattetwerden.

Wie kann es also sein, dass Obdachlosigkeit, Wohnungslosigkeit und Entkopplung zu den Missständen im Kindes- und Jugendalter zählen und welche Aufgabe wird dabei der Straßensozialarbeit zuteil?

Mit Hilfe des Falls von Richard Brox soll eine Antwort auf diese Frage gefunden werden. In diesem Zusammenhang werden die Begriffe Mitgefühlsstress und Sekundärtraumatisierung als Folgen der Straßensozialarbeit definiert. Diese Definition dient im Anschluss der Untermauerung, wie bedeutsam es ist, im stressigen Berufsalltag für sich selbst zu sorgen.

2 Der Fall Richard Brox

Richard Brox wurde am 08. Juli 1964 in Mannheim geboren. Er kam mit fünf Jahren erstmals in ein Heim und durchlief als schwer erziehbares Kind und auf der Flucht vor sexuellen Übergriffen anschließend eine "Heim­karriere". Er lebte nach einem Drogenentzug knapp 30 Jahre lang auf der Straße. Heute lebt er in Köln. Nach­folgend wird seine Geschichte mit Hilfe seiner Biografie „Kein Dach über dem Leben" rekonstruiert.

Im April 1986 ließ das Sozialamt die Wohnung des damals 21-jährigen Richard Brox räumen. Als nach seinem Vater auch seine Mutter starb, blieb er in der gemeinsamen Wohnung. Darauf hatte er aber laut Aussage des Sozialamtsmitarbeiters keinen Anspruch, denn zweieinhalb Zimmer für eine Person ohne Einkommen wären zu viel. Er hatte damals schwere gesundheitliche Probleme, denn er nahm seit seinem 13. Lebensjahr Kokain. Ab diesem Zeitpunkt flüchtete er auch immer aus den Heimen und schlief überall dort, wo er einen Platz fand. Wurde die Sehnsucht nach seiner Mutter besonders groß, kam er nach Hause.

Bepackt mit nur zwei Plastiktüten musste er am Morgen im April 1986 die Wohnung endgültig verlassen. Die Nacht verbrachte er in der Notübernachtung in Mannheim. Dort wurde Brox bestohlen und besaß dann neben 20 Mark nur noch die Kleider, die er am Leib hatte. Anzeige bei der Polizei zu erstatten, wurde ihm verwehrt, da dies so oft vorkomme und es daher keine Aussicht auf Erfolg gäbe. Ebenso die Nachfrage beim Sozialamt um Hilfe- und Unterstützungsleistungen bezüglich seiner Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit blieb ohne Erfolg. Mehr als Notschlafplätze könnten sie ihm nicht anbieten, hieß es. Aufgrund dieses Unver­ständnisses für seine Situation brach Brox schließlich den Kontakt zum Sozialamt ab. Es dauerte 14 Tage bis er sich schließlich an eine Anlaufstelle für Obdachlose wandte, um sich mit Kleidung und einem Schlafsack zu versorgen. Drei Monate danach meldete er sich bei Familie Müller, seiner Pflegefamilie aus der Kindheit. Sie nahmen ihn auf, gaben ihm zu Essen und wuschen seine Kleidung, doch nach dem Frühstück am nächsten Morgen verließ er sie wieder. Dauerhaft bei Familie Müller unterzukommen, war für ihn keine Option.

Nach einiger Zeit kam er wieder in einer Notschlafstelle unter. Voraussetzung hierfür war allerdings die Ableistung eines Arbeitsdienstes, wofür Brox 5 Mark am Tag bekam. Zudem wurde er hin und wieder an den Hafen vermittelt, wo er sich für Tätigkeiten 15-20 Mark dazuverdienen konnte. Allerdings gewährte das Sozialamt, neben dem Tagessatz von 15 Mark den Obdachlosen diesen Zuverdienst nur viermal im Monat. Wegen eines Zwischenfalls in der Notunterkunft mit einem Amtsträger wurde Brox der Tagessatz für drei Monate auf 10 Mark gekürzt, weshalb er betteln gehen musste. Sich Zuflucht in den Notschlafstellen zu suchen, vermied er ab diesem Zeitpunkt so oft es ging. Die dort herrschende Gewalt und Aggression belaste­ten ihn seelisch in hohem Maße. Ihm fehlte der Rückzug ins Eigene und er war geplagt von Angst vor der ständigen Bedrohung und dergewalttätigen Realität. 1988 schließlich meinte es das Leben kurz gut mit Brox, die Stadtverwaltung gewährte ihm endlich eine kleine Wohnung. Jedoch nur befristet, sechs Monate durfte er dortbleiben. Diese sollte er dafür nutzen, um den Absprung in ein neues Leben zu schaffen. In dieser Zeit begegnete Brox der Nachbarin Frau Raufelder, die sich liebevoll um ihn kümmerte und ihn versorgte. Rückblickend stellt Brox fest, dass er ohne die Unterstüt­zung von ihr und auch seiner Pflegefamilie nicht überlebt hätte. Sein Drogenproblem bekam er in den sechs Monaten jedoch nicht in den Griff, seine Tage verbrachte er damit, mit Drogen zu dealen und sie selbst zu konsumieren. Nach dem Ablauf der Zeit musste er die von der Stadt gezahlte Wohnung verlassen. Er wurde in einem Männerheim untergebracht. Die Zustände dort waren noch schlimmer, als in seiner ersten Unter­kunft und die Aufsicht führte derselbe Amtsträger, der ihm seinerzeit den Tagessatz gekürzt hatte.

Im Jahre 1989 begab sich der 27-jährige Brox dann schließlich in Langzeittherapie, welche ihm half, von den Drogen wegzukommen. 1990 wurde er entlassen. Er zog in eine Wohngruppe für ehemals Drogenabhängige. Im Herbst 1992 verließ er schließlich Mannheim, ohne Schulabschluss und ohne Lehre, aber auch ohne Dro­gen und Alkohol, doch mit einem Plan, Brox wollte Berber werden (Brox, 2021, S. 17-53).

Wie eingangs schon erwähnt, lebte er knapp 30 Jahre lang auf der Straße, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch und fand immer wieder Platz in Notschlafstellen oder bei hilfsbereiten Menschen, die ihn für eine Zeit lang bei sich aufnahmen. Während seiner Zeit auf der Straße richtete er sich mit Hilfe eine Website ein und berichtete in einem Blog über die Missstände in den Unterkünften für Obdachlose. Günter Wallraff, der durch Brox' Internetauftritt auf ihn aufmerksam wurde, und Dirk Kästel besorgten ihm im September 2013 schließ­lich eine Wohnung und Brox schaffte somit den Schritt aus der Obdachlosigkeit (Brox, 2021, S. 261-266).

Auf die detaillierte Schilderung der Lebensgeschichte nach dem 27. Lebensjahr wird im Rahmen dieser Arbeit verzichtet, da der Fokus auf Minderjährigen und jungen Erwachsenen liegt. In seiner Biografie berichtet Richard Brox immer wieder von negativen Erfahrungen mit Amtsträgern in den Notunterkünften. Die Zustände dort waren teils menschenunwürdig, den Obdachlosen wurde das Gefühl vermittelt, sie seien nichts wert und verdienen daher auch nichts Besseres. Ausschlaggebender Grund, warum Brox das Vertrauen in das Hilfesystem verloren hatte, war die Tatsache, dass der Sozialamtsmitarbeiter bei der Räumung seiner Wohnung völlig willkürlich gehandelt hatte (Brox, 2021, S. 21).

Der vorgestellte Fall zeigt deutlich, wie ein junger Mensch vom Hilfesystem entkoppelt wurde und wie ihm dadurch der Zugang zu Bildung verwehrt geblieben ist. Auf Grund von fehlender Toleranz und Hilfsbereit­schaft seitens des Sozialamtes mündete das Entkoppelt-Sein in einem 30 Jahre langen Leben auf der Straße. Ferner wird die Methode der Straßensozialarbeit näher beleuchtet und versucht, eine Antwort auf die Frage zu geben, was Sozialarbeiterinnen tun können, um Minderjährige bzw. junge Erwachsene vor der Obdach­losigkeit und Wohnungslosigkeit zu schützen und wo die Grenzen der Methode liegen.

3 Die Methode der Straßensozialarbeit

Neben dem Begriff der Straßensozialarbeit und seinem englischen Pendant Streetwork finden sich in der Fachliteratur weitere Fachausdrücke wie Jugend- und Sozialarbeit, Gassenarbeit oder mobile Jugendarbeit. Im Fokus steht dabei der Lebensraum der Klientinnen als Ort des Hilfeprozesses. Kurt Gref definiert Straßensozialarbeit 1995 wie folgt:

"Streetwork bezeichnet eine methodische Vorgehensweise innerhalb verschiedener Praxisfelder der Jugend- und Sozialarbeit. Streetwork ist eine Kontaktform im Sinne aufsuchender Arbeit. Streetworkerinnen arbeiten nicht (nur) in den Räumen einer Institution, sondern begeben sich (auch) in das unmittelbare Lebensumfeld ihrer Zielgruppe, indem sie deren informelle Treffpunkte aufsuchen: Straßenecken, Szenetreffs, Parks, öf­fentliche Plätze, Ladenpassagen, Fußgängerzonen, Spiel- und Bolzplätze, Schulhöfe, Kneipen, Discos, Spielcenter sowie teilweise auch Privaträume und Wohnungen (Gref, 1995 zitiert nach Galuske, 2013, S. 291)."

Anhand dieser Definition wird deutlich, dass die Sozialarbeiterinnen ihren Lebensraum verlassen, den ihrer Klientel betreten, um Kontakt aufbauen zu können. Die Logik des Handelns innerhalb eines institutionellen Raumes findet in der Straßensozialarbeit oftmals keine Anwendung. Situations- und personenangemessenes Handeln wird gefordert.

Den geschichtlichen Ursprung hat die Straßensozialarbeit in den USA. Entstanden ist sie aus dem Umgang mit randständischen, stigmatisierten Jugendgruppen. In den 1960er und 1970er Jahren entwickelten sich zwei gegensätzliche Modelle, das Transformations- und das Abschreckungsmodell. Bei ersterem wurde das Ziel verfolgt, die gefährdeten oder gefährlichen Jugendlichen zu verändern. Die ihnen zugeteilten Straßen- sozialarbeiteninnen (gang worker) versuchten, die randständische Jugendbanden zu einer zivilisierten, in der Gesellschaft akzeptierten sozialen Gruppe von Jugendlichen zu transformieren. Aufgrund von zu geringem Erfolg wurde dieses Modell durch das Abschreckungsmodell abgelöst. Geprägt von Überwachungs- und Kon­trollmechanismen strebte man nach einer starken Sichtbarkeit und Präsenz auf der Straße, um gebietsbezo­gen arbeiten zu können. Man konzentrierte sich auf Gewaltäußerungen und versuchte bei Konflikten zwi­schen den Jugendbanden zu vermitteln. Bereits Anfang der 1960er Jahre ließen sich Ansätze der Jugend- und Sozialarbeit in Deutschland erkennen, welche aber erst in den 1970er Jahren verstärkt und durch Projekt­gründungen gefestigt wurden. Eine entscheidende Rolle spielte dabei die Fachdiskussion ab Mitte der 1980er Jahre, welche die Straßensozialarbeit als alltags- und lebensweltorientierte Methode vorstellte. Aufgabe der Straßensozialarbeiteninnen ist es daher, die Orte aufzusuchen, in denen die Problemgruppen leben und eine vertrauensvolle Beziehung herzustellen, um entsprechende Interventionsmöglichkeiten anbieten zu können (Galuske, 2013, S. 293f.).

In den 1990er Jahren wurde dann die Debatte um "Straßenkinder", das sind junge Menschen, die keinen festen Wohnsitz haben oder sich nicht auf Dauer dort aufhalten, laut. Diese ging mit einer großen For­schungstätigkeit einher, allerdings wurde es danach wieder ruhig um das Thema, obwohl sich sowohl öffent­liche als auch freie Träger der Jugendhilfe der Aufgabe annahmen, Angebote zu entwickeln und aufrechtzu­erhalten, um diese Zielgruppe zu unterstützen. Mit Hilfe verschiedener Studien des Deutschen Jugendinsti­tuts (DJI) konnte festgestellt werden, dass die Mehrheit, der auf der Straße lebenden jungen Menschen voll­jährig ist. Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist, wo die Straßenjugendlichen leben. Anhand der DJI-Studien hat sich gezeigt, dass ein Drittel obdachlos und zwei Drittel wohnungslos sind (Beierle & Hoch, 2019, S. 313 f.). Obdachlosigkeit bedeutet eine Wohnsituation im öffentlichen Raum, zum Beispiel unter Brü­cken, in Eingangsräumen von Banken oder in Bahnhofshallen, aber auch das Nächtigen in Notunterkünften, wie Notschlafstellen und Wärmestuben. Abzugrenzen hiervon sind wohnungslose Personen, die für eine bestimmte Dauer in Einrichtungen untergebracht sind, weil sie durch besondere Umstände ihre Wohnung verloren haben (Beierle & Hoch, 2019, S. 317).

Eine genau Anzahl von Jugendlichen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind, kann nicht ausgemacht wer­den, da sich diese oft von Hilfesystemen fernhalten und aufgrund von Restriktionen aus dem öffentlichen Raum getrieben werden. Diese Verhaltensweise der Jugendlichen kann mit Hilfe von Befragungen darauf zurückgeführt werden, dass sie in der Institution der Jugendhilfe nicht die richtige Instanz sehen, die ihnen in ihrer Situation angemessen helfen könnte (Beierle & Hoch, 2019, S. 314). Starke Reglementierung gekop­pelt an Strafsysteme stellen Defizite im Hilfesystem der Heimerziehung nach Meinung der Jugendlichen dar (Clark, 2019, S. 92). Die Vertreibung aus dem öffentlichen Raum führt dazu, dass sich Straßenjugendliche nun mehr in den privaten oder teil-öffentlichen Räumen aufhalten. Grund dafür ist die fortschreitende Vernet­zung, denn die Vermittlung von Schlafplätzen, aber auch Geschäfte mit Drogen oder Prostitution können vorwiegend online abgewickelt werden. Im ersten Moment klingt die Feststellung, dass Jugendliche nicht ohne jegliches Obdach überleben müssen, beruhigend. Doch sieht man genauer hin, erkennt man, dass diese Unterkünfte gepaart sind mit Beziehungen, die von einem fließenden Übergang zwischen Freund:in und Freieren definiert werden (Beierle & Hoch, 2019, S. 314). Angebote der Straßensozialarbeit können nun hel­fen das Überleben der Jugendlichen zu sichern und zu einer Veränderung ihrer Lebenslage beizutragen. Prob­lematisch dabei ist, dass junge Menschen nur eingeschränkten Zugang zu Obdach haben. Reguläre Notschlaf­stellen sind oft nur volljährigen Personen vorenthalten, wohingegen Minderjährige gern. § 8a SGB VIII (SGB VIII, 2022, § 8a) durch die Jugendämter in Obhut genommen werden sollten.

Die Kommunen in Deutschland reagieren unterschiedlich auf diese Bestimmungen, wodurch sich der Ausbau eines gut sichtbaren Netzes von Notschlafstellen fürjunge Menschen schwierig gestaltet.

Kern der Straßensozialarbeit ist es, den Jugendlichen zu einem würdevollen Leben mit Zugang zu den Berei­chen Bildung und Gesundheit zu verhelfen, in einer ihnen entsprechenden, förderlichen Unterkunft. Dabei scheint es wenig sinnvoll, die Unterbringung in tagesstrukturierenden Wohngruppen oder Einrichtungen der Heimerziehung zu priorisieren, vielmehr bedarf es neuer Lösungsversuche, die sich die fremdbestimmenden Präventions- und Interventionsmaßnahmen zum Thema machen, die Teil des Problems des Entkoppelt-Seins junger Menschen sind. Einen Lösungsansatz könnte dabei das Housing First Konzept aus den USA bilden, welches im nachfolgenden Kapitel näher erläutert wird (Clark, 2019, S. 92 f.).

3.1 Das Housing First - Konzept

Das Housing First - Konzept, kurz HF wurde in den USA im Bereich der Wohnungslosenhilfe entwickelt. Kern­anliegen dieses Ansatzes ist es, Wohnraum zu schaffen, der den Menschen, ohne an Konditionen gebunden zu sein, zur Verfügung steht. Grundargumente, die bei der Entwicklung des Housing First-Konzeptes eine wichtige Rolle spielten, sind einerseits das volkswirtschaftliche Argument der hohen Folgekosten von Woh- nungslosigkeit und andererseits das humanistische Argument der grundlegenden Menschenrechte. Kritiker dieses Ansatzes sprechen davon, dass die Menschen erst zum Wohnen befähigt werden müssten. Dem steht gegenüber, dass sich gesundheitliche und psychische Probleme verstärken, je länger die Wohnungslosigkeit andauert. Minderjährigkeit führt jedoch zum Ausschluss aus den HF-Programmen, da diese ebenfalls mit den Kinder- und Jugendhilfebestimmungen kollidieren, die eine Inobhutnahme vorsehen. Kinder unter 18 Jahren nicht in Betracht zu ziehen, steht der Tatsache gegenüber, dass es Kinder gibt, welche mit Einrichtungen der Heimerziehung nicht kompatibel sind und sich deshalb den restriktiven Erziehungsmethoden entziehen. In Deutschland wurden bereits erste HF-Programme für Erwachsene gestartet, während im internationalen Kontext versucht wird, das Konzept auf Kinder- und Jugendliche zu adaptieren.

In Kanada stellt der Ansatz Housing First for Youth junge Menschen zwischen 13 und 25 Jahren in den Mittel­punkt, um ihnen bedingungslos Wohnraum anzubieten. Abstinenz oder Schulbesuche sind dabei keine Zugangsvoraussetzungen, wohingegen das wöchentliche Treffen mit Straßensozialarbeiteninnen zu einer Verpflichtung wird. Die bisher vorliegenden Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass der Ansatz Housing First for Youth einem großen Anteil von jungen Menschen zu stabilen Wohnverhältnissen verhilft, aber auch, dass ein Scheitern an individuellen und institutionellen Anforderungen folgen kann. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Konzept an die Multiproblemlagen der Individuen angepasst werden muss und dass Housing/Zrst nicht mit Housing only zu verwechseln ist (Clark, 2019, S. 93 f.). Welche weiteren Forderungen der Jugendlichen durch den Begriff des HF laut wurden, zeigt sich im nächsten Kapitel anhand der Interes­sensvertretung MOMO -The Voice of Disconnected Youth.

3.2 MOMO - The Voice of Disconnected Youth

Wie sich bei der Beschreibung des vorangegangenen Konzeptes gezeigt hat, ist der Zugang zu Wohnraum für junge Menschen nicht ganz bedingungslos. Sie müssen in ein niederschwelliges pädagogisches Betreuungs­verhältnis durch Sozialarbeiterinnen einstimmen, um wohnraumberechtigt zu werden. Diesem Ansatz steht die Interessensvertretung MOMO kritisch gegenüber, die zudem die Zielgruppe auf Kinder- und Jugendliche ausgeweitet sehen möchte. Sie fordert, dass die Unterbringung junger Menschen abgetrennt ist von vorde­finierten Maßnahmen der Jugendhilfe. Inwieweit ein Jugendlicher bedroht ist, liegt vorerst in seinem Ermes­sen. Das bedeutet im Falle einer Inobhutnahme konkret, dass die Problemdefinition dem jungen Menschen obliegt und die Einleitung einer Hilfe zur Erziehung nicht unabdingbar für die Vergabe einer Wohnung ist. Dies schließt nicht die Inanspruchnahme erzieherischer Hilfen aus, sondern lediglich diese als Bedingung vorauszusetzen. Gleichzeitig bedarf das in Anspruch nehmen unterschiedlicher Formen der Kinder- und Jugendhilfe einer vermittelnden Instanz, die hilft, die institutionellen und personellen Hürden des Antrags­und Genehmigungsprozesses zu meistern und bedarfsgerecht zu handeln.

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Details

Titel
Die Schattenseite der Straßensozialarbeit. Grenzen der Methode und Folgen für die Berufsgruppe
Untertitel
Selbstfürsorge. Das Licht im Dunkeln für die Straßensozialarbeiter:innen
Hochschule
Internationale Fachhochschule Bad Honnef - Bonn
Note
1,3
Jahr
2022
Seiten
16
Katalognummer
V1191962
ISBN (Buch)
9783346630971
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schattenseite, straßensozialarbeit, grenzen, methode, folgen, berufsgruppe, selbstfürsorge, licht, dunkeln, straßensozialarbeiter
Arbeit zitieren
Anonym, 2022, Die Schattenseite der Straßensozialarbeit. Grenzen der Methode und Folgen für die Berufsgruppe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1191962

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