Diese Hausarbeit betrachtet Heinrich von Kleists Novelle 'Die Verlobung in St. Domingo' durch eine postkoloniale Brille sucht sowohl Parallelen als auch Widersprüche zwischen den Darstellungen antikolonialen Widerstands Kleists und Frantz Fanons.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Kleists Perspektive auf den haitianischen Sklav*innenaufstand
Hautfarbe und Entfremdung im Fanonschen Sinne
Gewalt und antikolonialer Widerstand
Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Subjektivität, Entfremdung und antikolonialem Widerstand in Heinrich von Kleists Novelle Die Verlobung in St. Domingo durch eine theoretische Linse, die auf den postkolonialen Analysen von Frantz Fanon basiert. Ziel ist es, die eurozentrische Perspektive des Autors kritisch von Fanons Konzepten der Dekolonisation und der psychischen Entfremdung abzugrenzen.
- Vergleich eurozentrischer und postkolonialer Perspektiven auf den haitianischen Sklavenaufstand.
- Analyse von Hautfarbe und psychischer Entfremdung bei der Figur Toni.
- Untersuchung der Bedeutung von Gewalt als Mittel der Dekolonisation.
- Reflexion über die Darstellung des antikolonialen Widerstands und individueller Rachemotive.
Auszug aus dem Buch
Hautfarbe und Entfremdung im Fanonschen Sinne
In der Verlobung wird deutlich, dass die Opposition der races konstitutiv ist für alle zwischenmenschlichen und politischen Beziehungen im kolonialen Kontext. Kein Dialog, keine Interaktion kann betrachtet werden ohne Rassifizierungen zu berücksichtigen. Es ist bezeichnend, dass die erste Kommunikation, die in der Erzählung stattfindet, die Hautfarbe der Gesprächspartnerin zum Thema hat: „seid ihr eine N******?“ fragt Gustav van der Ried, als er an die hintere Tür des Hauses klopft, in dem sich Babekan und ihre Tochter Toni aufhalten. Anvertrauen kann sich Gustav der Hausherrin nur deshalb, weil er in der Gesichtsfarbe der „Mulattin“ ihre europäische Abstammung zu erkennen meint.
Der Begriff der Entfremdung ist für Fanon untrennbar mit der Hautfarbe verknüpft. In Schwarze Haut, weiße Masken zeigt er, wie die Literatur Schwarzer Schriftsteller*innen die vertriebene Identität von Kolonisierten ausdrückt. In Abdoulaye Sadjis Roman Nini, mulâtresse du Sénégal, so Fanon, „gibt es zunächst die N****** und die Mulattin. Die Erstere hat nur eine Möglichkeit und einen Gedanken: weiß zu werden. Die Zweite will nicht nur weiß werden, sondern auch verhindern, zu regredieren. Denn was ist unlogischer als eine Mulattin, die einen Schwarzen heiratet? Man muss es ein für allemal begreifen: es geht darum, die Rasse zu retten.“ Eine ähnliche Analyse läßt sich auch für die „Mestizin“ Toni in der Verlobung anstellen, die sich, um Fanons Metapher zu bemühen, eine weiße Maske aufsetzt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Diese Einleitung stellt die beiden Autoren Kleist und Fanon gegenüber und erläutert, warum eine kritische Rezeption von Kleists Novelle im Kontext der postkolonialen Ideen Fanons einen lohnenswerten wissenschaftlichen Ansatz bietet.
Kleists Perspektive auf den haitianischen Sklav*innenaufstand: Das Kapitel analysiert, wie Kleist den Befreiungskampf der Sklaven durch den europäischen diskursiven Rahmen als „Mord“ stigmatisiert und damit die Legitimität des nationalen Widerstands negiert.
Hautfarbe und Entfremdung im Fanonschen Sinne: Hier wird untersucht, wie die psychische Entfremdung der Figur Toni durch rassistische Konstruktionen von Hautfarbe und Identität geprägt ist, wobei Fanons Theorie der „weißen Maske“ zur Anwendung kommt.
Gewalt und antikolonialer Widerstand: Dieses Kapitel vergleicht Kleists Darstellung gewaltsamen Widerstands als bloße „Rache“ mit Fanons Konzept der Dekolonisation als emanzipatorischem Prozess, der Subjektivität erst ermöglicht.
Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Kleists eurozentrische Sichtweise und Fanons postkoloniale Analysen zwar in unterschiedlichen Epochen entstanden sind, ihre gemeinsame Betrachtung jedoch ein komplexeres Verständnis des haitianischen Aufstands ermöglicht.
Schlüsselwörter
Postkolonialismus, Heinrich von Kleist, Frantz Fanon, Die Verlobung in St. Domingo, Subjektivität, Entfremdung, Dekolonisation, haitianischer Sklavenaufstand, Rassismus, Gewalt, Identität, Widerstand, eurozentrische Sichtweise, Kolonialismus, Hautfarbe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von kolonisierten Subjekten und antikolonialem Widerstand in Heinrich von Kleists Erzählung Die Verlobung in St. Domingo unter Rückgriff auf die Theorien von Frantz Fanon.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind die Rolle von Gewalt, das Konzept der psychischen Entfremdung, rassistische Fremdwahrnehmungen sowie die Frage nach politischer Subjektivität im kolonialen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Kleists Darstellung des haitianischen Sklavenaufstands durch die theoretische Brille von Fanon zu kritisieren und die Divergenzen zwischen eurozentrischer Sichtweise und antikolonialem Befreiungsdenken aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die komparative Methoden anwendet, um Kleists Novelle mit postkolonialen Werken wie Schwarze Haut, weiße Masken und Die Verdammten dieser Erde in Dialog zu bringen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kleists kolonialem Blick, die Analyse der psychischen Entfremdung der Figur Toni und die kritische Auseinandersetzung mit Gewalt als Mittel des Widerstands.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Begriffen zählen Postkolonialismus, Entfremdung, Dekolonisation, Identität und Widerstand.
Wie bewertet der Autor die Rolle von Gewalt in der Novelle im Vergleich zu Fanon?
Während Fanon Gewalt als notwendiges, therapeutisches Mittel zur Wiedererlangung von Subjektivität sieht, deutet Kleist den Widerstand der Aufständischen lediglich als irrationale Rache und individuelle Barbarei um.
Inwiefern scheitert die Kommunikation zwischen Toni und Gustav laut der Analyse?
Die Kommunikation scheitert, da Gustav Toni aufgrund seiner eurozentrischen Kolonialphantasien nicht als autonomes Subjekt wahrnimmt, sondern sie in das Raster der „heiligen Weißen“ oder der „verruchten Schwarzen“ zwingt.
- Arbeit zitieren
- Leon Maack (Autor:in), 2020, Kleist und Fanon. Zwei Perspektiven auf Subjektivität im kolonialen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192040