Kleist und Fanon. Zwei Perspektiven auf Subjektivität im kolonialen Kontext

Entfremdung und antikolonialer Widerstand in Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo"


Hausarbeit, 2020

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

Einleitung

Kleists Perspektive auf den haitianischen Sklav*innenaufstand

Hautfarbe und Entfremdung im Fanonschen Sinne

Gewalt und antikolonialer Widerstand

Fazit

Bibliographie

Einleitung

Mehr als 140 Jahre und die Ausbreitung europäischer Kolonialherrschaft auf beinahe den gesamten Globus1 sowie diverse Unabhängigkeitsbestrebungen kolonialisierter Völker als Antwort auf den westlichen Imperialismus liegen zwischen den Veröffentlichungen von Heinrich von Kleists Erzählung Die Verlobung in St. Domingo (1811) und Frantz Fanons erstem wichtigen Text Schwarze Haut, weiße Masken (1952), der ihn als einen der prägendsten Denkerinnen des Post- und Antikolonialismus ankündigte. Perspektive und Herkunft der beiden Autoren könnten unterschiedlicher kaum sein, und dennoch treffen viele der Analysen zum kolonisierten Subjekt und dessen Widerstand gegen den kolonialen Potentaten, die Fanon in seinen Hauptwerken Schwarze Haut, weiße Masken und Die Verdammten dieser Erde anstellt, auf die Charaktere in Kleists Novelle zu.

Die Verlobung in St. Domingo ist in die koloniale Situation, die „Urszene des Fanon’schen Denkens“,2 eingebettet, welche Kleist selbst jedoch nie gesehen und erlebt hat; sein Blick auf den Kolonialismus und den haitianischen Sklavenaufstand war zwangsläufig vom medialen und diskursiven Rahmen in Europa geprägt.3 Fanon hingegen wurde auf Martinique, damals noch französische Kolonie, geboren und hat als Schwarzer Mann in Europa nicht nur persönlich Rassismus, sondern als Teil der Nationalen Befreiungsfront in Algerien auch den Unabhängigkeitskampf gegen die französische Kolonialmacht erlebt. Kleist war, der Bedeutung von Patriotismus, nationaler Identität und antihegemonialem, speziell antifranzösischem Widerstand in seinem literarischen Schaffen zum Trotz, sicher „kein Frantz Fanon, kein antikolonialer Intellektueller avant la lettre.4 Aber gerade ihre Differenzen sowohl in Biographie, Geographie und zeithistorischem Kontext, als auch ihre Postionen in der kolonialen Matrix machen eine kritische Rezeption von Kleists Verlobung in Bezug auf die Ideen Fanons lohnenswert.

Kleists Perspektive auf den haitianischen Sklav*innenaufstand

Die Verlobung in St. Domingo findet in der Schlussphase des haitianischen Sklavenaufstands statt, „zu Anfange [des 19.] Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weißen ermordeten“.5 Dieser Dysphemismus, die Bezeichnung des Befreiungskampfes der Schwarzen Sklaven als „Mord“, ist nicht alternativlos. Inspiriert von der 1789 von der französischen Nationalversammlung proklamierten Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, welche sich auf eine allgemein menschliche Natur stützte und den Menschen als politisches Wesen begriff, dessen Zugehörigkeit zur Nation „der grundlegende Ausdruck seiner Souveränität“ sei,6 forderten die Aufständischen Haitis lediglich ein, was ihnen nach dem Verständnis der französischen Revolutionärinnen rechtmäßig zustand. Toussaint Louverture, Protagonist des haitianischen Unabhängigkeitsbestrebens, der im Gegensatz zu seinem Nachfolger Dessalines keine Erwähnung findet in Kleists Erzählung, konnte die Werte der Aufklärung vollständig verinnerlichen7 und so den Unabhängigkeitskampf seiner Nation auf Basis europäischer Ideen führen. Er zeigte, dass ebendieser vermeintlich universelle Humanismus Europas, den Fanons Lehrer Aime Cesaire als einen „Pseudohumanismus“ bezeichnete,8 in Wahrheit ein partikulares, rassistisches und den Europäerinnen vorbehaltenes Ideal war. Retrospektiv werden Toussaint Louverture mitunter als „Freiheitsheld“9 und der Sklavenaufstand als eine „großartige Erzählung von Aufklärung und Emanzipation“10 bezeichnet — dieses Bild vom bewundernswerten und vor allem legitimen nationalen Widerstand wird in Kleists Erzählung nicht übermittelt. Edward W. Said hat den europäischen Roman des 19. Jahrhunderts als kulturelle Form, welche die Autorität des status quo konsolidiert, bezeichnet.11 Dieser Vorwurf mag auch auf Kleists vorliegende Novelle zutreffen, denn obwohl eigentlich ein „Dichter des Widerstands par excellence“,11 ist Kleists Verlobung kein Lobgesang auf die unterdrückten Aufständischen, die unter Einsatz ihres Lebens Freiheit, nationale Unabhängigkeit und Menschenrechte einfordern. Ob dies den äußeren Umständen unter der napoleonischen Besetzung Preußens, persönlichem Rassismus oder aber der Tatsache, dass Kleist, geprägt vom europäischen Diskurs seiner Zeit, notwendigerweise in allem was er über Schwarze Sklav*innen in den Überseekolonien sagen oder denken konnte ein Rassist gewesen sein musste12 geschuldet war, lässt sich nicht abschließend ermitteln. Es bleibt festzustellen, dass Kleist eine fundamental andere Perspektive auf die Ereignisse auf Haiti hatte als Fanon beinahe anderthalb Jahrhunderte später, dem die Vorreiterrolle des Inselstaats als erste Schwarze Republik im Dekolonisationsprozess, den Fanon so leidenschaftlich vorantrieb, bewusst war. Diese Differenzen in ihren Postionen spiegeln sich auch in den Texten der beiden Autoren wider.

Hautfarbe und Entfremdung im Fanonschen Sinne

In der Verlobung wird deutlich, dass die Opposition der races konstitutiv ist für alle zwischenmenschlichen und politischen Beziehungen im kolonialen Kontext.13 14 Kein Dialog, keine Interaktion kann betrachtet werden ohne Rassifizierungen zu berücksichtigen. Es ist bezeichnend, dass die erste Kommunikation, die in der Erzählung stattfindet, die Hautfarbe der Gesprächspartnerin zum Thema hat: „seid ihr eine N******?“15 fragt Gustav van der Ried, als er an die hintere Tür des Hauses klopft, in dem sich Babekan und ihre Tochter Toni aufhalten. Anvertrauen kann sich Gustav der Hausherrin nur deshalb, weil er in der Gesichtsfarbe der „Mulattin“ ihre europäische Abstammung zu erkennen meint.16

Der Begriff der Entfremdung ist für Fanon untrennbar mit der Hautfarbe verknüpft. In Schwarze Haut, weiße Masken zeigt er, wie die Literatur Schwarzer Schriftstellerinnen die vertriebene Identität von Kolonisierten ausdrückt. In Abdoulaye Sadjis Roman Nini, mulatresse du Senegal, so Fanon, „gibt es zunächst die n****** und die Mulattin. Die Erstere hat nur eine Möglichkeit und einen Gedanken: weiß zu werden. Die Zweite will nicht nur weiß werden, sondern auch verhindern, zu regredieren. Denn was ist unlogischer als eine Mulattin, die einen Schwarzen heiratet? Man muss es ein für allemal begreifen: es geht darum, die Rasse zu retten.“15 Eine ähnliche Analyse läßt sich auch für die „Mestizin“ Toni in der Verlobung anstellen, die sich, um Fanons Metapher zu bemühen, eine weiße Maske aufsetzt.

Schon am Abend ihrer Begegnung fragt Gustav van der Ried Toni „ob es vielleicht ein Weißer sein müsse, der ihre Gunst davon tragen solle?“,16 woraufhin „sie sich plötzlich, nach einem flüchtigen träumerischen Bedenken, unter einem überaus reizenden Erröten, das über ihr verbranntes Gesicht aufloderte, an seine Brust“17 legte. Auch wenn Toni in dieser Szene keine eindeutige Antwort auf Gustavs Frage gibt, scheint Gustav das zu erahnen, was Fanon später das „Problem der psychischen Entfremdung des Schwarzen“18 nennen wird. Grundlegend für diese psychische Entfremdung des Schwarzen ist eine imaginierte Skala der Hautfarben, konstruiert vom weißen Kolonialherren, die einer Hierarchie entspricht, auf welcher der eigene Nachwuchs voranschreiten kann, sofern deren Hautton heller ist als der der Elterngeneration. Voraussetzung hierfür ist, dass sich die rassistischen Vorstellungen der europäischen Kolonialisten auch auf das Selbstbild der Schwarzen Kolonisierten auswirken. Tonis Schwarze Haut symbolisiert im „kollektiven Unterbewusstsein des homo occidentalis [...] das Böse, die Sünde, das Elend, den Tod, den Krieg, den Hunger“21, und als Antillanerin, aufgewachsen und sozialisiert in einem auf Rassismus beruhenden System, teilt Toni das kollektive Unbewusste der Europäerinnen und lernt, ihre eigene Identität mit diesen negativen Konnotationen gleichzusetzen. Nach Fanon hindert dieser Teil der Kultur des Kolonialismus die Kolonisierten daran, ein unabhängiges Identitätsgefühl zu entwickeln, was sich wiederum auf ihre psychologische Entwicklung auswirkt. Da Schwarzsein mit untermenschlich gleichgesetzt wird, können sie sich nicht als Schwarz identifizieren; darin liegt die Wurzel ihrer Entfremdung.19 Die Entfremdung der Figur Toni wird zum Ende der Verlobung am deutlichsten, als sie Congo Hoango und ihrer Mutter erklärt: „ich habe euch nicht verraten; ich bin eine Weiße, und dem Jüngling, den ihr gefangen haltet, verlobt; ich gehöre zu dem Geschlecht derer; mit denen ihr im offenen Krieg liegt“.20 Die Bestimmung ihrer eigenen Identität als Weiße scheint hier an ihre Verlobung mit Gustav gekoppelt zu sein.

Ob es sich in der Beziehung von Toni und Gustav tatsächlich um Liebe handelt, sei dahingestellt. Fanon jedenfalls erachtet authentische Liebe zwischen einer Schwarzen Frau und einem weißen Mann als unmöglich, solange „jenes Minderwertigkeitsgefühl oder jede Adler’sche Überhöhung, jene Überkompensation nicht ausgerottet sind, die das Kennzeichen der schwarzen Weltanschauung zu sein scheinen.“21 Nach der Fanonschen Lesart wäre die Beziehung der beiden wohl eher auf sexuelles Begehren oder nüchternen Pragmatismus als auf romantische Liebe zurückzuführen: Gustav meint zwar, „er hätte, bis auf die Farbe, die ihm anstößig war, schwören mögen, daß er nie etwas schöneres [als Toni] gesehen“22 und plant „sie als sein treues Weib mit sich nach Europa [zu] führen“,23 ist womöglich aber nur bezirzt durch ihre „junge liebliche Gestalt“.24 Als Tochter eines reichen Marseiller Kaufmanns geht ihre Attraktivität für Gustav noch über ihren als Schwarze Frau hypersexualisierten Körper25 hinaus, sei sie doch „in diesem Falle ein vornehmes und reiches Mädchen“.26 Für authentische Gefühle seitens Gustav spricht hingegen der Umstand, dass Toni ihn an seine verstorbene Verlobte, „die treuste Seele unter der Sonne“,30 erinnert und er ihr das kleine goldene Kreuz, das er einst von seiner Verlobten bekam, als Brautgeschenk um den Hals

[...]


1 Vgl. Said, Edward W: Orientalism (S.41) Während 1815 ungefähr 35% der Erdoberfläche unter direkter europäischer Kolonialherrschaft standen, waren es 1914 ungefähr 85%.

2 Mbembe, Achille: Kritik der schwarzen Vernunft (S.306).

3 Vgl. D’Aprile, Iwan-Michelangelo: „St. Domingo, die Achse des großen politischen Schwungrades von Europa“. Haiti und die Globalisierung des politischen Diskurses in Preußen um 1800.

4 Lützeler, Paul Michael: Napoleons Kolonialtraum und Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ (S.32).

5 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo (S.9).

6 Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst (S.163).

7 Said, Edward W: Culture and Imperialism (S.246).

8 Cesaire, Aime: Über den Kolonialismus (S.29).

9 Ebd. (S.19).

10 Said, Edward W: Culture and Imperialism (S.251).

11 Lützeler, Paul Michael: Napoleons Kolonialtraum und Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ (S.7).

12 Vgl. Said, Edward W: Orientalism (S.204) Was Said über den Orientalismus schreibt, trifft genauso auf das Bild der Europäerinnen von Schwarzen Sklavinnen in Westindien zu: „Orientalism [for any European during the ninetieth century] was [...] a system of truths, truth in Nietzsche’s sense of the word. It is therefore correct that every European, in what he could say about the Orient, was consequently a racist, an imperialist, and almost totally ethnocentric.“

13 D’Aprile, Iwan-Michelangelo: „St. Domingo, die Achse des großen politischen Schwungrades von Europa“. Haiti und die Globalisierung des politischen Diskurses in Preußen um 1800 (S.118).

14 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo (S.13).

15 Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken (S.47).

16 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo (S.38-9).

17 Ebd.

18 Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken (S.43).

19 Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken (S.124-6).

20 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo (S.81).

21 Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken (S.38).

22 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo (S.37).

23 Ebd. (S.63).

24 Ebd. (S.16).

25 Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken (S.135).

26 Kleist, Heinrich von: Die Verlobung in St. Domingo (S.29) .

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kleist und Fanon. Zwei Perspektiven auf Subjektivität im kolonialen Kontext
Untertitel
Entfremdung und antikolonialer Widerstand in Heinrich von Kleists "Die Verlobung in St. Domingo"
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Einführung in die kulturwissenschaftliche Literaturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
14
Katalognummer
V1192040
ISBN (Buch)
9783346629197
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich von Kleist Frantz Fanon
Arbeit zitieren
Leon Maack (Autor:in), 2020, Kleist und Fanon. Zwei Perspektiven auf Subjektivität im kolonialen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192040

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