Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Hilfeplanung. Wie werden diese in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aus Sicht von Sozialarbeiter*innen implementiert?


Hausarbeit, 2022

40 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand
2.1 Rahmenbedingungen der Partizipation
2.1.1 Begriffliche Abgrenzung: Partizipation
2.1.2 Gesetzliche Regelungen zur Partizipation
2.1.3 Partizipationsmodell – Partizipationsleiter nach Petersen
2.2 Rahmenbedingungen der Hilfeplanung
2.3 Partizipation in der Hilfeplanung
2.3.1 § 36 SGB VIII – Mitwirkung und Hilfeplanung
2.3.2 Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung nach Wolff und Hartig

3 Empirische Forschungsergebnisse

4 Resümee

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhangsverzeichnis

Anhang 1 Schriftliche Befragung

Anhang 2 Schriftliche Befragung - Beantwortung Anonym 1

Anhang 3 Schriftliche Befragung - Beantwortung Anonym 2

Anhang 4 Schriftliche Befragung - Beantwortung Anonym 3

Anhang 5 Schriftliche Befragung - Beantwortung Anonym 4

1 Einleitung

Partizipation, Teilhabe, Beteiligung sind Begriffe, welche durch die Einführung des Achten Sozialgesetzbuches (SGB VIII) und die Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) in allen Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe an Bedeutung gewonnen haben. So sollen Jugendliche nach § 8 SGB VIII „entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen beteiligt werden“. Auch innerhalb der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung ist der Begriff Partizipation im Konzept „Partizipation und Beschwerdemanagement“ verankert. Deshalb soll mit dieser Praxisarbeit der folgenden Frage nachgegangen werden: ‚Wie gestalten sich die Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Hilfeplanung und wie werden diese in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aus Sicht der Sozialarbeiter*innen implementiert?‘

Damit die Forschungsfrage beantwortet werden kann, wurde eine qualitative halbstrukturierte schriftliche Befragung als empirische Forschungsmethode herangezogen. Bei dieser Methode kam ein halbstandardisierter elektronischer Fragebogen zum Einsatz. Er besteht aus einer Liste offener Fragen, die von den befragten Sozialarbeiter*innen in eigenen Worten zu beantworten sind, wodurch die Antworten umfangreicher und komplexer gestaltet werden können. Des Weiteren können sich dadurch genauere Begründungen und Beschreibungen, zu den Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung und deren Implementierung, ergeben. Die qualitative halbstrukturierte schriftliche Befragung wurde dabei von vier Sozialarbeiter*innen (Anonym 1-4) der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung beantwortet.

Der Aufbau dieser Arbeit gliedert sich in verschiedene Kapitel und Unterkapitel. Innerhalb der ersten Kapitel bezieht sich die Praxisarbeit auf die Gliederung der Arbeit und die Einleitung. Das zweite Kapitel setzt sich mit dem Forschungsstand auseinander, damit die Inhalte der Arbeit besser verstanden und nachvollzogen werden können. Anschließend werden die empirischen Forschungsergebnisse betrachtet, welche das theoretische Wissen und seine Implementierung in die Praxis aus Sicht der Sozialarbeiter*innen analysiert und diskutiert. Zum Schluss erfolgt ein Resümee, das eine wertende Zusammenfassung und eine Präsentation der Ergebnisse zur Forschungsfrage beinhaltet.

2 Forschungsstand

In den folgenden Unterkapiteln wird der Forschungsstand erläutert, der für ein besseres Verständnis der Inhalte der Arbeit erforderlich ist. Dieser gibt einen Überblick über die Rahmenbedingungen der Partizipation und der Hilfeplanung, sowie über die Partizipation in der Hilfeplanung. Des Weiteren bietet er die Basis und die Legitimation, um die Forschungsfrage zu beantworten.

2.1 Rahmenbedingungen der Partizipation

Im folgenden Punkt wird der Begriff Partizipation erläutert und definitorisch bestimmt. Dabei werden Autor*innen herangezogen, welche sich speziell mit den Schwerpunkten Sozialpädagogik, Erziehungswissenschaft, Kinder- und Jugendhilfe und Partizipation beschäftigen. Im Anschluss werden die gesetzlichen Vorschriften beschrieben, welche die Beteiligung von Jugendlichen festlegen. Hierbei wird der Schwerpunkt auf das Achte Sozialgesetzbuch und die UN-Kinderrechtskonvention gelegt, da die Sozialarbeiter*innen ihr pädagogisches Handeln, an diesen rechtlichen Grundlagen orientieren müssen (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2020). Anschließend wird die Stufenleiter der Partizipation von Kerstin Petersen aufgezeigt, welche direkt auf die Kinder- und Jugendhilfe adaptiert wurde (Petersen, 2002, S. 911). Ziel dieses Kapitels ist es, einen Gesamtüberblick zum Thema Partizipation zu schaffen.

2.1.1 Begriffliche Abgrenzung: Partizipation

Der Begriff Partizipation hat seinen Ursprung im Lateinischen „particeps“ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 2022) und kann im Deutschen wörtlich mit Teilnahme und Teilhabe übersetzt werden. Umgangssprachlich ist er ein Synonym des Begriffs Beteiligung. Ende der 80er Jahre (vgl. DRK-Kindertagesstätte Scheden, 2015) verbreitete sich der Begriff Partizipation in der Kinder- und Jugendhilfe und erweiterte sich seither zunehmend auf das Thema der Klienten*innen- und Nutzer*innenbeteiligung.

Auf die Soziale Arbeit bezogen bezeichnet Schnurr (2001, S.1330) Partizipation als arbeitsübergreifenden Sachverhalt einer Beteiligung und Mitwirkung der Adressaten*innen bei der Wahl und Erbringung sozialarbeiterischer und sozialpädagogischer Leistungen. Wodurch die Partizipation eine Struktur- und Handlungsmaxime lebensweltorientierter Soziale Arbeit geworden ist (vgl. Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe - AGJ, 2018). Darauf aufbauend definiert Nüberlin (1997, S. 61), dass Partizipation für die Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe vor allem Mitbestimmung und Teilhabe an Beratungs- und Entscheidungsprozessen ist. Mitbestimmung ist demnach eine Handlungsweise persönlicher oder lebensweltbezogener Selbstbestimmung. Daher charakterisiert die Partizipation eine grundsätzliche Stellung zu den Jugendlichen im Feld der Sozialen Arbeit. Des Weiteren wurde die Partizipation über den 8. Kinder- und Jugendbericht (ABA Fachverband, 2013), sowie das im Jahr 1990 in Kraft getretene Kinder- und Jugendhilfegesetz zu einem zentralen Bestandteil der Jugendhilfe (vgl. Schnurr, 2001, S. 1330). Darauf aufbauend definierte Petersen (2002, S. 909) die Partizipation als eine „gesetzlich normierte und konzeptionelle Prämisse[…] in der Jugendhilfe“. Ebenso weist Petersen auf „das Dienstleistungsverständnis der Jugendhilfe“ (Petersen 2002, S. 911) hin. Partizipation „soll in allen Bereichen und Tätigkeitsfeldern sowie auf allen organisatorischen Ebenen zur Durchsetzung einer Nachfrage- und Adressatenorientierung beitragen“ (Petersen, 2002, S. 911).

Auf die Praxis transferiert ergibt sich daraus: „statt des obrigkeitsstaatlichen Denkens wird der Fokus auf die Aktivierung und Befähigung der [Jugendlichen] gelegt“ (Petersen, 2002, S. 911). Folglich ist die Partizipation auf jegliche Aufgabenbereiche der Kinder- und Jugendhilfe, beispielsweise in den Hilfen zur Erziehung und in der Hilfeplanung, anzuwenden. Im Kontext der Erziehungshilfe bezieht sich die Partizipation auf die Beteiligung der Jugendlichen an den Entscheidungsprozessen über die Art der Hilfe, an der inhaltlichen Ausgestaltung der Hilfe, sowie an der Gestaltung des Alltagslebens in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung (vgl. Sturzbecher & Hess, 2005, S. 41).

2.1.2 Gesetzliche Regelungen zur Partizipation

Der § 5 SGB VIII, „Wunsch- und Wahlrecht“ (§ 5 SGB VIII), dient dem Einbezug der Wünsche von Jugendlichen. In Hinsicht auf die soziale Dimension der Hilfe entfaltet dieses Recht eine doppelte Wirkung. Während das Wunschrecht sich auf die konkrete Gestaltung der Hilfe bezieht, wird beim Wahlrecht den Jugendlichen die Möglichkeit geboten, zwischen Einrichtungen und Leistungen unterschiedlicher Träger zu wählen. Die Jugendhilfe hat gegenüber den Jugendlichen die Pflicht, sie über § 5 SGB VIII aufzuklären (§ 5 SGB VIII). Außerdem ist sie verpflichtet, die Wahl und die Wünsche der Jugendlichen zu berücksichtigen.

Eine weitere rechtliche Grundlage für die Beteiligung von Jugendlichen bildet der § 8 SGB VIII. Innerhalb des subjektiven Rechts, § 8 SGB VIII, sind die gesetzlichen Grundlagen für Partizipation von Jugendlichen verankert. Das Gesetz sieht vor, Jugendliche „entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen“ (§ 8, Abs. 1, SGB VIII) . Hierdurch wird deutlich, dass die Jugendlichen als Subjekte mit persönlichen Wünschen und Bedürfnissen anerkannt werden. Daran ist erkennbar, dass die Art und Weise der Beteiligung an den Entwicklungsstand der Jugendlichen berücksichtigt werden muss, um die Implementierung dieser Rechte sicherzustellen. Des Weiteren wird in § 8 Abs. 3 SGB VIII deutlich, dass Sozialarbeiter*innen passende Verfahren, Methoden und Ansätze entwickeln müssen, um allen Jugendlichen, egal welchen Alters, diese Rechte zuzusichern.

Da Kinderrechte immer mehr an Bedeutung gewinnen, soll auch auf die von Deutschland ratifizierte UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) eingegangen werden. Die UN-KRK ist für alle Jugendlichen geschaffen worden (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2022). Inhaltlich beschäftigt sich die UN-KRK insbesondere mit den Schwerpunkten der Förderechte, der Schutzrechte und der Beteiligungsrechte. In Bezug auf die Beteiligungsrechte - Partizipation - ist in der UN-KRK insbesondere der Artikel 12 zur „Berücksichtigung des Kindeswillen“ (UNICEF, 1989) zu betonen. Dort wird die geforderte Berücksichtigung der Meinung und Interessen der Jugendlichen verdeutlicht. Daraus ergibt sich, dass sie an jeglichen Entscheidungen, die sie betreffen, entsprechend ihrem Alter und ihrer Reife, beteiligt werden müssen. Anschließend wird explizit im Artikel 13 der UN-KRK (vgl. UNICEF, 1989) auf die Meinungs- und Informationsfreiheit von Jugendlichen eingegangen. Hier wird formuliert, dass Jugendliche ein Recht darauf haben, ihre Meinung frei zu äußern und die Möglichkeit erhalten müssen, sich in sie betreffenden Bereichen informieren zu können.

2.1.3 Partizipationsmodell – Partizipationsleiter nach Petersen

Um das Ausmaß und die Ausgestaltungsmöglichkeiten zu systematisieren, kann die achtstufige Partizipationsleiter von Arnstein herangezogen werden, welche im deutschsprachigen Bereich von Kerstin Petersen für die Kinder- und Jugendhilfe adaptiert wurde (vgl. Reimer & Wolf, 2022). Das Modell unterscheidet den Grad der Ausgestaltung in Nicht-Beteiligung, Quasi-Beteiligung und echte Beteiligung. Innerhalb dieser Grade werden jeweils mehrere Stufen unterschieden (vgl. Reimer & Wolf, 2022).

Der Grad Nicht‐Beteiligung bedeutet, dass die Mitwirkung der Jugendlichen nicht zugelassen wird und Entscheidungen einseitig von Sozialarbeiter*innen getroffen werden. Nicht‐Beteiligung kann die Form von Manipulation annehmen, das heißt Entscheidungen werden von Sozialarbeiter*innen ohne Diskussion oder gar Beteiligung der Jugendlichen getroffen. Nicht‐Beteiligung kann auch die Form von Therapie annehmen. Bei dieser Stufe diskutieren die Sozialarbeiter*innen mit den Jugendlichen Probleme und Lösungsansätze. Die Jugendlichen werden dabei von den Sozialarbeiter*innen pathologisiert, indem ihre Probleme und deren Bearbeitung im Sinne von Krankheit und Behandlung definiert werden (vgl. Reimer & Wolf, 2022).

Der nächste Beteiligungsgrad des Modells ist die Quasi‐Beteiligung, welche eine Vorstufe zur Partizipation darstellt. Den Jugendlichen wird die Möglichkeit gegeben Wünsche, Interessen und Vorstellungen zu äußern, wobei ihnen Entscheidungs‐ und Revisionsrechte verwehrt bleiben. Bei der Quasi‐Beteiligung werden drei Stufen unterschieden. Die erste Stufe ist die der Information. Diese stellt die Prämisse der Partizipation dar. Hierbei werden die Jugendlichen durch die Sozialarbeiter*innen informiert, jedoch ergeben sich aus diesem einseitigen Informationsaustausch keine Beteiligungschancen (vgl. Reimer & Wolf, 2022). Die zweite Stufe ist die der Beratung. Bei der Beratung wird den Jugendlichen die Möglichkeit geboten ihre Wünsche und Interessen zu äußern, jedoch obliegt der Entscheidungsprozess immer noch bei den Sozialarbeiter*innen. Bei dieser Stufe betont Petersen, dass die Partizipation von Jugendlichen noch nicht gewährleistet wird. Die dritte Stufe der Quasi‐Beteiligung ist die der Wertschätzung. Hier sind die Sozialarbeiter*innen bemüht die Präferenzen der Jugendlichen zu berücksichtigen. Somit haben sie die Möglichkeit, den Entscheidungsprozess durch ihre Meinungen und Interessen zu beeinflussen, welcher jedoch nicht in einem Aushandlungsprozess stattfindet.

Der letzte Grad ist die echte Beteiligung. Es findet eine symmetrische Interaktion zwischen Jugendlichen und den jeweiligen Sozialarbeiter*innen statt. Auch bei der echten Beteiligung werden drei Stufen unterschieden. Die erste Stufe bildet die partnerschaftliche Aushandlung. Bei der partnerschaftlichen Aushandlung besteht kein alleiniges Entscheidungs- oder Revisionsrecht. Die Sozialarbeiter*innen erarbeiten gemeinsam mit den Jugendlichen Problemlösungen, die nach getroffener Entscheidung wieder revidiert werden können. Die nächste Stufe ist die Delegation von Entscheidungskompetenzen an Jugendliche. Hier nehmen die Sozialarbeiter*innen eine unterstützende Funktion ein, sodass die Sozialarbeiter*innen nur noch fachliche Argumente und Problemlösestrategien einfließen lassen, wodurch die Jugendlichen eigenständige Erfahrungen machen können. Die dritte und höchste Stufe ist die der Autonomie. Bei dieser Stufe werden Jugendliche als Mündige angesehen. Sie sind kompetent und berechtigt, eigene Vorhaben zu leiten und unabhängig zu bestimmen, unter welchen Umständen Änderungen ihrer Lebensplanung vorgenommen werden sollen. Ebenso treffen sie eigene Entscheidungen über ihre selbstdefinierten Ziele (vgl. Reimer & Wolf, 2022).

2.2 Rahmenbedingungen der Hilfeplanung

Die Hilfeplanung ist eine Paraphrase für ein zentrales fallbezogenes Steuerungsinstrument der Hilfen zu Erziehung. Darüber hinaus wird sie als Verständigungs- und Aushandlungsprozess zwischen dem Jugendamt, den Jugendlichen und der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung verstanden. Innerhalb der Hilfeplanung soll der Bedarf an erzieherische Hilfe festgestellt und die geeigneten und notwendigen Hilfen bestimmt werden. Dabei sind die gesetzlichen Vorgaben der Beratung, Mitwirkung und Beteiligung der Jugendlichen zu beachten. Zusätzlich wird die Hilfeplanung in der Kinder- und Jugendhilfe als Kernprozess bezeichnet. Dabei ist die fachliche Gestaltung der Hilfeplanung eine unverzichtbare Voraussetzung für das Gelingen von Hilfen gemäß §§ 27 ff., 35a und 41 SGB VIII einer Einzelfallhilfe (vgl. Eschweiler & Weber, 2016).

Die im SGB VIII vorgegebene Hilfeplanung ist als sozialpädagogischer Prozess zu verstehen, der die Jugendlichen unterstützt, ihre selbst gesteckten Ziele und die einer Realisierung entgegenstehenden Barrieren und Probleme mit Hilfe der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen zu erreichen. Dieser Prozess wird auch als Suchbewegung zur Eröffnung von Lösungsperspektiven zu Gunsten der Jugendlichen angesehen. Grundlage sind die Wünsche, Vorstelllungen und Perspektiven der Jugendlichen, die den Ausgangspunkt der sozialpädagogischen Beratung bilden. Hierzu gehört eine umfassende Beteiligungsorientierung in allen Phasen des Hilfeplanprozesses und eine wertschätzende Kommunikation bei gleichzeitiger Klarstellung der eigenen Verantwortung der Leistungsberechtigten. Hilfeplanung als sozialpädagogischer Prozess ist somit als gemeinsamer Lernkontext von Jugendlichen und Sozialarbeiter*innen der Kinder- und Jugendhilfe aufzufassen und stellt hohe Anforderungen an die Fachlichkeit (vgl. Eschweiler & Weber, 2016). Die Erarbeitung eines tragfähigen Arbeitsbündnisses, zwischen Jugendlichen und Sozialarbeiter*innen ist die zentrale Grundlage der Hilfeplanung.

2.3 Partizipation in der Hilfeplanung

Die Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII ist eines der signifikantesten Instrumente der Kinder- und Jugendhilfe, sowie der gesetzliche definierte Rahmen, innerhalb dessen die Art der Hilfeleistung, Maßnahmen und Ziele ausgehandelt und vereinbart werden. Jedoch steht dahinter eine weit grundsätzlichere Forderung, die nach umfassender Partizipation der Jugendlichen.

Im Nachfolgenden werden die gesetzlichen Grundlagen der Partizipation in der Hilfeplanung, gemäß § 36 SGB VIII, sowie die Partizipationsmöglichkeiten der Jugendlichen in der Hilfeplanung nach Wolff und Hartig, dargelegt.

2.3.1 § 36 SGB VIII – Mitwirkung und Hilfeplanung

Im § 36 SGB VIII werden unter der Überschrift „Mitwirkung, Hilfeplan“ (Neuberger, 2005) die gesetzlichen Anforderungen an die Hilfeplanung gestellt. Mit dem § 36 SGB VIII wurde ein Recht geschaffen, welches signifikante Regelungen über die Partizipation von Jugendlichen beinhaltet. Diese sind bereits vor der „Inanspruchnahme einer Hilfe und vor einer notwendigen Änderung von Art und Umfang der Hilfe zu beraten und auf die möglichen Folgen für die Entwicklung des Jugendlichen hinzuweisen“ (§ 36 SGB VIII Abs. 1). Daran ist erkennbar, dass Jugendliche in die Hilfeplanung einzubeziehen sind. Des Weiteren sollen die Jugendlichen über jegliche Vorgehensweisen, den Ablauf und das Ausmaß der zu leistenden Hilfen informiert werden. Außerdem wird auch in § 36 Abs. 1 SGB VIII explizit auf das Wunsch- und Wahlrecht der Jugendlichen hingewiesen. Dem Wunsch- und Wahlrecht soll entsprochen werden, solange keine unverhältnismäßigen Mehrkosten entstehen. Außerdem wird in § 36 SGB VIII Abs. 2 eine qualifizierte Planung und Überprüfung des Hilfeprozesses im Zusammenwirken mehrerer Sozialarbeiter*innen verlangt.

Insbesondere durch die Mitwirkung der Jugendlichen sichern die Verfahrensbestimmungen des § 36 SGB VIII eine inhaltliche Auslegung der Hilfeplanung. Wenn der Subjektstatus der Jugendlichen respektiert wird, werden die personenbezogenen Leistungen, wie die Hilfen zur Erziehung, in einem Aushandlungs- und Verständigungsprozess unter Einbeziehung der Interessen und Wünsche der Jugendlichen konkretisiert.

2.3.2 Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung nach Wolff und Hartig

Wolff und Hartig unterschieden für die Partizipation in der Hilfeplanung fünf Partizipationsmöglichkeiten, Beteiligung in eigener Sache, Beteiligung in der Gruppe, Beteiligung im Heim, Beteiligung im Umfeld und Beteiligung der pädagogischen Fachkräfte. Jedoch wird innerhalb dieser Arbeit nur auf die Partizipationsmöglichkeiten in eigener Sache und in der Gruppe eingegangen, da diese auch im Konzept „Partizipation und Beschwerdemanagement“ (2015, S. 1 ff.), von der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung, verankert sind.

Bei der Beteiligung in eigener Sache geht es um Partizipationsmöglichkeiten, welche direkten Einfluss auf das Leben der einzelnen Jugendlichen haben (vgl. Wolff & Hartig, 2013, S. 44). Dazu gehören Gespräche mit den Sozialarbeiter*innen, in denen beispielsweise mit ihnen über ihre schulische oder berufliche Perspektive gesprochen wird. Die Sozialarbeiter*innen können hierbei gemeinsam mit den Jugendlichen herausarbeiten, in welchen Bereichen ihre Interessen und Fähigkeiten vertreten sind und welche Ausbildung ihnen die größten beruflichen Chancen bieten. Eine weitere Partizipationsmöglichkeit, die die Jugendlichen persönlich betrifft, ist die Zielformulierung in der Hilfeplanung. Wolff und Hartig (2013, S. 45). stellten fest, dass die von Jugendlichen in der Hilfeplanung aufgestellten Ziele verständlicher und nachhaltiger sind, wenn diese von ihnen selbst verfasst und formuliert wurden. Es ist jedoch wichtig, dass die Sozialarbeiter*innen die Jugendlichen bei der Formulierung unterstützen, so dass keine Überforderung entsteht Weitere Partizipationsmöglichkeiten sind laut Wolff und Hartig (2013, S. 45) zum Beispiel, die Informationen der Jugendlichen über ihre Rechte und Regeln, Möglichkeiten zur Mitbestimmung an der Gestaltung des Lebens in der Einrichtung, Gestaltung des eigenen Zimmers oder auch Beschwerdemöglichkeiten, wenn es um persönliche Angelegenheit geht.

Bezüglich der Beteiligung in der Gruppe haben die Jugendlichen die Möglichkeit, bei Gruppenbesprechungen, bei der Aufstellung der Gruppenregeln, bei der Gestaltung der Gemeinschaftsräume, bei der Freizeitgestaltung und bei Projekten, zu partizipieren (vgl. Wolff & Hartig, 2013, S. 77).

3 Empirische Forschungsergebnisse

Zunächst wurden die Inhalte der Forschungsfrage theoretisch betrachtet. Im Nachfolgenden werden, aus Sicht der befragten Sozialarbeiter*innen, die Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung, sowie deren Implementierung in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung betrachtet, welche sich aus der qualitativen halbstrukturierten schriftlichen Befragung ergaben. Um eine Verknüpfung zwischen dem Forschungsstand und der Praxis in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung herzustellen, werden die Antworten aus dem halbstandardisierten elektronischen Fragebogen in Bezug auf die Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung nach Wolff und Hartig, wie im Unterkapitel 2.3.2 beschrieben, dargestellt. Des Weiteren werden die Aussagen zur Implementierung der Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung in Anlehnung an die Partizipationsleiter nach Petersen, wie im Unterkapitel 2.1.3 beschrieben, eingeordnet.

Wie in 2.1.3 aufgeführt, kann die Partizipationsleiter in mehrere Stufen unterteilt werden. Die ersten beiden Stufen bilden den Grad der „Nicht-Beteiligung“ (Reimer & Wolf, 2022). Die Stufen Information, Beratung und Wertschätzung bilden den Beteiligungsgrad der „Quasi-Beteiligung“ (Reimer & Wolf, 2022). Die Stufen partnerschaftliche Aushandlung, Delegation von Entscheidungsprozessen und Autonomie bilden den Beteiligungsgrad der „echte[n] Beteiligung“ (Reimer & Wolf, 2022). Für die genauere Betrachtung bei der Implementierung der genannten Partizipationsmöglichkeiten war es notwendig, diese in gruppenbezogene Möglichkeiten und individuell den Jugendlichen betreffende Möglichkeiten, zu unterteilen. Laut Anonym 1 (2021, S. 21) in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung in der „Konzeption die persönliche Ebene […] sowie die Gruppenebene“ verankert.

Vor allem im Bereich der gruppenbezogenen Partizipationsmöglichkeiten kann von einer „Quasi-Beteiligung“ (Reimer & Wolf, 2022) gesprochen werden. Auf der Partizipationsleiter können die angebotenen gruppenbezogenen Partizipationsmöglichkeiten in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung überwiegend auf den Stufen der Information und Beratung eingeordnet werden. Ein Beispiel für die Stufe der „Information“ (Reimer & Wolf, 2022) äußert Anonym 1 (2021, S. 22), „bereits bei Aufnahme in der Einrichtung [erhalten die Jugendlichen] entsprechende Informationen und Formulare“. Darüber hinaus erwähnt Anonym 2 (2021, S. 25) dass „bereits vor dem Beginn der Jugendhilfe […] die Jugendlichen […] über den Ablauf der geplanten Hilfe informiert werden, spätestens in der ersten Hilfekonferenz […] werden sie über den Ablauf der Hilfeplanung informiert“. Des Weiteren kann innerhalb der Gruppenebene von einer „echte[n] Beteiligung“ gesprochen werden. Denn innerhalb der Gruppenebene finden „Gemeinschaftsaktionen und -gespräche mit anderen Jugendlichen statt“ (Anonym 2, 2021, S. 28). Hierbei erwähnt Anonym 3 (2021, S. 33), dass die Jugendlichen die „Gruppenaktivitäten […] initiieren, mitgestalten oder auch mal nur konsumiert werden [können], je nach Befindlichkeit“. Darüber hinaus werden die Jugendlichen bei gruppenbezogenen Entscheidungen beteiligt und gestalten diese mit. Wodurch sie bei verschiedenen Projekten und Aktivitäten, die innerhalb der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung angeboten werden, den „Findungs- und Umsetzungsprozess“ (2015, S. 2) beeinflussen können. Daran ist erkennbar, dass die „Interessen, Ideen und Wünsche der jungen Menschen […] bei der Planung und Organisation berücksichtigt“ (2015, S. 2) werden.

Außerdem wird innerhalb der Konzeption „Partizipation und Beschwerdemanagement“ erwähnt, dass innerhalb der Gruppenebene die Partizipation „in Form von regelmäßigen Gruppengesprächen statt[findet] und ist im Wesentlichen durch die selbst erarbeiteten und -gestalteten Regeln im jeweiligen Bereich gesichert“ (2015, S. 2). Inhalte der Gruppengesprächen können Planung zur Gestaltung der Gruppennachmittage und Freizeitgestaltung, Mitbestimmung bei Ferienfahrten, Ferienaktionen und Ausflügen, sowie Planung von themenbezogenen Projekten“ (2015, S. 4) sein. Daran anknüpfend äußert Anonym 3 (2021, S. 32), dass „im regelmäßigen Kontakt zu den […] [Sozialarbeiter*innen] als auch bei den Gruppenaktivitäten und Gruppenausflügen können [Jugendliche] ihre sozialen und partizipatorischen Kompetenzen trainieren“.

Die Implementierung der Partizipationsmöglichkeiten in der Hilfeplanung, auf der persönlichen Ebene der Jugendlichen, können aus Sicht der Sozialarbeiter*innen fundamental im Grad der „echte[n] Beteiligung“ (Reimer & Wolf, 2022) angesiedelt werden. Wenn es um Partizipationsmöglichkeiten geht, die einzelnen Jugendlichen betreffend, ist festzustellen, dass diese vorwiegend auf der Stufe „Delegation von Entscheidungen“ (Reimer & Wolf, 2022) einzuordnen sind. Somit besitzen die Fachkräfte nur noch eine unterstützende Funktion. Die Jugendlichen erhalten einen signifikanten Einfluss auf den Entscheidungs- und Problemlöseprozess. Dadurch erhalten sie die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Hierbei erwähnt Anonym 2 (2021, S. 26), dass hierunter, „Formulierung eigener Ziele, Mitwirkung bei Zielumsetzung, Wahl der Schule im Rahmen ihrer Möglichkeiten, Wahl der Ausbildung, Freizeitgestaltung, Tagesstruktur unter Berücksichtigung verpflichtender Termine wie Schule/Ausbildung, Gestaltung ihres privaten Rückzugsorts“, verstanden wird. Innerhalb dieser Partizipationsmöglichkeiten nehmen die Sozialarbeiter*innen eine unterstützende Funktion ein. Dies verdeutlicht, dass den Jugendlichen die Wahl ihrer Schule oder Ausbildung obliegt und sie bei Bedarf durch die Sozialarbeiter*innen bei den signifikanten Schritten, wie Bewerbung, unterstützt werden. Des Weiteren können die Jugendlichen über die Art ihrer Freizeitgestaltung entscheiden und können durch die Sozialarbeiter*innen, bei der „Suche eines Sportvereins“ (Anonym 2, 2021, S. 27), unterstützt werden. Dabei überlassen die Sozialarbeiter*innen den Jugendlichen die Entscheidungsmacht. Die empirischen Forschungsergebnisse zeigen, dass eine partnerschaftlichen Aushandlung zwischen Sozialarbeiter*innen und den Jugendlichen stattfindet und die Interessen und Wünsche der Jugendlichen von den Sozialarbeiter*innen ernst genommen werden. Die „Wirklichkeitskonzeption, Kompetenzen und Selbsthilfepotenziale der […] [Jugendlichen] werden von uns ernstgenommen“ (2015, S. 2). Des Weiteren wird in einer partnerschaftlichen Aushandlung zwischen Sozialarbeiter*innen und Jugendlichen die weitere Vorgehensweise besprochen. Dabei werden die Wünsche, Meinungen und Interessen berücksichtigt. Daran anknüpfend nehmen die Sozialarbeiter*innen Rücksicht auf den Lernprozess der Jugendlichen ihre eigenen Ziele zu formulieren und so ihre Rechte einzufordern (vgl. 2015, S. 2). Die ausgehandelten Entscheidungen und Vorgehensweisen sind dabei eine fundamentale Grundlage für die gemeinsame Arbeit.

[...]

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Hilfeplanung. Wie werden diese in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aus Sicht von Sozialarbeiter*innen implementiert?
Hochschule
Internationale Berufsakademie der F+U Unternehmensgruppe gGmbH
Autor
Jahr
2022
Seiten
40
Katalognummer
V1192790
ISBN (Buch)
9783346667892
Sprache
Deutsch
Schlagworte
partizipationsmöglichkeiten, jugendlichen, hilfeplanung, kinder-, jugendhilfeeinrichtung, sicht, sozialarbeiter*innen
Arbeit zitieren
Sarah Sucher (Autor:in), 2022, Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Hilfeplanung. Wie werden diese in der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung aus Sicht von Sozialarbeiter*innen implementiert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1192790

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