Sexualerziehung in einer geschlechtshomogenen multiethnischen 10. Klasse - Stichwort: Homosexualität


Examensarbeit, 2002

41 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Allgemeine Aspekte zur Sexualerziehung
2.1 Homosexualität: Ein „heißes Eisen“ in der Sexualerziehung?
2.2 Homosexualität – was ist das?
2.3 Für Jungen gelten Besonderheiten im Umgang mit Homosexualität
2.4 Interkulturelle Erziehung
2.5 Zusammenfassung

3 Planung der Unterrichtseinheit
3.1 Bemerkung zur Lerngruppe
3.2 Arbeit in geschlechtshomogenen Gruppen
3.3 Didaktik und Methode
3.4 Vorüberlegungen zur Methode - Stichwort – Lebendiges Lernen
3.5 Methodische Konkretisierung

4 Darstellung ausgewählter Sequenzen
4.1 Allgemeine Lernziele
4.2 Sequenz 1
4.3 Sequenz 2
4.4 Sequenz 3
4.5 Sequenz 4

5 Reflexion der dargestellten Unterrichtssequenzen
5.1 Allgemeine Überlegungen
5.2 Reflexion Sequenz 1
5.3 Reflexion Sequenz 2
5.4 Reflexion Sequenz 3
5.5 Reflexion Sequenz 4

6 Schlussbetrachtung

7 Literatur

8 Anhang

1 Einleitung

In meiner zehnten integrierten Haupt- und Realschulklasse ist es mir schon seit geraumer Zeit aufgefallen, dass das Thema Homosexualität ständig direkt oder indirekt präsent ist. Stiche­leien und Beleidigungen dieser Art sind gerade im Sportunterricht an der Tagesordnung.

Höhepunkt war, als ein Schüler der häufiger mit dem Stigma „Schwuler“ beleidigt worden ist, eines Tages mit einem Bild eines anderen Mitschülers, unterlegt mit der Regenbogenfahne durch die Klasse ging. Er war sehr stolz auf seine selbsterstellte Computergrafik. Ich fragte mich, wieso setzt dieser Junge sich stundenlang an den Computer, scannt Bilder und sucht sich im Netz eine für die Homosexuellenszene typische Regenbogenfahne. Warum präsentiert es so stolz sein Kunstwerk? Welche Ziele verfolgt er damit? Warum steckt er soviel Energie in ein solches Projekt? Welche Strukturen haben sich in dieser Klasse aufgebaut, in der so etwas möglich bzw. nötig ist?

In Absprache mit der Klassenleitung, den Eltern und den SchülerInnen entschieden wir uns (die Klassenleitung und ich), eine Einheit zum Thema Sexualität in geschlechtshomogenen Gruppen durchzuführen. Selbstverständlich war das Thema Homosexualität integraler Be­standteil meiner Vorbereitung. In meiner Unterrichtseinheit habe ich versucht, möglichst viele Facetten der menschlichen Sexualität zu betrachten und auch dementsprechend die Einheit konzipiert. Bei der Durchführung der Einheit bemerkte ich, dass das Thema Homosexualität schnell dominant wurde. Im Vorfeld war mir bewusst, dass dieses Thema heftige Reaktionen auslösen könnte, jedoch war ich von der Intensität der Reaktionen, seitens der Schüler so über­rascht, dass ich mich entschied, die Sequenzen, die das Thema Homosexualität betrafen, ge­nauer zu betrachten und zu analysieren.

In der Regel fällt das Thema Homosexualität einfach unter den Tisch, da es zu den „heißen Eisen“ der Sexualerziehung gehört und viele Lehrer und Lehrerinnen sich hier oft un­infor­miert und unsicher zeigen. In der Regel fällt das Thema Homosexualität einfach unter den Tisch. In der Schule und in den meisten Schulbüchern wird Homosexualität den Jugend­lichen vorenthalten. Es gibt kaum zugängliche, vorurteilsfreie und jugend-adäquate Literatur, die eine Orientierungshilfe darstellen, so dass die Jugendlichen bei der früher oder später er­folgenden Konfrontation mit dem Thema Homosexualität alleine gelassen werden und sich dementsprechend aus der Boulevardpresse oder Pornos informieren (müssen). Der Schule kommt dabei eine besondere Aufgabe zu, antihomosexuellen Einstellungen zu begegnen. Die Information über Homosexualität in der Schule darf nicht allein im Kontext der Biologie oder Gesundheitserziehung geschehen. Auch im Deutsch-, Politik- oder im Ge­schichtsunterricht müssen Informationen über die verschiedenen Lebensweisen, sowie über die Diskriminierung und über die Emanzipationsbemühungen der homosexuellen Minderheit vermittelt werden. Homo-, Bi- und Heterosexualität sind als gleichberechtigte Lebensweisen anzuerkennen. Dieser Anspruch muss auch über entsprechende Maßnahmen in der LehrerInnenaus- und -fortbildung und mit geeigneten Lehrmaterialien umgesetzt werden.

In Kapitel 2 wird der theoretische Bezugsrahmen für die Planung und die Auswertung des Unterrichtsvorhabens dargestellt. Der erste Teil des Kapitels 2 beschäftigt sich mit den Grundlagen der emanzipatorischen Sexualerziehung, mit ihrem Selbstverständnis und ihren Zielen. Daran anschließend werden einige grundlegende Informationen zum Thema Homo­sexualität und die Bedeutung für die Konstruktion von Männlichkeit dargestellt. Dem schließen sich Gedanken zur interkulturellen Erziehung an, die in Gedanken zu - und For­derungen an - eine emanzipatorische Sexualerziehung einmünden.

Kapitel 3 befasst sich mit der Planung der Unterrichtseinheit, Hinweisen zur Lerngruppe und Vorüberlegungen zur Didaktik und Methode

Die Darstellung der einzelnen Sequenzen, die das Thema Homosexualität betreffen, ist Ge­genstand von Kapitel 4. Anhand der theoretischen Vorüberlegungen werden die vier dar­gestellten Sequenzen analysiert und reflektiert.

2 Allgemeine Aspekte zur Sexualerziehung

Sexualpädagogik war und ist immer noch ein Spiegelbild von gesellschaftlichen Werten und Normen und wird/wurde vielfach auch als Mittel der Ideologiebildung und Propaganda für und gegen verschiedene Lebensformen eingesetzt. Aus einer speziellen Ideologie heraus werden/wurden bestimmte Rollendefinitionen der Geschlechter postuliert bzw. zementiert, so dass normative Elemente der Gesellschaft (Kleinfamilie und Heterosexualität) an die Kinder und Jugendlichen weitergetragen werden (konnten). Diese Aussagen verdeutlichen die konstitutiven Elemente der sexualpädagogischen Theoriebildung, die auf der Grundlage sub­jektiver Dispositionen sehr unterschiedlich ausfallen können.

Im Folgenden werde ich Aspekte des Konzeptes der emanzipatorischen Sexualerziehung,[1] die für diese Arbeit relevant sind, darstellen:

Sexualerziehung muss auch Aufklärung im klassischen Sinne sein. Das ,,Dunkel“ und die Tabus um die Sexualität sollen beleuchtet werden, und das mithilfe des emanzipatorischen Ansatzes[2] und nicht mittels der geläufigen moralinpädagogischen Indoktrinationen reduziert auf die Fortpflanzung. Neben den biologisch-abstrakten sollten gerade sprachlich-sinnliche Aspekte der Sexualität betont und thematisiert werden. Die anhedone Gleichsetzung von Sexualität / Geschlechtsverkehr mit der Funktionalisierung von Sexualität zum Zwecke der Fortpflanzung soll durch die pädagogische Arbeit ausdifferenziert werden. Ziel ist es folglich, zu verdeutlichen, dass Sexualität weit mehr als eine Handlung ist; der Bedeutungshorizont schließt gleichsam Lust, Genuss, Selbstverantwortung, Vertrauen, Geborgenheit, Ge­schlechterverhältnisse aber auch Missbrauch, Machtausübung, Gewalt und Krankheit ein. Darüber hinaus ist es notwendig auf die verschiedenen möglichen auch nicht linearen Lebensweisen einzugehen. „Und grundsätzlich ist den sexualpädagogisch motivierten Publikationen noch keineswegs zu eigen, dass menschliches (sexuelles) Leben ein Kontinuum mit vielen möglichen intraindividuellen Varianten und unterschiedlichen Phasen ist... .“[3] Vielmehr muss es darum gehen, den Kindern und Jugendlichen zu verdeutlichen, dass das alleine leben aus verschiedenen Gründen, in verschiedenen Lebensphasen, das Zusammen­leben von hetero- und bisexuellen, lesbischen oder schwulen Paaren und Kindern, selbst­verständlicher Teil der möglichen Zusammenlebensoptionen sein kann.

Um diese Ziele zu erreichen schlägt Uwe Sielert vier Tugenden für die Sexualerziehung vor:

1. Weniger Aufgeregtheit, mehr ruhige Reflexion – damit ist gemeint, dass
- Sexualerziehung trotz Tabuisierungen, persönlichen Unsicherheiten, öffentlichen Auseinandersetzungen etc. ruhig und reflektiert angegangen werden sollte, „im Bewusstsein um die Begrenztheit sowohl des Auftrags wie der Möglichkeiten vor Erziehung und im Vertrauen auf die Selbstgestaltungs­kraft der Jugendlichen.“[4]

2. Weniger Eingriff, mehr freundliches Begleiten – damit ist gemeint, dass
- Sexualerziehung die sexuelle Identitätsfindung von Jugendlichen, in Achtung vor der Lebendigkeit und dem Selbstbestimmungsrecht, aufklärend, unter­stützend, konfrontierend und auch helfend begleiten sollte.

3. Störungen und Unvollkommenheiten als Chance zu begreifen – damit ist gemeint, dass
- Sexualerziehung auf die Suchbewegungen, Erfahrungen, Brüche und Konflikte in der sexuellen Identitätsfindung mitfühlend und mitdenkend reagieren muss, „diese Ereignisse als Chancen zu erfassen und zu nutzen, sie sollte aber auch nicht vor eigener Stellungsnahme und vor Konfrontation mit den Jugendlichen zurückschrecken[5].“

4. Widersprüchliches nicht glätten, sondern den Umgang mit dynamischen Elementen fördern – damit ist gemeint, dass
- Sexualerziehung die sexuelle Sozialisation von Jugendlichen mit all ihren Such­bewegungen und Widersprüchlichkeiten anerkennen muss und sie sollte „das produktive Umgehen mit der Spannung von Ganzheitssehnsucht und lust- oder leidvoll erlebten Teilaspekten von Sexualität als einem notwenigen Prozess der sexuellen Identitätsfindung fördern.“[6]

Zusammenfassend versteht sich die emanzipatorische Sexualerziehung als eine Persönlich­keitserziehung, die den Jugendlichen eine angstfreie, selbstbestimmte und verantwortungs­bewusste Integration sexueller Handlungen und Bedürfnisse in den Lebensalltag ermöglicht.

2.1 Homosexualität: Ein „heißes Eisen“ in der Sexualerziehung?

Homosexualität ist nach wie vor eines der schwierigsten Themen oder „heißesten Eisen“ in der Sexualerziehung. Es ist sehr stark emotional belastet und mit Berührungsängsten bei Erwachsenen und Jugendlichen verbunden[7]

Das Thema Homosexualität ist mittlerweile integraler Bestandteil der Sexualerziehung bzw. der Lehrpläne, trotzdem war und ist es ein schwieriges Unterfangen, dieses Thema in der Schule aufzugreifen.

Problem:

Obwohl sich in der Schule viele Gelegenheiten bieten, über Homosexualität zu sprechen, man denke nur an den Deutschunterricht, in dem regelmäßig Texte mit lesbischen oder schwulen Inhalten gelesen werden, herrscht seitens der Lehrerinnen und Lehrer die Tendenz vor, Homosexuelles als Unaussprechliches zu verschweigen?[8] Ähnliches gilt für die Sexual­erziehung. Das Aufklärungsprojekt bei Lambda Berlin hat in einer nicht repräsen­tativen Studie ermittelt, dass das Thema Homosexualität häufig noch unter dem Stichwort „Sozial­ethische Probleme der menschlichen Sexualität“[9] gehandelt wird. Häufig findet auch eine Vermischung mit Themen AIDS, Pädophilie, Analverkehr und SM-Praktiken statt und erzeugt so ein einseitiges und auch falsches Bild von Homosexualität .

Frage:

Warum ist die Sexualerziehung immer noch auf heterosexuelle Lebensweisen reduziert und warum nutzt die Sexualerziehung nicht die Potentiale der Darstellung verschiedener Lebens­formen und verschieden gelebter Sexualität?

Antwort:

Homosexualität, ist nach einer sehr breit angelegten Untersuchung von Glück[10], immer noch das Thema mit der geringsten Zustimmung seitens der LehrerInnenschaft (gefolgt von Selbst­befriedigung). Daran zeigt sich, dass Homosexualität zu den besonders strittigen Themen in der Sexualerziehung gehört. Im Folgenden werden einige Befunde additiv dargestellt:

- Lehrerinnen und Mütter haben eine etwas positivere Einstellung zur Homosexualität als Lehrer und Väter, da das Thema Homosexualität fast ausschließlich mit männlicher Homo­sexualität assoziiert wird (Frauen–Männer–Gefälle).
- Die Gruppe der LehrerInnen spricht sich eindeutig positiver gegenüber Homosexualität aus, als die der Eltern.
- Die über 55jährigen LehrerInnen lehnen Homosexualität besonders stark ab.

Hintergrund:

Die hohe Ablehnungsrate von Homosexualität seitens der Erziehenden verdeutlicht in wie weit Konzepte der Sexualerziehung und die Behandlung von „heißen Eisen“ mit persönlichen Dispositionen, Ressentiments, Werten und Normen zusammenhängen. Es wird auch deutlich, dass Homosexualität nicht als erfüllende und schöne Lebensform angesehen wird. Bei LehrerInnen hängt die Einstellung zu Homosexualität nach Glück, eindeutig mit dem Konzept einer emanzipatorischen Sexualerziehung zusammen. Die Angst vor dem Vorwurf „Wer sich mit dem Thema beschäftigt ist bestimmt selber schwul oder lesbisch“, ist in diesem Zu­sammenhang nicht zu unterschätzen.

2.2 Homosexualität – was ist das?

Homosexualität ist keine Erfindung der Moderne. Aus den Darstellungen und der Literatur der griechischen Antike z.B. die Darstellungen Platos in „das Gastmahl“ zeigen, dass die Homosexualität in weiten Teilen der damaligen griechischen Gesellschaft angesehen und weit verbreitet war.

Historisch gesehen ist die Geschichte der Homosexualität hauptsächlich in Strafgesetzbüchern und Gerichtsakten dokumentiert, wobei die Religionen die „moralische Begründung für die Verfolgung gleichgeschlechtlicher Sexualität, oft in einem Atemzug mit der Verfolgung anderer schändlicher Leidenschaften wie Sodomie und Masturbation[11] lieferte.

Im Jahre 1935 wurde der berüchtigte Paragraph 175a (galt in Westdeutschland bis 1969)[12] stark verschärft. Durch einen weiteren Zusatz sah der deutsche Geist in der Homosexualität einen Staatsfeind; es brachen die Zeiten der "Rosa Listen" an und Homosexuelle wurden zunehmend diskriminiert. Eine fürchterliche Schwulenhetzjagd begann, die für viele Homo­sexuelle in Konzentrationslagern endete.

Zur Erinnerung an dieses Ereignis gehen jedes Jahr in unzähligen Städten die Schwulen und Lesben auf die Strasse und demonstrieren friedlich für ihre Rechte und Gleichstellung. In der Folge von „Stonewall“[13] bildeten sich in den meisten größeren Städten der USA und wenig später auch in Europa, schwule und lesbische Bürgerrechtsorganisationen. Ihr Ziel war und ist es, die Schwulen und Lesben zu organisieren - denn man erkannte, dass man nur gemeinsam erfolgreich gegen die rechtliche und gesellschaftliche Diskriminierung kämpfen kann.

Der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität heute schwankt zwischen Anerkennung und Liberalisierung, ist aber immer noch geprägt von Tabuisierungen und ana­chronistischen Wertevorstellungen (z.B. Diskussion um die Homo-Ehe). Auch wenn Schwule und Lesben medial präsenter werden, in fast jeder Vorabendserie ein „Schwuler“ / „eine Lesbe“ vorkommt, ModeratorInnen sich offen zu ihrer homosexuellen Lebensweise bekennen, Berlin einen schwulen regierenden Bürgermeister hat, kommen sie doch häufig nicht über eine Alibifunktion hinaus. Gewalt in jeglicher Form, von offener Diskriminierung über eindeutige Gewalthandlungen bis hin zu versteckten, strukturellen Ungleichheiten, kennzeichnen die Abwertung und Diskriminierung von Homosexuellen bis heute. Selbst­verständlich besteht hier ein Unterschied zwischen den urbanen Zentren und dem ländlichen Raum.

Homosexualität bezeichnet die Sexualität, die auf Menschen des gleichen Geschlechts ge­richtet ist; dazu gehören die weibliche und die männliche Homosexualität. Nach Schätzungen leben ca. 3 bis 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland homosexuell, ein weitaus größerer Anteil macht gleichgeschlechtliche sexuell-emotionale Erfahrungen. Zwei drittel der Jugend­lichen, die sich später als schwul oder bisexuell definieren, wissen bereits mit 16 Jahren, dass sie homosexuelle Bedürfnisse haben, viele auch schon früher. „Statistisch gesehen gibt es in jeder Schulklasse eine oder zwei junge Lesben oder Schwule – in jedem LehrerInnen -Kollegium, Jugendfreizeitheim, in Kirchengemeinden und Jugendverbänden. Dass sie sich nach wie vor nur selten zu erkennen geben, weist darauf hin, wie dringend not­wendig es ist, dass PädagogInnen sich mit dem Thema befassen, informiert sind und eine akzeptierende Haltung entwickeln.“[14]

Die Frage nach den Ursachen der Homosexualität kann und soll auch nicht abschließend beantwortet werden. Fest steht aber, dass es keine Verführung zur Homosexualität gibt. Es existieren aus verschiedenen Bereichen (psychoanalytischen, lerntheoretischen, biologischen bis hin zu genetischen Erklärungsversuchen), die m.E. aber nicht hilfreich für den Umgang mit diesem Thema und nicht Gegenstand dieser Arbeit sind. Vielmehr ist die Suche nach ver­meintlichen Ursachen daran gekoppelt, Möglichkeiten der Vermeidung bzw. Beseitigung der Homosexualität zu finden.[15]

Uwe Sielert weist in diesem Zusammenhang darauf hin: Mit der Homosexualität verhält es sich ähnlich wie mit der Linkshändigkeit. Man schreibt Rechtshändig vor und erzeugt somit die Problemgruppe der Linkshändigen.“[16]

2.3 Für Jungen gelten Besonderheiten im Umgang mit Homosexualität

Problem:

Schimpfwörter, wie „Schwanzlutscher“, „Du schwule Sau“ und „Schwuchtel“ gehören zum Alltagsrepertoire von Jungen. Diese Schimpfwörter gehören zu den schlimmsten, die Jungen sich an den Kopf werfen und sind nicht selten Ausgangspunkt bzw. Eskalation für einen Konflikt.

Frage:

Warum aber bedienen sich Jungen häufig antihomosexueller Schimpfwörter? Welchen (Ver­haltens-) Vorteil bringt es ihnen?

Antwort:

In erster Linie geht es darum das Gegenüber zu demütigen. Homosexualität bleibt aufgrund von mangelnden Informationen, Tabuisierungen und vielfach auch kulturellen Dispositionen ein bedrohendes Konstrukt. Aufgrund dieser meist vagen Vorstellungen entstehen bei vielen Jungen Mythen über Homosexualität, die, wenn sie auf die eigene Person projiziert werden, als Gefahr wahrgenommen und dementsprechend negiert und bekämpft werden müssen.

Hintergrund:

In einer zweigeschlechtlich konstruierten Welt erleben die Jungen die Zuschreibungen (Typisierungen) an die jeweiligen Geschlechter. Diese Typisierungen, also die Zuordnung von „männlichen“ und „weiblichen“ (Verhaltens-) Eigenschaften, erleben die Jungen von Kindheit an als normatives Prinzip. Bei der Ausbildung der (Geschlechts-) Identität bildet dieses hierarchisch ausgerichtete Modell für die Jungen einen Orientierungsrahmen, um sich eine (Geschlechts-) Identität als Junge/Mann aufzubauen.

Schwule werden in diesem System als Nicht-Mann identifiziert, da sie in den beiden Kategorien (Mann und Frau) nicht vorkommen. In der Selbstinszenierung der „männlichen“ (Geschlechts-) Identität, insbesondere in der Adoleszenz, hat die Eindeutigkeit der Zuordnung absolute Priorität. Von daher wird schon bei der Selbstinszenierung daran gedacht, ob andere die eigene Selbstinszenierung für „schwul“ halten oder nicht. So wirkt die Homophobie als Mittel, um traditionelle Männlichkeit, Werte und Macht aufrecht zu erhalten und ist somit ein Mittel sozialer Kontrolle, um alle Männer, nicht nur Homosexuelle, zu kontrollieren. Dieses System manifestiert sich in den sozialen Beziehungen zwischen Jungen/Jungen und Männer/Männern und verhindert einen solidarischen, unverkrampften, freundschaftlichen und zärtlichen Umgang miteinander.

Die Beschimpfungen anderer Jungen mit schwulenfeindlichen Äußerungen bezieht sich demnach darauf, einem anderen Jungen die Männlichkeit abzusprechen; der Beschimpfte ist nicht nur kein richtiger Junge, sondern er ist gar kein Junge. Zudem ist die Beschimpfung anderer eine Option, sich in der heterosexuellen Gemeinschaft vor homophilen Ver­dächtigungen zu schützen; es ist quasi ein Schutz „vor Stigma und Verhaltensunsicherheit – wer einen anderen zuerst als schwul bezeichnet, grenzt sich ab und schützt sich selbst vor dem Stigma.“[17]

Diese Demonstration der eigenen heterosexuellen Männlichkeit, von Obszönitäten angefangen bis hin zu sexuellen Übergriffen, macht den Zusammenhang noch einmal deutlich, in dem sich Schwulen- und Frauenfeindlichkeit befinden: Homophilie und Weiblichkeit werden als nicht - männlich definiert und abgewertet. Von daher ist eine Aus­einandersetzung mit normativen (Geschlechts-) Typisierungen, verschiedenen Gestaltungs­optionen von Geschlecht (Männ­lichkeit en), unterschiedlichen Lebensweisen und Hierar­chisierungen in den Geschlechter­verhältnissen in dem Zusammenhang von Sexualerziehung obligatorisch.

Homophobie ist:

- der Hass auf Schwule
- die Angst vor Schwulen
- die Angst davor schwul, zu sein bzw. zu werden
- die Angst, dass andere glauben, man sei schwul
- ein Verbot von Freundschaften unter Männern
- ist ein Ausdruck von rigiden Geschlechtertypisierungen
- eine Folge der hierarchischen Trennung der Geschlechter

2.4 Interkulturelle Erziehung

Problem:

Die Einstellungen zum Thema Sexualität, insbesondere zum Thema Homosexualität, sind in einer multikulturell ausgerichteten Klasse sehr vielfältig.

Frage:

W ie kann man solche Themen in einer solchen Lerngruppe für alle zufriedenstellend be­handeln, ohne einzelne Schüler zu überfordern?

Antwort:

Die Schule sieht sich heute mit der Tatsache konfrontiert, dass in manchen Bezirken Schul­klassen aus bis zu 85%[18] aus Kindern und Jugendlichen bestehen, die einen Migrations­hintergrund haben. Lange Zeit wurde die Auseinandersetzung mit Migration im Bereich Schule lediglich aus der Perspektive eines Defizitansatzes, unter Fokussierung auf Sprach­rückstände und vermeintliche kulturelle Rückstände (vgl. die Diskussion um das Kopftuch), im Sinne einer einseitigen Assimilierung, geführt. Pädagogik in einer multikulturellen Situation verlangt jedoch vielmehr die Förderung gegenseitiger Toleranz, Empathie und Ver­ständigung. Interkulturelle Erziehung soll den Umgang mit Differenzen zwischen unter­schiedlichen Orientierungssystemen einüben, um so dem Missverstehen fremder Verhaltens­weisen und den daraus resultierenden Konfliktsituationen vorzubeugen.

Gerade die Sexualerziehung befindet sich in diesem Spannungsverhältnis zwischen der von der Dominanzkultur propagierten Pluralität der Lebensformen auf der einen Seite und den z.T. konträr dazu verlaufenden milieu- und kulturspezifischen Einstellung auf der anderen Seite. Sexualerziehung muss also der Tatsache Rechnung tragen, dass sie nicht auf eine Gruppe von Menschen trifft, die gleiche oder ähnliche Erfahrungen, Einstellungen, Wünsche und Ängste in Bezug auf Sexualität, Partnerschaft, Ehe, Verhütung etc. haben. Es ist aber gerade Aufgabe der Sexualerziehung den Unterricht so zu gestalten, dass sich alle Kinder und Jugendliche angesprochen fühlen oder, wie es in den Hamburger Richtlinien für Sexual­erziehung heißt: „Bei der Unterrichtung von Kindern verschiedener Kulturen und Religions­gemeinschaften ist es besonders wichtig, dass sich alle Beteiligten mit Wertvorstellungen und ethischen Grundsätzen unterschiedlicher Kulturen auseinandersetzen, um den eigenen Standpunkt zu klären und andere besser zu verstehen.“[19]

[...]


[1] In der Literatur existieren 3 klassische Positionen der Sexualerziehung: Negative Sexualerziehung, (Schein) affirmative Sexualerziehung und die emanzipatorische Sexualerziehung. Im folgenden werde ich nur auf Aspekte der emanzipatorischen Sexualerziehung eingehen.

[2] vgl. Sielert, Uwe: Sexualpädagogik – Konzeption und didaktische Anregungen

[3] Herrath, Frank: Von der Fortpflanzungslehre zur sexuellen Selbstbestimmung – Strömungen und Entwicklungen der Sexualpädagogik: In: Hartmann, Jutta: Lebensformen und Sexualität,

[4] Sielert, Uwe: Sexualpädagogik lehren,

[5] ebenda:

[6] ebenda:

[7] Glück, Gerhard: Heiße Eisen in der Sexualerziehung – Wo sie stecken und wie man sie anfasst.

[8] Kleyböcker, Heiko: Das Aufklärungsprojekt bei Lambda Berlin. In: Landesverband Berlin des Jungendnetzwerkes Lambda e.V.: Das Aufklärungsprojekt bei Lambda Berlin,

[9] vgl. ebenda:

[10] Glück, Gerhard: Heiße Eisen in der Sexualerziehung – Wo sie stecken und wie man sie anfasst. S. 64-73

[11] Joachim Braun / Lela Lähnemann: Lesbische und schwule Lebensweisen. In: Uwe Sielert / Karlheinz Valtl: Sexualpädagogik lehren – Didaktische Grundlagen und Materialien für die Aus- und Fortbildung,

[12] Der gesamte Paragraph 175 wurde erst 1994 abgeschafft.

[13] 1969 kam es nach einer Razzia einer New Yorker „Schwulenbar“ zu Ausschreitungen.

[14] Joachim Braun / Lela Lähnemann: Lesbische und schwule Lebensweisen. In: Uwe Sielert / Karlheinz Valtl: Sexualpädagogik lehren – Didaktische Grundlagen und Materialien für die Aus- und Fortbildung,

[15] vgl. ebenda:

[16] Sielert, Uwe: Sexualpädagogik, Konzepte und didaktische Anregungen,

[17] Riedel, Josef: Als Hetero mit Jungen zu „Schwulsein“ arbeiten. In: Hartmann, Jutta: Lebensformen und Sexualität,

[18] Im Durchschnitt haben etwa 20% aller Schüler/Schülerinnen an deutschen Schulen einen Migrationshintergrund.

[19] Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung Hamburg: Richtlinien für die Sexualerziehung, Hamburg, 1996. S.7

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Sexualerziehung in einer geschlechtshomogenen multiethnischen 10. Klasse - Stichwort: Homosexualität
Hochschule
Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg  (Staatliches Studienseminar Hamburg)
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
41
Katalognummer
V11931
ISBN (eBook)
9783638179683
ISBN (Buch)
9783638686815
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualerziehung, Klasse, Stichwort, Homosexualität
Arbeit zitieren
Christoph Berens (Autor), 2002, Sexualerziehung in einer geschlechtshomogenen multiethnischen 10. Klasse - Stichwort: Homosexualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11931

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