Die Bedeutung der Salutogenese bei chronischen Rückenschmerzen

Ein Vergleich des Kohärenzgefühls bei Patienten ohne Rückenschmerzen und Patienten mit chronischen unspezifischen Rückenschmerzen und deren Bewältigungsstrategien


Diplomarbeit, 2007
60 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung / Abstract

1 Problemstellung
1.1 Das biomedizinische Modell
1.2 Das biopsychosoziale Modell
1.3 Das salutogenetische Modell
1.3.1 Kohärenzgefühl
1.3.2 Stressoren und Widerstandsressourcen
1.3.3 Kohärenzgefühl und Gesundheit

2 Fragestellung

3 Methode

4 Ergebnisse
4.1 Allgemeine Beschreibung der Stichprobe
4.2 Erfassung des Kohärenzgefühls
4.3 Gruppenunterschiede „Kohärenzgefühl“
4.4 Gruppenunterschiede „Bewältigungsstrategien“

5 Diskussion und Ausblick
5.1 Die „Fluss-Metapher“
5.2 Entwicklung des Kohärenzgefühls
5.3 SOC-Steigerung durch kognitive Maßnahmen
5.3.1 Mind/Body-Medicine
5.3.2 „Die Heldenreise“
5.4 SOC-Steigerung durch physische Maßnahmen
5.4.1 Progressive Adaptionstherapie
5.4.2 McKenzie®
5.5 SOC-Steigerung durch kombinierte kognitiv-physische Maßnahmen
5.5.1 Multimodale Therapien
5.6 Salutogenese in der Physiotherapie

6 Schlussfolgerung
6.1 HEDE Kontinuum (health-disease continuum)

Literaturverzeichnis

Anhang
(a) Fragebogen
(b) Patienteninformation
(c) Information an Kollegen

Zusammenfassung / Abstract

Hintergrund: Das von Aaron Antonovsky konzipierte salutogene Model, versucht im Gegensatz zu den biomedizinischen Model nicht die pathogenen d.h. Krankheit verursachenden Faktoren zu beseitigen, sondern die dem Menschen innewohnenden Bewältigungsstrategien, gegen diese Krankheit verursachenden Faktoren zu beschreiben und ggf. zu verstärken.

Ziel: Diese Untersuchung versucht einen evtl. Zusammenhang von chronischer Rückenschmerzen mit dem der Salutogenese inhärenten Kohärenzgefühls festzustellen und dessen Steigerungsmöglichkeit zu überprüfen.

Methode: Bestimmung des Kohärenzgefühls mithilfe des Fragebogens zur ‚Bestimmung der Lebensorientierung’ von Antonovsky. Weiterhin wurden verschiedene Bewältigungsstrategien erfasst.

Ergebnisse: Die Auswertung ergab einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Auftreten von chronischen Rückenschmerz und einem niedrigen Kohärenzgefühl. Bevorzugte erfolgreiche Bewältigungsstrategien konnten nur unbefriedigend den verschiedenen Gruppen zugeordnet werden.

Schlussfolgerung: Eine Stärkung des Kohärenzgefühls kann als mögliche Therapiemaßnahme zur Behandlung chronischer Rückenschmerzen angesehen werden. Als wahrscheinliche Steigerungsmaßnahme für das Kohärenzgefühl auf physischer Ebene, könnte eine verbesserte Körperwahrnehmung in Betracht gezogen werden. Diese und weitere Maßnahmen müssen jedoch noch genauer erforscht werden.

Schlüsselwörter: Salutogenese - Kohärenzgefühl - chronischer Rückenschmerz - Aktivität - Physiotherapie

Background: The biomedical model is challenged by certain explanatory limitations, in particular to explain chronicle diseases. Aaron Antonovsky suggested the “salutogenetic model” during the 1970s, in order to describe health and disease as a consequence of the (non-)availability of health protecting coping strategies rather than of pathogenic factors.

Objective: The study analysed the correlation between chronic low back pain [CLBP] and the salutogenetic inherent sense of coherence [SOC]. Furthermore, methods are examined to improve the SOC.

Methods: An experimental group were given a standardised questionnaire, including the German translation of Antonovsky’s “Questionare of live orientation” (Antonovsky, 1983), in order to assess the SOC as well as the preferred coping strategies.

Results and Discussion: The results show a significant correlation between the SOC values and CLPB. Hence, improving a person’s SOC can be a possible therapy against CLBP. Increasing ones body awareness possibly raises the SOC. This and other SOC improving strategies have to be explored.

Key words: Salutogenesis - sense of coherence - chronic low back pain - activity - Physiotherapy

„Nicht die Umstände bestimmen des Menschen Glück,

sondern seine Fähigkeit zur Bewältigung der Umstände“

Aaron Antonovsky

„Gesundheit ist die Fähigkeit, lieben und arbeiten zu können“

Sigmund Freud

1 Problemstellung

Chronische Rückenschmerzen prägen in vielen Industrieländern in einem gravierenden Ausmaß die individuellen Krankheitsbiographien. Epidemiologischen Schätzungen nach leiden etwa 85% der Bevölkerung westlicher Industriestaaten mindestens einmal im Leben an Rückenschmerzen, bei 10% bis 20% werden diese chronisch (Deitermann et al., 2006; Pfingsten & Hildebrand, 2001). Da weiteren Schätzungen nach ca. 80% aller Rückenschmerzen ‚unspezifisch’ (Casser et al., 1999; Pfingsten & Hildebrand, 1998; Deitermann et al., 2006), d. h. ihre genauen Ursachen unklar sind, ist deren gezielte Behandlung und Beseitigung dementsprechend schwierig und weitgehend erfolglos (Seeger, 2001; Hayden et al., 2005). Dies wird als ein Grund dafür genannt, dass diese relativ geringe Anzahl von chronischen Rückenschmerz-Patienten beinahe 80% der zu tragenden Gesamtkosten für die Versicherungsträger und Arbeitgeber verursachen (Schöps et al., 2000). Rückenschmerzen stehen z. B. laut dem Deutschen Institut für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) als Ursache für Arbeitsunfähigkeit, Rehabilitationsmaßnahmen und vorzeitigen Rentenbezug wegen Erwerbsunfähigkeit an erster Stelle. In Deutschland wurden 2005 7,1% der jährlichen Arbeitsausfallstage Rückenschmerzen zugeschrieben, sie standen damit an erster Stelle, gefolgt von den akuten Infektionen der oberen Atemwege (5,3%) (DAK-Gesundheitsreport 2006).

Im Rahmen dieser Diplomarbeit soll das Kohärenzgefühl als eine mögliche Ursache, für die Entstehung von chronischen Rückenschmerzen untersucht und mögliche Interventionen, die das Kohärenzgefühl beeinflussen, diskutiert werden. Zum besseren Verständnis werden einleitend erst verschiedene bestehende Herangehensweisen zur Betrachtung des ‚Phänomens’ chronischer Rückenschmerz vorgestellt.

1.1 Das biomedizinische Modell

Im biomedizinischen Krankheitsmodell hat jede Krankheit eine greifbare Ursache (Mathe, 2005). Für Rückenschmerzen stehen einige Faktoren unter Verdacht, die Entstehung, das Wiederauftreten und die Chronifizierung dieser zu begünstigen:

- Bandscheibenvorfall
- Spondylarthrosen
- vorangegangene Wirbelsäulen- oder Bandscheiben-Operationen
- lokale Wachstumsstörungen
- Frakturen
- neoplastische Erkrankungen bzw. metastatische Prozesse
- Bewegungsmangel
- Spondylolysthesen
- Osteoporose
- Spinalstenose
- Schwangerschaft

(Raspe et al., 2003).

Bisweilen wird auch angenommen, dass lokale und auch neurologisch-ausstrahlende Schmerzen mit der Austrittsmasse der Bandscheibe zusammenhängen, die die benachbarte Nervenwurzel komprimiert. Diese Annahme ist jedoch bei einer Vielzahl der Fälle umstritten, da verschiedene Magnet-Resonanz-tomographisch (MRT) gestützte Untersuchungen keinen direkten Zusammenhang feststellen konnten.

In einer Studie von Beattie et al. (2000), konnte bei etwa 63% der Patienten mit Rückenschmerzen und neurologischen Ausstrahlungssymptomen durch eine MRT-Untersuchung keine Ursache für eine Nervenwurzelkompression erkannt werden.

Ebenso bescheinigen Kleinstuck et al. (2006) der MRT “… little value in […] explaining the cause of pain … This is because many structural changes seen on MRI [Magnetic Resonance Imaging] appear to be as common in asymptomatic individuals as in people with LBP” (Low Back Pain). Obwohl 89% der unter chronischen Rückenschmerzen leidenden Untersuchten sehr unterschiedliche und z. T. gravierende Degenerationserscheinungen an Bandscheiben und Wirbelkörpern hatten, war der Behandlungserfolg nach einer dreimonatigen standardisierten Bewegungstherapie bei allen gleich groß.

Die Falsch-Positiv-Fehlerquote beim MRT ergab bei einer Untersuchung von Boos et al. (1995) Werte von 63-76%, d. h. bis zu 76% der Patienten mit einem radiologisch diagnostizierten Bandscheibenvorfall waren symptomfrei.

Aus den genannten Gründen misslingen häufig Rückenschmerzbehandlungen, die sich ausschließlich auf das Auffinden und Beseitigen von anatomischen und/oder physiologischen Defekten konzentrieren (Seeger, 2001; Hayden et al., 2005). Dieser Umstand entspricht einer Beobachtung von Schmid: „Degenerative Veränderungen (Gelenksarthrosen, Abnutzungen der Wirbelkörper oder der Bandscheibe) sind eine natürliche Folge des Alterungsprozesses und sind so normal wie graue Haare. Sie haben keine Schmerz verursachende Bedeutung.“ (Schmid et al., 2006).

Aufgrund der genannten Defizite in Diagnose und Therapie sollte das Ursachenspektrum deshalb noch um weitere Erklärungs- und Behandlungsansätze erweitert werden.

1.2 Das biopsychosoziale Modell

Das biopsychosoziale Modell, das maßgeblich 1976 vom Sozialmediziner Georg L. Engel ausformuliert und propagiert wurde, bezieht diese psychosozialen Faktoren mit ein (Egger, 2005). ‚Unwohlsein’ findet nicht biologisch und/oder psychisch und/oder soziologisch statt, sondern in diesen Ebenen parallel (ebd.).

Das Gesundheits- bzw. Krankheitserleben wird demnach ebenso von der psychischen Stabilität und der sozialen Einbettung einer Person mitbestimmt. Ein Querschnittgelähmter z. B. empfindet seine Lage sicherlich anders, wenn er die ‚beste’ medizinische Versorgung erhält, von seiner Familie liebevoll unterstützt wird, selbstbestimmt einer beruflichen Tätigkeit nachgehen kann und über eine optimistische psychische Grundeinstellung verfügt, als jemand, dem diese medizinischen und psychosozialen Bedingungen fehlen.

Allein das ‚Etikettieren’ mit einem Krankheitsnamen (Diagnose ), die Inanspruchnahme medizinischer Versorgung und das Befolgen therapeutischer Anordnungen wirkt sich individuell auf das Krankheitserleben aus (Bengel et al., 1998. S. 17). Die Antizipation von Zukunftsperspektiven kann – besonders beim medizinischen Laien – „je nach perzipiertem Grad der Bedrohung durch die Diagnose eine subjektive emotionale und/oder kognitive Dissonanz entwickeln“ (Seligman, 1979).

Neuere Forschungsbemühungen konnten, besonders auf dem Gebiet der Neuropsychoimmunologie, diese biopsychosozialen Zusammenhänge objektivieren (Egger, 2005, S. 5).

Schlitenwolf et al. befragten Teilnehmer mit akuten Rückenschmerzen nach soziodemografischen, somatischen, psychischen und verhaltensbezogenen Faktoren in einem insgesamt 181 Items umfassenden Anamnesefragebogen. Nach sechs Monaten wurden die Patienten wieder nach ihrem Befinden und ihren Rückenschmerzen befragt. Laut Forschungsergebnis ist es mithilfe des Fragebogens HKF-R 10 mit 78% Wahrscheinlichkeit möglich, das Chronifizierungsrisiko von akuten Rückenschmerzen vorherzusagen.

In einer ähnlichen Studie konnten Thomas et al. (1999) neben Bewegungsmangel auch die Faktoren Stress, negative Selbsteinschätzung der eigenen Gesundheit, Unzufriedenheit am Arbeitsplatz und Arbeitslosigkeit, als signifikante prämorbide Merkmale für die Entstehung von chronischen Rückenschmerzen identifizieren.

Boos et al. (1995) konnten in ihrer vorher bereits erwähnten MRT gestützten Untersuchung keine signifikanten morphologischen Unterschiede bei einer Patientengruppe mit Rückenschmerzen, zu einer Vergleichsgruppe ohne Rückenschmerzen feststellen. Die einzigen signifikanten Unterschiede fanden sich bei der Arbeitsauffassung (berufsbezogener Stress, Zufriedenheit mit der Arbeit, Konzentrationsanforderung. p < .027) und bei psychosozialen Faktoren (Depression, Ängstlichkeit, Selbstkontrolle und Familienverhältnisse. p < .0001), die bei der Patientengruppe deutlich negativer ausfielen.

In einer Pilotstudie der Psychologin Michelle Sowden (2006) konnten psychosoziale Risikofaktoren („Yellow Flags“) bei chronischen Schmerzen durch gezielte Aufklärung verbessert werden. Bei den Probanden, die aufgrund unterschiedlicher Vorerkrankungen wie Schleudertrauma, Fibromyalgie oder rheumatoider Arthritis an chronischen Schmerzen litten, wurden vier psychosoziale Faktoren untersucht:

- falsche Vorstellungen über den Grund des Schmerzes („pain beliefs")
- psychologische Probleme („psychological distress" z. B. Depressionen)
- fehlender Glaube, selbst etwas gegen die Schmerzen tun zu können („external locus of control")
- den Verzicht auf bestimmte Aktivitäten wegen der Schmerzen („self-efficacy").

Durch verschiedene Fragebogen und Interviews wurde ermittelt, ob und wie stark diese vier Risikofaktoren bei den Patienten vorhanden waren. Anschließend nahmen die Patienten an einem achtwöchigen „Living with Pain Programme" teil. Innerhalb dieses Programms wurde versucht, die aufgedeckten „Yellow Flags“ mithilfe gezielter Aufklärungsgespräche und medizinischer Informationen zu reduzieren. Das Ergebnis war, dass sich nach den acht Wochen bis auf den „external locus of control" die anderen drei Risikofaktoren signifikant verbessert hatten – und damit auch das Allgemeinbefinden der Patienten. Somit scheinen gezielte Aufklärungsgespräche ein sinnvolles Instrument zu sein, um bei Patienten mit chronischen Schmerzen „Yellow Flags“ zu reduzieren und darüber ihren Zustand zu verbessern.

1.3 Das salutogenetische Modell

Bei Personen, die gleichzeitig ähnlichen Risikofaktoren ausgesetzt sind (z. B. Depressionen, Übergewicht, Rauchen, Ehescheidung und Arbeitslosigkeit), ist die individuelle Krankheitsbiografie dennoch sehr unterschiedlich, zumindest was den Zeitpunkt des Auftretens ähnlicher Krankheiten angeht. Deshalb muss noch mindestens ein weiterer bisher unbenannter Faktor identifiziert werden.

Bisher wurde nur von den pathogenetischen, also Krankheit verursachenden Faktoren gesprochen, nicht jedoch die Überlegung angestellt, was uns gesund hält bzw. warum wir überhaupt krank werden. Damit sind nicht mittelbar gesündere Lebensweisen, wie ausgewogene, vitaminreiche Ernährung, regelmäßige Bewegung etc. gemeint. Diese werden bereits von den psychischen Einstellungen und soziologischen Gegebenheiten abgedeckt, die den weiter unten beschriebenen generalisierten Widerstandsressourcen inhärent sind.

Was erhält Menschen gesund?

Diese Frage stellte sich auch der amerikanisch-israelische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky in den 1970er Jahren. Bei einer Untersuchung israelischer Frauen, bei der nur im sekundären Zusammenhang nach einem Aufenthalt in einem Konzentrationslager gefragt wurde, stellte sich heraus, dass immerhin 29% dieser Frauen sich in einer guten emotionalen und physischen Verfassung befanden. Von diesem Ergebnis überrascht, entwickelte Antonovsky das theoretische Model der Salutogenese, das der Frage nachgeht, welche Stress-Bewältigungsstrategien (Coping) dem Menschen innewohnen.

1.3.1 Kohärenzgefühl

Antonovsky entwarf aufgrund seiner Überlegungen das Konstrukt des Kohärenzgefühls (auch Kohärenzsinn, sense of coherence = SOC), welches eine individuelle Grundhaltung gegenüber der Welt (extern) und des Lebens (intern) widerspiegelt. Das Kohärenzgefühl setzt sich aus den drei Dimensionen Verstehbarkeit (comprehensibility), Handhabbarkeit (manageability) und Bedeutsamkeit (meaningfulness) zusammen.

Im Einzelnen interpretiert Antonovsky die Komponenten des Kohärenzgefühls wie folgt:

Verstehbarkeit beschreibt das Vertrauen des Menschen in die Strukturierbarkeit und Vorhersagbarkeit von auf ihn zukommenden Stimuli. Auch wenn diese Stimuli noch so überraschend auftreten, sind sie für die Person mit einem hohen Ausmaß an Verstehbarkeit dennoch erklärbar. Auch fühlen sich diese Personen von anderen Menschen besser verstanden.

Handhabbarkeit bezeichnet die Zuversicht des Menschen, über die geeigneten und notwendigen Ressourcen zu verfügen, um die auf sie zukommenden Stressoren zu bewältigen. Diese Ressourcen können in einem Selbst liegen oder man hat das Vertrauen, diese Kräfte von Anderen – Ehepartnern, Freunden, ‚Gott’, einem Therapeuten, der Geschichte, dem Parteiführer etc. – verliehen zu bekommen. Bedauerliche Dinge geschehen regelmäßig im Leben, doch kann man damit umgehen und fühlt sich nicht in eine Opferrolle gedrängt.

Bedeutsamkeit beschreibt die Fähigkeit, auch in den Widrigkeiten des Lebens lohnenswerte Herausforderungen zu erkennen, die es wert sind, in sie Energie und Engagement zu investieren, um sie mit Würde zu überwinden und diese nicht nur widerstrebend überstehen zu müssen. Die Quantität bedeutsamer Aspekte des Lebens ist bei Personen mit einem hohen Maß an Bedeutsamkeit größer, als bei Personen mit einem niedrigen Ausmaß. Menschen, die diese Fähigkeit nur gering ausgeprägt haben, versuchen den Problemen des Lebens lieber auszuweichen, da sie diese nur als Ballast empfinden.

Die beiden Komponenten Verstehbarkeit und Handhabbarkeit repräsentieren eher kognitive Aspekte des Kohärenzgefühls, die Komponente der Bedeutsamkeit eher einen emotionalen Aspekt.

Antonovsky definiert das SOC, als „eine globale Orientierung, die ausdrückt, in welchem Ausmaß man ein durchdringendes, andauerndes und dennoch dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass

1. die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersagbar und erklärbar sind;
2. einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;
3. diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen.“

(Antonovsky, 1997, S. 36).

1.3.2 Stressoren und Widerstandsressourcen

Stressoren sind nicht einheitlich zu charakterisieren, sie werden von Antonovsky als „Herausforderungen, für die es keine unmittelbar verfügbaren oder automatisch adaptiven Reaktionen gibt“ definiert (Antonovsky, 1997, S. 43). Als Resultat lösen sie beim Betroffenen einen merklichen Spannungszustand aus, da sie Entropie in ein ruhendes System bringen. Stressoren können als biologische, chemische, physikalische, psychische oder soziale Stressoren negativ auftreten (z. B. Entzündungen aufgrund einer bakteriellen Infektion, Alkohol in hohen Dosen, Kälte, Lärm, Überforderung durch Andere). Das Fehlen eines Grundbedarfs kann positiv entbehrenden Stress erzeugen (z. B. Schlafmangel) (Wippwert, 2006). Dabei stellen negative psychosoziale Stressoren laut Mason et al. (1976) quantitativ die stärksten natürlichen Reize dar, mit qualitativ besonders schädigenden Einflüssen für die Gesundheit.

Die Wahrnehmung und Bewertung dieser von Antonovsky beschriebenen Herausforderungen, hängt ab von deren Reizdauer und Intensität und vollzieht sich in zwei Schritten:

- Primäre Bewertung: Enthält die Herausforderung eine Bedrohung?

Die Situation kann als irrelevant oder sogar als angenehm eingeschätzt werden. Diese beiden Einschätzungen verursachen kein adaptives Verhalten, seitens des biopsychischen Systems. Wird die Situation jedoch als Bedrohung interpretiert, setzt der zweite Bewertungsschritt ein.

- Sekundäre Bewertung: Besitzt man genügend Ressourcen, um diese Bedrohung zu bewältigen?

Wird diese Antwort bejaht, kann die Situation als lösbare Herausforderung betrachtet werden (Eustress). Übersteigen die Anforderungen jedoch die Widerstandsressourcen, wird der Stress als schädigende Bedrohung wahrgenommen (Disstress) (Antonovsky, 1979).

In Antonovskys Konzept wird das Kohärenzgefühl als eine persönliche Fähigkeit eingeführt, die dabei hilft, mit den genannten, häufig fremdbestimmten Stressoren situationsgerecht umzugehen.

Neben dem Kohärenzgefühl, das als dispositionelle Bewältigungsressource gilt, sind dafür noch generalisierte Widerstandsressourcen (generalized resistance resource = GRR) hilfreich. Die Spannbreite der GRR, die dazu befähigen, sich an Lebensbedingungen anzupassen bzw. sie zu verändern reicht von individuellen Faktoren (Ich-Identität, Intelligenz, Wissen und Flexibilität) und individuell-genetisch festgelegten Faktoren (z. B. Immunpotenziale des Körpers gegen Krankheitserreger), über soziale Faktoren (materieller Wohlstand, soziale Unterstützung und Integration), bis hin zu kulturellen Faktoren (Eingebundenheit in stabile Kulturen).

Schnell-Inderst et al. fanden (2000) heraus, dass auch zu dem Einfluss der sozial-strukturellen Variablen der GRR, ein höherer Berufsstatus, ein höheres Einkommen, die Zugehörigkeit zu einem Mehrpersonenhaushalt und das Vorhandensein eines intakten Freundeskreises mit einer höheren Ausprägung des Kohärenzgefühls verbunden ist.

1.3.3 Kohärenzgefühl und Gesundheit

Antonovskys These besagt, dass Menschen mit einem hohen SOC besser in der Lage sind, mit Situationen umzugehen, die für die Personengruppe mit einem niedrigen SOC bereits bedrohlichen Stress bedeuten. Selbst wenn die Gruppe mit einem hohen SOC mit einer Situation konfrontiert wird, die merklich ihre GRR übersteigt, verfügen diese über erfolgreichere Bewältigungsstrategien um diese Belastungssituationen mit minimalem Schaden zu überstehen (Antonovsky, 1997).

In der Mehrzahl wissenschaftlicher Untersuchungen wurde bestätigt, dass das subjektiv körperliche aber insbesondere das psychische Befinden mit dem Kohärenzgefühl korreliert (s. u.).

In einer Literaturrecherche aus 471 wissenschaftlichen Untersuchungen aus den Jahren 1992 bis 2003 zum Thema Salutogenese und Gesundheit, stellten Eriksson et al. (2005) fest „SOC is strongly related to perceived health, especially mental health. The stronger the SOC the better the perceived health in general […] the SOC seems to be able to predict health.“

In einer 1998 durchgeführten repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung (n = 2005) von Schumacher et al. (2000), ging ein ausgeprägter SOC u. a. mit geringeren körperlichen Beschwerden und somatoformen Symptomen einher.

Schnell-Inderst et al. (2000) fanden hohe positive Korrelationen zwischen einem höheren SOC-Wert und subjektiver Gesundheit, allgemeinem Wohlbefinden, Selbstwertschätzung und (geringer) Ängstlichkeit. Ein beeinträchtigtes subjektives Befinden steht den Ergebnissen dieser Studie zufolge mit einer geringeren Ausprägung des SOC im Zusammenhang.

Bei einer Untersuchung von 1656 Personen stellten Rimann & Udris (1998) eine deutlich positive Korrelation zwischen SOC und psychischem Wohlbefinden und präventivem Gesundheitsverhalten fest. Ebenso litten Personen mit niedrigem SOC vermehrt an psychovegetativen Beschwerden.

In der Berus-Studie von Broda et al. (1996) mit 129 Patienten einer psychosomatischen Klinik und 121 gesunden Kontrollpersonen, konnte der Nachweis einer positiven Korrelation von SOC und physischen Beschwerden erbracht werden.

Um auch eine Untersuchung zu nennen, die zu einem anderen Ergebnis führt, was die Korrelation zwischen SOC und physischer Gesundheit betrifft, ist die Studie von Flensborg-Madsen et al. (2005) geeignet. Aufgrund einer Reanalyse von 50 wissenschaftlichen Untersuchungen gelangten die Autoren zu dem Schluss, dass ein hoher SOC-Wert alleine auf Krankheiten mit unmittelbar psychologischen Ursachen einen positiven Einfluss habe. Insoweit ist ein hoher SOC alleine nicht in der Lage, körperliche Gesundheit zu erklären. Flensborg-Madsen et al. trennten in ihrer Studie jedoch konsequent die biologische Komponente von den psychosozialen Komponenten, wie es auch das biomedizinische Model bevorzugt.

2 Fragestellung

Da die Ursachen chronischer Rückenschmerzen – wie bereits beschrieben – nur zum Teil auf der biologischen Ebene zu finden sind und eine erfolgreiche Therapie – wie noch zu beschreiben ist – die Komponente Aktivität mit beinhaltet, stellen sich folgende Fragen:

- Lässt sich ein Zusammenhang zwischen niedrigen SOC-Werten und chronischen Rückenschmerzen feststellen? (Kernfragestellung)
- Zeigen sich darüber hinaus ggf. weitere Zusammenhänge zwischen den individuell gewählten Bewältigungsmaßnahmen und dem SOC-Wert? (Ergänzende Fragestellung)

[...]

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Salutogenese bei chronischen Rückenschmerzen
Untertitel
Ein Vergleich des Kohärenzgefühls bei Patienten ohne Rückenschmerzen und Patienten mit chronischen unspezifischen Rückenschmerzen und deren Bewältigungsstrategien
Hochschule
Diploma Fachhochschule Nordhessen Berlin-Treptow
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
60
Katalognummer
V119623
ISBN (eBook)
9783640226481
ISBN (Buch)
9783640227754
Dateigröße
816 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrnehmung, Kohärenzgefühl, chronischer Rückenschmerz, Aktivität, Salutogenese, Thema Salutogenese
Arbeit zitieren
Josef Galert (Autor), 2007, Die Bedeutung der Salutogenese bei chronischen Rückenschmerzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119623

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