Gibt es Tatsachen, Ereignisse, Begebenheiten oder historische Fakten, an die sich zum Beispiel ein ganzes Volk erinnert oder eine bestimmte Gruppe von Menschen? Und könnte ein solches Ereignis, solch ein historischer Fakt, das Denken und Handeln dieser Gruppe beeinflussen, rechtfertigen oder gar determinieren? Gibt es eine gruppenspezifische Geschichte, welche parallel zur Geschichte verläuft, die ihren Platz in Büchern und Chroniken hat? Wenn ja, wie wird diese Geschichte geschrieben, wer erinnert sich an sie, durch welche Medien wird sie geschrieben, weitererzählt oder am Leben erhalten? Wer ist Geschichtsschreiber, wer Interpret, wer Bewahrer dieser Geschichte? Ist es möglich, dass eine derart spezifische, klar auf ihre jeweilige Gruppe beschränkte Geschichte, die Gruppe selbst überdauert? Wie funktioniert ein Gedächtnis, wie entsteht es? Gibt es nur ein Gedächtnis von Personen oder können Gruppen auch Gedächtnisse haben? Und wie würde sich ein „Gruppen-Gedächtnis“ bilden, so es eins gäbe?
Auf all diese Fragen wird die vorliegende Arbeit versuchen, Antworten zu finden. Es werden Theorien erklärt werden, die das Gedächtnis im Allgemeinen betreffen, jene, die sich dem kollektiven Gedächtnis und seinen Ausprägungen beschäftigen und es soll anhand von Beispielen gezeigt werden, wie und ob ein kulturelles Gedächtnis funktioniert. Dabei werden zuerst die Begriffe Gedächtnis, und insbesondere dessen Bezug und Wechselwirkungen zu den Begriffen Geschichte und Tradition, kollektives Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis und kulturelles Gedächtnis erläutert werden. Diese Begriffe wurden vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs vor allem in seinem Buch „Das kulturelle Gedächtnis“ geprägt, welches 1950 erschien. Der Ägyptologe Jan Assmann bezeichnete später die Entdeckung des kollektiven Gedächtnisses als Bahn brechend. Er war hauptsächlich an der Ausarbeitung, Interpretation und Verfeinerung der Thesen von Halbwachs beteiligt.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Theorien zur Gedächtnisbildung
- 3. Das kollektive Gedächtnis
- 3.1. Das kommunikative Gedächtnis
- 3.2. Übergang
- 4. Das kulturelle Gedächtnis
- 5. Medien des kulturellen Gedächtnisses
- 6. Erinnerungsorte
- 6.1. Das Panthéon als Erinnerungsort
- 6.2. Der Giro d'Italia als Erinnerungsort
- 7. Fazit
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Gedächtnisbildung von Individuen und Gruppen, insbesondere das kollektive Gedächtnis. Sie analysiert Theorien zur Gedächtnisbildung und beleuchtet die Konzepte des kommunikativen und kulturellen Gedächtnisses. Anhand von Beispielen wird die Funktionsweise eines kulturellen Gedächtnisses untersucht.
- Theorien der Gedächtnisbildung (individuell und kollektiv)
- Das kollektive Gedächtnis und seine Ausprägungen
- Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis
- Medien und Erinnerungsorte des kulturellen Gedächtnisses
- Der Einfluss von Gruppenzugehörigkeit auf die Gedächtnisbildung
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 (Einleitung): Die Einleitung stellt die zentralen Forschungsfragen der Arbeit vor: Wie funktioniert ein Gruppen-Gedächtnis? Wie wird Geschichte geschrieben und bewahrt? Welche Rolle spielen Medien und Erinnerungsorte?
Kapitel 2 (Theorien zur Gedächtnisbildung): Dieses Kapitel erläutert die Theorie von Maurice Halbwachs, die die soziale und affektive Dimension des Gedächtnisses betont. Halbwachs argumentiert, dass Erinnerung immer sozial geprägt ist und von der Gruppenzugehörigkeit abhängt.
Kapitel 3 (Das kollektive Gedächtnis): Hier werden verschiedene Aspekte des kollektiven Gedächtnisses, insbesondere das kommunikative Gedächtnis, behandelt. Der Übergang zu weiteren Aspekten wird vorbereitet.
Kapitel 4 (Das kulturelle Gedächtnis): Dieses Kapitel befasst sich mit dem kulturellen Gedächtnis und dessen Definition.
Kapitel 5 (Medien des kulturellen Gedächtnisses): Die Rolle der Medien bei der Erhaltung und Weitergabe des kulturellen Gedächtnisses wird analysiert.
Kapitel 6 (Erinnerungsorte): Das Kapitel behandelt das Panthéon und den Giro d'Italia als Beispiele für Erinnerungsorte und deren Funktion im kulturellen Gedächtnis.
Schlüsselwörter
Gedächtnisbildung, kollektives Gedächtnis, kommunikatives Gedächtnis, kulturelles Gedächtnis, Maurice Halbwachs, Jan Assmann, Erinnerungsorte, Medien, Sozialisierung, Gruppenzugehörigkeit, Geschichte, Tradition.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der Unterschied zwischen kollektivem und individuellem Gedächtnis?
Das individuelle Gedächtnis gehört einer Person. Das kollektive Gedächtnis hingegen wird von einer Gruppe geteilt; es ist sozial geprägt und hängt von der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ab.
Was unterscheidet das kommunikative vom kulturellen Gedächtnis?
Das kommunikative Gedächtnis umfasst Erinnerungen der jüngeren Vergangenheit (ca. 80-100 Jahre), die durch Alltagskommunikation weitergegeben werden. Das kulturelle Gedächtnis reicht viel weiter zurück und wird durch Texte, Riten und Monumente bewahrt.
Wer prägte die Theorien zum kollektiven Gedächtnis?
Wesentliche Impulse kamen vom Soziologen Maurice Halbwachs. Später wurden diese Thesen von Jan und Aleida Assmann weiterentwickelt und verfeinert.
Was ist ein „Erinnerungsort“?
Erinnerungsorte sind langlebige, Generationen überdauernde Kristallisationspunkte des kollektiven Gedächtnisses. Beispiele sind das Panthéon in Paris oder auch Sportereignisse wie der Giro d'Italia.
Welche Rolle spielen Medien für das Gedächtnis?
Medien (Bücher, Filme, Denkmäler) fungieren als Speicher. Sie ermöglichen es, dass eine gruppenspezifische Geschichte über die Lebensdauer der einzelnen Mitglieder hinaus erhalten bleibt.
Kann ein Ereignis das Handeln einer ganzen Gruppe determinieren?
Ja, historische Fakten oder Mythen im kollektiven Gedächtnis können das Denken und Handeln einer Gruppe rechtfertigen oder beeinflussen, indem sie eine gemeinsame Identität stiften.
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- M.A. Martin Piesker (Author), 2004, Gedächtnisbildung von Individuen und Gruppen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119666