Der Begriff „Jugendroman“ umfasst einen weiten und nicht eindeutig abgrenzbaren Bereich der Literatur. Einige Werke, die ursprünglich für ein erwachsenes Leserpublikum geschrieben wurden, stoßen auch bei Jugendlichen auf Interesse, und so ist es oft die „Aufnahme durch die Jugend, die – zumindest auf Dauer – für das Prädikat ‚Jugendliteratur‘ entscheidend ist.“ Dennoch herrscht heute eine bestimmte Vorstellung davon, was Jugendromane ausmacht. „Kinderbücher sind so geschrieben, daß sie ohne Vermittler ihre Leser erreichen können“. Gemeint ist damit, dass die Bücher eigens für ein junges Publikum geschrieben sind und kein Erwachsener nötig ist, um Inhalte des Werkes zu erklären. Der Wandel zu einer speziell nach den Leserbedürfnissen ausgerichteten Literatur entwickelte sich erst im letzen Jahrhundert und wird im Verlauf dieser Arbeit näher erläutert.
Besonders im Jugendbuch liegt die Chance, Heranwachsende in ihrem Interessenfeld anzusprechen und gleichzeitig Erziehungsabsichten zu transportieren. Die Konstruktion von realitätsnahen Situationen, Personen und Darstellungen ist dabei wichtig für die Übertragbarkeit der Fiktion auf die Realität der Leser und der damit verbundenen Vermittlung von Verhaltensweisen und Problembewältigungen. Realitätskonstruktionen dienen dazu einen Bezug zur eigenen Umwelt und damit Relevanz für die Leser herzustellen und eine Identifikation zu ermöglichen. Die Gestaltung sympathischer Romanfiguren und das für Jugendromane charakteristische Happy End unterstützen die Vorbildfunktion von Verhaltensmustern und Strategien Konflikten zu begegnen. Darüber hinaus soll die Projektionsmöglichkeit der Fiktion auf die Realität die Sichtweise der Leser schulen und die Reflexion über die eigene Umwelt fördern. Es ist weder möglich noch das Ziel der Jugendliteratur allgemeingültige Vorlagen zu bieten, sondern vielmehr sollen die Leser angeregt werden, „durch Einsicht in die Probleme und durch die Begegnung mit verschiedenen Wertungen zu einer eigenen Urteilsbildung zu finden.“ In den Jugendromanen werden Realitätskonstruktionen auf mehreren Ebenen, angefangen vom Autor-Leser-Verhältnis und den daraus resultierenden Kommunikationssituationen und Erzählerfiguren, über die Sprachverwendung, bis hin zur Figurendarstellung und schließlich der Problembewältigung, sichtbar und sollen in dieser Arbeit herausgestellt und analysiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historisch-Systematische Einordnung
2.1 Jugendliteratur im Wandel
2.1.1 Entwicklung der Erziehungsabsicht in der Jugendliteratur
2.1.2 Entwicklung der fantastischen Jugendliteratur
2.2 Realität, fiktionale Wirklichkeit und Fantasie
3. Analyse der Realitätskonstruktionen
3.1 Autor – Leser – Verhältnis
3.1.1 Kommunikationssituation
3.1.2 Kommentare und Sympathielenkung des Erzählers
3.1.3 Illustrationen und Paratext
3.2 Sprache und Stil der Jugendromane
3.2.1 Erzählsprache und Handlungsstruktur
3.2.2 Romandialog und Figurenrede
3.3 Figurendarstellung
3.3.1 Jugendbuchhelden als Identifikationsfiguren
3.3.2 Kindliche Perspektive als Identifikationsmöglichkeit
3.3.3 Jugendbuchhelden als kleine Erwachsene
3.4 Problembewältigung
3.4.1 Bewältigung innerhalb der fiktionalen Realität
3.4.2 Bewältigung durch die Fantasiewelt
4. Fazit
5. Siglenverzeichnis
6. Bibliografie
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Zusammenspiel von Realitätskonstruktionen und Erziehungsabsichten in ausgewählten Jugendromanen des 20. Jahrhunderts. Dabei wird analysiert, wie Autoren durch Erzähltechniken, Sprache und Figurendarstellung versuchen, jugendliche Leser in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen und zur Reflexion über ihre Lebenswelt anzuregen, ohne dabei den pädagogischen Charakter der Texte zu offensichtlich hervorzuheben.
- Vergleich zwischen realistischen und fantastischen Jugendromanen hinsichtlich ihrer Realitätskonstruktion
- Analyse des Autor-Leser-Verhältnisses und der Rolle des Erzählers als Sympathielenker
- Bedeutung von Sprache, Stil und Dialogen für die Identifikationsmöglichkeiten der Leser
- Darstellung von Problemen und Lösungsstrategien durch die Jugendfiguren
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Kommentare und Sympathielenkung des Erzählers
Der Erzähler in Jugendromanen kann verschiedene Erzählpositionen einnehmen. Als auktorialer Erzähler, der jedoch nicht mit dem Autor gleichzusetzen ist, tritt er in diegetisch-fiktionalen Texten auf der Erzählerebene auf und berichtet über eine Geschichte, die dem Zeitpunkt des Erzählens vorgelagert ist. Diese Erzählform findet sich zum Beispiel in Kästners Emil und die Detektive und Der 35. Mai. Der Erzähler hat hier die Möglichkeit eine gezielte Sympathielenkung zu betreiben: „Der jugendliche Leser identifiziert sich zunächst mit dem Erzähler des Buches, und er identifiziert sich mit den Figuren nur deshalb, weil sie ihm von einem sympathischen Erzähler auf sympathische Weise vorgestellt worden sind.“80
Eine Erzählperspektive, die sich in der Jugendliteratur erst allmählich entwickelte, aber schließlich durchsetzen konnte, taucht in mimetisch-fiktionalen Texten auf. Der Erzähler berichtet aus der Sicht der Protagonisten, wodurch er als Erzähler nicht mehr erkennbar ist und auch die Erzählebene wegfällt. Ein Beispiel dafür ist Cornelia Funkes Roman Die Wilden Hühner. Daneben gibt es weitere Texte, die eine Mischform der beiden Erzählpositionen aufweisen, wozu sich Der mechanische Prinz von Andreas Steinhöfel zählen lässt, da sich in diesem Roman die Perspektive einer Erzählerfigur und die des Protagonisten abwechseln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert den Jugendroman und legt das theoretische Fundament für die Untersuchung von Realitätskonstruktionen und Erziehungsabsichten in der Jugendliteratur.
2. Historisch-Systematische Einordnung: Dieses Kapitel zeichnet die Entwicklung der Jugendliteratur und ihrer Erziehungsziele vom 18. Jahrhundert bis zur Moderne nach und beleuchtet die Entstehung der fantastischen Jugendliteratur.
3. Analyse der Realitätskonstruktionen: Der Hauptteil untersucht detailliert, wie Autoren durch Erzählweisen, Sprache, Figurenkonstellationen und Problembewältigungsmuster die Wahrnehmung der Leser steuern und Identifikationsangebote schaffen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und betont, dass sowohl realistische als auch fantastische Jugendromane trotz unterschiedlicher Gattungsmerkmale ähnliche Strategien der Leserlenkung und erzieherischen Beeinflussung verfolgen.
5. Siglenverzeichnis: Verzeichnis der in der Arbeit verwendeten Kürzel für die Primärliteratur.
6. Bibliografie: Auflistung der in der Arbeit verwendeten Primär- und Sekundärquellen sowie Internetquellen.
Schlüsselwörter
Jugendroman, Realitätskonstruktion, Erziehungsabsicht, Jugendliteratur, Identifikation, Erzählstrategien, Sozialisation, Phantastik, Realismus, Leserlenkung, Persönlichkeitsentwicklung, Problembewältigung, Kommunikation, Perspektive, Literaturdidaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie Autoren von Jugendromanen durch die Konstruktion einer fiktiven Realität Einfluss auf die jugendliche Leserschaft nehmen, um erzieherische Ziele zu verfolgen und Identifikationsangebote zu schaffen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind das Verhältnis zwischen Autor, Erzähler und Leser, die Gestaltung von Sprache und Stil für unterschiedliche Altersgruppen, die Darstellung jugendlicher Helden als Identifikationsfiguren sowie die Methoden der Problembewältigung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Realitätskonstruktionen in realistischen und fantastischen Werken eingesetzt werden, um die Lücke zwischen der Welt der Erwachsenen und der Jugendlichen zu überbrücken und eigenständiges Denken zu fördern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es erfolgt eine literaturwissenschaftliche Analyse von Primärtexten im Vergleich, unterstützt durch kommunikations- und erziehungstheoretische Ansätze, um die Wirkung der Texte auf den jugendlichen Leser zu erschließen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Autor-Leser-Verhältnisses, die sprachliche Gestaltung, die Figurenanalyse sowie verschiedene Ansätze zur Bewältigung von Alltagsproblemen innerhalb der Fiktion.
Durch welche Schlüsselwörter wird die Arbeit charakterisiert?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Jugendliteratur, Realitätskonstruktion, Sozialisation, Identifikationsfigur und Erziehungsabsicht definiert.
Wie unterscheidet sich die Problembewältigung in realistischen und fantastischen Romanen?
Während realistische Romane Probleme innerhalb des Alltags der Figuren lösen und den Leser zur direkten Nachahmung anregen, nutzt fantastische Literatur die Distanz einer Parallelwelt, um Probleme aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und Reflexionsprozesse anzustoßen.
Welche Bedeutung kommt der kindlichen Perspektive zu?
Die kindliche Perspektive dient in den Werken von Kästner primär dazu, dem jungen Leser eine niedrigschwellige Identifikationsmöglichkeit zu bieten, während sie gleichzeitig dazu genutzt wird, durch eine "Verkehrte Welt" gesellschaftskritische Anspielungen für ältere Rezipienten einzubetten.
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- Annika Rohkst (Author), 2008, Realitätskonstruktion und Erziehungsabsicht in Jugendromanen des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119709