Nach einer kurzen Darstellung der Grundzüge strafrechtlicher Sanktionen und der Strafzwecke befasst sich die Arbeit mit zwei Schwerpunkten: dem Rechtsbewusstsein, verstanden als Einstellung zu Recht und Gesetz, und den Laienbeurteilungen von Strafe und Schadenersatz. Der erste empirische Teil der Arbeit behandelt zuerst die Sanktionsbeurteilungen. In der ersten Studie werden die Einflüsse von objektiven und subjektiven (Vorsatz) Deliktsmerkmalen auf die Höhe der Strafbeurteilungen diskutiert und mit den Strafrahmen des Strafgesetzbuches verglichen. In der zweiten Studie wird der Einfluss der Schadenshöhe und einer Entschädigung diskutiert. Der zweite empirische Teil befasst sich mit dem Rechtsbewusstsein und der Einstellung der Versuchspersonen zu Polizei, Gerichten, Richtern und Rechtsanwälten, wobei zur Erhebung das Frankfurter Rechtsinventar verwendet wurde.
Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung
I. Allgemeines
II. Gegenstand der Arbeit
III. Ziele der Arbeit
Theoretischer Teil
B. Grundzüge des Sanktionssystems
I. Allgemeines
II. Definition von Strafe
III. Voraussetzungen der Bestrafung
IV. Strafrechtliche „Reaktionen“ auf Straftaten
1. Geld- und Freiheitsstrafe
a) Geldstrafe
b) Freiheitsstrafe
2. Vorbeugende Maßnahmen und Diversion
V. Wirkungen von Strafen
C. Zwecke des Strafrechts
I. Allgemeines
II. Generalprävention
1. Positive Generalprävention
2. Negative Generalprävention
III. Spezialprävention
IV. Strafrecht als einziges „Erziehungsmittel“?
D. Exkurs: Der zivilrechtliche Schadenersatz
I. Schadenersatz in Österreich
II. „Strafschadenersatz“ in Amerika (punitive damage)
E. Die Entwicklung von rechtlichem Denken und Urteilen
I. Allgemeines
II. Piaget’s Stufen der Moral
III. Kohlberg’s Niveaus der Moral
IV. Entwicklung des Rechtsdenkens nach Tapp, Kohlberg & Levine
F. Rechtsbewusstsein
I. Allgemeines
II. Rechtssoziologische Betrachtungen
1. Allgemeines
2. Rechtskenntnis
3. Rechtsgefühl
4. Rechtsbewusstsein
5. Rechtsakzeptanz
6. Kritische Betrachtung der rechtssoziologischen Forschung
III. Einstellungen und Recht
1. Einstellungen
a) Definition von Einstellung
b) Funktionen von Einstellungen
c) Konsistenz zwischen Einstellungen und Verhalten
2. Forschung zu „rechtlichen“ Einstellungen
a) Allgemeines
b) Einstellung zum Befolgen von Gesetzen
c) Einstellung zur Polizei
d) Resümee
G. Laienbeurteilungen
I. Allgemeines
II. Laien im Strafverfahren
1. Die Laienbeteiligung im österr. Strafprozess
2. Mögliche Fehler der „Laienrichter“
III. Erklärungsansätze von Beurteilungen deliktischer Handlungen
1. Allgemeines
2. „Equity-Theory“
3. Attributionstheoretische Überlegungen
4. „Outrage – Model“
5. Resümee
IV. Einflussfaktoren auf Sanktionsbeurteilungen
1. Der Tätervorsatz
2. Deliktart und Schadenshöhe
3. Wiedergutmachung und Schadenersatz
4. Weitere Faktoren
Empirischer Teil
H. Studien zur Sanktionsbeurteilung
I. Hauptstudie
1. Fragestellung und Hypothesen
a) H1: Beurteilung in Abhängigkeit von der Deliktart
b) H2: Beurteilung in Abhängigkeit von der Vorsatzart
c) H3: Vergleich mit den Strafrahmen des StGB
d) H4: Schadenersatz
2. Methode
a) Versuchspersonen / Stichprobe
b) Design
(1) Abhängige Variablen
(i) Strafart
(ii) Strafhöhe
(iii) Schadenersatz
(2) Unabhängige Variablen
(i) Delikt
(ii) Vorsatzart
c) Materialien
d) Untersuchungsablauf
e) Ethische / juristische Gesichtspunkte
3. Ergebnisse
a) Strafart
(1) UV: Delikt
(2) UV: Vorsatzart
b) Strafhöhe
(1) UV: Delikt
(2) UV: Vorsatzart
c) Schadenersatz
(1) Betrachtung jedes einzelnen Deliktes
(i) Tötungsdelikt
(ii) Körperverletzung
(iii) Diebstahl
(iv) Sachbeschädigung
(2) Zusammenhänge zwischen den Delikten
(i) Absicht
(ii) Bedingter Vorsatz
(iii) Fahrlässigkeit
(3) Resümee
4. Diskussion
a) H1: Beurteilung in Abhängigkeit von der Deliktart
b) H2: Beurteilung in Abhängigkeit von der Vorsatzart
c) H3: Vergleich mit den Strafrahmen des StGB
d) H4: Schadenersatz
5. Kritische Bemerkungen
II. Folgestudie
1. Fragestellung und Hypothesen
a) H5: Beurteilung in Abhängigkeit von der Werthöhe
b) H6: Beurteilung in Abhängigkeit von der Ersatzleistung
2. Methode
a) Versuchspersonen / Stichprobe
b) Design
(1) Abhängige Variable
(2) Unabhängige Variablen
(i) Delikt
(ii) Schadenshöhe
(iii) Schadenersatz
c) Materialien
d) Untersuchungsablauf
e) Ethische / juristische Gesichtspunkte
3. Ergebnisse
a) Körperverletzung
b) Diebstahl
c) Sachbeschädigung
4. Diskussion
a) H5: Beurteilung in Abhängigkeit von der Werthöhe
b) H6: Beurteilung in Abhängigkeit von der Ersatzleistung
III. Gesamtbetrachtung
I. Studie zum Rechtsbewusstsein
I. Fragestellung und Hypothesen
1. H1: Rechtsbewusstsein
2. Die sechs einzelnen Skalen des FRI
a) H2: Einstellung zu Gesetzen iA
b) H3: Einstellung zum Befolgen von Gesetzen
c) H4: Einstellung zur Polizei
d) H5: Einstellung zu Gerichten und Richtern
e) H6: Einstellung zu Rechtsanwälten
II. Methode
1. Versuchspersonen / Stichprobe
a) Schule
b) Geschlecht
c) Altersgruppe
d) Staatsbürgerschaft
2. Design
a) Abhängige Variablen
b) Unabhängige Variablen
3. Materialien
4. Untersuchungsablauf
5. Ethische / juristische Gesichtspunkte
III. Ergebnisse
1. Gesamte Stichprobe
a) Rechtsbewusstsein
b) Einstellung zum Befolgen von Gesetzen
c) Einstellung zu Gesetzen iA
d) Einstellung zur Polizei
e) Einstellung zu Gericht, Richter und Rechtsanwälten
2. Stichprobe - Schulvergleich
a) Rechtsbewusstsein
b) Einstellung zum Befolgen von Gesetzen und zu Gesetzen iA
c) Einstellung zu Polizei, Gericht, Richter und Rechtsanwälten
3. Stichprobe - Geschlechtervergleich
a) Rechtsbewusstsein
b) Einstellung zum Befolgen von Gesetzen und zu Gesetzen iA
c) Einstellung zu Polizei, Gericht, Richter und Rechtsanwälten
4. Stichprobe - Altersvergleich
a) Rechtsbewusstsein
b) Einstellung zum Befolgen von Gesetzen und zu Gesetzen iA
c) Einstellung zu Polizei, Gericht, Richter und Rechtsanwälten
IV. Diskussion
1. H1: Rechtsbewusstsein
2. Die sechs einzelnen Skalen des FRI
a) H2: Einstellung zu Gesetzen iA
b) H3: Einstellung zum Befolgen von Gesetzen
c) H4: Einstellung zur Polizei
d) H5: Einstellung zu Gerichten und Richtern
e) H6: Einstellung zu Rechtsanwälten
f) Kritische Bemerkungen
J. Rechtsbewusstsein und Sanktionsbeurteilungen
K. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Dissertation untersucht aus psychologischer Perspektive das Rechtsbewusstsein sowie das Sanktionsverhalten von rechtlichen Laien. Ziel ist es, zu analysieren, wie Laien Straftaten bewerten und welche Faktoren – wie etwa Deliktart, Tätervorsatz oder Schadenshöhe – ihr Strafempfinden beeinflussen, und ob diese Einschätzungen mit den rechtlichen Strafrahmen korrelieren.
- Rechtsbewusstsein als Einstellung zu Recht und Gesetz
- Einfluss von Deliktart und Tätervorsatz auf Laienbeurteilungen
- Vergleich der Laien-Sanktionsbeurteilung mit gesetzlichen Strafrahmen
- Die Rolle von Schadenersatz und Wiedergutmachung im Strafkontext
- Empirische Untersuchung mittels Frankfurter Rechtsinventar (FRI)
Auszug aus dem Buch
4. „Outrage – Model“
Sunstein, Kahneman und Schkade (1998) führten eine Studie zur Überprüfung der Vorhersagbarkeit und Willkürlichkeit der Strafschadenersatzurteile durch. Wie vorne bereits erwähnt dient der Strafschadenersatz nicht nur der Wiedergutmachung des Schadens sondern auch der Spezial- und Generalprävention. Allerdings bewirkt die große Unterschiedlichkeit der Strafschadenersatzurteile (dazu auch Hersch & Viscusi, 2004; und Schkade, Sunstein & Kahneman, 1999), die bis zu vielen Millionen Dollar reichen, eine völlige Unvorhersehbarkeit, die in der Praxis zu zweierlei führt: Unfairness und Ineffizienz. Obwohl das primäre Interesse der Studie darin bestand, die Quellen dieser mangelnden Vorhersehbarkeit zu eruieren, formulierten sie darüber hinaus das Outrage-Model (Sunstein et al., 1998). Das Wesen dieses Modells ist, dass moralische Übertretungen von Anderen eine innere Entrüstungshaltung („attitude of outrage“) hervorrufen, die sich aus einer emotionellen Bewertung („emotional evaluation“) und einer Reaktionstendenz („response tendency“) zusammensetzt (Sunstein et al., 1998). Ferner nehmen sie an, dass sich das Ausmaß der Entrüstung an sozialen Normen orientiert.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik strafbarer Handlungen in Österreich ein, untermauert durch statistische Daten und Medienberichte, und definiert das Ziel der Arbeit: die Untersuchung des Rechtsbewusstseins sowie der Laienbeurteilungen von Straftaten.
B. Grundzüge des Sanktionssystems: Das Kapitel bietet einen Überblick über das österreichische Sanktionssystem, einschließlich der Definition von Strafe, Voraussetzungen der Bestrafung und der verschiedenen gesetzlichen Reaktionen wie Geld- und Freiheitsstrafen.
C. Zwecke des Strafrechts: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Straftheorien erörtert, wobei der Fokus auf den Zielen der Prävention (General- und Spezialprävention) und der Resozialisierung liegt.
D. Exkurs: Der zivilrechtliche Schadenersatz: Dieser Abschnitt grenzt den zivilrechtlichen Schadenersatz von strafrechtlichen Sanktionen ab und erläutert dessen Ausgleichsfunktion sowie die Besonderheiten des in Amerika bekannten „Strafschadenersatzes“.
E. Die Entwicklung von rechtlichem Denken und Urteilen: Das Kapitel beleuchtet psychologische Entwicklungsmodelle der Moral und des Rechtsdenkens, basierend auf den klassischen Theorien von Piaget und Kohlberg sowie deren Erweiterungen durch Tapp & Levine.
F. Rechtsbewusstsein: Es wird die psychologische Dimension des Rechtsbewusstseins als Einstellungskonstrukt definiert und der aktuelle Forschungsstand zur Rechtskenntnis, Rechtsgefühl und Rechtsakzeptanz dargelegt.
G. Laienbeurteilungen: Hier werden die theoretischen Hintergründe und Einflussfaktoren des Beurteilungsverhaltens von Laien in Strafverfahren sowie Ansätze wie die „Equity-Theory“ und das „Outrage-Model“ diskutiert.
H. Studien zur Sanktionsbeurteilung: Dieser empirische Teil präsentiert zwei durchgeführte Studien, die analysieren, wie Laien in Abhängigkeit von Deliktart, Vorsatz und Schadenersatz über Strafen entscheiden.
I. Studie zum Rechtsbewusstsein: In diesem empirischen Abschnitt werden die Einstellungen der Probanden zur Rechtsordnung und rechtspflegenden Institutionen mittels des Frankfurter Rechtsinventars (FRI) erhoben und analysiert.
J. Rechtsbewusstsein und Sanktionsbeurteilungen: Dieses Kapitel zieht eine kritische Verbindung zwischen den Ergebnissen der beiden Forschungsfelder und evaluiert die methodischen Grenzen der Arbeit.
K. Schlussbemerkungen: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Diskussion über die Bedeutung der Ersatzleistung für das subjektive Gerechtigkeitsempfinden und die Rolle des Strafrechts im sozialen Gefüge.
Schlüsselwörter
Rechtsbewusstsein, Laienbeurteilung, Sanktion, Strafmaß, Tätervorsatz, Schadenersatz, Frankfurter Rechtsinventar, Rechtsakzeptanz, Kriminalprävention, Rechtspsychologie, Deliktart, Strafrahmen, Fahrlässigkeit, Vergeltung, Resozialisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie rechtliche Laien Straftaten und die dazugehörigen Sanktionen beurteilen und wie diese Urteile mit ihrem individuellen Rechtsbewusstsein und der Einstellung zur Rechtsordnung zusammenhängen.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Rechtsbewusstsein im psychologischen Verständnis, die Mechanismen von Laienbeurteilungen im Strafkontext, der Einfluss von Schadenswiedergutmachung sowie die Effektivität und Wahrnehmung staatlicher Sanktionen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, ob Laien bei der Strafzumessung objektive und subjektive Tatmerkmale berücksichtigen, wie ihre Urteile im Vergleich zu gesetzlichen Strafrahmen abschneiden und ob eine hohe Rechtsakzeptanz mit einer strengeren oder milderen Bestrafungstendenz korreliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird für die Arbeit verwendet?
Der Autor führt empirische Studien durch. Zur Untersuchung des Rechtsbewusstseins wird das „Frankfurter Rechtsinventar“ (FRI) verwendet, während zur Analyse des Sanktionsverhaltens experimentelle Szenarien mit fiktiven Straftatbeständen und Variationen der Strafart, des Vorsatzes und des Schadens angewandt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil, der Sanktionszwecke und psychologische Entwicklungsmodelle des Rechtsdenkens erklärt, sowie einen empirischen Teil, in dem zwei Hauptstudien zur Sanktionsbeurteilung und eine Studie zum Rechtsbewusstsein detailliert ausgewertet und diskutiert werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Rechtsbewusstsein, Laienbeurteilung, Strafmaß, Tätervorsatz, Schadenersatz, Frankfurter Rechtsinventar (FRI) und Rechtsakzeptanz sind die zentralen Begriffe der Publikation.
Warum spielt das Frankfurter Rechtsinventar eine wichtige Rolle für die Studie?
Das Inventar ermöglicht eine standardisierte, empirische Erfassung von Einstellungen zu Gesetzen, zur Polizei, zu Gerichten und zu Rechtsanwälten, was eine objektivere Analyse des Rechtsbewusstseins der Probanden erlaubt.
Wie bewerten Laien den Einfluss des Schadenersatzes auf die Strafhöhe?
Die Studien zeigen, dass Laien dem Schadenersatz eine hohe Bedeutung beimessen. Interessanterweise ist jedoch festzustellen, dass eine bereits erfolgte Schadenswiedergutmachung durch den Täter die strafrechtliche Sanktion nicht vollständig ersetzt, sondern eher mildernd in die Gesamturteilungsbildung einfließt.
- Quote paper
- MMag. Dr. Andreas Weberndorfer (Author), 2005, Sanktionsbeurteilung von Laien und Rechtsbewusstsein, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119736