In der Diskussion um Psyche, Psychologie, Selbstbewusstsein und Individualität, allesamt Worte, die unsere Zeit gerne gebraucht, taucht der Begriff Seele, obwohl die direkte Übersetzung des griechischen Wortes psyche, in wissenschaftlichen Zusammenhängen kaum auf. Die Vorstellung einer selbständigen Geistseele, die mit dem lebendigen Körper eine wie auch immer geartete Verbindung eingeht, erscheint der Wissenschaft kaum mehr erörterungswürdig. Vielmehr scheinen Vorstellungen von Seele restlos in den Bereich der persönlichen Religiosität zu gehören. Platon und Aristoteles erheben jedoch den Anspruch, dem Problem der Seele mit den Mitteln der Wissenschaft näher zu kommen. Beide entwerfen unterschiedliche Modelle und Erklärungen der Seele. In Platons Psychologie begegnet uns ein strenger Dualismus von Seele und Leib, den er in mythischen Gleichnissen veranschaulicht. Die Herangehensweise des Aristoteles unterscheidet sich grundlegend. Als Biologe und Naturwissenschaftler lehnt er einen Leib-Seele Dualismus ab und entwirft als Gegenmodell den Hylemorphismus.
In dieser Arbeit sollen beide Ansätze genauer betrachtet werden. Die Frage nach dem Verhältnis von Leib und Seele steht dabei im Vordergrund. In einer Kontrastierung sollen die Unterschiede und Eigenheiten der beiden Psychologien besonders herausgearbeitet werden. Zwei Fragestellungen werden hierbei besonders berücksichtigt: Was ist der Mensch bei Platon, was bei Aristoteles und wie stehen die Begriffe Mensch und Seele in Beziehung? Welche Bedeutung hat das logistikon bei Platon und welche der nous bei Aristoteles für die Identität des Menschen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung.
2.1 Analyse der Argumentation Platon im Dialog „Alkibiades“.
2.2 Zusammenfassung der Kernaussagen.
3. Der Begriff der Seele bei Aristoteles in Texten des Werkes „de anima“.
4.1 Die Beziehung zwischen den Begriffen Mensch und Seele bei Platon und Aristoteles
4.2. Die Bedeutung des nous für die menschliche Identität bei Aristoteles im Vergleich zum logistikon bei Platon
5. Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Leib und Seele in der Philosophie von Platon und Aristoteles, um deren unterschiedliche anthropologische Modelle zu kontrastieren. Ziel ist es, die spezifischen Definitionen des Menschen sowie die Bedeutung der Begriffe Seele, logistikon und nous für die menschliche Identität herauszuarbeiten und die grundlegenden Unterschiede zwischen platonischem Dualismus und aristotelischem Hylemorphismus aufzuzeigen.
- Vergleich der anthropologischen Konzepte von Platon und Aristoteles
- Analyse des Dualismus bei Platon anhand des Dialogs „Alkibiades“
- Untersuchung des Hylemorphismus in Aristoteles' Werk „de anima“
- Gegenüberstellung der Begriffe Seele, logistikon und nous
- Reflexion über die menschliche Identität im Kontext von Leiblichkeit und Geist
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Beziehung zwischen den Begriffen Mensch und Seele bei Platon und Aristoteles
In der Übersicht zur platonischen Philosophie ist bereits angeklungen, dass Platons Aussagen über den Menschen problematisch weil extrem gegensätzlich formuliert sind. Sucht man bei Platon nach einer klaren Definition des Menschen, wird man enttäuscht. Und stößt man schließlich doch auf etwas, das einer Definition ähnelt, kann sie kaum ernst gemeint sein: Im Politikos nennt er den Menschen einen „ungefiederten Zweifüßler“, im Dialog Alkibiades dagegen sei der Mensch eigentlich Seele. Platons Menschenbild zerfällt von Anfang an in die Unterscheidung von Leib und Seele. Der Begriff Mensch verwendet er in diesem Zusammenhang dreifach. Erstens: Im gängigen Sprachgebrauch nennt auch Platon die Einheit aus Seele und Leib Mensch. Zweitens: Im Dialog Alkibiades lässt er Sokrates feststellen: „Wenn nun weder der Leib noch das Beiderlei der Mensch ist, so bleibt nur übrig, entweder nichts ist er, oder wenn etwas, so kann nichts anderes der Mensch als die Seele.“ Die Seele als ganzes wird hier als Mensch bezeichnet. Drittens betrachtet Platon die menschliche Seele unter drei Aspekten. In einem Bild nennt er diese „Teile“, die jedoch nicht in allen Werken Platons als echt getrennte Entitäten, wie dies bei Aristoteles zu finden ist, gedacht werden: Mut, Begierde und „inwendiger Mensch“. Gemeint ist die Vernunft, die logistikon, die mäßigend auf die anderen Anteile der Seele einwirken soll. Im Phaidros wählt Platon das Bild des Wagenlenkers, der um die göttlichen Ideen zu schauen, eine gefiederten Rosse gut unter Kontrolle haben muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung.: Einführung in die Thematik der Seele, die Problemstellung des Leib-Seele-Dualismus und die Zielsetzung der vergleichenden Analyse.
2.1 Analyse der Argumentation Platon im Dialog „Alkibiades“.: Untersuchung der platonischen Methode der Selbsterkenntnis und der Differenzierung zwischen Leib und Seele anhand des Dialogs.
2.2 Zusammenfassung der Kernaussagen.: Kurze Synthese der platonischen Auffassung von Seele als Sitz der Identität und der Trennung vom Leib.
3. Der Begriff der Seele bei Aristoteles in Texten des Werkes „de anima“.: Darstellung des aristotelischen Hylemorphismus, in dem die Seele als Formprinzip des lebendigen Körpers begriffen wird.
4.1 Die Beziehung zwischen den Begriffen Mensch und Seele bei Platon und Aristoteles: Kontrastierung der Menschenbilder, wobei Platons Dualismus dem biologisch orientierten Ansatz des Aristoteles gegenübergestellt wird.
4.2. Die Bedeutung des nous für die menschliche Identität bei Aristoteles im Vergleich zum logistikon bei Platon: Analyse, wie das Vernunftvermögen (logistikon bzw. nous) bei beiden Denkern die Identität des Menschen konstituiert.
5. Zusammenfassung: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse zur leib-seelischen Einheit und Ausblick auf die moderne Relevanz der anthropologischen Fragen.
Schlüsselwörter
Platon, Aristoteles, Seele, Leib-Seele-Dualismus, Hylemorphismus, Anthropologie, Identität, Logistikon, Nous, Alkibiades, De Anima, Selbsterkenntnis, Vernunft, Menschenbild, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den anthropologischen Modellen von Platon und Aristoteles und untersucht insbesondere, wie beide Denker das Verhältnis zwischen Leib und Seele definieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der platonische Dualismus, der aristotelische Hylemorphismus, das Konzept der Seele als Sitz der Identität sowie die Rolle der Vernunft (logistikon/nous).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Kontrastierung der unterschiedlichen Ansätze zur Bestimmung des Menschen bei Platon und Aristoteles, um deren jeweiligen Umgang mit der leib-seelischen Einheit aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die auf primärquellenbasierten Interpretationen (u.a. Dialog „Alkibiades“, „de anima“) und der Einbeziehung fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Argumentation Platons im „Alkibiades“, das aristotelische Modell der Seele als Entelechie des Körpers sowie der Vergleich der Begriffe Mensch und Seele und deren Bedeutung für die Identität detailliert ausgeführt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Platon, Aristoteles, Seele, Leib-Seele-Dualismus, Hylemorphismus, Identität, Logistikon und Nous.
Wie unterscheidet sich Platons Menschenbild von dem des Aristoteles?
Während Platon den Menschen streng dualistisch bestimmt und die Seele vom Leib abgrenzt bzw. entwertet, begreift Aristoteles den Menschen durch den Hylemorphismus als eine Einheit aus Materie und Form.
Welche Rolle spielt der Begriff „logistikon“ bei Platon?
Das logistikon bezeichnet bei Platon den Vernunftanteil der Seele, der mäßigend auf die anderen Seelenanteile wie Begierde und Mut einwirkt und den Menschen zur Selbsterkenntnis führen soll.
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- Joachim Pautz (Author), 2002, Der Mensch als leib-seelisches Wesen bei Platon und Aristoteles - Eine Kontrastierung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/11975