Die volkssprachliche Literatur im Hochmittelalter befasst sich überwiegend mit ernsten Themen. […] Ob diese Vorstellung der gelebten Realität entsprach ist nicht nur mehr als fraglich, sondern selbst für den miles christianus […] widerlegt. Umso heller strahlen adlige Tugenden in den fiktiven mittelhochdeutschen Epen. […] Dementsprechend spielen Humor und Komik in diesen Werken eine untergeordnete Rolle. Wenn in [den Nibelungen] die ,musikalischen’ Bluttaten Volkers des Spielmannes beschrieben werden, klingt dieser Teil zwar brutal und makaber, […] wirkt [aber] zumindest für unsere Ohren darüber hinaus grotesk scherzhaft: Sîne léiche lûtent übele, sîne züge die sint rot: jâ vellent sîne doene vil manigen helt tôt. Mutet uns hier etwas komisch an, was für den zeitgenössischen Rezipienten keinesfalls „witzig“ war und vom Autor nicht beabsichtigt wurde? Oder fehlt andererseits dem Menschen unserer Zeit […] die Fähigkeit zum Verständnis des mittelalterlichen Humors […]? Passiert es uns nicht oft genug, dass wir Witze nicht verstehen, weil sie nicht unserem Erfahrungshorizont entsprechen? […] Der Humor mittelalterlicher Literatur stellt nicht nur in der Frage nach dem Verständnis, sondern auch in Bezug auf seine Funktion in den Texten ein Problem dar, das sich bis in den Bereich der Mentalität fortsetzt. Humor und Komik verlangen einen distanzierten Blick auf die Welt[…]. Man könnte sagen, dass der Mensch, der Humor benutzt, sich seiner Individualität bewusst ist. […] Die Wandlung der Mentalität hin zur „Subjektivität“ […] bildet nach wie vor eines der Elemente zur Bestimmung des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Frage stellt sich, ob Subjektivität im Mittelalter empfunden wurde. Ein Weg, das herauszufinden, führt über die Untersuchung des Humors.
Der erste Teil der Arbeit soll in das Wesen der Witztheorie einführen […] und die problematische Beziehung des Christentums […] zum Lachen beleuchten.
Mit Wolfram von Eschenbach begegnet uns um 1200 ein Autor, dessen Umgang mit dem Artusroman als Hochform des Ritterepos, die bis dahin gesetzten Grenzen im Bereich Humor, Ironie, Erzählerperspektive und Publikumsanrede sprengt. In diesen Punkten sticht unter seinen drei großen Werken der Parzival besonders hervor. […] Um Wolframs Humor näher zu kommen, [ist] der Parzival das ergiebigste Werk, weshalb er im Hauptteil der Arbeit die größte Rolle spielen wird. Dort soll geklärt werden, wie Wolframs Humor funktioniert und in welchen Zusammenhängen er ihn einsetzt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlegendes zum „Lachen“
2.1. Zu Komik, Humor und Witz
2.2. Der Humor im Mittelalter und sein Verhältnis zum Christentum
3. Der Humor Wolframs von Eschenbach und seine Sonderformen
3.1. Witztypen bei Wolfram
3.2. Wolframs Spiel mit Witz und Ernst
3.3. Die Selbststilisierung des Erzählers
4. Kreaturen und Kreatürlichkeit des Parzival im Dienst des Lachens
4.1. Die Tiere im Parzival
4.2. Die Körperlichkeit
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die humoristischen Elemente, die Komik und den Witz in den Werken Wolframs von Eschenbach, insbesondere im „Parzival“. Ziel ist es, die Funktion dieser humoristischen Mittel vor dem Hintergrund mittelalterlicher Mentalität und der spannungsreichen Beziehung zwischen höfischem Ernst und menschlicher Unvollkommenheit zu analysieren und zu hinterfragen.
- Grundlagen der Witz- und Humor-Theorie nach Freud
- Die Beziehung zwischen mittelalterlichem Lachen und dem christlichen Glaubenskontext
- Analyse spezifischer Witztypen und der Erzählerstilisierung bei Wolfram
- Die Rolle von Tieren und Körperlichkeit als komische Motive im „Parzival“
Auszug aus dem Buch
3.1. Witztypen bei Wolfram
In Wolframs Werken finden sich mehrere Arten von Wortwitzen, bzw. witzigen Wortspielen. Ihr Reiz besteht u.a. in der doppeldeutigen Verwendung ähnlich lautender Worte oder im Spiel mit der Doppeldeutigkeit eines einzigen Wortes. Letzteres ist gewissermaßen die Idealform des Wortspiels. Wolfram nutzt diese Technik in Parzivals zweiter Begegnung mit Jeschute. In der ersten Jeschuteszene nahm Parzival der Herzogin Ring und Brosche nach heftigem Ringen ab. Sein unhöfisches Verhalten, das einer Vergewaltigung ähnelte, ist durch seine tumpheit begründet. Diese hat ihren Ursprung in einer falschen, zu wörtlichen Auslegung der Ratschläge, die ihm seine Mutter mit auf den Weg gegeben hatte, die aber ein höfisches Verständnis für metaphorische Sprache voraussetzen. Zu diesem Verständnis fehlt Parzival an dieser Stelle der Handlung die entsprechende Bildung.
Durch das Stehlen des Ringes kam Jeschute unschuldigerweise gegenüber ihrem zurückehrenden Mann in den Verdacht der Untreue. Zur Strafe musste sie in spärlicher, erbärmlicher und obendrein zerrissener Kleidung auf einer bedauernswerten Mähre hinter ihm herreiten. Der Erzähler bemerkt dazu: swâ man si wolt anrîten, daz was zer blôzen sîten: [...] wan si hete wênc an ir. Der Begriff blôze sîte stammt aus dem Vokabular des ritterlichen Kampfes und benennt die ungedeckte, nicht durch den Schild geschützte Körperseite. Wolfram nutzt hier nicht im strengen Sinne eine Doppeldeutigkeit aus, sondern überträgt die ritterliche Bezeichnung in eine wörtliche, leicht obszöne Ebene. So könnte man u.U. auch das „Anreiten“ des fiktiven Ritters oder Kämpfers im Zusammenhang mit diesem Wortspiel als sexuell konnotiert deuten, wodurch sich das Bild weiter verdichtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle von Humor und Komik in der hochmittelalterlichen Literatur und stellt die Forschungsfrage nach deren Funktion und Verständnis bei Wolfram von Eschenbach.
2. Grundlegendes zum „Lachen“: Dieser Abschnitt erörtert theoretische Ansätze von Freud zu Humor, Komik und Witz und analysiert den problematischen Stellenwert des Lachens im christlich geprägten Mittelalter.
3. Der Humor Wolframs von Eschenbach und seine Sonderformen: Es werden die verschiedenen Witztypen, das Zusammenspiel von Witz und Ernst sowie die spezifische Rolle der Erzählerstilisierung im Werk Wolframs untersucht.
4. Kreaturen und Kreatürlichkeit des Parzival im Dienst des Lachens: Das Kapitel betrachtet die metaphorische und handlungsrelevante Funktion von Tieren sowie die Darstellung körperlicher Aspekte im „Parzival“ als Mittel der Komik.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Reflexion über die humoristische Fülle in Wolframs Werk und hinterfragt die Annahme einer rein kollektiven mittelalterlichen Mentalität.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Titurel, Willehalm, Mittelalter, Humor, Komik, Witz, Wortspiel, Literaturwissenschaft, Höfische Dichtung, Mentalitätsgeschichte, Kreatürlichkeit, Subjektivität, Erzählerstilisierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Facetten des Humors, der Komik und des Witzes im Werk von Wolfram von Eschenbach, wobei der Schwerpunkt auf dem „Parzival“ liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung von Witz und Humor, der Kontext des mittelalterlichen Christentums, die literarische Gestaltung des Erzählers und die Bedeutung von körperlichen sowie kreatürlichen Motiven.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab zu verstehen, wie Wolfram humoristische Mittel einsetzt, um höfische Ideale zu problematisieren und eine Distanz zur eigenen Lebenswirklichkeit herzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine textnahe Analyse unter Heranziehung literaturwissenschaftlicher Theorien, insbesondere unter Einbeziehung psychoanalytischer Ansätze von Sigmund Freud zur Witztheorie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Witztypen (Wortwitz, Gedankenwitz), das Spiel mit Ernst und Komik, die Selbststilisierung des Erzählers sowie die Analyse von Tieren und der Körperlichkeit im „Parzival“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wolfram von Eschenbach, Parzival, Humor, Komik, Mittelalter, Witz, Literaturwissenschaft, Mentalitätsgeschichte.
Inwiefern spielt der christliche Kontext eine Rolle bei der Komik im Mittelalter?
Der christliche Kontext stellt den Rahmen dar, in dem Lachen oft ambivalent oder gar als sündhaft betrachtet wurde, was bei Wolfram zur Ironisierung religiöser Rituale führt.
Warum ist die „Blutstropfenepisode“ für die Argumentation des Autors wichtig?
Diese Episode dient als Beispiel dafür, wie Wolfram komplexe Szenen nutzt, um durch humoristische oder groteske Elemente den Fokus auf die menschlichen Schwächen und die Realität außerhalb idealisierter höfischer Normen zu lenken.
Welche Rolle spielt die „Körperlichkeit“ im untersuchten Werk?
Die Körperlichkeit dient Wolfram als kreatürliches Korrektiv zur starren höfischen Etikette; sie macht die menschliche Unzulänglichkeit sichtbar und dient häufig als Ausgangspunkt für komische oder ironische Situationen.
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- Toralf Schrader (Author), 2006, Komik, Humor und Witz bei Wolfram von Eschenbach, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119798