Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Besonderen mit der Rolle der Religion in Joseph von Eichendorffs erstem Roman Ahnung und Gegenwart. […]
Eichendorffs Prosa und besonders die literarkritischen Schriften aus seinen späteren Lebensjahren erwecken nicht selten den Anschein, als drehe sich letztlich alles um religiöse Befindlichkeiten. […] Daher wird der erste Teil der Arbeit einen exemplarischen Überblick zur Eichendorff-Rezeption insbesondere hinsichtlich unseres Themas geben.
Viele Literaturkritiker ziehen ihre Schlüsse auch aus der Biografie des Romantikers. Besonders aus der 1864 erschienen Eichendorffbiografie werden immer wieder gerne Argumente abgeleitet, um seine mutmaßlichen literarischen Intentionen zu klären […]. Wenn im Zusammenhang mit Eichendorff von „Religion“ die Rede ist, so scheint klar zu sein, dass es sich dabei nur um den Katholizismus handeln kann, bedenkt man die Worte Hermann von Eichendorffs, sein Vater sei „den Ansichten und Principien, welche er einmal als wahr erkannt, [...] sein ganzes Leben hindurch unwandelbar treu geblieben“.
[…] Diese Aussage widerspricht seiner tatsächlichen Biografie keineswegs. Doch verführt dieser Schluss manchen dazu, die offenbar große Religiosität des Autors als Deutungsschablone eins zu eins auf sein Werk zu übertragen und eine Wesensgleichheit zwischen den Ansichten des jeweiligen Protagonisten […] und denen des Autors zu diagnostizieren.
Ist man nun einmal soweit, die hohe Bedeutung des Religiösen gleichermaßen im Leben Eichendorffs und seiner […] Schriften anzunehmen, besteht die Möglichkeit, seine Texte vornehmlich durch die Brille der Religiosität zu betrachten. Anhand von Ahnung und Gegenwart soll geklärt werden, ob diese Lesart einen Absolutheitsanspruch für die Deutung des Romans behaupten kann. Im Zusammenhang damit muss auch geklärt werden, welche Rolle in einem solchen Fall der Poesie zugedacht ist[…]. Der Vergleich zwischen Religion und Poesie findet auf einem weiten Feld statt, denn der Roman ist in hohem Maße von diesen beiden […] Komponenten geprägt.
[…] Auf die Epoche gemünzt und oberflächlich betrachtet müsste jedoch ein Dissens zwischen orthodoxem, schriftgebundenem und homogenem Katholizismus und suchender, mystisch aufgeladener und heterogener Romantik bestehen. Sollte ein solcher existieren, wäre die Anschlussfrage, wie Eichendorff mit diesen sich augenscheinlich widersprechenden Lebensentwürfen in seinem Roman umgegangen ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Joseph von Eichendorff: Religion und Poesie
2.1. Biografisches
2.2. Die romantische Poesie und die literaturkritischen Schriften
im Verhältnis zur Religion
2.3. Die zeitgenössische Rezeption
2.4. Die moderne Rezeption zu Poesie und Religion in Eichendorffs Schaffen
3. Deutungen: Religion, Poesie und Zeitkritik
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Religion in Joseph von Eichendorffs Roman "Ahnung und Gegenwart". Ziel ist es, den Absolutheitsanspruch der religiösen Deutung kritisch zu hinterfragen und das Verhältnis zwischen Religion und Poesie als gleichberechtigte, wenngleich oft widersprüchliche Komponenten in Eichendorffs Werk zu analysieren.
- Analyse des Spannungsfeldes zwischen religiöser Tradition und romantischer Dichtung.
- Untersuchung der Eichendorff-Rezeption im Wandel der Zeit.
- Einordnung von Eichendorffs literarischen und kritischen Schriften in den historischen Kontext.
- Auseinandersetzung mit der Poetologie des Romans "Ahnung und Gegenwart".
- Kritische Reflexion der "Gleichrangigkeit" von Poesie und Religion im Werk.
Auszug aus dem Buch
2. Joseph von Eichendorff: Religion und Poesie
Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, wie der Dichter mit vollständigem Namen heißt, wurde 1788 auf dem Landsitz Lubowitz im Grenzgebiet Polens und Mährens in Oberschlesien geboren. Die Familie gehörte zum kleinen Landadel. Ihre Existenz war maßgeblich von der Wirtschaftlichkeit ihrer Güter abhängig, somit gehörten weder fürstliche Gelage noch prunkende Schlösser zur Realität der Eichendorffs. Die Möglichkeiten zum Erhalt ihres in der Adelshierarchie eher einflusslosen Standes waren gering in einer Zeit von Mediatisierung und wachsendem Einfluss des Bürgertums im Zuge der mittlerweile auch in Deutschland sich abzeichnenden Industrialisierung.
Möglicherweise beschleunigte die mangelnde Wirtschaftlichkeit lediglich den durch die Umstände der Zeit vorherbestimmten Abstieg. Jedenfalls leiteten fehlgegangene Bodenspekulationen Mitte 1801 einen in den folgenden zwei Jahrzehnten immer weiter zunehmenden Konkurs ein. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nahmen zu und die Güter der Familie wurden nach und nach zwangsversteigert. Zuletzt verloren die Nachkommen kurz nach dem Tod der Mutter 1822, der Vater war 1818 gestorben, auf diese Weise auch Lubowitz. Der stückweise vorangehende Verlust der Güter bestimmte den weiteren Weg Josephs von Eichendorff und seines Bruders Wilhelm.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, ob Eichendorffs Werk primär durch die Brille der Religiosität gedeutet werden kann und skizziert die Problematik einer einseitigen Rezeption.
2. Joseph von Eichendorff: Religion und Poesie: Dieses umfangreiche Kapitel beleuchtet biographische Hintergründe, das Verhältnis von Poesie und Religion in Eichendorffs Schriften sowie die Entwicklung seiner Rezeption von der Zeitgenossenschaft bis zur Moderne.
3. Deutungen: Religion, Poesie und Zeitkritik: Hier erfolgt eine direkte Analyse des Romans, wobei Eichendorffs Umgang mit der Dichternatur und gesellschaftskritische Momente vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Ideologie diskutiert werden.
4. Schlussfolgerung: Die Schlussfolgerung führt die Ergebnisse zusammen und argumentiert für eine Gleichrangigkeit von Religion und Poesie anstelle einer einseitigen Vereinnahmung des Dichters.
Schlüsselwörter
Eichendorff, Ahnung und Gegenwart, Romantik, Religion, Poesie, Katholizismus, Literaturkritik, Rezeptionsgeschichte, Poetologie, Zeitkritik, Literatur, Weltanschauung, Ästhetik, Mythologie, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, welche Bedeutung der Religion in Eichendorffs Roman "Ahnung und Gegenwart" tatsächlich zukommt und inwieweit diese die Deutung seiner Poesie dominiert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind das Verhältnis von Poesie und religiösem Glauben, die literaturkritische Rezeption Eichendorffs sowie der Konflikt zwischen idealistischen Lebensentwürfen und zeitgenössischer Realität.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die einseitige Fixierung der Forschung auf eine rein religiöse Interpretation zu hinterfragen und die Gleichrangigkeit von ästhetischem Anspruch und Frömmigkeit im Roman aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursanalytische Herangehensweise an die Literaturkritik sowie eine textnahe Untersuchung spezifischer Stellen in "Ahnung und Gegenwart" unter Einbeziehung biographischer und zeitgenössischer Kontextinformationen.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine umfangreiche Untersuchung des Autors und seiner Poetik sowie in eine spezifische Analyse der Dichterfiguren und Motive im Roman, insbesondere am Beispiel des Protagonisten Friedrich.
Was charakterisiert die vorliegende Interpretation?
Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie Eichendorffs Werk nicht als monolithisch betrachtet, sondern die Widersprüche zwischen den literarischen Texten und den späteren literaturkritischen Schriften des Autors hervorhebt.
Welche Rolle spielt die Figur des Friedrich für die Argumentation?
Friedrich dient als zentrales Fallbeispiel, da sein Weg zwischen weltlichem Dichterdasein und klösterlicher Abkehr die im Roman verhandelte Spannung zwischen Poesie und Religion exemplarisch illustriert.
Wie bewertet der Autor die moderne Forschung zu Eichendorff?
Der Autor kritisiert, dass ein Großteil der Forschung redundante Deutungsmuster reproduziert und den Begriff "Religion" oft zu unpräzise verwendet, um die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Konzepten zu verschleiern.
- Quote paper
- Toralf Schrader (Author), 2007, Joseph von Eichendorffs Roman „Ahnung und Gegenwart“ und die Rolle der Religion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119804