Shrimpfarming in Aceh. Biozertifizierung als Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung


Diplomarbeit, 2008
165 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Begriffsbestimmungen
1.3 Aufbau und Methodik
1.4 Aktueller Forschungsstand

2 Entwicklungstheoretischer Kontext
2.1 Entwicklungstheoretische Positionen
2.2 Krise der großen Theorien
2.3 Entwicklungstheoretische Alternativen

3 Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung
3.1 Ideengeschichte
3.1.1 Frühe Querdenker
3.1.2 Umdenken - Die Debatte der 60er und 70er Jahre
3.1.3 Der Brundtland-Bericht
3.1.4 Die UNCED-Konferenz und der Rio-Folgeprozess
3.2 Nachhaltigkeit in der wissenschaftlichen Diskussion
3.2.1 Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
3.2.2 Grundlegende Prämissen
3.2.3 Konzeptionen nachhaltiger Entwicklung und zentrale Kontroversen
3.3 Positionierung und Operationalisierung
3.4 Zusammenfassung

4 Shrimp-Farming in Aceh - Nachhaltigkeitsdefizite
4.1 Allgemeine Entwicklung und Bedeutung des Fischereisektors und der Shrimp-
zucht
4.1.1 Entwicklung und Bedeutung des Fischfangs
4.1.2 Entwicklung und Bedeutung des Aquakultursektors
4.1.3 Entwicklung und Bedeutung der Shrimpzucht
4.1.4 Probleme und Zukunftsaussichten der Shrimpzucht
4.2 Entwicklung und Bedeutung der Shrimpzucht in Aceh
4.2.1 Der nationale Kontext
4.2.2 Der Aquakultursektor vor dem Tsunami
4.2.3 Auswirkungen des Tsunami
4.2.4 Bisherige Wiederaufbaumaßnahmen und Probleme
4.3 Identifikation der Problembereiche - Wo liegt Nichtnachhaltigkeit vor?
4.3.1 Sicherung der menschlichen Existenz
4.3.2 Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotenzials
4.3.3 Bewahrung der Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten
4.4 Zwischenfazit

5 Öko-Zertifizierung als Lösungsansatz?
5.1 Das Konzept des ökologischen Landbaus
5.1.1 Definition des ökologischen Landbaus
5.1.2 Die historische Entwicklung des ökologischen Landbaus
5.1.3 Nachhaltigkeit des ökologischen Landbaus in Entwicklungsländern
5.2 Ökologische Shrimpzucht
5.2.1 Entwicklung und Bedeutung der ökologischen Aquakultur
5.2.2 Richtlinien zur ökologischen Shrimpzucht
5.2.3 Ökologische Shrimpzucht in der Praxis
5.3 Möglichkeiten einer Zertifizierung in Aceh
5.4 Öko-Shrimpzucht in Aceh = nachhaltige Shrimpzucht?
5.4.1 Sicherung der menschlichen Existenz
5.4.2 Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotenzials
5.4.3 Bewahrung der Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten

6 Fazit

Literatur

A Befragte Personen

B Bilder verschiedener Bewirtschaftungsformen der Shrimpzucht
B.1 Shrimpzucht in Aceh
B.2 Shrimpzucht in Sidoarjo, Java
B.3 Semi-intensive Produktion in Medan

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die mir auf unterschiedliche Art und Weise Unterstützung bei dieser Arbeit haben zukommen lassen.

Ich danke meiner Professorin Frau Prof. Dr. Susanne Schröter, die mir stets allen Freiraum ließ, den diese Arbeit benötigte.

Dem von der GTZ unterstützten Projekt„Support for Local Governance for SustainableReconstruction“und im Speziellen dem Projektleiter Herrn Dipl. Ing. Helmut Krist möchteich besonderen Dank aussprechen. Ohne die Ermöglichung meiner Aufenthalte in Aceh wärediese Arbeit niemals zu verwirklichen gewesen. Farid Selmi, Consultant in dem ProjektSLGSR, war mir mit seiner Unterstützung vor Ort eine große Hilfe.

Allen anderen danke ich für ihre Zeit, Geduld und Hilfsbereitschaft.Moritz Teriete

April 2008

Tabellenverzeichnis

1 System von Nachhaltigkeitsregeln nach HGF

2 Verzehr von Fisch

3 Weltfischproduktion

4 Aquakultur-Produktion in NAD in 2004

5 Brackwasser-Aquakultur in NAD 2001-2005

6 Brackwasser-Aquakultur in NAD nach Distrikten in 2004

7 Anzahl und Größe der Shrimp-Farmen in Aceh in 2004

Abbildungsverzeichnis

1 Die drei Dimensionen nachhaltiger Entwicklung

2 Nachhaltigkeit verschiedener Bewirtschaftungsformen

3 Lebenszyklus von Penaeiden Shrimps

4 Schematische Darstellung von tambaks in Aceh

5 Schematische Darstellung einer optimierten Gestaltung von tambaks

6 Handelskette von Shrimps in Aceh

7 Shrimpzucht in Banda Aceh - Vor und nach dem Tsunami

8 Entwicklung der Ökologischen Landbausysteme

9 Ökologischer Landbau weltweit

10 Zerstörte tambaks an der Ostküste Acehs

11 Zerstörte tambaks an der Ostküste Acehs

12 Zerstörte tambaks an der Ostküste Acehs

13 Zerstörte Gebäude des BBAP Ujung Batee

14 Verschmutzung durch häusliche Abwässer

15 Fischmehl aus Peru

16 Tambaks in gutem Zustand

17 Manuelle Rekonstruktion der tambaks

18 Manuelle Rekonstruktion der tambaks

19 Maschinelle Rekonstruktion von tambaks

20 Rehabilitierung von Mangroven entlang von Bewässerungskanälen

21 Rehabilitierung von Mangroven in zerstörten tambaks

22 Fehlgeschlagene Mangrovenrehabilitierung

23 Ökologische Shrimpzucht in Sidoarjo

24 Ökologische Shrimpzucht in Sidoarjo

25 Frisch geerntete Shrimps bereit zum Transport

26 Dokumentation der Ernte

27 Versiegelung der Boxen nach der Ernte (Sidoarjo)

28 Transport zur Weiterverarbeitung

29 Transport zur Weiterverarbeitung

30 Trocknung nach der Ernte

31 Semi-intensive Shrimpzucht in Medan

32 Semi-intensive Shrimpzucht in Medan

33 Semi-intensive Shrimpzucht in Medan

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen und schrien sich zu ihre Erfahrungen,wie man schneller sägen konnte, und fuhren mit Krachen in die Tiefe, und die ihnenzusahen schüttelten die Köpfe beim Sägen und sägten weiter.“ - Bertold Brecht

1.1 Zielsetzung

Versucht man die Entwicklungen zusammenzufassen, welche die Shrimpzucht während der letzten Jahrzehnte in verschiedenen Ländern durchlaufen hat, so gibt dieses Zitat von Bertold Brecht ein treffendes Bild ab.

Noch vor einiger Zeit erschienen die Ozeane als eine für alle Zeiten unerschöpfliche Quellean Nahrung. Dass sich diese Denkweise jedoch als Trugschluss erweist, ist spätestens seitMitte der 1980er Jahre ins Bewusstsein vieler Menschen gerückt. Die Fangzahlen von Fischstagnieren und manche Bestände sind derart überfischt, dass bezweifelt wird ob sie sichje wieder erholen werden. Nach Angaben der Food and Agriculture Organisation of theUnited Nations (FAO) wurden im Jahr 2003 rund drei Viertel aller Bestände am maximalaufrechterhaltbaren Limit befischt oder waren bereits erschöpft (FAO, 2004, S. 32). Derweltweite Hunger nach Fisch steigt jedoch noch immer. Dies ließ Aquakulturen, also diekontrollierte Aufzucht von Wasserlebewesen, stark an Bedeutung gewinnen. In Anlehnungan die Entwicklungen im Agrarsektor war sogar von einer Blauen Revolution die Rede.Aquakulturen wurden als Universal-Lösung gepriesen. Durch sie sollte der weltweit stei-gende Nahrungsmittelbedarf gedeckt, Armut bekämpft und der Fangdruck auf die Ozeanereduziert werden. Diese Hoffnungen haben sich bis heute allerdings nicht erfüllt. Der Aqua-kultursektor, und in Entwicklungsländern1 vor allem die Shrimpzucht, haben im Gegenteileine Reihe neuer sozio-ökonomischer und ökologischer Probleme hervorgerufen.

Auch in der Provinz Nanggroe Aceh Darussalam (NAD) in Indonesien, waren diese Ent-wicklungen beobachtbar. In der Ausicht auf höhere Gewinne war man von der traditionellenPolykultur auf eine Shrimp-Monokultur umgestiegen und große Mangrovenbestände muss-ten neuen Shrimpteichen weichen. Eine Intensivierung der Zucht in Verbindung mit demEinsatz von Chemikalien und Medikamenten versprach dabei immer höhere Gewinne. Diesblieb jedoch nicht ohne Folgen. Seit den 1990er Jahren hatte man immer häufiger mit derAusbreitung von Krankheiten in den Teichen zu kämpfen. Diese waren durch Verunreini-gungen mit organischem Material und Chemikalien oft unbrauchbar geworden und dadurchbedingte Ernteausfälle bedeuteten für viele Farmer den finanziellen Ruin. Als am 26. De-zember 2004 ein Seebeben vor der Küste Sumatras und der darauf folgende Tsunami ganzeLandstriche an vielen Küsten des Indischen Ozeans zerstörten, wurde die Provinz NAD und der dortige Shrimpzuchtsektor durch die Nähe zum Epizentrum des Bebens und dieWucht der Wellen besonders stark getroffen. Viele Farmer und Fischer verloren ihr Lebenund ein Großteil der Infrastruktur, wie Deiche, Kanäle, Hütten und Wege wurde zerstört.Da die Shrimpzucht für die Region Aceh von großer Bedeutung ist, sowohl als Einkom-mensquelle für die Farmer und ihre Familien als auch als Mittel zur Erwirtschaftung vonDevisen, muss ein nachhaltiger Wiederaufbau des Sektors als essentiell für die nachhaltigeEntwicklung der gesamten Region betrachtet werden. Dieser verläuft jedoch noch immersehr schleppend, was zum Teil mit den schon vor dem Tsunami bestehenden Problemenerklärt werden kann. Sollen in Zukunft nicht die gleichen Probleme erneut auftreten, sobedarf es großer Anstrengungen bei der Entwicklung nachhaltiger Alternativen, sowohl aufSeiten der Hilfsorganisationen, als auch auf Seiten der Farmer.

Hier taucht allerdings ein Problem auf. Welche Bedeutung hat das Wort nachhaltig ? DemSchlagwort Nachhaltigkeit bzw. seinem englischen Pendant sustainability, kann man inAceh seit dem Eintreffen der internationalen Hilfskräfte allenthalben begegnen. Auf dieFrage allerdings, was Nachhaltigkeit für sie bedeutet bzw. welche Definition in ihrer Orga-nisation gebräuchlich ist, konnten nur die wenigsten der im Rahmen dieser Arbeit befrag-ten Experten eine konkrete Auskunft geben.2 Es stellte sich heraus, dass der Begriff zwarfast allen geläufig ist, die Bedeutung allerdings oftmals unklar bleibt. Dies kann einerseitsdarauf hindeuten, dass Organisationen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) ihre Definition der nachhaltigen Entwicklung nur unzureichend nach innen und au-ßen kommunizieren, andererseits kann es jedoch auch ein Indiz dafür sein, dass noch großerKlärungsbedarf besteht, was genau unter nachhaltiger Entwicklung zu verstehen ist.Seit mittlerweile mehr als 20 Jahren währt die Diskussion und noch immer konnte die oftkritisierte Inhaltslosigkeit und Unschärfe des Begriffs nicht vollständig beseitigt werden.keit bzw. nachhaltige Entwicklung sind nicht nur in der internationalen EZ zu populärenSchlagworten geworden, auch in Geschäftsberichten von Unternehmen, in politischen De-batten und in vielen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens sind sie zunehmendzu finden. Diese inflationäre Verwendung sorgt für weitere Unklarheit. Um allerdings eineUntersuchung der Shrimpzucht auf Nachhaltigkeit durchführen zu können bedarf es einerklaren Definition der Begrifflichkeiten. Eine der zentralen Zielsetzungen dieser Arbeit istes daher, den Begriff Nachhaltigkeit und das Konzept der nachhaltigen Entwicklung zudurchleuchten und in Form einer Arbeitsdefinition greifbar zu machen.

Eine vielversprechende Alternative bei der Suche nach Lösungen für die Probleme derweltweiten Aquakulturen ist das Konzept des ökologischen Landbaus. Der Markt für öko-logische Erzeugnisse boomt und immer mehr Produkte sind aus zertifiziert ökologischemAnbau erhältlich (Vgl. Braun, 2007, Gerber, 2008). Vor einigen Jahren haben verschiedeneAnbauverbände in Europa und Nordamerika begonnen auch für Aquakulturen ökologischeRichtlinien zu entwickeln, mit denen eine nachhaltigere Form der Zucht möglich werden soll. Obwohl die zertifizierte ökologische Aquakultur gemessen an der gesamten Produktionbisher nur einen marginalen Anteil hat, wird sie in der Öffentlichkeit schon als „Rettungs-anker“ gepriesen (Frühschütz, 2007). So titelt z. B. das Fachmagazin bioPress: „Bio-Fischgehört die Zukunft“ (Großkinsky, 2007). Aber kann die ökologische Aquakultur diesemAnspruch gerecht werden? Welche Probleme können durch eine Zertifizierung beseitigtwerden? Wo stößt das Konzept an seine Grenzen und wo tauchen eventuell neue Problem-stellungen auf?

Die vorliegende Arbeit wird der Frage nachgehen, ob eine Öko-Zertifizierung der Shrimpzucht in Aceh einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten kann, und wenn ja, wie dieser Beitrag aussehen könnte.

1.2 Begriffsbestimmungen

Im Laufe der vorliegenden Arbeit werden die Begriffe Nachhaltigkeit bzw. nachhaltige Ent-wicklung definiert werden, weshalb an dieser Stelle nicht näher auf eine Begriffsbestimmungeingegangen wird. Die Bezeichnungen Konzept der nachhaltigen Entwicklung bzw. Leitbild der nachhaltigen Entwicklung werden synonym verwendet und gelten als Überbegriff fürverschiedene Ansätze und Strategien zur Erreichung von Nachhaltigkeit bzw. nachhaltigerEntwicklung.

Die Begriffe Shrimps, Prawns und Garnelen bezeichnen allesamt die zur Familie der Penaeiden gehörenden Tiere. Aufgrund des internationalen Kontexts wird in dieser Arbeit die englische Bezeichnung Shrimps als Überbegriff für die verschiedenen Spezies verwendet. Ist im Text eine spezielle Spezies gemeint, so wird diese mit ihrem Trivialnamen bzw. ihrem lateinischen Namen bezeichnet.

Die Bezeichnung ökologischer Landbau wird in der vorliegenden Arbeit als Überbegriff fürLandbausysteme benutzt, die sich von anderen, vor allem chemisch-technisch intensivier-ten Landbausystemen, abgrenzen. Diese Bezeichnung hat sich in Deutschland gegenüberder synonym verwendeten Bezeichnung biologischer Landbau durchsetzen können. Die Be-griffe biologisch und ökologisch dienen dazu, die Grundsätze des ökologischen Landbauszu charakterisieren.3 Als Pendant im Englischen konnten sich die Begriffe organic bzw. organic agriculture durchsetzen. Die Verwendung der Bezeichnungen biologisch und ökolo-gisch bzw. Bio und Öko wurde durch die EG-Öko-Verordnung Nr. 2092/91 markenrechtlichunter Schutz gestellt, sodass mit ihnen nur Produkte gekennzeichnet werden dürfen, dieaus zertifiziert ökologischem Landbau stammen (Vgl. der EG, 1991). Als Gegenbegriffezu den genannten werden die Bezeichnungen konventionell bzw. konventioneller Landbau verwendet.

1.3 Aufbau und Methodik

Die zentrale Fragestellung, ob eine Öko-Zertifizierung der Shrimpzucht in Aceh einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung leisten kann, wird in drei Schritten bearbeitet. Die Arbeit gliedert sich dementsprechend in drei Teile:

In einem ersten theoretischen Teil (Kapitel 2 und Kapitel 3) wird anhand einer Analyseder Fachliteratur das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als entwicklungstheoretischesLeitbild untersucht. In Kapitel 2 erfolgt zunächst eine Einordnung des Leitbilds in den ent-wicklungstheoretischen Hintergrund und eine Erörterung seiner Entstehungsgeschichte ausentwicklungstheoretischer Sicht. Im Anschluss daran beschreibt Kapitel 3 die historischeGenese des Begriffs und analysiert die aktuelle wissenschaftliche Diskussion. Dabei werdenvor allem die zentralen Prämissen, über welche im wissenschaftlichen Diskurs mittlerweileweitestgehend Einigkeit herrscht, ebenso wie zentrale Kontroversen identifiziert. Daraufaufbauend erfolgt, in Anlehnung an das integrative Nachhaltigkeitskonzept der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren (HGF) (Vgl. Kopfmüller, 2001), eine Benen-nung genereller Zielvorstellungen und ihnen zugeordneter Regeln. Anhand dieser Regelnist es möglich, in den folgenden Kapiteln Nachhaltigkeitsuntersuchungen durchzuführen.

Kapitel 4 stellt den zweiten Teil der Arbeit dar. Es werden die Entwicklungen und deraktuelle Status des Shrimpzuchtsektors in der indonesischen Provinz Aceh untersucht. An-hand von Studien und Erhebungen internationaler Organisationen werden zunächst dieEntwicklungen der Fischerei und der Aquakultur auf globaler Ebene analysiert, bevor einedetaillierte Betrachtung des lokalen Shrimpzuchtsektors in Aceh erfolgt. Für die Analyseder Situation in Aceh werden zusätzlich zur Literatur eigene Beobachtungen und nichtre-präsentative Befragungen herangezogen, die im Rahmen zweier Aufenthalte in Aceh vonJanuar bis Februar 2006 und von September bis Dezember 2006 durchgeführt wurden. Ins-gesamt wurden 27 Farmer aus verschiedenen Distrikten in Form von semi-strukturiertenInterviews, einzeln und in Gruppen befragt. Desweiteren wurden 16 Experten verschiede-ner nationaler und internationalen Organisationen und Behörden befragt (Vgl. Annex Aauf Seite 151). Hierauf aufbauend werden dann, mit Hilfe der im ersten Teil der Arbeit ent-wickelten Zielvorstellungen und Regeln, Nachhaltigkeitsdefizite der Shrimpzucht in Acehidentifiziert.

Im dritten Teil dieser Arbeit wird das Konzept der ökologischen Shrimpzucht untersucht.Zunächst erfolgt eine Beschreibung der Entwicklungen des ökologischen Landbaus im All-gemeinen und der ökologischen Shrimpzucht im Speziellen. Anschließend werden die Richt-linien zur ökologischen Shrimpzucht und zwei Praxisbeispiele aus Ecuador und Indonesienuntersucht. Die Analyse erfolgt wiederum anhand von Studien und Berichten verschiedenerOrganisationen, sowie anhand eigener Beobachtungen und nichtrepräsentativer Befragun-gen. Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Untersuchungen können, wiederum mit Hilfeder im ersten Teil der Arbeit entwickelten Arbeitsdefinition, die möglichen Auswirkungen einer Öko-Zertifizierung auf den Shrimpzuchtsektor identifiziert werden.

1.4 Aktueller Forschungsstand

Die Diskussionen um nachhaltige Entwicklung werden schon seit mehr als 20 Jahren sehr intensiv geführt. Im Mittelpunkt stehen dabei vor allem Fragen zu den Möglichkeiten der Operationalisierung des Leitbilds. Da sich Kapitel 3 intensiv mit der wissenschaftlichen Diskussion zur Entwicklung von Definitionen und Fragen der Operationalisierbarkeit auseinandersetzt, gehen die folgenden Ausführungen nicht näher darauf ein.

Die Intensivierungsbemühungen in der Shrimpzucht bzw. in der Aquakultur im Allgemei-nen begannen bereits in den 1970er Jahren. Eine intensive öffentliche Auseinandersetzungmit dem Thema gibt es aber erst seit Mitte der 1990er Jahre, als viele Probleme immerdeutlicher zutage traten. So haben die Arbeiten von nationalen und internationalen NGOs,wie z. B. Greenpeace, Accion Ecologica oder die Environmental Justice Foundation (EJF)einen bedeutenden Beitrag dazu leisten können, die vielschichtigen sozio-ökonomischenund ökologischen Probleme aufzuzeigen und an die Öffentlichkeit zu bringen. Meistensbeschränken sich die Arbeiten jedoch darauf, Missstände aufzuzeigen und zu kritisieren.Lösungsansätze und Verbesserungsvorschläge werden kaum gemacht (Vgl. hierzu beispiels-weise Góngora Farías, 2004; Greenpeace, 2001; EJF, 2003b und EJF, 2006). Viele Berichteund Studien von internationalen Organisationen, wie z. B. der FAO, der Weltbank oderdes Network of Aquaculture Centres in Asia and the Pacific (NACA), thematisieren eben-falls die Probleme der Shrimpzucht. Lösungsansätze werden in diesen Arbeiten jedochhauptsächlich auf der technischen Ebene gesehen, wohingegen strukturelle Probleme kaumangesprochen werden (Vgl. beispielsweise FAO, 1995; GESAMP, 2001 und Lewis, 2003).Es existieren zwar Arbeiten, welche die Shrimpzucht auf Nachhaltigkeit untersuchen (Vgl.Quarto, 1996), eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Frage wie Nachhaltigkeit imHinblick auf die Shrimpzucht definiert bzw. operationalisiert werden kann, fehlt allerdingsbisher.

In der vorliegenden Arbeit wird daher, anders als bei bisherigen Untersuchungen, Nachhal-tigkeit nicht aus der Binnensicht der Shrimpzucht, ausgehend von existierenden Problemenbestimmt. Vielmehr wird zunächst der Begriff der Nachhaltigkeit im Allgemeinen definiertund operationalisiert, um dann den Shrimpzuchtsektor auf Nachhaltigkeitsdefizite unter-suchen zu können. Eine solche Herangehensweise erlaubt die Betrachtung von außen undkann daher zu anderen Erkenntnissen führen als die Analyse aus der Binnensicht. Da einederartige Untersuchung bisher für die Shrimpzucht noch nicht erfolgt ist, versucht die vor-liegende Arbeit diese Lücke zu schließen. Aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit unddes Mangels an quantitativen Daten, kann allerdings nur eine qualitative Untersuchung er-folgen. Quantitative Bestimmungen von Nachhaltigkeit bzw. von Nachhaltigkeitsdefizitender Shrimpzucht bleiben für weitere Forschung offen.

Es gibt mittlerweile eine sehr umfangreiche Literatur zum ökologischen Landbau (Vgl.Vogt, 2000; Scialabba, 2002; Willer, 2007b; Gerber, 2006), und zu seinen Auswirkungen inEntwicklungsländern (Vgl. Rottach, 1998; Johannsen, 2005; Kotschi, 1998; Kotschi, 2004),eine Nachhaltigkeitsuntersuchung, wie zur Shrimpzucht erläutert, existiert allerdings nochnicht. Auch zur ökologischen Shrimpzucht sind bisher kaum ausführliche Untersuchungenvorhanden. Die Arbeiten beschränken sich auf Ausführungen des Anbauverbands Natur-land e.V., welche die ersten Richtlinien für die Shrimpzucht entwickelten, und einigenkritischen Berichten verschiedener NGOs (Vgl. Rönnbäck, 2003; Góngora Farías, 2004;Bergleiter, 2004; Bergleiter, 2005; Cuoco, 2005). Aus Mangel an detaillierten Untersuchun-gen zu den konkreten Auswirkungen der ökologischen Shrimpzucht stützt sich diese Arbeitbei der Bewertung der ökologischen Shrimpzucht hauptsächlich auf die genannten Berichteund auf Aussagen von befragten Experten.

2 Entwicklungstheoretischer Kontext

In seinem Beitrag „40 Jahre Entwicklungsstrategie = 40 Jahre Wachstumsstrategie“ definiert Ulrich Menzel Entwicklungstheorie wie folgt:

„Ich verstehe unter Entwicklungstheorie Aussagen, mit deren Hilfe, in der Regel in ide-altypischer Weise, begründet wird, warum es in den Industriegesellschaften Westeuro-pas, Nordamerikas und Ostasiens zu Wirtschaftswachstum, Industrialisierung, sozialerDifferenzierung und Mobilisierung, mentalem Wandel, Demokratisierung und Umver-teilung gekommen ist (diese Prozesse nennt man Entwicklung) bzw. warum in denübrigen Teilen der Welt diese Prozesse ausbleiben, nur unvollständig realisiert werdenoder lediglich eine Karikatur dieser Prozesse zu beobachten ist. Letzteres nennt man, jenach analytischem Zugang, Rückständigkeit oder Unterentwicklung.“ (Menzel, 1992a, S. 132)

Thiel ergänzt diese Definition indem er feststellt, dass die Entwicklungstheorien meistnicht nur erklärenden Charakter besitzen, sondern gleichzeitig den Anspruch haben, Re-zepte für die zukünftige Entwicklung zu bieten (Vgl. Thiel, 2001, S. 10). Im Sinne Menzelskann das Konzept der nachhaltigen Entwicklung nicht unbedingt als Entwicklungstheoriebezeichnet werden, da es nicht explizit nach Erklärungsansätzen für Industrialisierung oderUnterentwicklung sucht. Betrachtet man Nachhaltigkeit allerdings als normativen Begriffmit welchem abgesteckt wird, was als wünschenswertes Ziel einer zukünftigen Entwicklunggelten soll, und definiert man nachhaltige Entwicklung weiter als Entwicklung hin zu diesemZiel, dann wäre das Konzept der nachhaltigen Entwicklung im Sinne Thiels durchaus alsEntwicklungstheorie zu werten. Aus welchem Kontext es zur Entstehung dieses Konzeptskam und welche Bedeutung dabei die alten Entwicklungstheorien hatten, soll im folgendenAbschnitt behandelt werden.

2.1 Entwicklungstheoretische Positionen

Die entwicklungstheoretische Diskussion, welche nun schon seit über einem halben Jahrhundert währt, wurde in den ersten Jahrzehnten vor allem durch zwei konkurrierende Hauptrichtungen geprägt, die Modernisierungstheorie und die Dependenztheorie. Diese zugegebenermaßen sehr grobe Einteilung verschiedener existierender Teiltheorien in nur zwei Kategorien ist nicht gerade unproblematisch, der Übersichtlichkeit halber soll hier aber an dieser, in der Literatur durchaus noch üblichen Einteilung (Vgl. Nohlen, 2002b) festgehalten, und vor allem die Gemeinsamkeiten der jeweils in den beiden Kategorien zusammengefassten Theorien herausgearbeitet werden.4

Im Fall der unter der Modernisierungstheorie subsumierten Theorien liegen die größtenGemeinsamkeiten darin, dass diese hauptsächlich endogene Faktoren für Unterentwicklung verantwortlich machen und strategisch einen Prozess der Nachahmung und der Angleichung unterentwickelter Gesellschaften der sogenannten Entwicklungsländer an die entwickelten Gesellschaften der westlichen Industrieländer anstreben (Vgl. Nohlen, 2002c).

So setzt z. B. die ökonomisch orientierte Wachstumstheorie Entwicklung mit quantitativem Wirtschaftswachstum gleich und Unterentwicklung wird dementsprechend als Kapitalmangel begriffen. Von außen zugeführtes Kapital und die Einbindung in den Weltmarkt, so die Theorie, werde das volkswirtschaftliche Wachstum stimulieren. Dies werde später zur Umverteilung zur Verfügung stehen und sowohl rückständige Regionen und Sektoren mitziehen als auch letztendlich zu marginalisierten Armutsgruppen durchsickern, der sogenannte trickle-down-effect (Vgl. Nuscheler, 2006, S. 78f).

Die Theorie des sozialen Wandels geht davon aus, dass außerdem soziale und kulturelleFaktoren in den Entwicklungsländer sowohl wirtschaftliches Wachstum als auch die so-ziale, politische und mentale Modernisierung verhindern und für die Rückständigkeit dernichtindustrialisierten Gesellschaften verantwortlich seien. Die Strategieempfehlung für dieEntwicklungspolitik lautete dementsprechend, durch gezielte Hilfe von außen einen Pro-zess des sozialen Wandels von der Tradition zur Moderne zu initiieren (Vgl. Menzel, 1995,S.21f). Rückständigkeit bzw. Unterentwicklung ist nach diesem Verständnis lediglich eintemporärer Zustand einer Gesellschaft auf dem Weg zur Moderne, welchen jedes Entwick-lungsländer früher oder später zwangsläufig zu durchlaufen habe (Vgl. Nohlen, 2002c).

Auch die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre in Lateinamerika in Erscheinung getrete-ne Dependenztheorie umfasst keine homogene Gruppe von theoretischen und politischenPositionen, ihr Schlüsselbegriff dependencia macht jedoch einige grundlegende Gemein-samkeiten deutlich. So werden die Ursachen der Unterentwicklung nicht mehr internenFaktoren, sondern hauptsächlich exogenen, d. h. außergesellschaftlichen und dabei beson-ders außenwirtschaftlichen Abhängigkeiten zugeschrieben (Vgl. Nuscheler, 2006, S. 215).Die Probleme der dritten Welt werden auf einen langen gesellschaftlichen Prozess zurück-geführt, der mit der Kolonisierung und der gewaltsamen Einbindung in die internationaleArbeitsteilung begonnen hatte, und der sich auch nach der formalen Unabhängigkeit derehemaligen Kolonien durch die anhaltende Einbindung der Entwicklungsländer (Periphe-rie) in den von den Industrieländern (Zentrum) dominierten Weltmarkt fortsetzte (Vgl.Menzel, 1992b, S.18).

Während neomarxistische Autoren5 auf die klassischen Imperialismustheorien zurückgriffenund dem ständigen surplus-transfer aus den Ländern der Dritten Welt in die Industrie-länder die Schuld an deren mangelnder Dynamik gaben, gingen nicht-marxistisch geprägteAutoren6 von der weniger radikalen Theorie aus, dass die säkulare Verschlechterung der terms of trade für die schwierige Situation der Entwicklungsländer verantwortlich sei.7

Außerdem hielt der Strukturalismus8 mit den Ideen der strukturellen Abhängigkeit undder strukturellen Heterogenität Einzug in die verschiedenen Varianten der Dependenztheo-rien. Aufbauend auf den Imperialismusideen prägte André Gunder Frank die Theseder Entwicklung der Unterentwicklung, deren Konsequenz nur die radikale Transformationdes kapitalistischen Weltsystems bedeuten konnte. Fernando Cardoso und Enzo Fa-letto hingegen hielten eine kapitalistische Entwicklung in den Peripherien nicht für völligausgeschlossen, wobei allerdings Reformen im nationalen Rahmen und eine grundlegendeRestrukturierung der internationalen Handelsbeziehungen, d. h. eine gerechtere, neue Welt-wirtschaftsordnung vorausgesetzt wurden (Vgl. Menzel, 1995, S. 25ff und Boeckh, 2002, S.181ff).9

Aus entwicklungspolitischer Sicht ergaben sich hieraus für Dependenztheoretiker zwangsläufig die Strategien der Abkopplung vom Weltmarkt, der sogenannten Dissoziation, und der autozentrierten Entwicklung.10

Wenn es je eine klare Grenze zwischen den beiden dargestellten Richtungen gegeben hatte,so weichten die Fronten mit Beginn der 1970er Jahre immer weiter auf. Einerseits spaltetesich, wie oben angedeutet, das dependenztheoretische Lager in immer verzweigtere Diskus-sionsstränge auf, andererseits bestand das modernisierungstheoretische Paradigma weiterfort, wenn es auch längst nicht mehr von allen Vertretern mit dem gleichen Enthusiasmuswie vorher vertreten wurde. So erhielten die Kritiker des Wachstumskonzeptes gewichtigeUnterstützung, als der damalige Weltbankpräsident Robert S. McNamara mit seinerberühmten Nairobi-Rede von 1973 den Grundstein für die von der Weltbank propagierte Grundbedürfnisstrategie legte, welche sich nicht mehr am rein volkswirtschaftlichen Wachs-tum orientierte, sondern die Verbesserung der elementaren Lebensbedingungen anstrebte(Vgl. Nuscheler, 2006, S. 79).

McNamara war es auch, der die unter dem Namen Nord-Süd-Kommission bekannt ge-wordene Independent Commission on International Development Issues der Vereinten Na-tionen anregte. Deren Abschlussbericht, der nach dem Vorsitzenden Willy Brandt auch Brandt-Report genannt wird, gilt wegen seiner zukunftsweisenden Strategien und Konzeptebis heute als Meilenstein und Wendepunkt in der Entwicklungspolitik. Gefordert wurden u. a. Maßnahmen wie eine weitgehende Handelsliberalisierung, Abbau von Protektionismus, diverse Agrar- und Strukturanpassungsprogramme und mehr Mitspracherecht für die Entwicklungsländer im Rohstoffhandel Vgl. Brandt-Report 1980 - Das Überleben sichern in: Aachener-Stiftung-Kathy-Beys.

Auch bei der Lösung des Verteilungsproblems war nun ein Umdenken festzustellen. Eswurde nicht mehr, wie noch zuvor auf einen Zeitpunkt nach dem Wirtschaftswachstumverlagert, sondern man kam zu der Erkenntnis, dass Wirtschaftswachstum auch mit gleich-zeitiger Umverteilung möglich sei. Damit war nicht mehr growth first, redistribution later, sondern redistribution with growth der neue Leitspruch (Vgl. Menzel, 1995, S.29ff). Aller-dings gelangten nur wenige der oben genannten Maßnahmen je in die Umsetzung. Bei denmeisten Handlungsempfehlungen blieb es bei Lippenbekenntnissen von Seiten der Indus-trieländer und die Situation in den Entwicklungsländern hat sich bekanntermaßen in vielenFällen eher verschlechtert als verbessert.

2.2 Krise der großen Theorien

Seit dem Ende der 1970er Jahre machte sich Krisenstimmung unter Entwicklungtheoretikern breit. Erklärungskraft und Prognosefähigkeit wurden den großen Theorien aberkannt und ihr Scheitern wurde attestiert. Vom Ende der Dritten Welt war die Rede, ja sogar vom Ende der Einen Welt.11 Die 1980er Jahre, die sogenannte Dritte Entwicklungsdekade, wurden von der Weltbank in ihrem Weltentwicklungsbericht des Jahres 1990 gar als das Verlorene Jahrzehnt bezeichnet. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass trotz aller Bemühungen keine der großen Theorien Lösungen hatte bieten können, welche die Lage in den Entwicklungsländern entscheidend verbessert hätten.

Die Entwicklungstheoretiker sahen sich mit neuen weltwirtschaftlichen und -politischenRahmenbedingungen konfrontiert. Einerseits wurde auf Grund der katastrophalen Ent-wicklungen in Afrika die Modernisierungstheorien für gescheitert erklärt, andererseits hat-ten die sogenannten Kleinen Tiger aus Südostasien teilweise recht erfolgreiche Prozesseder aufholenden Entwicklung durchlaufen, welche wiederum die Dependenztheorie wider-legten. Auch politisch gesehen zeigten die Strategien oft nicht die erwünschte Wirkung. Sohatte Wirtschaftswachstum nicht immer, wie von den Modernisierungstheoretikern ange-nommen, automatisch zu mehr Demokratisierung geführt. Diese Differenzierungsprozessein der bis dato als homogen betrachteten Gruppe der Entwicklungsländer konnten mit denbisherigen Ansätzen nicht mehr erklärt werden. Die Vorstellung von „identischen Tiefen-strukturen variabler Typen von Peripherie-Ökonomie“ (Senghaas, 1977, S. 15) oder die Einstufung von Ländern bzw. Gesellschaften in lediglich zwei Kategorien, nämlich modern oder traditional, sind heute nicht länger haltbar.12

Diese externen Veränderungen lassen aber ebenso die wissenschaftsimmanenten Ursachenfür das Scheitern der großen Theorien deutlich werden. Boeckh unterstellt der Entwick-lungsforschung, lange Zeit mit überzogenen Ansprüchen gearbeitet zu haben und es niewirklich zu Paradigmen im Sinne der Wissenschaftstheorie gebracht zu haben (Vgl. Boe-ckh, 1992, S. 111). Es kann eben nicht die eine Theorie geben, welche den Zustand derUnterentwicklung entweder nur mit endogenen oder nur mit exogenen Faktoren erklärtund andererseits daraus ableitend Strategien für Auswege anbietet. Nuscheler bringtdies - wie folgt - auf den Punkt:

„Monokausale Erklärungen, die ihre Multidimensionalität und Multikausalität auf ein-zelne Ursachen - sei es den Kolonialismus, den „Sachzwang Weltmarkt“, die (gar als„Ewiggestriges“ verkürzte) „Tradition“ oder die „Bevölkerungsexplosion“ - zurückzu-führen, bringen allenfalls vereinfachende Halbwahrheiten hervor. Solche Halbwahrhei-ten sind jedoch verführerisch, weil Sie leichter zu handhaben sind als mühsame undletztlich vergebliche Bemühungen, das vielschichtige und jeweils unterschiedliche Pro-blem der Unterentwicklung in den analytischen und verstehenden Griff zu bekommen.“(Nuscheler, 2006, S. 223)

Als Ursache für die Beliebtheit monokausaler Erklärungen lässt sich allerdings nicht nurdie Einfachheit ihrer Handhabung anführen. Gerade in Zeiten der Ost-West-Systemkon-kurrenz standen auf beiden Seiten oftmals eindeutig politische Interessen hinter der Dis-kussion zur Entwicklung der Dritten Welt und somit der Zwang, Entwicklung möglichstschnell herbeizuführen und demnach auch theoretisch erklären zu müssen. Mit veränderteninternationalen Machtverhältnissen nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagerslässt sich auch der Erfolg des Neoliberalismus in den 1980er und 1990er Jahren erklären,vertreten vor allem von der Weltbank und dem IWF mit ihren Strukturanpassungspro-grammen und der Entfesselung der Märkte, obwohl dessen wissenschaftliche Defizite nichtgeringer waren als die seiner Vorgänger (Vgl. Többe Gonçalves, 2005, S. 133 und S. 143und Menzel, 1995, S. 39). Die programmatische und ideologische Funktion der Entwick-lungstheorien verhinderte dabei sowohl einen vernünftigen Diskurs zwischen den beidenLagern, als auch eine Selbstkorrektur innerhalb derselben (Vgl. Boeckh, 1992, S. 116). DasMittel der Wahl um die eigene Theorie zu stützen waren oftmals Fallstudien, aus denenunwissenschaftliche, weil verallgemeinernde Schlussfolgerungen gezogen wurden, während komparative Untersuchungen eher selten unternommen wurden (Vgl. Nohlen, 2002b, S.258).

Desweiteren stellten postmoderne Ideen und der Post-Entwicklungsansatz u. a. den Ent-wicklungsbegriff als rein westliches Konstrukt in Frage (Vgl. Peet, 1999, S. 142ff) und die Ökologiedebatte sorgte für wachsende Kritik am Fortschrittsglauben und dem bisher sowohlvon Modernisierungs- als auch von Dependenztheoretikern vertretenen Ziel der nachholen-den Entwicklung.

Trotz aller Kritik und allem Abgesang auf die sogenannten alten Groß-Theorien haben diese jedoch noch immer erkenntnisleitenden Wert. Nuscheler bezeichnet die Theoriekrise als notwendige Reinigungskrise und betont die Notwendigkeit mit der die Entwicklungspolitik auch heute noch Entwicklungstheorien brauche (Vgl. Nuscheler, 2001, S. 393-398). Auch für Boeckh ist mit der Krise nicht das Ende der Entwicklungstheorie gekommen, für ihn hat sie „...nicht nur einen Katzenjammer angesichts der enttäuschten paradigmatischen Ansprüche verursacht, sondern auch die Bereitschaft zu diskursivem Lernen zwischen den „Lagern“ gefördert...“ (Boeckh, 1992, S. 126).

2.3 Entwicklungstheoretische Alternativen

Aus der Kritik an den großen Theorien gingen mit der Krise, wie angedeutet, einige neue-re entwicklungstheoretische Ansätze hervor. Die neue Bereitschaft zu diskursivem Ler-nen, die Boeckh bescheinigt hatte, führte auf Seiten der Modernisierungstheorie u. a. zurAusarbeitung der bereits erwähnten Grundbedürfnisstrategie und zur Einbeziehung desHumankapitals in volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen. So sieht Gundlach in einemKonsumverzicht zugunsten von Investitionen in das Humankapital den Schlüssel für wirt-schaftliches Wachstum (Vgl. Gundlach, 2001, S. 173). Auf Seiten der Dependenztheoretikerlässt sich dieser Wandel in den Arbeiten von Senghaas beobachten, welcher ehemals die selektive Dissoziation propagiert hatte, mittlerweile allerdings zu dem Schluß kommt, dassdas entwicklungsstrategische Heil weder in einem völligen Schutz, noch in einer völligenÖffnung der lokalen Märkte gegenüber der Weltwirtschaft zu finden sei (Vgl. Senghaas,1977, Senghaas, 2001, S. 351 und Senghaas, 2003, S. 88).

Menzel sieht hierin allerdings keine echte Weiterentwicklung der Diskussion, sondern eherdie kritische Beschäftigung mit dem Zustand der eigenen Disziplin und die Aufsplitterungder Diskussion in verschiedene Stränge, welche nicht mehr als große Theorie bezeichnetwerden dürften. Die in der Debatte auftauchenden Themen wie Feminismus, Ökologiepro-blematik oder die Wiederentdeckung der Kultur in der entwicklungstheoretischen Analysebezeichnet er etwas lapidar als Modethemen (Vgl. Menzel, 1995, S. 43). Sie werden in derLiteratur auch Theorien mittlerer Reichweite genannt, da sie Ansätze für jeweils nur einenbegrenzten Bereich bieten.

Daneben nehmen seit dem Zusammenbruch des Sozialismus und dem damit verbundenen Wegfall des alten entwicklungstheoretischen Dualismus, antimoderne Entwicklungsansät-ze den kritischen Gegenpol zum sich ausweitenden Neoliberalismus und zu allgemeinenGlobalisierungstendenzen ein. Der ehemalige Gegensatz zwischen Liberalismus und So-zialismus findet sich heute eher in dem Gegensatz zwischen Moderne und Antimoderne wieder (Vgl. Többe Gonçalves, 2005, S. 282-285). Im Zusammenhang mit immer stärkerenGlobalisierungstendenzen tauchen in den neunziger Jahren verstärkt Begriffe wie Global Governance und globale Strukturpolitik in der internationalen Entwicklungsdebatte auf, inder vermehrt die Erkenntnis aufkommt, dass globale Sicherheit nicht ohne die Schaffungvon mehr globaler Gerechtigkeit zu erreichen ist (Vgl. Nuscheler, 2006, S. 93-96).

Allgemein lässt sich schon seit der Veröffentlichung des sog. Brundtland-Berichtes 1987,spätestens aber seit der United Nations Conference on Environment and Development (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro in der gesamten entwicklungstheoretischen Diskussionein weitreichender Paradigmenwechsel feststellen. Nicht nur überkommene Entwicklungs-vorstellungen, sondern auch die sich zuspitzende Krise gesellschaftlicher Naturaneignunghatten auf eine Revision der Leitvorstellungen gesellschaftlicher Entwicklung hingedeutet(Vgl. Görg, 2002, S. 12). Das jahrzehntelang nicht in Frage gestellte Prinzip der nachho-lenden Entwicklung wich immer mehr dem neuen Leitbild der nachhaltigen Entwicklung.

3 Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung

Dieses Kapitel stellt den Versuch dar, die zentralen Punkte, über welche im wissenschaftlichen Diskurs mittlerweile weitestgehend Einigkeit herrscht, ebenso wie zentrale Kontroversen, zu identifizieren. Im ersten Abschnitt wird daher für ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zunächst die historische Entwicklung des Leitbilds wiedergegeben. Im zweiten Abschnitt wird die aktuelle Situation der wissenschaftlichen Diskussion analysiert und versucht, eine Arbeitsdefinition zu finden, anhand derer es möglich sein wird, die Shrimpzucht in Aceh auf Nachhaltigkeit zu untersuchen.

3.1 Ideengeschichte

3.1.1 Frühe Querdenker

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als entwicklungstheoretisches Konzept kann zwar als relativ neu bezeichnet werden, die zugrunde liegenden Ideen lassen sich allerdings sehr weit zurück verfolgen.

Die Geschichte der Menschheit, oder besser gesagt die Geschichte der Koevolution vonMensch und Natur, ist seit jeher von mehr oder minder starken Umbrüchen gekennzeich-net. Als einer der wichtigsten wird häufig der Übergang von der Jäger-und-Sammlerkulturmit überwiegend nomadischem Lebensstil zu einem landwirtschaftlich geprägten, sesshaf-ten Lebensstil angesehen, die sogenannte Neolithische Revolution vor ca. 40.000 Jahren.Allerdings hatte diese revolutionäre Entwicklung einen, verglichen mit der zweiten großenRevolution, der Industriellen Revolution, einen vergleichsweise kleinen Einfluss auf die na-türliche Umwelt des Menschen. Es hatte schon früher zerstörerische Eingriffe von Menschenin vorgefundene Ökosysteme gegeben, so z. B. die Entwaldung ganzer Küstenstreifen desMittelmeeres für den Schiffbau der Römer und Griechen, diese Beeinträchtigungen warenjedoch meistens lokal begrenzt. Seit der Industriellen Revolution und dem Beginn der sys-tematischen Nutzung von nichterneuerbaren Ressourcen wie Erz und Kohle, beeinflussenwir Menschen erstmals nicht nur lokale Gebiete, sondern globale Systeme wie das Klima.

Zwar kam schon damals bei einigen die Ahnung auf, dass es bei unveränderter Entwick-lung irgendwann zu einem Missverhältnis zwischen den Ressourcen eines Lebensraumes undder Zahl der ihn beanspruchenden Menschen kommen könnte, in der allgemeinen Wahr-nehmung wird jedoch seit der Industriellen Revolution die Nutzung und der Verbrauchnatürlicher Ressourcen mit Wohlstand und Fortschritt gleichgesetzt (Vgl. Harborth, 1993, S. 17ff). Heute wissen wir, dass dies nicht nur ein bis dato ungekanntes Wachstum ermöglichte, sondern auch zu einer bis heute andauernden, nichtnachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung führte (Vgl. Luks, 2002, S. 34).

Zu den wenigen, die schon damals den Weitblick besaßen, Themen wie Beständigkeit,Stabilität und Belastungsgrenzen der natürlichen Umwelt in ihre Überlegungen mit einzu- beziehen, gehörte u. a. John Stuart Mill. Neben ethischen und Gerechtigkeitsaspektennahm er auch Überlegungen zur Schonung der Ressourcen in seine Idee der stationary eco-nomy mit auf (Vgl. Grunwald, 2006, S. 15). Sogar schon vor Mill hatten einige Ökonomendem Faktor Natur eine signifikante Bedeutung in ihren Modellen und Analysen beige-messen. Die von Quesnay Mitte des 18. Jahrhunderts begründete Physiokratische Schule bezeichnete die Natur als „Quelle allen Reichtums“ und deren Begrenztheit als prägendfür den Produktionsprozess (Vgl. Kopfmüller, 2001, S. 19). Der englische NationalökonomThomas R. Malthus warnte Mitte des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund des rasan-ten Bevölkerungswachstums seit der Industriellen Revolution, vor knapper werdenendenRessourcen und damit verbundenen Hungersnöten, Epidemien und Kriegen. Obwohl seineIdeen und Prognosen seinerzeit in Misskredit gerieten, da der wissenschaftlich-technischeFortschritt in der Landwirtschaft und die damit verbundene Verbesserung der Nahrungs-mittelversorgung sich wesentlich schneller entwickelten als die Bevölkerung wuchs, ändertedies nichts an der Logik seiner Argumente. Vor dem Hintergrund heutiger Entwicklungen,wie z. B. der Bevölkerungsexplosion in Entwicklungsländern und drohender Wasserknapp-heit, gewinnen seine Überlegungen wieder an erstaunlicher Aktualität (Vgl. Sebaldt, 2002b, S. 29).

Der Begriff der Nachhaltigkeit wird allerdings häufig noch weiter zurückgeführt, und zwarauf den sächsischen Oberberghauptmann von Carlowitz, der schon Anfang des 18. Jahr-hunderts versuchte, Ökonomie und Natur in der Forstwirtschaft in Einklang zu bringen.Knapper werdende Holzbestände ließen ihn in seiner Abhandlung Sylvicultura Oeconomica über eine nachhaltige Forstwirtschaft nachdenken. Pro Jahr sollte nicht mehr Holz geschla-gen werden als nachwachsen kann. Dieser einfache ressourcenökonomische Grundsatz, vonden Zinsen zu leben und nicht von der Substanz, besitzt bis heute in vielen Bereichen Gül-tigkeit und dient noch oft als Grundlage für aktuelle Nachhaltigkeitsdiskurse (Vgl. Sebaldt,2002b, S. 24).

3.1.2 Umdenken - Die Debatte der 60er und 70er Jahre

Auch wenn der Nachhaltigkeitsgedanke weit zurückreicht, wurde der Glaube an die Mög-lichkeit eines unbegrenzten Wachstums durch technologischen Fortschritt kaum erschüttertund natürliche Grenzen nur selten thematisiert. Erst in den 60er und 70er Jahren des 20.Jahrhunderts begann allmählich die Erkenntnis zu reifen, dass der bis dato unbändige Fort-schrittsoptimismus und der westliche Produktions- und Lebensstil nicht nur die natürlicheUmwelt bedrohte, sondern sich mit ihr ebenso der eigenen Grundlagen beraubte.

Rachel Carsons Buch Silent Spring war 1962 eines der ersten Werke, welches seinerzeitgroße Bevölkerungsteile zu umweltpolitischem Engagement veranlasste (Vgl. Luks, 2002, S.21). Als Dennis und Donella Meadows 1972 ihren Bericht Die Grenzen des Wachstums veröffentlichten, wurde das bisher unangetastete Wachstumparadigma erstmals ernsthaft in Frage gestellt. Sie fügten in ihren Studien den beiden Variablen Bevölkerungsentwick-lung und Nahrungsmittelproduktion, wie Malthus sie verwendet hatte, die VariablenIndustrieproduktion, Umweltbelastung und natürliche Ressourcen hinzu, und untersuch-ten diese anschließend auf ihre komplexen Wirkungszusammenhänge. Die zentrale Theseihrer Arbeit war, dass ein weiteres unkontrolliertes Wachstum der oben genannten Varia-blen, auf lange Sicht zu einem globalen Kollaps führen müsse. Das Ökosystem Erde werdeirgendwann durch Ressourcenschwund (Ressourcenproblematik) oder die begrenzte Auf-nahmefähigkeit von Schadstoffen (Senkenproblematik) an seine Belastungsgrenzen stoßen.Bei weiterem Wachstum sei diese Entwicklung ebenso durch Effizienzsteigerungen nichtaufzuhalten. Die logische Schlussfolgerung lautete daher, einen stabilen Gleichgewichtszu-stand zu erreichen, der sich auch auf Dauer aufrecht erhalten lässt (Vgl. Meadows, 1972, S. 17).

Kritische Stimmen ließen allerdings nicht lange auf sich warten, stellte das Team um Mea-dows doch das Herzstück des globalen Entwicklungkonzepts, den Vorbildcharakter dermodernen Gesellschaften der Industrieländer, und damit das Konzept der aufholendenEntwicklung in Frage. Wenn auch die Kritik an der Studie durchaus berechtigt gewesensein mochte - die Autoren hatten ja selbst einige Schwächen eingeräumt - so bieten dochdie grundsätzlichen Überlegungen und Denkansätze noch immer eine wertvolle Grundlagefür die heutige Diskussion. Dies besonders vor dem Hintergrund, dass sich die zentralenThesen bis heute eher bewahrheitet haben, als dass sie widerlegt werden konnten. Dendurchschlagenden Erfolg des Buches konnten die Kritiker nicht verhindern. Die Ölkrise der1970er Jahre schien den Meadows recht zu geben, und das gesellschaftliche Klima wardurchaus aufnahmebereit für die Warnungen des Buches (Vgl. Hein, 1992, S. 9).

Trotzdem lässt sich vor dem Hintergrund des in der entwicklungstheoretischen Debattevorherrschenden Paradigmas der aufholenden Entwicklung durchaus nachvollziehen, dassThemen wie die Umweltproblematik damals als Modethemen bezeichnet wurden (Vgl. Men-zel, 1995, S. 43). Aus heutiger Sicht allerdings scheinen sie weniger eine Modeerscheinunggewesen zu sein, als vielmehr der Beginn einer Phase des Umdenkens in den 60er und70er Jahren. So haben ebenfalls eine Reihe von namhaften Umweltschutzorganisationenwie z. B. Greenpeace e. V. und der Bund für Umwelt und Naturschutz e. V. (BUND) ihrenUrsprung in dieser Zeit.

Die Erkenntnis, dass sich die Welt eben nicht in linear-kausalen Zusammenhängen begrei-fen lässt, sondern neben wirtschaftlichen u. a. auch soziale und ökologische Faktoren zuberücksichtigen sind, begann sich in der wissenschaftlichen Debatte niederzuschlagen. DieKrise der Entwicklungstheorien hatte deutlich gemacht, dass man mit den bisherigen Stra-tegien bezüglich der Entwicklung der Dritten Welt nicht weiter kam und Alternativen zurrein wirtschaftlichen Entwicklung gefunden werden mussten. Allerdings stieß dies geradein den betroffenen Ländern nicht immer auf Wohlwollen, sondern wurde oft als Versuchder Industrieländer gedeutet, den Entwicklungsländern ihr Recht auf Entwicklung und Modernisierung vorzuenthalten um die bestehenden Machtverhältnisse zu festigen (Vgl. Harborth, 1993, S. 24-25).

Nach und nach begann das Thema dann auch auf der politischen Bühne zu erscheinen. 1972fand in Stockholm die erste Umweltkonferenz der Vereinten Nationen statt, aus der das United Nations Environmental Programme (UNEP) hervorging. Zum ersten Mal wurden inder Entwicklungsdebatte ökologische Aspekte berücksichtigt und der Ansatz des Ecodeve-lopment entwickelt. Dazu zählt u. a. die Abschlusserklärung der 1974 von UNEP zusammenmit der United Nations Conference on Trade and Development veranstalteten Tagung immexikanischen Cocoyok. In dieser Erklärung und dem im darauf folgenden Jahr erschiene-nen Dag-Hammarskjöld-Bericht wurden die neuen entwicklungspolitischen Leitlinien derVereinten Nationen formuliert, in denen zum ersten Mal neben der Unterentwicklung in derDritten Welt auch die Überentwicklung in den Industrieländern thematisiert wurde (Vgl.Harborth, 1993, S.28-30). Mehr und mehr wurde man sich bewusst, dass der verschwen-derische Produktions- und Lebensstil der Industriestaaten langfristig nicht auf den Restder Welt übertragen werden konnte, wollte man nicht auf ein Szenario zusteuern wie esin den Grenzen des Wachstums beschrieben worden war. Daher versuchte man nun aufeinen Mindestlebensstandard für alle Menschen hinzuarbeiten, welcher auch innerhalb derökologischen Grenzen gewährleistet werden konnte (Vgl. Voss, 1997, S. 7, siehe auch aufSeite 16).

Gleichzeitig spiegelt der Dag-Hammarskjöld-Bericht die in den 1970er Jahren geführte Dis-kussion um selektive Dissoziation (Senghaas, 1977) wider, indem er die Begriffe ökologische Entwicklung und lokale ’self reliance’ verknüpfte (Vgl. Harborth, 1993, S. 32-33). Nach1972 kann auch das Jahr 1980 als Meilenstein in der Umweltdebatte bezeichnet werden.Die International Union for the Conservation of Nature (IUCN) erarbeitete zusammenmit UNEP und dem World Wildlife Fund (WWF)13 die World Conservation Strategy, inwelcher der Begriff des sustainable development erstmals in größerem wissenschaftlichenund politischen Kreis auftauchte. Im gleichen Jahr veröffentlichte die Nord-Süd-Kommis-sion den Brandt-Bericht, welcher vor allem die Verantwortung der Industrieländer bei derLösung der globalen ökologischen und sozioökonomischen Probleme in den Vordergrundstellte (Vgl. Grunwald, 2006, S. 18ff). Und ebenso Gobal 2000, der von der amerikanischenRegierung in Auftrag gegebene Bericht an den damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter,erschien in diesem Jahr. Er behandelte u. a. für die Zukunft problematische Themen wieBevölkerung, Bruttosozialprodukt, Klima, Wasser, Nahrungsmittel, Landwirtschaft, Wäl-der, Forstwesen und Energie (Vgl. "Global 2000 - Bericht an den Präsidenten der USA,1980". In: Aachener-Stiftung-Kathy-Beys).

In der Folge von Stockholm waren verschiedene Konzeptvorschläge entwickelt worden, dieallerdings größtenteils nicht ihren Weg in die Politik fanden (Vgl. Kopfmüller, 2001, S.22). Auch den Vereinten Nationen war es noch nicht gelungen aus der bisherigen Debatte eine konkrete Entwicklungsstrategie zu entwickeln und zu implementieren, aber zumindest boten die Cocoyok-Erklärung und der Dag-Hammarskjöld-Bericht eine programmatische Basis für die 1983 gegründete World Commission on Environment und Development, die einen einzigartigen und überaus wichtigen Beitrag zum Thema nachhaltige Entwicklung leisten konnte (Vgl. Sebaldt, 2002b, S. 35).

3.1.3 Der Brundtland-Bericht

Die WECD wurde 1983 durch einen Beschluss der UN-Generalversammlung ins Lebengerufen, um vor dem Hintergrund weltweit wachsender ökologischer, wirtschaftlicher undsozialer Probleme Handlungsempfehlungen zur Erreichung einer dauerhaften Entwicklungzu erarbeiten. Die aus 22 Mitgliedern aus der ganzen Welt bestehende Kommission schafftees den Begriff der nachhaltigen Entwicklung einer großen Öffentlichkeit näher zu bringen,die wichtigsten Problembereiche und Herausforderungen des Themengebietes in ihrem Ab-schlussbericht Our Common Future zu identifizieren und erstmals das Leitbild einer nach-haltigen Entwicklung zu entwerfen. Damit wurde sie zum eigentlichen Ausgangspunkt derheutigen Debatte um nachhaltige Entwicklung (Vgl. Grunwald, 2006, S. 20). In dem Be-richt, nach der norwegischen Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland auch Brundtland-Bericht genannt, wird die bis heute viel zitierte und zahlreichen Arbeiten zugrunde liegendeDefinition einer nachhaltiger Entwicklung wie folgt formuliert:

„Sustainable development is development that meets the needs of the present withoutcompromising the ability of future generations to meet their own needs.“ (Vgl. WCED,1987, S. 43)

Ausgehend von dem übergeordneten Ziel der nachhaltigen Entwicklung hat die Kommissionfolgende Problembereiche herausgestellt und mit Handlungsempfehlungen versehen. So soll

1. das unkontrollierte Bevölkerungswachstum durch nachhaltige bevölkerungspolitische Maßnahmen gestoppt und menschliche Ressourcen durch Maßnahmen zur Verbesse- rung von Gesundheit, Bildung und sozialer Entwicklung gefördert werden (ebd., S. 105);
2. durch eine geeignete Agrarpolitik die Nahrungsmittelversorgung dauerhaft gesichert werden (ebd., S. 130ff);
3. der Verlust an Biodiversität und die Gefährdung von Ökosystemen durch eine zu- kunftsorientierte Umwelt- und Naturschutzpolitik und vorausschauende Planung auf den Gebieten der Land- und Forstwirtschaft und bei der Siedlungsplanung gestoppt werden (ebd., S. 163);
4. zur Sicherung der gobalen Energieversorgung der Verbrauch generell gesenkt und vor allem Effizienzsteigerungen und die Entwicklung und Verwendung erneuerbarer Energien vorangetrieben werden (ebd., S. 201);
5. durch umwelt- und ressourcenschonende Technologien, wie z. B. Effizienzsteigerun- gen, Recycling, etc. die Industrieproduktion weltweit, aber vor allem in den Entwick- lungsländern gesteigert werden (ebd., S. 219);
6. unkontrolliertes Wachstum von Großstädten durch die Schaffung von kleineren Zen- tren, d. h. einer gleichmässigeren Verteilung der Bevölkerung, und die Entwickung von urbaner Landwirtschaft, gestoppt werden (ebd., S. 235).

Die genannten Problembereiche werden in dem Bericht allerdings nicht isoliert betrachtet,sondern unter dem strategischen Gesichtspunkt der nachhaltigen Entwicklung zueinanderin Relation gesetzt und auf Wechselwirkungen und Ursachen untersucht. Bisher getrenntuntersuchte Problembereiche wurden damit in einem komplexen Wirkungsgefüge gesehen,welches genauso komplexe Maßnahmen erfordert. Bei dieser Situations- und Ursachenana-lyse werden die in der Ökologiediskussion der 1970er Jahre liegenden Wurzeln des Be-richts sichtbar. Umweltbelastungen und -zerstörungen wurden erstmals auf menschlichesWirken zurückgeführt und dabei die Folgen armutsbedingter Umweltzerstörung von denUmweltbelastungen durch die Industrieländer unterschieden (Vgl. Harborth, 1993, S. 50).Leopoldo Mármora formuliert dies folgendermaßen: „Es ist das große Verdienst desBrundtland-Reports, daß er die globalen Wechselwirkungen zwischen Verschwendung imNorden, Armut im Süden und Naturzerstörung aufgezeigt hat . “ (Vgl. Mármora, 1992, S.35) Allerdings fehlen Erörterungen und konkrete Vorschläge wie der zu hohe Konsumstan-dard der reichen Länder zugunsten einer dauerhaften Entwicklung der Entwicklungsländerreduziert werden könnte.14

Eine zentrale Forderung des Berichts ist die Verfolgung der Grundbedürfnisstrategie (WCED,1987, S. 54). Die Fordeung nach einem bestimmten Mindestlebensstandard stieß allgemeinauf große Zustimmung, der Bericht bleibt jedoch oft unklar, wenn es um die Konkretisierungvon Zielen und Mitteln geht. Ein eventuell zu formulierender maximaler Lebensstandardim Hinblick auf den Überkonsum der Industrieländer wird z. B. nicht erwähnt. Ebensoder eindeutig dem Prinzip der aufholenden Entwicklung treu bleibende Lösungsansatz,die Befriedigung der Grundbedürfnisse aller Menschen durch weiteres exponentielles Wirt-schaftswachstum sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern erreichenzu wollen, steht in Widerspruch zu anderen Forderungen und brachte viel Kritik ein. Eskann zumindest bezweifelt werden, dass konkrete Wachstumsziele von 3-4 % für Industrie-länder und 5-6 % für Entwicklungsländer(WCED, 1987, S. 50f) erstens realistisch sind undzweitens nicht mit dem selbst gesteckten Ziel des Umweltschutzes kollidieren. Der Berichtverweist in diesem Fall auf die Entwicklung neuer umweltfreundlicher Technologien undsetzt sein Vertrauen mit einigem Optimismus in die sogenannte Effizienzstrategie (WCED,1987, S. 52).

Harborth zufolge beschreibt der Bericht in seiner Situations- und Ursachenanalyse durchaus treffend die ökologischen Gefährdungen und ihre zeitliche Dramatik, auf der anderen Seite jedoch enthalte er teils widersprüchliche, teils schwammige und unklare Aussagen bezüglich konkreter Lösungsvorschläge, was unter anderem dem Konsens geschuldet sei. Der Bericht war von den aus unterschiedlichsten politischen und ideologischen Verhältnissen kommenden Mitgliedern der Kommission nach zahlreichen Diskussionen einstimmig verabschiedet worden. Es sei daher nachzuvollziehen, wenn sich die Kommission der Einstimmigkeit halber in vielen Bereichen „nicht eindeutig festlegen mochte oder nicht zu deutlich werden wollte“ (Vgl. Harborth, 1993, S. 49).

Ott beschreibt die Formel sustainable development der Brundtlandt-Kommission im Sinnevon Carl Schmitt als „dilatorischen Formelkompromiss“, also als unechten Kompromiss,bei welchem sich die streitenden Parteien zwar auf die verbale Formel einigen, nicht je-doch auf die streitigen Sachlagen (Vgl. Ott, 2004b, S. 29). Trotz dieser berechtigten Kritikbleiben die Brundtland-Kommission und ihr Bericht Meilensteine in der Geschichte dernachhaltigen Entwicklung, haben sie doch nicht nur inhaltlich die Nachhaltigkeitsdebattebis heute geprägt, sondern auch die 1992 in Rio de Janeiro abgehaltende UNCED angeregt.

3.1.4 Die UNCED-Konferenz und der Rio-Folgeprozess

Als bisher wohl bedeutendstes Ereignis in der Geschichte der nachhaltigen Entwicklungwird zurecht die oft auch als Weltgipfel bezeichnete UNCED in Rio de Janeiro genannt.Dieser Mammutkonferenz wohnten 1992 nicht weniger als 10.000 Delegierte aus 178 Staatenbei. Die Konferenz war über Jahre hinweg, u. a. durch ein eigens gegründetes Sekretariat inLondon und zahlreiche Berichte von UN-Organisationen vorbereitet worden. Der eigentli-che Erfolg aber wird der vielfach gerühmten, außergewöhnlichen Verhandlungsatmosphärezugeschrieben.

Der Anspruch war sehr hoch gewesen, sollten doch am Ende der Verhandlungen Ergebnis-se stehen, welche die Empfehlungen der Brundtland-Kommission in politisch und rechtlichverbindliche Handlungsvorgaben umsetzen und drängende globale Entwicklungsproblemein einen umweltpolitischen Zusammenhang setzen sollten (Vgl. "Die Rio-Konferenz von1992 (Erdgipfel)". In: Aachener-Stiftung-Kathy-Beys). Schon der Brundtlandt-Kommissi-on war es nur unter Inkaufnahme entsprechend großer Kompromisse gelungen, die ver-schiedenen Interessen und Perspektiven der Länder aus Nord und Süd zusammenzuführenund dieser Gegensatz erwies sich auch in Rio de Janeiro als größtes Hindernis im Hinblickauf die Entscheidungsfindung. Während die Industrieländer ökologische Aspekte von Ent-wicklung in den Vordergrund stellten, hoben die Entwicklungsländer weiter ihr Recht aufwirtschaftliche Entwicklung hervor (Vgl. Sebaldt, 2002a, S. 39). Durch den Geist von Rio,wie die besondere Atmosphäre der Verhandlungen tituliert worden war, kam man jedochdem Ziel, die Weichen für eine weltweit nachhaltige Entwicklung zu stellen, ein großesStück näher.

Insgesamt wurden fünf Dokumente verabschiedet (Vgl. UN, 1992):

1. Die Rio-Deklaration zu Umwelt und Entwicklung schreibt in 27 Grundsätzen u. a. das Recht auf nachhaltige Entwicklung für alle Menschen fest. Dieses Recht dürfeallerdings nur so erfüllt werden, dass Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen heu-tiger und zukünftiger Menschen in gerechter Weise entsprochen werden kann. DenStaaten wird die Souveränität bei der Ressourcennutzung zugesichert, aber auch dieVerknüpfung von Umwelt und Entwicklung und die Anwendung des Vorsorge- undVerursacherprinzips betont. Weiter werden die Staaten aufgefordert die Armutsbe-kämpfung voranzutreiben, globale Partnerschaften und die internationale Zusammen-arbeit zu fördern und Partizipation insbesondere von Frauen, Jugendlichen und in-digenen Gruppen zu ermöglichen. In der Rio-Deklaration werden in sehr allgemeinerForm die Eckpfeiler einer nachhaltigen Entwicklung formuliert und die Teilnehmer-staaten zur Einhaltung dieser Prinzipien aufgefordert.

2. Die Agenda 21 gilt als wichtigstes Dokument der Rio-Konferenz. Mit ihr wurde ein konkretes, 40 Kapitel umfassendes globales Aktionsprogramm zu einem breit ge-fächerten Themenspektrum verabschiedet. Dazu zählen a) soziale und ökonomischeAspekte, wie z. B. Armutsbekämpfung, Gesundheitsvorsorge, demografische Entwick- lung und Konsumverhalten, b) ökologische Aspekte, wie z. B. Klima- und Umwelt-schutz, die Förderung nachhaltiger landwirtschaftlicher Entwicklung, der Erhalt derBiodiversität und ein verantwortlicher Umgang mit Biotechnologien, c) die Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen, wie Frauen, Jugendliche und indigene Gruppen, sowieKommunen, Privatwirtschaft, Arbeitnehmergewerkschaften und NGOs und d) Fragenzu praktischen Umsetzungsmöglichkeiten, wie z. B. zur internationalen Zusammen- arbeit, zu Bildung und Wissenschaft und zu Wissens- und Technologietransfer.15 3. Die Klimarahmenkonvention widmet sich dem globalen Klimawandel und dem Schutz der Atmosphäre. Ihr Ziel ist die Stabilisierung der Belastung der Erdatmosphäre durch klimaschädliche Treibhausgase, wie z. B. Kohlendioxid und ozonschädliche Ga- se wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) und Halonen, auf einem Niveau, das eine gefährliche anthropogene Störung des Weltklimas verhindert. Ein großer Nach- teil der Konvention ist die Nichtfestlegung auf präzise Grenzwerte und Zeithorizonte. Diese war vor allem der Kollision der Ziele der Konvention mit den wirtschaftlichen Interessen derjenigen Staaten geschuldet, deren Wirtschaft in hohem Maße von der Produktion bzw. dem Konsum treibhauseffektfördernder fossiler Brennstoffe abhän- gig ist, allen voran die OPEC-Staaten und die USA.

4. Die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt soll dem rapiden weltweiten

Artenschwund entgegen wirken. Die biologische Artenvielfalt wird aus ökologischen, genetischen, sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, erzieherischen, kulturellenund ästhetischen Gründen als erhaltenswert angesehen. Genau wie bei der Klima-rahmenkonvention sollen die Gesundheit und Stabilität der vorhandenen Ökosystemegeschützt werden, um die dauerhafte Befriedigung von Gesundheits-, Nahrungs- undanderen Bedürfnissen der Weltbevölkerung sicherzustellen. Dazu sollen die Ökosyste-me nachhaltig genutzt und die Vorteile aus der Nutzung von genetischen Ressourcengerecht verteilt werden.

5. Die Grundsatzerklärung zum Schutz der Wälder stellt in einer unverbindlichen Ab- sichtserklärung Leitlinien zu Bewirtschaftung, Erhalt und nachhaltiger Entwicklung der Wälder der Erde auf. Neben der Klimarahmenkonvention werden besonders in der Walderklärung die Differenzen zwischen Nord und Süd deutlich. Die Entwicklungs- länder beharrten auf einem unbeschränkten Nutzungsrecht nationaler Ressourcen und betonten die Bedeutung der Wälder nicht nur als wichtigen ökologischen Faktor, sondern als für viele Staaten entscheidenden Wirtschaftsfaktor.

Angesichts der oben angesprochenen unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten auf demWeltgipfel enthält jedoch keines dieser Dokumente überprüfbare Verpflichtungen für dieteilnehmenden Staaten. Die Rio-Deklaration, die Agenda 21 und die Grundsatzerklärungzum Schutz der Wälder bleiben völlig ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit und auch dieKlimarahmenkonvention und die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt bedürfennoch ergänzender Vereinbarungen, um konkrete Auswirkungen zu haben (Vgl. Grunwald,2006, S. 24).

Die Klimarahmenkonvention ist zwar mittlerweile von über 180 Staaten, darunter auch dieUSA, Russland, die Staaten der Europäischen Union, China und Indien, ratifiziert worden(Vgl. "Klimaschutz-Konvention (Klima-Rahmenkonvention)". In: Aachener-Stiftung-Ka-thy-Beys), konkrete Grenzwerte und Zeithorizonte wurden allerdings erst mit dem Kyoto-Protokoll von 1997 im Rahmen einer Folgekonferenz festgelegt, für welches die Ratifizierungdurch die USA bis heute noch nicht erfolgt ist. Erst 2005 konnte es überhaupt in Krafttreten, nachdem die Ratifizierung durch Russland erfolgt war (Vgl. "Kyoto-Protokoll". In:Aachener-Stiftung-Kathy-Beys). Trotzdem haben sich alle unterzeichnenden Staaten beider Konferenz in Rio de Janeiro, wenn auch nicht rechtsverbindlich, so doch politisch-deklaratorisch, verpflichtet, eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben und nationaleund lokale Agenden 21 zu implementieren (Vgl. Sebaldt, 2002a, S. 44).

Ein wichtiges Novum der Konferenz von Rio war die erstmals erfolgte offizielle Einladungvon NGOs zu den Verhandlungen. Damit wurde deren gewachsener Bedeutung am globalenWillensbildungsprozess Rechnung getragen, was sich am Ende auch in der Widmung eineseigenen Kapitels zur Bedeutung von NGOs in der Agenda 21 niederschlug (Vgl. BMU,1992, Kapitel 27, S. 249-252). Mittlerweile sind NGOs aus der Debatte um nachhaltigeEntwicklung nicht mehr weg zu denken und prägen mit eigenen Studien in hohem Maße den Nachhaltigkeitsbegriff.16

Die Koordination des Rio-Folgeprozesses auf globaler Ebene wurde der eigens gegründe-ten Commission for Sustainable Development (CSD) übertragen, welche sich jährlich inNew York versammelt, um den Fortschritt bei der Implementierung der Rio-Deklaration,der Agenda 21 und einer Reihe von Folgeaktivitäten, welche auf dem Weltgipfel verein-bart worden waren, zu überwachen.17 Zu den Folgeaktivitäten18 zählen u. a. weitere UN-Konferenzen, welche sich mit dem Thema nachhaltiger Entwicklung beschäftigten, wie z. B. die seit 1995 jährlich stattfindenden Klimakonferenzen,19 der Weltgipfel für sozialeEntwicklung 1995 in Kopenhagen und die Sondergeneralversammlung der Vereinten Na-tionen 1997 in New York (Rio +5). Im Jahr 2000 wurden die sogenannten Milleniumszielein der UN Millenium Declaration festgelegt. Zu den acht Zielen gehören die Beseitigungvon extremer Armut und Hunger, die Gewährleistung einer universellen Grundausbildung,die Förderung der Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, die Verringerung derKindersterblichkeit, die Verbesserung der Gesundheitsvorsorge bei Müttern, die Bekämp-fung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Krankheiten, die Sicherstellung ökologischerNachhaltigkeit und die Entwicklung einer globalen Partnerschaft für Entwicklung.20

Im September 2002 folgte dann die erste große Folgekonferenz von Rio, das World Summit on Sustainable Development, auch Rio +10 genannt, in Johannesburg. Die zwischenzeitlicheBilanz 1997 in New York war ernüchternd gewesen, weshalb die Ansprüche an Johannes-burg, dem Prozess wieder Dynamik zu verleihen, recht groß waren. Man hatte festgestellt,dass es in kaum einem Bereich Fortschritte gegeben hatte und das Schlussdokument ausNew York hatte ebenfalls keine neuen Akzente setzen können (Vgl. "Earth Summit +5(Erdgipfel fünf Jahre nach Rio) New York 1997". In: Aachener-Stiftung-Kathy-Beys). DieTeilnehmer von Rio wurden nach der Euphorie, welche der Geist von Rio ausgelöst hatte,mit den realen Problemen der Konkretisierung und der Implementierung von nachhaltigerEntwicklung konfrontiert. Für die 16-köpfige Gruppe von Aktivisten, Intellektuellen, Ma-nagern und Politikern, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung im Vorfeld des Gipfels inJohannesburg das sogenannte Jo’burg Memo entworfen hatte, hatte sich Rio 1992 als einleeres Versprechen entpuppt: „Obwohl die Regierungen sich beim Erdgipfel vor den Augenund Ohren der Welt verpflichtet hatten, gegen Umweltschäden und soziale Polarisierung die Initiative zu ergreifen, ist selbst nach einem Jahrzehnt keine Umkehr dieser Trends zu erkennen.“ (Vgl. Sachs, 2002, S. 11).

Brand und Görg führen dies u. a. auf die neue Weltordnung zurück, welche sich schonin den 1990er Jahren abgezeichnet hatte und seit dem 11. September 2001 deutlich zutagegetreten war. Für sie war „Der Rio-Gipfel und die in seinem Gefolge verhandelten Abkom-men [...] der Versuch, über z.T. neue Formen schwach institutionalisierter Normsetzungen,wie dies internationale Regime darstellen, internationales Recht zu entwickeln. Heute lässt sich einerseits eine relative Beliebigkeit in der Auslegung dieser Normen und andererseitseine recht deutliche Rückkehr zur reinen Machtpolitik erkennen, die vor allem an nationa-len Interessen und der nationalen Sicherheit orientiert sind.“(Görg, 2002, S. 25, Hervorh.im Orig.)

Auf nationaler Ebene hatten bis Ende 2005 erst 30 % aller Staaten eigene Nachhaltigkeitss-trategien verabschiedet, die sich überdies bezüglich ihres Charakters, ihrer Reichweite undder Effektivität teilweise erheblich voneinander unterschieden (Vgl. Stappen, 2006, S. 11).In Deutschland wurde eine umfassende Nationale Nachhaltigkeitsstrategie erst kurz vordem Gipfel in Johannesburg vom Bundeskabinett verabschiedet (Vgl. Bundesregierung,2002).

In Johannesburg sollten sowohl die Fortschritte bei der Implementierung der Ergebnisseaus Rio, vor allem der Agenda 21, und die Verabschiedung nationaler Nachhaltigkeitsstra-tegien evaluiert, als auch ein 152 Punkte umfassender Aktionsplan verabschiedet werden,welcher schon im Vorfeld der Konferenz konzipiert worden war. Im Rückblick konnte aberauch Johannesburg den Erwartungen nicht gerecht werden. Es waren kaum genaue Fest-legungen oder verbindliche Beschlüsse gefasst worden. Man hatte weder die USA zu einerRatifizierung des Kyoto-Protokolls bringen, noch die Forderung nach einer Steigerung desAnteils erneuerbarer Energien am weltweiten Energieverbrauch bis 2010 auf rund 15 %durchsetzen oder einen präzisen Verhaltenskodex für global operierende Unternehmen ver-abschieden können. Die oben angesprochene Kritik durch Brand und Görg scheint daherdurchaus berechtigt zu sein.

Auch Stappen bezeichnet das Fehlen einer völkerrechtlichen Verbindlichkeit als eines dergrößten Probleme, als „Achillesferse des Rio-Johannesburg-Prozesses“ (Stappen, 2006, S.17). Die Aufbruchstimmung, welche 10 Jahre zuvor von Rio ausgegangen war, war ange-sichts der Größe der Herausforderungen der Ernüchterung gewichen (Vgl. Sebaldt, 2003, S. 73-75). Bis heute scheint sich in dieser Hinsicht nicht sehr viel geändert zu haben. So sind z. B. im Indikatorenbericht 2006 (Vgl. Statistisches-Bundesamt, 2007) oder im TheMillenium Development Goals Report 2007 (Vgl. UN, 2007) zwar Fortschritte erkennbar, allerdings werden viele der selbst auferlegten Ziele wahrscheinlich nicht erreicht werden und mit völkerrechtlich verbindlichen Verträgen zu allen Themen rund um eine nachhaltige Entwicklung wird vorerst nicht zu rechnen sein.

Da es allerdings auf lange Sicht gesehen keine Alternative zu einem nachhaltigen Umgang mit unserer Erde geben werde, äußert Martin Sebaldt die Hoffnung, „dass sich der momentane deklaratorische Charakter vieler SD-Dokumente schließlich auch hin zur innerlich gewollten Programmatik verändert.“ (Sebaldt, 2002a, S. 46, Hervorh. im Orig.) Als nächste Meilensteine gelten die Jahre 2015, wenn die MDGs erreicht sein sollen und 2017, wenn ein Viertel Jahrhundert nach Rio ein weiteres Mal Bilanz gezogen wird.

3.2 Nachhaltigkeit in der wissenschaftlichen Diskussion

3.2.1 Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung

Seit von Carlowitz sind zahllose Definitionen und Konzepte zur Umsetzung von Nachhaltigkeit entstanden und ständig kommen neue hinzu (Vgl. "Definitionen von Nachhaltigkeit", in: Aachener-Stiftung-Kathy-Beys). Zwar herrscht weitestgehend Einigkeit darüber, dass sich Wirtschaft und Gesellschaft an neuen Entwicklungsleitlinien orientieren müssen, darüber, wie diese genau ausgestaltet werden und in welche Richtung sie zielen sollen, besteht allerdings bis heute, nach mehreren Jahrzehnten intensiver Diskussion, noch immer kein allgemeiner Konsens (Vgl. Renn, 1999, S. 19).

Trotz dieses Umstandes hat sich Nachhaltigkeit zu einem populären Schlagwort in vielen gesellschaftlichen Bereichen entwickeln können. In fast jedem Geschäftbericht von Unternehmen, in fast allen politischen Debatten, überall taucht zumindest der Begriff Nachhaltigkeit auf. Es scheint, als gehöre es mittlerweile zum guten Ton, eigenes Handeln und Entscheidungen zu rechtfertigen, indem man sie als nachhaltig bezeichnet.

Was aber macht den Reiz dieses Schlagwortes aus? Wie lässt sich erklären, dass vollkom-men gegensätzliche Positionen jeweils mit Nachhaltigkeit argumentieren können? Oft wirdbehauptet, dass sich die Popularität gerade in einer gewissen Inhaltslosigkeit und Unschärfedes Begriffs begründet. Nachhaltigkeit wird von Kritikern auch als Bauchladen bezeichnet,als Sammelbecken für allerlei uneinlösbare Forderungen. Im Prinzip könne niemand gegenNachhaltigkeit sein, inhaltlich sei diese jedoch bisher „zahnlos“ (Vgl. Grunwald, 2006, S.156). Liegt aber nun in der Unschärfe und der Popularität eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Ott nähert sich der Problematik systemtheoretisch. Nachhaltigkeit werde in den verschie-denen Systemen von Wissenschaft und Politik, welche jeweils unterschiedlichen Codes fol-gen, auch unterschiedlich kommuniziert. In der Wissenschaft sei man auf der Suche nacheiner klaren und gerechtfertigten Bedeutung für den Begriff der Nachhaltigkeit, unter-scheide also zwischen Wahrheit und Falschheit, in der Politik hingegen werde man stetsversuchen, die eigenen Programme und Ziele als nachhaltig auszugeben, da hier nicht zwi-schen wahr oder falsch, sondern zwischen Macht und Opposition unterschieden werde.Ein unscharfer Nachhaltigkeitsbegriff berge daher die Gefahr von strategischer Besetzung, inflationärer Benutzung und intellektueller Regression. Sobald es aber eine allgemein akzeptierte Theorie von Nachhaltigkeit gäbe, oder auch nur eine kleine Anzahl miteinander konkurrierender Theorien, welche allerdings von den Grundinhalten übereinstimmen, dürfe die Politik besagte Theorien nicht länger ignorieren (Vgl. Ott, 2006, S.63-65).

Was also ist nun Nachhaltigkeit? Wie lässt sich der Begriff konkretisieren, ohne dass er dafür an Akzeptanz verliert? Damit Nachhaltigkeit nicht ein bloßes Schlagwort bleibt, welches sich nach Bedarf in alle Richtungen zurechtbiegen lässt, ist es mittlerweile als große Herausforderung für die Wissenschaft begriffen worden, die weitere Konkretisierung des Leitbilds voranzutreiben und Konzepte für seine praktische Umsetzung zu entwerfen. Dabei sollte jedoch klar sein, dass Nachhaltigkeit kein wissenschaftlich beobachtbarer Sachverhalt oder ein fest definiertes Ziel ist und nachhaltige Entwicklung nicht als vordefinierter Prozess verstanden werden darf. Luks formuliert :

„Nachhaltigkeit ist kein Zustand, der, einmal erreicht, für ewige Zeiten aufrechterhal-ten wird. Nachhaltigkeit ist ein Leitbild, ein Prozess, ein Paradigma, kein in Betongegossenes Zielsystem. Nachhaltigkeit selbst ist in lebendiger Entwicklung.“ (Luks,2002, S. 18)

Nachhaltigkeit kann daher auch als normatives Leitbild bezeichnet werden, das für alleMenschen der Erde die Frage klären soll, wie wir heute und morgen leben sollen und wasein gutes Leben ist (Vgl. Renn, 1999, S. 21). Nohlen bezeichnet schon Entwicklung ansich als einen normativen Begriff, welcher weder allgemeingültig definierbar noch wertneu-tral sein kann, sondern abhängig von individuellen und kollektiven Wertvorstellungen ist(Vgl. Nohlen, 2002a, S. 227). Im Laufe der Geschichte unterlagen diese Wertvorstellungenund damit auch der Entwicklungsbegriff einem fortwährenden Wandel, da Fehlschläge inder Entwicklungspolitik und immer neue Problemstellungen eine stetige Weiterentwicklungerforderten. Ausgehend von den Anfängen der Entwicklungsdebatte, als in der Formel Ent-wicklung = Wachstum, Entwicklung mit wirtschaftlichem Wachstum gleichgesetzt wurde,wurden dem Entwicklungsbegriff, z. B. mit der Grundbedürfnisstrategie und der Vorstel-lung von Entwicklung als Verbesserung der Lebensbedingungen, im Laufe der Zeit immerneue normative Vorstellungen zugrunde gelegt (Vgl. Nohlen, 2002a).

Seit dem Brundtland-Bericht, spätestens aber seit der Konferenz von Rio, wurden demEntwicklungsbegriff mit der Charakterisierung als nachhaltig wiederum neue normativeVorstellungen zugrunde gelegt, welche hier als grundlegende Prämissen bezeichnet werden.Wenn im Folgenden von grundlegenden Prämissen des Leitbilds der nachhaltigen Ent-wicklung die Rede sein wird, so darf allerdings nicht vergessen werden, dass auch diesenbestimmte Normen zugrunde liegen, welche grundsätzlich nicht als unveränderbar angese-hen werden dürfen. Man könnte sogar soweit gehen, die Offenheit des Leitbilds gegenüberder eigenen Weiterentwicklung und Veränderbarkeit als erste Prämisse zu bezeichnen. Dennnicht nur die grundlegenden Prämissen, sondern auch ihre Umsetzung, d. h. der Überset-zung der Prämissen in konkrete praktikable Aufgaben für Politik, Wissenschaft und andere gesellschaftliche Gruppen, erfordert einen permanenten Diskurs. Dieser Diskurs über denProzess der Operationalisierung darf praktisch nie enden und muss fortwährend vorhande-ne Probleme und deren Ursachen analysieren und gewährleisten, dass die Lösungsansätzesich immer wieder am Leitbild der Nachhaltigkeit und dessen Prämissen orientieren. Diewissenschaftliche Diskussion zur Ausgestaltung dieser Prämissen und ihrer Operationali-sierung soll hier nun in Ausschnitten untersucht und wiedergegeben werden.

Da es sich fast immer als schwierig erweist über ein derart kontroverses und komplexesThema wie nachhaltige Entwicklung zu schreiben ohne gleichzeitig zu interpretieren odergewisse Aspekte nur selektiv darzustellen, stellt diese Arbeit gar nicht erst den Anspruch,die bisherige Diskussion in allen Dimensionen wiederzugeben, sondern ist sich durchauseiner gewissen Subjektivität bewusst. Daher soll eher versucht werden, sich dem Kern desLeitbilds der nachhaltigen Entwicklung anzunähern, grundlegende Prämissen bzw. konsti-tutive Elemente zu identifizieren und anhand der Diskussion verschiedener Konzepte undihrer jeweils unterschiedlichen inhaltlichen Ausgestaltungen, zentrale Kontroversen her-auszuarbeiten. Eine Positionierung der eigenen Arbeit wird danach sogar explizit benötigt,um eine Arbeitsdefinition zu bestimmen, anhand derer die eingangs gestellte Frage nachdem Beitrag einer Bio-Zertifizierung des Shrimpzucht-Sektors zu nachhaltiger Entwicklungbearbeitet werden kann.

3.2.2 Grundlegende Prämissen

3.2.2.1 Intra- und Intergenerationelle Gerechtigkeit

An dieser Stelle soll kurz auf auf die ethische Begründung der Nachhaltigkeit eingegangen werden. Eine tiefergehende Beschäftigung mit Themen wie Gerechtigkeit, Moral und Ethik würde allerdings den Rahmen der Arbeit sprengen. Ebenso wird in kaum einer Arbeit, die für sich in Anspruch nimmt, ein Konzept für die Umsetzung von Nachhaltigkeit zu entwickeln, die Gerechtigkeitsprämisse in Frage gestellt oder sogar ausführlich begründet, daher soll hier ein kurzer Einblick genügen (Vgl. Coenen, 2001, S. 35f).

Auch wenn noch keine allgemein verbreitete Vorstellung davon existiert was Nachhaltig-keit konkret bedeutet, wird mittlerweile gemeinhin als Fakt anerkannt, dass unser heutigerLebensstil nicht nachhaltig, ergo nicht auf Dauer aufrechterhaltbar oder auf alle Menschenübertragbar ist. Genauso wird kaum jemand bestreiten, dass wir theoretisch nachhaltigleben könnten. Es ist eben nicht lebensnotwendig, das Auto zu benutzen, um zum Su-permarkt zu fahren oder dass Stereoanlage, Computer und Fernseher 24 Stunden am Tagauf stand-by bereitstehen. Hiermit soll allerdings weder behauptet werden es reiche mitdem Fahrrad zum Einkaufen zu fahren und alle elektrischen Geräte bei Nicht-Gebrauchauszuschalten, noch, dass ein nachhaltiger Lebensstil nicht grundsätzlich auch mit diesenmateriellen Errungenschaften möglich ist. Es scheint jedoch darauf hinauszulaufen, dasswir oft zu bequem sind, Verhaltensweisen zu ändern und zu einem nachhaltigen Lebensstilüberzugehen.

Die Frage, die sich nun stellt, lautet daher, ob und warum wir denn überhaupt nachhaltigleben sollten. Aus der Tatsache, dass wir einen nicht-nachhaltigen Lebensstil führen, er-gibt sich nämlich noch nicht zwingend die Norm, dass ein nachhaltiger Lebensstil gebotenist. Dies wäre ein naturalistischer Fehlschluss, der allerdings heutzutage, u. a. auch in derLiteratur zu nachhaltiger Entwicklung, nur allzu verbreitet ist. Allerdings lässt sich dasGebot der Nachhaltigkeit trotzdem begründen, nämlich damit, dass ein nichtnachhaltigerLebensstil eben nicht gerecht ist. Das Wuppertal-Institut formuliert dies folgendermaßen:

„Denn eine ungerechte Gesellschaft entspricht weder den Strebungen der Menschen, noch kann sie auf Dauer Bestand haben. [...] Die Gerechtigkeit, so lässt sich sagen, hat für die soziale Welt die gleiche Bedeutung wie das Ökosystem für die natürliche und die Sprache für die kulturelle Welt; sie ist das Rückgrat einer dauerhaften Ordnung.“ (Wuppertal-Institut, 2005, S. 19)

Die heutige Situation und vor allem der westliche Lebensstandard werden oft als ungerechtsowohl gegenüber kommenden Generationen als auch gegenüber den heute lebenden Men-schen in Entwicklungsländern empfunden. Ein deutliches Beispiel ist der Klimawandel. Esbesteht mittlerweile kein Zweifel mehr daran, dass die Industrieländer bisher den größtenAnteil zum globalen Klimawandel beigetragen und gleichzeitig von vergangenen Umwelt-sünden am meisten profitiert haben. Jedoch hatten sie bisher nur in einem sehr geringenMaße die Folgen zu tragen. Die weltweit gravierendsten Auswirkungen des Klimawandelswerden erstens größtenteils mit erheblichen Zeitverzögerungen erst in der Zukunft auftre-ten und zweitens vor allem in den armen Regionen der Erde zu spüren sein(Vgl. Santarius,2007).

Hierbei tauchen jedoch weitere Fragen auf, z. B. wodurch sich Gerechtigkeit eigentlich aus-zeichnet und wann eine Gesellschaft oder eine Ordnung als gerecht bezeichnet werden kann.Gibt es ein universal bestimmbares Gerechtigkeitsideal? Es gibt Meinungen, nach denenGerechtigkeit subjektiv bzw. vom jeweiligen Kontext abhängig sei. Felix Ekardt lie-fert hingegen in seinem Buch Das Prinzip Nachhaltigkeit Argumente dafür, dass es sehrwohl ein universal bestimmbares Gerechtigkeitsideal gibt, abseits aller anderen, aus Re-ligion, kulturellen Grundwerten, Postmoderne oder Wirtschaftsliberalismus stammendenGerechtigkeits- und Moralvorstellungen. Seine Grundidee dabei ist „die radikale Autonomiedes Individuums - doch ist sie eine Autonomie, die sich ihrer Absolutheit ebenso bewußtist wie ihrer Grenzen in der gleichen Autonomie aller anderen, auch derjenigen, die räum-lich und zeitlich weit entfernt von uns sind.“ (Vgl. Ekardt, 2005, S. 10) Er argumentiert,dass jedem Individuum, also auch räumlich und zeitlich weit entfernten, die sogenanntenormative Vernunft, d. h. die menschliche Befähigung zu begründeten - und womöglichsogar universal begründeten - Wertungen zueigen ist. Er versucht zu zeigen, dass Wer-tungen und Normen, wie z. B. das Gebot eines nachhaltigen Lebensstils, zwar nicht wieTatsachen experimentell beweisbar, aber dennoch nicht beliebig sind, sondern dass manüber sie durchaus rational, d. h. mit Gründen streiten kann. Für ihn wäre daher eine Ordnung erst dann gerecht, wenn jedem heutigen und zukünftigen, autonomen Individuum dieMöglichkeit gegeben ist, auf der Basis der normativen Vernunft an dieser Diskussion umWerte und Normen teilzunehmen, seine Bedürfnisse zu äußern und mit Gründen dafür zustreiten.21

Auch das Wuppertal-Institut hat eine ähnliche Sichtweise, so könne Gerechtigkeit einer-seits Verteilungsgerechtigkeit, andererseits aber auch die Anerkennung als vollberechtigtesMitglied einer Gemeinschaft, d. h. ein Nichtausgrenzen, Nichtdiskriminieren oder eben, inden Worten von Ekardt, die Teilnahme am Diskurs bedeuten (Vgl. Wuppertal-Institut,2005, S. 131ff).

Der Gedanke der Gerechtigkeit ist zwar nichts neues im Diskurs über Nachhaltigkeit, neu istallerdings die Forderung nach Gerechtigkeit auch für kommende Generationen (Vgl. Luks,2002, S. 29). Am populärsten wird dieses Prinzip schon in der Definition des Brundtland-Berichts vertreten, wenn die Bedürfnisse der heutigen Generation gedeckt werden sollen,ohne zukünftigen Generationen die Möglichkeit zu nehmen, ihre eigenen Bedürfnisse deckenzu können.22 Ein dauerhaftes, ergo nachhaltiges Zusammenleben wäre damit erst möglich,wenn den Prämissen sowohl der intergenerationellen Gerechtigkeit, d. h. der Verantwortunggegenüber zukünftigen Generationen, als auch der intragenerationellen Gerechtigkeit, alsoder Verantwortung gegenüber anderen, heute lebenden Menschen Genüge getan ist. Die-se Gerechtigkeitsprämissen sind somit zentrale ethische und moralische Grundlagen derNachhaltigkeit.23

3.2.2.2 Ganzheitliches, globales Denken

Mehr und mehr erkennen wir heutzutage, dass viele unserer individuellen Handlungen,wie z. B. der Verzehr einer Banane, nicht nur uns selbst betreffen, sondern sehr wohl mitAuswirkungen in weit entfernten Teilen der Welt verbunden sein können. Im Zeitalter derGlobalisierung werden die kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Vernetzungen und Ver-flechtungen immer dichter und gleichzeitig unüberschaubarer. Schon längst bleibt es nichtmehr nur den Chaostheoretikern vorbehalten, darüber nachzudenken, welche Auswirkun-gen der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas-Gebiet auf das Wetter in Europa hat. Wenn wir in Zukunft von einem gerechten Zusammenleben aller Menschen auf dieser Welt sprechen wollen, wird sich jeder einzelne die Folgen seines eigenen, individuellen Handelns bewusst machen müssen.

Nun stellt sich aber nicht nur für Chaostheoretiker die Frage, wie sich diese Folgen bzw. Auswirkungen überhaupt einigermaßen präzise bestimmen lassen. Wir können zwar Unmengen an Informationen und Daten sammeln, werden allerdings nie in der Lage sein alles zu wissen. Hier versucht der Ansatz des systemischen Denkens auszuhelfen. Stehlik nennt das systemische Denken „die Antwort auf die Frage, was kann getan werden, wenn man davon ausgehen muss, dass man nie ausreichend Informationen hat, das System zu verstehen oder zu erklären.“ (Vgl. Stehlik, 2002, S. 88)

Unsere Welt ist ein solches System, bei dem wir davon ausgehen können, dass wir nieausreichend Informationen habenes zu verstehen oder zu erklären. Frederic Vester gehtin seinen Werken mit dem Biokybernetischen Ansatz u. a. der Frage nach, wie sich Systemesteuern lassen und versucht dabei die Wichtigkeit des vernetzten Denkens zu vermitteln. Erbegreift unsere Welt als ein hochkomplexes, aus vielen Teilsystemen bestehendes und starkvernetztes System, welches sich nicht mit einem, bis heute allerdings noch weit verbreiteten,reduktionistischen bzw. linearen Denken verstehen lässt, das ja schon von Nuscheler alseine der Hauptursachen für das Scheitern der großen Entwicklungstheorien identifiziertworden war (Vgl. 2.2 auf Seite 18) In seinem Hauptwerk Neuland des Denkens beschreibtVester die Funktionsweise von Systemen und stellt die Wichtigkeit des Verstehens dieserFunktionsweise für die Erhaltung ihrer Lebensfähigkeit heraus. Ausgehend von dem Zielder Erhaltung der Lebensfähigkeit erkennt er, „dass auch Teilsysteme nur dann lebensfähigsind, wenn ihre Verhaltensweise mit dem Gesamtsystemverhalten der Biosphäre in Einklanggebracht werden kann.“ (Vgl. Vester, 1984, S. 32)24

Dies bedeutet, dass sich die Ziele der Agenda 21 oder die MDGs, wie z. B. Armutsbekämp-fung, wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz nicht isoliert voneinander betrachtenlassen. Die Sachverhalte, ihre Ursachen und ihre Wirkungszusammenhänge müssen in ihrerganzen Komplexität begriffen und können nur als Ganzes in Angriff genommen werden.Dies hat wiederum Auswirkungen auf die Verwendung des Begriffspaares nachhaltig bzw.nicht nachhaltig, welches grundsätzlich nur der globalen Entwicklung im Ganzen zuge-schrieben werden sollte. Wenn zum Beispiel energie- und ressourcenintensive Industrienvon Deutschland ins Ausland verlagert werden, dann mag es zwar so aussehen als habesich die Energiebilanz Deutschlands positiv verändert und man sei dem Ziel der Nachhal-tigkeit ein Stück näher gekommen, global gesehen hat sich allerdings nichts verändert, denninsgesamt werden noch immer gleich viel Energie und Ressourcen verbraucht. Grunwaldund Kopfmüller formulieren dies folgendermaßen: „Regionen, gesellschaftliche Bereiche, Politikfelder, Branchen, Technikleitlinien oder Innovationen können Beiträge zu einer nachhaltiger Entwicklung leisten, sind aber für sich weder nachhaltig noch nicht nachhaltig“ (Vgl. Grunwald, 2006, S. 36).

Ott stimmt hier zwar zu, dass auf jeder Skala die globale Ebene zu berücksichtigen seiund die Verwendung des Attributs nachhaltig nur auf höheren Skalen sinnvoll sei, er lässtaber auch die Verwendung des Begriffs auf Ebenen unterhalb der globalen zu, da verschie-dene Problemstellungen sich ebenfalls auf unterschiedlichen Ebenen äußern. So schlägt er z. B. bei der Klimaproblematik eine globale, bei der Fischerei eine EU-weite und bei der Landnutzung eine nationale Skala vor (Vgl. Ott, 2006, S. 70f). Beiden Ansätzen ist gemeinsam, dass ein ganzheitliches, systemisches Denken, das stets versucht globale Wirkungszusammenhänge zu berücksichtigen, als weitere Grundvoraussetzung für die Umsetzung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung angesehen wird.

3.2.3 Konzeptionen nachhaltiger Entwicklung und zentrale Kontroversen

Grundlegende Ausrichtungen wie Gerechtigkeit, Verantwortung oder ganzheitliches Denken bedürfen zu ihrer Umsetzung der Entwicklung von konkreten Handlungsleitlinien für Politik und Gesellschaft. Verschiedene Konzeptionen nachhaltiger Entwicklung versuchen durch die Bearbeitung von zentralen Fragestellungen den Bogen von der allgemeinen Idee nachhaltiger Entwicklung zu konkreten Handlungsleitlinien zu spannen. Je höher dabei der Konkretisierungsgrad ist, desto größer werden die Meinungsverschiedenheiten zwischen unterschiedlichen Positionen. Grundsätzlich können drei verschiedene Herangehensweisen unterschieden werden (Vgl. Grunwald, 2006, S. 37-58).

Zuallererst kann man das substanzielle vom prozeduralen Nachhaltigkeitsverständnis unter-scheiden. Zweitens geht es um die Frage, wie die verschiedenen Dimensionen gesellschaftli-cher Entwicklung bewertet werden, wobei zwischen Ein- bzw. Mehr-Säulen-Konzepten und integrativen Ansätzen unterschieden werden kann. Drittens ist zu klären was wir zukünfti-gen Generationen hinterlassen wollen bzw., im Hinblick auf die Prämisse der intergenera-tionellen Gerechtigkeit, sollen, und zu welchen Teilen diese Hinterlassenschaft aus Natur-bzw. Sachkapital zu bestehen hat. Hier lassen sich starke und schwache Nachhaltigkeit voneinander unterscheiden.

In zwei weiteren noch immer sehr kontrovers geführten Diskussionen geht es darum, obeine nachhaltige Entwicklung auch oder vielleicht nur mit einem gewissen Wirtschafts-wachstum möglich ist oder ob das Wachstum begrenzt werden soll bzw. ob Effizienz- oderSubsistenzstrategien bevorzugt werden sollen. Diese Fragen können zwar durchaus auch inZusammenhang mit der Bearbeitung der verschiedenen Dimensionen, vor allem der ökono-mischen, oder der Diskussion um starke und schwache Nachhaltigkeit behandelt werden,da sie jedoch als grundlegend für die gesamte Diskussion erachtet werden, sollen sie nocheinmal im Einzelnen analysiert werden.

3.2.3.1 Substanzielle und prozedurale Nachhaltigkeit

Ein substanzielles Nachhaltigkeitsverständnis hält es im Gegensatz zum prozeduralen fürmöglich, dass Politik und Gesellschaft in einem klassischen Ansatz politischer Steuerungbestimmte Nachhaltigkeitsziele definieren, und versucht wird, diese Ziele möglichst weit-gehend und effizient umzusetzen. Ein prozedurales Nachhaltigkeitsverständnis bezweifeltaufgrund der Komplexität des Nachhaltigkeitsbegriffs eine so weitgehende Konkretisierbar-keit und will die Festlegung der Ziele nicht top-down, sondern ergebnisoffen und vor allemdurch geeignete instituitionelle Arrangements und Verfahrensregeln nach dem Motto Der Weg entsteht beim Gehen erfolgen lassen. nachhaltige Entwicklung soll dabei nicht überpolitische Ziele, sondern über Selbstorganisation und umsichtige Lebenseinstellung einesjeden Individuums erreicht werden (Vgl. Grunwald, 2006, S. 40f). In dieser Arbeit wird dieMeinung vertreten, dass bestimmte Ziele durchaus durch Politik und Gesellschaft festgelegtwerden sollten. Diese müssten jedoch wiederum einem ständigen Diskurs unterliegen undsich immer wieder am Leitbild der Nachhaltigkeit und dessen Prämissen orientieren.25

Eine ähnliche Position vertritt auch Ott, für den die prozeduralistische Position nur die„Karikatur einer diskursethischen Position“ sei. Zwar könne man umfassende normativeBegriffe wie Nachhaltigkeit nicht von vornherein abschließend definieren, vielmehr bedürfees einer „Arbeit am Begriff“, aber die diskursive Bestimmung des Begriffs dürfe nicht mitder prozeduralistischen Position gleichgesetzt werden, dass es sich bei Nachhaltigkeit umeine offene Suchkategorie oder einen Suchraum handelt (Vgl. Ott, 2006, S.64).

3.2.3.2 Bewertung der verschiedenen Dimensionen nachhaltiger Entwicklung

Ein immer noch aktuelles Grundsatzproblem besteht in der unterschiedlichen Gewich-tung der verschiedenen gesellschaftlichen Dimensionen von Entwicklung. Zunächst einmalkann zwischen denjenigen unterschieden werden, welche einer der Dimensionen Vorrang ge-genüber den anderen geben und denjenigen, welche die Dimensionen prinzipiell als gleich-wertig betrachten.

Ein-Säulen-Konzepte

Die meisten Vertreter von sogenannten Ein-Säulen-Konzepten geben der ökologischenDimension den Vorrang gegenüber ökonomischen oder sozialen Aspekten. Diese Sichtweisebasiert auf dem Gedanken, dass die Natur die unabdingbare Grundlage allen Lebens undall unserer wirtschaftlichen Aktivitäten darstellt und als solche unbedingt schützenswertist. Zwar werden durchaus auch die Auswirkungen ökonomischer und sozialer Veränderun-gen auf die Umwelt und umgekehrt gesehen, es gilt jedoch das Primat der ökologischenNachhaltigkeit, welches ökonomische und soziale Belange immer nur im Rahmen der öko-logischen Grenzen berücksichtigt (Vgl. Grunwald, 2006, S.41). Es gibt jedoch Positionen,

[...]


1 Trotz einiger begrifflicher Unschärfe wird in dieser Arbeit an dem Begriffspaar Entwicklungsländer und Industrieländer festgehalten, da die Begriffe in der Fach- und Alltagssprache relativ hohe Akzeptanz genießen (Vgl. Nohlen, 1992; Woyke, 2000; Nuscheler, 2006).

2 Für eine Aufstellung der im Rahmen dieser Arbeit geführten Gespräche unter Angabe von Datum und Ort vgl. Annex A auf Seite 151.

3 Zur Entstehung und Verwendung der verschiedenen Bezeichnungen vgl. Vogt, 2000, S. 14-18.

4 Ein umfassender Gesamtüberblick über die Geschichte der Entwicklungstheorien und -strategien unddas Problem ihrer Kategorisierung würde an dieser Stelle zu weit führen, vgl. hierfür Többe Gonçalves(2005).

5 Zu den Vertreter der neomarxistischen Richtung der Dependenztheorien zählen z. B. Paul Baran und Paul M. Sweezy.

6 Hier wären u. a. Raúl Prebisch und Hans Singer zu nennen.

7 Diese Theorie geht davon aus, dass die Entwicklungsländer im Stadium der Unterentwicklung bleiben, da sich die Preise für die Exportgüter relativ zu den Preisen der Importgüter verschlechtern. Grund hierfür ist ein sich veränderndes Nachfrageverhalten, so werden z. B. bei höherem Entwicklungsstand relativ zu den Grundnahrungmitteln mehr Konsumgüter nachgefragt.

8 Vertreter des Strukturalismus sind z. B. Johan Galtung und Osvaldo Sunkel.

9 Die hier unter Dependenztheorien zusammengefassten Kategorien unterteilt Többe Gonçalves in wei-tere Untereinheiten. Sie ordnet unterentwicklungstheoretische Autoren wie Baran und Sweezy nichtder marxistischen, sondern der neo-populistischen Ideenwelt zu. Wie Többe Gonçalves bemerkt, strebe der Marxismus zwar ebenfalls eine moderne sozialistische Gesellschaft an, aber der Weg dorthinführe über den Kapitalismus. Dies erkläre die teilweise gemeinsamen Zielvorgaben mit technokratischenEntwicklungsvorstellungen (gemeint ist, was in dieser Arbeit unter Modernisierungstheorien zusammen- gefasst wird, Anm. d. Verf.), vgl. Többe Gonçalves (2005, S. 207). Für eine übersichtliche Darstellung der verschiedenen entwicklungstheoretischen Schulen vgl. Többe Gonçalves (2005, S. 134f).

10 Als einem der bedeutensten Verfechter dieser Theorie, wurde die Diskussion in Deutschland vor allem von Dieter Senghaas vorangetrieben (Senghaas, 1977).

11 Vom „Ende der Dritten Welt“ spricht Menzel 1992 im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers, der sog. Zweiten Welt, und meinte damit eher das Ende des Begriffs. Im Jahr 2001 kommt er zu dem Schluss, dass sich nun sogar teilweise die Länder selbst entweder in Auflösung befinden oder aber in die Liga der Industrieländer aufgestiegen sind (Vgl. Menzel, 1992b und Menzel, 2001).

12 Korff stimmt mit Menzel überein, wenn er sagt, dass der Begriff der Dritten Welt u. a. wegen der genannten Differenzierungsprozesse nicht mehr angemessen sei, allerdings sei ebenfalls die entwickelte Welt zunehmend differenzierter zu betrachten. Er geht noch weiter, indem er behauptet, dass mitt- lerweile eigentlich nicht mehr von entwickelten oder unterentwickelten Gesellschaften oder Ländern die Rede sein könne, da verschiedene Kulturen durch Globalisierungsprozesse nicht mehr an soziale, ökonomische oder geographische Grenzen gebunden seien und eine zunehmende Durchmischung von Modernität und Tradition zu beobachten sei: „While in the developed countries we find expressions of a „Third World“, in the developing countries many characteristics of the First World are visible.“ (Korff, 2002, S. 8)

13 Die offizielle Bezeichnung wurde mittlerweile in Worldwide Fund for Nature geändert.

14 Vgl. im Folgenden die Ausführungen von Hans-Jürgen Harborth zu den Stärken und Schwächen des Brundtland-Berichts (Harborth, 1993, S. 59-71).

15 Die auffallenden thematischen Parallelen der Agenda 21 zum Brundtland-Bericht zeigen nochmal deutlich dessen Bedeutung für die Entwicklung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung. Für eine deutsche Übersetzung der Agenda 21 vgl. auch BMU (1992).

16 Im Jahr 1995 erschien beispielsweise Sustainable Europe eine Studie der Friends of the Earth Europe. Eine wichtige Studie für den deutschen Raum stellt Zukunftsfähiges Deutschland dar, welche von den beiden Organisationen MISEREOR und BUND beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie in Auftrag gegeben wurde (Vgl. Luks, 2002, S. 26).

17 Für einen Überblick über die Aufgaben der CSD und die Ergebnisse der bisherigen Versammlungen siehe: Commission for Sustainable Development (CSD) http://www.un.org/esa/sustdev/csd/review.htm.

18 Die Aktivitäten auf internationaler Ebene sind derart zahlreich, dass hier nur ein kurzer Überblick gege- ben werden soll. Für nationale Aktivitäten in Deutschland siehe auch: BMU - Nachhaltige Entwicklunghttp://www.bmu.de/nachhaltige_entwicklung/aktuell/aktuell/1719.php und Rat für NachhaltigeEntwicklung www.nachhaltigkeitsrat.de - Zugriff am 23.10.2007

19 Für Ergebnisse der bisherigen Konferenzen siehe: United Nations Framework Convention for Climate Change (UNFCCC) http://unfccc.int/meetings/archive/items/2749.php - Zugriff am 23.10.2007

20 Vgl. UN Millenium Development Goals http://www.un.org/milleniumgoals/ - Zugriff am 23.10.2007

21 Dies stellt nur eine Sichtweise, bzw. philosophische Begründung der Gerechtigkeit als grundlegende Prä- misse der nachhaltigen Entwicklung dar. Ebenso gut, und in der Nachhaltigkeitsliteratur häufig prakti- ziert, hätte auch Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit herangezogen werden können. Zur weiterführenden Lektüre sei neben Ekardt (2005) u. a. auf Rawls (1998), Ott (1993), Ott (2004a, S. 41-97), Lerch (2004), Küng (1999), Mohrs (2003) und Schiller (2005, S. 68-87) verwiesen. Diese Liste stellt keinen repräsen- tativen Überblick über die einschlägige Literatur zu diesen Themen dar, hat jedoch diese Arbeit und ihre zentralen Aussagen durchaus beeinflusst.

22 Zwar geht aus dieser Definition das Prinzip der intragenerationellen Gerechtigkeit nur indirekt hervor, der Brundtland-Bericht geht jedoch an verschiedenen Stellen noch näher auf diesen Aspekt ein. Vgl. 3.1.3 auf Seite 25.

23 Zwar gibt es außer der Gerechtigkeit durchaus anderweitige Begründungen für einen nachhaltigen Le- bensstil, so z. B. religiöse Begründungen, bei der ein nachhaltiger Lebensstil z. B. als religiöse Pflicht gesehen werden kann, aber Gerechtigkeit kann im Sinne Ekardts als die grundlegendste und univer- salste Begründung gelten.

24 Zu dem Ansatz des systemischen Denkens vgl. auch Stehlik (2002), Ossimitz (2000) und Vester (2002). Frederic Vester hatte 1970 die Studiengruppe für Biologie und Umwelt (heute: Frederic Vester GmbH) ins Leben gerufen und gilt in Deutschland als einer der Vordenker der Umweltbewegung und des integrativen Nachhaltigkeitskonzeptes, welches später noch näher zu erläutern sein wird.

25 Auch den im Folgenden vorgestellten Konzepten und Ansätzen zur Operationalisierung liegt ein eher sub- stanzielles Nachhaltigkeitsverständnis zugrunde. Eine weitergehende Diskussion über Vor- und Nach- teile staatlicher Steuerung würde jedoch an dieser Stelle zu weit führen.

Ende der Leseprobe aus 165 Seiten

Details

Titel
Shrimpfarming in Aceh. Biozertifizierung als Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung
Hochschule
Universität Passau
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
165
Katalognummer
V119912
ISBN (eBook)
9783668676466
Dateigröße
3016 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shrimpfarming, Aceh
Arbeit zitieren
Moritz Teriete (Autor), 2008, Shrimpfarming in Aceh. Biozertifizierung als Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119912

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