Beobachtet man Hochleistungssportler, wie Turniertänzer, Eiskunstläufer oder
Skisportler ist es fast unvorstellbar, was der menschliche Körper zu leisten vermag. Nur durch das perfekte Zusammenspiel von Muskulatur und Nervensystem, ist es dem Menschen möglich Hochleistungen zu erbringen. Allein das Gehen oder benutzen der Hände, welches bereits im frühen Kindesalter erlernt wird, birgt höchste Anforderungen an koordinative Fähigkeiten. Jede Alltagsbewegung und auch sonst alle motorischen Bewegungen müssen erst gelernt, stabilisiert und automatisiert werden, damit der Mensch diese „Bewegungsschablonen“ im Gehirn abrufen kann. Koordinative Fähigkeiten sind folglich unabdingbar für die Prozesse der Bewegungssteuerung. Die menschliche Bewegungskoordination ist beispielsweise unabdingbar für eine gute Unfallprophylaxe. Vorhersehbare sowie nicht vorhersehbare Bewegungssituationen können bewältigt und komplexe Alltagsaufgaben verrichtet werden. Einen hohen Stellenwert haben koordinative Fähigkeiten besonders im Sport, in Bezug auf das Erlernen und Verbessern von taktischen und technischen Fertigkeiten. Situationsbedingte Bewegungen können, auch unter Zeitdruck mühelos angepasst werden.
Im Kapitel 2 werden alle für das Thema erforderlichen, theoretischen Grundlagen im Bereich Sportmotorik und menschlicher Ontogenese vorgestellt. Ebenso beinhaltet es die Auseinandersetzung mit aktuellen Theoriemodellen der koordinativen Fähigkeiten. Die einzelnen Fähigkeiten werden vorgestellt. Das Kapitel 3 beschäftigt sich darauffolgend mit der Erfassbarkeit von koordinativen Fähigkeiten. Verschiedene Motorik‐Testreihen und anwendbare Testverfahren für den Schulsport werden vorgestellt und kritisch betrachtet.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen
2.1 Sportmotorische Fähigkeiten
2.1.1 Konditionelle Fähigkeiten
2.1.2 Koordinative Fähigkeiten
2.1.2.1 Definition nach dem Sportwissenschaftlichen Lexikon (RÖTHIG/PROHL)
2.1.2.2 Allgemein
2.1.2.3 Begriffserklärungen „Fähigkeiten“ und „Fertigkeiten“
2.2 Überblick über einzelne koordinativen Fähigkeiten
2.2.1 Motorische Differenzierungsfähigkeit
2.2.2 Kopplungsfähigkeit
2.2.3 Reaktionsfähigkeit
2.2.4 Orientierungsfähigkeit
2.2.5 Gleichgewichtsfähigkeit
2.2.5.1 Definition nach MEINEL & SCHNABEL
2.2.5.2 Definition nach dem Sportwissenschaftlichen Lexikon (RÖTHIG & PROHL)
2.2.5.3 Allgemein
2.2.6 Umstellungsfähigkeit
2.2.7 Rhythmisierungsfähigkeit
2.3 Strukturierungs und Differenzierungsansätze koordinativer Fähigkeiten
2.3.1 Fähigkeitssystem von PÖHLMANN & KIRCHNER
2.3.2 Hierarchisches Fähigkeitssystem nach ROTH
2.3.3 Fähigkeitssystem nach LJACH
2.3.4 Strukturmodell koordinativer Fähigkeiten nach ZIMMER
2.3.5 „Greifswalder Modell für den Schulsport“ nach HIRTZ
2.3.6 Modell nach BLUME
2.4 Schulung von koordinativen Fähigkeiten im Schulsport
2.4.1 Schulung der motorischen Differenzierungsfähigkeit
2.4.2 Schulung der Gleichgewichtsfähigkeit
2.4.3 Schulung der Reaktionsfähigkeit
2.4.4 Schulung der Orientierungsfähigkeit
2.4.5 Schulung der Rhythmisierungsfähigkeit
2.5 Motorische Ontogenese und Entwicklung koordinativer Fähigkeiten
2.5.1 Mittleres Kindesalter (1. – 3./4. Schuljahr)
2.5.2 Spätes Kindesalter (5. – 6. Schuljahr)
2.5.3 Frühes Jugendalter (7. – 8. Schuljahr)
2.5.4 Spätes Jugendalter (9. – 12. Schuljahr)
3 Motorik-Tests zur Erfassung koordinativer Fähigkeiten
3.1 Münchner Fitness-Test (MFT)
3.2 Körper-Koordinationstest für Kinder (KTK)
3.3 Wiener Koordinationsparcours (WKP)
3.4 Kinderkoordinationstest (KIKO)
4 Lehrplananalyse für das Fach Sport
4.1 Aufbau der einzelnen Lehrpläne
4.1.1 Grundschule
4.1.2 Regelschule
4.1.3 Gymnasium
4.1.4 Berufsbildende Schule
4.2 Auswertungen
4.3 Zur Kritik
5 Möglichkeiten und Ausblick
5.1 Thüringer Lehrpläne
5.2 Wissenschaftliche Modelle der Koordinativen Fähigkeiten
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Umsetzung koordinativer Fähigkeiten in den Thüringer Lehrplänen für das Fach Sport im Vergleich zu aktuellen wissenschaftlichen Theoriemodellen. Ziel ist es, eine kritische Analyse des Ist-Zustands vorzunehmen, Defizite bei der Implementierung dieser Fähigkeiten in den Schulalltag aufzudecken und Möglichkeiten zur Verbesserung der Lehrplanstruktur sowie der schulpraktischen Anwendung zu entwickeln.
- Theoretische Fundierung der koordinativen Fähigkeiten im Kontext der Sportmotorik
- Vergleichende Analyse von wissenschaftlichen Strukturmodellen koordinativer Fähigkeiten
- Kritische Evaluation der Berücksichtigung koordinativer Aspekte in Thüringer Lehrplänen
- Vorstellung von Testverfahren zur Erfassung koordinativer Fähigkeiten im Schulsport
- Entwicklung eines verbesserten Strukturmodells für Lernbereiche am Beispiel Gymnastik und Tanz
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Motorische Differenzierungsfähigkeit
Unter motorischer Differenzierungsfähigkeit versteht man laut MEINEL & SCHNABEL (2007) „die Fähigkeit zum Erreichen einer hohen Feinabstimmung einzelner Bewegungsphasen und Teilkörperbewegungen, die in großer Bewegungsgenauigkeit und Bewegungsökonomie zum Ausdruck kommt“.
Diese Fähigkeit beruht auf dem Vergleich des inneren Modells eines Bewegungsablaufes und der damit verbundenen, bewussten, genauen Wahrnehmung der aktuellen Bewegung im Raum, Zeit und Kraftgefüge. Hierbei ist entscheidend inwieweit die Bewegungserfahrung und der Beherrschungsgrad der jeweiligen motorischen Handlung ausgeprägt sind. So werden Differenzen in der zeitweiligen Bewegungsausführung erkenn und veränderbar.
Die Differenzierungsfähigkeit lässt sich wie folgt klassifizieren (u.a. Dissertation KIRCHEIS, 1977):
• Art der Bewegungsausführung (entsprechend spezieller Zielstellungen): z.B. genaues Wiederholen, Nuancieren, Geschwindigkeitsanpassung
• Art der Bewegungsparameter (über die vornehmlich die Feinsteuerung erfolgt): z.B. räumliche, zeitliche und dynamische Parameter
• Hauptsächlich agierende Körperteile: z.B. Hand-, Finger-, Fuß-, Kopf-Geschicklichkeit, große Körperteile wie Rumpf, Arme und Beine
• Art der Umweltbedingungen (mit denen sich der Sportler auseinandersetzt): (.B. Luft, Wasser, Schnee, Eis, Bodenbeschaffenheit, Gegner, Partner, starre oder bewegliche Geräte
Aufgaben, die ein hohes Maß an Differenzierungsfähigkeit erfordern sind beispielsweise das Variieren und Nachahmen von vorgegebenen Bewegungsamplituden oder Krafteinsätzen, Zielwürfen oder –Sprüngen oder das Laufen einer Strecke in einer bestimmten Zeit. (MEINEL & SCHNABEL, 2007)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Bedeutung koordinativer Fähigkeiten für die menschliche Motorik und Einführung in die Zielsetzung und Struktur der Arbeit.
2 Theoretische Grundlagen: Detaillierte Darstellung der sportmotorischen Fähigkeiten, Definition koordinativer Aspekte, verschiedene Strukturmodelle der Wissenschaft sowie Ausführungen zur motorischen Ontogenese.
3 Motorik-Tests zur Erfassung koordinativer Fähigkeiten: Kritische Vorstellung und Analyse verschiedener Testverfahren, wie dem Münchner Fitness-Test oder dem Kinderkoordinationstest, hinsichtlich ihrer Eignung für den Schulsport.
4 Lehrplananalyse für das Fach Sport: Untersuchung der Thüringer Lehrpläne auf die Integration und Forderung koordinativer Fähigkeiten in verschiedenen Schulformen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der aktuellen Umsetzung.
5 Möglichkeiten und Ausblick: Vorschläge zur strukturellen Verbesserung der Lehrpläne und Vorstellung eines neuen Modells für Lernbereiche anhand des Beispiels Gymnastik und Tanz.
6 Zusammenfassung: Abschluss der Arbeit mit einem Resümee über die Ergebnisse der Analyse und den Bedarf an einer stärkeren Einbindung sporttheoretischen Wissens in die Gestaltung von Lehrplänen.
Schlüsselwörter
Koordinative Fähigkeiten, Sportmotorik, Thüringer Lehrpläne, Lehrplananalyse, Motorische Ontogenese, Schulung, Bewegungssteuerung, Sportunterricht, Testverfahren, Körper-Koordinationstest, Differenzierungsfähigkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Rhythmisierungsfähigkeit, Bewegungslehre, Schulsport.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und Bedeutung koordinativer Fähigkeiten in Thüringer Sportlehrplänen im Vergleich zu wissenschaftlich etablierten Theoriemodellen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind sportmotorische Grundlagen, die Entwicklung koordinativer Fähigkeiten im Kindes- und Jugendalter, existierende Testverfahren sowie die kritische Analyse der aktuellen Lehrplandokumente.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist die Untersuchung, ob aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zur Koordination in den Lehrplänen adäquat abgebildet sind, und das Aufzeigen von Verbesserungspotenzialen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturgestützte Theorieanalyse zur Erfassung wissenschaftlicher Modelle sowie eine Lehrplananalyse, bei der die Lehrpläne nach spezifischen koordinativen Suchbegriffen und Kriterien ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Übersicht über Motorik-Tests für den Schulsport sowie eine systematische Analyse der Lehrpläne für verschiedene Schulformen in Thüringen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Koordinative Fähigkeiten, Lehrplananalyse, Sportmotorik, motorische Ontogenese und Schulsport.
Warum wird der Kinderkoordinationstest (KIKO) besonders hervorgehoben?
Die Autorin stuft den KIKO als am besten für den Einsatz im Schulsport geeignet ein, da er einfach gestaltet ist, mit wenigen Mitteln durchgeführt werden kann und auf den Theorien von Hirtz basiert.
Welche Kritik übt die Autorin konkret an den untersuchten Lehrplänen?
Sie kritisiert unter anderem das Fehlen einer nachvollziehbaren Gliederung, den unausgeglichenen Umgang mit Begrifflichkeiten sowie das Fehlen konkreter Hinweise zur Schulung und Testung koordinativer Fähigkeiten.
Welche Neuerung schlägt die Arbeit für den Lernbereich Gymnastik und Tanz vor?
Die Arbeit entwickelt ein Modell in Übersichtsform, das Fähigkeiten und Fertigkeiten konkret voneinander trennt und den Lehrenden klare Hinweise zur methodischen Umsetzung gibt.
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- Anja Burkl (Author), 2008, Koordinative Fähigkeiten in den Thüringer Lehrplänen für das Fach Sport und aktuelle Theoriemodelle der Wissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119917