Im Jahre 1912 erschien im Piper Verlag München der Almanach „Der Blaue Reiter“. Die beiden Maler Wassily Kandinsky und Franz Marc waren die Herausgeber. Der Band enthält neben Aufsätzen zur bildenden Kunst, Bühnenkunst und Musik. Einer der Artikel ist Leonid Sabanejews Beitrag „Prometheus von Skrjabin“. Der russische Musikschriftsteller Sabanejew erläutert darin die Kunstidee Skrjabins und wie er diese in seiner Orchesterkomposition „Prometheus“ umzusetzen versucht hat.
In meiner Arbeit wird betrachtet, wie Sabanejew als Vermittler der Kunstidee Skrjabins fungiert und dabei auch andere Schriften Sabanejews über den Komponisten hinzuziehen. Darüber hinaus gehe ich darauf ein, welche Stellung der Artikel Sabanejews im Sammelband des „Blauen Reiters“ einnimmt, welche Funktion ihm zukommt und wie er im Verhältnis zu den anderen Arbeiten steht. Diese Punkte werden ein Kapitel über das Verhältnis Skrjabins zu Leonid Sabanejew, eine Analyse der Struktur und sprachlichen Mittel des „Prometheus“-Aufsatzes, und die Verortung des Aufsatzes im Kontext des „Blauen Reiters“ beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Alexander N. Skrjabin und Leonid Sabanejew – Ein Komponist und sein Sprachrohr
3. Der Aufsatz „Prometheus von Skrjabin“ von Leonid Sabanejew
3.1. Die Kunstidee Skrjabins
3.2. „Prometheus“
3.2.1. Das „Farbenspiel“
3.2.2. Die Musik
4. Der Aufsatz im Kontext des Almanachs und seiner Zeit
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Leonid Sabanejew als Vermittler der Kunstidee von Alexander N. Skrjabin, insbesondere anhand seines Aufsatzes „Prometheus von Skrjabin“ im Almanach „Der Blaue Reiter“. Dabei wird analysiert, wie Sabanejew Skrjabins ästhetische und mystische Konzepte interpretierte, welche Funktion dieser Aufsatz innerhalb des Almanachs einnahm und inwiefern Sabanejews eigene Perspektive als "Sprachrohr" des Komponisten durch Zeitgeist, persönliche Nähe und spätere politische Zensur geprägt wurde.
- Die Vermittlerrolle von Leonid Sabanejew zwischen Skrjabin und der Öffentlichkeit.
- Analyse des "Prometheus"-Aufsatzes unter Berücksichtigung synästhetischer Theorien.
- Die Einordnung des Beitrags in den historischen Kontext des "Blauen Reiters".
- Das Spannungsfeld zwischen rationaler Musiktheorie und mystischer Weltanschauung bei Skrjabin.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Kunstidee Skrjabins
„Es ist schwer, bei der Analyse des Skrjabinschen Schaffens die einzelnen Gestaltungen desselben von der allgemeinen Idee, der endgültigen ,Kunstidee’, die jetzt dem Bewußtsein des Komponisten vollkommen klar geworden ist, zu trennen.“ So beginnt Sabanejew seinen Aufsatz über Skrjabins Orchesterwerk Prometheus. Damit lenkt er das Thema des Aufsatzes weg vom konkreten Musikwerk hin zur allgemeinen „Kunstidee“ Skrjabins, die er auf den folgenden drei Seiten zunächst zu entfalten versucht. Er erklärt diese als „ein gewisser mystischer Vorgang, der zum Erreichen eines ekstatischen Erlebnisses dient – der Ekstase, dem Sehen in höheren Plänen der Natur“ (S. 107).
Mit der „Ekstase“ ist ein sehr zentraler Begriff in Skrjabins Weltanschauung genannt: Durch seine Kunst glaubt Skrjabin die Menschheit in einen Zustand der höchsten Vollendung ihrer geistigen Entwicklung versetzen zu können. Alles Materielle, Physische werde hinterlassen und die Menschheit werde spirituell erlöst. „Ich verstehe nicht, wie es möglich ist, heute ,einfach Musik’ zu schreiben,“ so erinnert sich Sabanejew in seinen „Erinnerungen“ an eine Aussage Skrjabins, „Die Musik bekommt doch erst Sinn und Bedeutung, wenn sie Teil eines einheitlichen Plans ist, ein Glied in der Ganzheit des Weltgebäudes.“ Diese Zurückweisung des „L’art pour l’art“ - Prinzips und die Integration von philosophisch-theosophischen Theorien in Skrjabins Musik versucht Sabanejew in seinem Aufsatz im Folgenden zu vermitteln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in den Almanach „Der Blaue Reiter“ ein und erläutert die Bedeutung von Sabanejews Artikel für die Skrjabin-Rezeption sowie die methodische Herangehensweise der Autorin.
2. Alexander N. Skrjabin und Leonid Sabanejew – Ein Komponist und sein Sprachrohr: Dieses Kapitel beleuchtet die enge persönliche und fachliche Bindung zwischen dem Komponisten und seinem Kritiker sowie die widersprüchliche Darstellung der Beziehung in späteren Jahren.
3. Der Aufsatz „Prometheus von Skrjabin“ von Leonid Sabanejew: Dies ist das Kernkapitel, in dem Sabanejews theoretische Vermittlung von Skrjabins Kunstidee, seiner Harmonik und der synästhetischen Komponente des "Prometheus" detailliert analysiert wird.
3.1. Die Kunstidee Skrjabins: Hier wird Skrjabins teleologische Sicht auf sein Gesamtwerk und die zentrale Rolle der Ekstase als Ziel der Kunst im Rahmen von Sabanejews Interpretation untersucht.
3.2. „Prometheus“: Eine vertiefende Analyse der Umsetzung von Skrjabins "teilweiser Vereinigung der Künste" im konkreten Werk.
3.2.1. Das „Farbenspiel“: Dieses Unterkapitel widmet sich der Bedeutung der Licht- und Farbsymbolik sowie der Problematik der synästhetischen Korrespondenzen.
3.2.2. Die Musik: Hier wird der Fokus auf die "mystische Harmonie", die Oberton-Theorie und das Spannungsverhältnis zwischen rationaler Konstruktion und intuitiver Genialität im Schaffen Skrjabins gelegt.
4. Der Aufsatz im Kontext des Almanachs und seiner Zeit: Das Kapitel vergleicht Sabanejews Thesen mit den Ansichten anderer Almanach-Autoren wie Kandinsky und Schönberg hinsichtlich der Vision des Gesamtkunstwerks.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert, dass Sabanejews Aufsatz vor allem als zeitgenössisches Dokument zu verstehen ist, das die Diskurse und Schreibweisen der 1910er Jahre eindrücklich spiegelt.
Schlüsselwörter
Alexander N. Skrjabin, Leonid Sabanejew, Der Blaue Reiter, Prometheus, Synästhesie, Gesamtkunstwerk, Mystik, Ekstase, Harmonik, Musiktheorie, Farbenspiel, Russische Moderne, Symbolismus, Theosophie, Avantgarde.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die musikschriftstellerische Arbeit von Leonid Sabanejew, insbesondere seine Analyse von Alexander Skrjabins Werk „Prometheus“ im Almanach „Der Blaue Reiter“, und hinterfragt seine Rolle als Vermittler der Skrjabinschen Kunstidee.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Skrjabins mystisch-theosophische Weltanschauung, die Idee des Gesamtkunstwerks, die synästhetische Verbindung von Klang und Farbe sowie die Entwicklung der sogenannten "mystischen Harmonik".
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Sabanejews Funktion als Vermittler dieser avantgardistischen Kunstideen zu analysieren und zu prüfen, wie er zwischen der mystischen Kunstauffassung und einer wissenschaftlich-analytischen Darstellung vermittelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt primär eine diskursanalytische Herangehensweise, indem sie den Aufsatz Sabanejews mit anderen Schriften des Autors sowie dem historischen Kontext des „Blauen Reiters“ und der Skrjabin-Forschung abgleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden Skrjabins Kunstidee, die Rolle des "Prometheus"-Aufsatzes, die spezifische Harmonik des Werkes inklusive ihrer akustischen Herleitung und die Einordnung in das Gesamtkunstwerk-Diskurs der 1910er Jahre detailliert diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Skrjabin, Sabanejew, Der Blaue Reiter, Prometheus, Synästhesie, Gesamtkunstwerk, Mystik und Musiktheorie.
Wie bewertet die Autorin Sabanejews Darstellung von Skrjabin?
Die Autorin erkennt in Sabanejews Aufsatz eine "hochemphatische Rede", die einerseits wissenschaftlich abgesichert wirkt, andererseits aber stark von der mythischen Überhöhung Skrjabins als "Genie" geprägt ist und Diskrepanzen zwischen Theorie und Aufführungspraxis rhetorisch zu überbrücken versucht.
Inwiefern unterscheidet sich Sabanejews früher Aufsatz von seinen späteren Erinnerungen?
Während Sabanejew in seinem frühen Aufsatz von 1912 noch eine vorbehaltlose und begeisterte Interpretation der mystischen Theorien Skrjabins vertritt, distanziert er sich in seinen 1925 veröffentlichten "Erinnerungen" – teils aus politischer Notwendigkeit – von der Mystik und betont eher eine skeptisch-psychologische Sichtweise.
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- Karin Pfundstein (Author), 2007, Leonid Sabanejews Aufsatz „Prometheus von Skrjabin“ im Almanach „Der Blaue Reiter“ , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/119931