Descartes Deutung des Ichs als denkende Substanz, Meditationen

Martin Mersennes erster Bemerkung in den zweiten Einwänden und Descartes Erwiderungen


Essay, 2008

4 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Essay-Aufgabe (zur Abgabe am 03.12.2008)

In diesem Essay werde ich auf Martin Mersennes erste Bemerkung in den zweiten Einwänden zu Descartes Meditationen eingehen, in denen die Deutung des Ich als denkende Substanz in Frage gestellt wird. Zunächst werde ich vorstellen, welche Argumente Mersenne für seine Behauptung nennt, und was Descartes darauf erwidert. Anschließend werde ich die Stichhaltigkeit dieser Argumente prüfen.

Schließlich werde ich mich mit der Frage auseinandersetzen, ob es Descartes in seiner Antwort gelingt, Mersenne überzeugend zu entkräften.

Zunächst fordert Mersenne Descartes auf, er solle sich „erinnern, dass er nicht etwa aktuell und in Wirklichkeit, sondern nur durch eine Fiktion Seiner Seele alle Körpervorstellungen nach Kräften verbannt“ habe, um zu schließen, er sei nur „ein denkendes Ding“. Daraus würde aber für Mersenne nicht automatisch der Schluss folgen, Descartes selbst sei nur Geist, Bewusstsein oder ein denkendes Ding. - Hierauf erwidert Descartes, es sei an der von Mersenne in den Meditationen genannten Stelle noch gar nicht sein Ziel gewesen, zu untersuchen, ob der Geist vom Körper verschieden ist, sondern nur die Eigenschaften des Geistes zu prüfen (von denen er eine gewisse und evidente Erkenntnis habe).

Als nächstes kommt Mersenne auf Descartes Aussage zu sprechen „Ich bin, der ich denke“. Descartes würde zwar anerkennen, dass er ein denkendes Ding ist, aber was dieses denkende Ding ist, würde er nicht wissen. Es könne sich hierbei um einen Körper handeln, der durch verschiedene Bewegungen und Veränderungen das uns bekannte „Bewusstsein“ hervorruft. - Descartes gibt zu, zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst zu haben, ob dieses „denkende Ding“ mit dem Körper identisch oder verschieden ist. Jedoch erklärt er auch, dies würde für ihn nicht bedeuten, dass er dieses „denkende Ding“ nicht kennen würde. Er fragt, wer schon eine Sache jemals so erkannt habe, dass er wüsste, dass nichts anderes mehr in ihr ist, als er erkannt habe und fügt hinzu, dass je mehr von einer Sache wahrgenommen wird, desto besser würde man sie kennen. Dies gilt laut Descartes als Beweis dafür, dass ein Geist, ohne alles dem Körper Zugeschriebene „bekannter“ ist, als ein Körper, ohne alles dem Geist Zugeschriebene.

Anschließend spricht Mersenne an, dass der Glaube, alles Körperliche entfernt zu haben, einen Irrtum beherbergen könnte und wirft die Frage auf, ob der Einzelne, der ein Körper ist, diesen Körper auch (zumindest gedanklich) „ausschalten“ kann.

Mersenne wirft die Frage nach einem Beweis auf, in dem Descartes verdeutlichen soll, dass der Körper nicht denken kann bzw. die Bewegungen des Körpers nicht Bewusstsein selbst sind. Der Aufbau des Körpers, oder Teile wie das Gehirn, könnten laut Mersenne zur Bildung von Vorstellungen zusammenwirken, wobei er Vorstellungen als Bewegungen definiert. - Descartes geht hierauf ein und erklärt, die Möglichkeit, ein Ding ohne ein anderes klar und deutlich denken zu können, würde für die Gewissheit, dass sie voneinander verschieden sind, ausreichen. Weiterhin führt er an, er habe ein klare und deutliche Idee seiner selbst, sofern er ein denkendes (nicht ausgedehntes) Ding ist und gleichzeitig eine klare und deutliche Idee vom Körper, wenn er nur ein ausgedehntes (nicht denkendes) Ding ist. Dies würde bedeuten, dass der Geist vom Körper verschieden ist und getrennt von ihm existieren kann. Er fügt hinzu: „Alles was denken kann, ist oder heißt Geist, da aber Geist und Körper real voneinander verschieden sind, so ist kein Körper Geist, also kann kein Körper denken“. Descartes stellt weiterhin die Frage, wie sonst zu erkennen sei, das zwei Dinge real voneinander verscheiden sind, als das eine ohne das andere zu erkennen. Zwar könne erwidert werden, das sei voneinander real verschieden, was getrennt ohne das andere existiere, jedoch würde hier das Problem auftauchen, wie denn dies existierende wahrgenommen werden könnte. Um verschieden zu sein, muss etwas selbst erkannt werden. Die Sinne seien hierfür, Descartes zur Folge, eher unzuverlässig, daher würde ein Ding ohne ein anderes sinnlich wahrzunehmen nichts anderes bedeuten, als „die Idee eines Dinges haben und denken, dass diese Idee nicht dieselbe ist, wie die eines anderen Dinges“. Daher behauptet Descartes, das jedes sichere Merkmal, um zwei Dinge voneinander zu separieren, auf seine These zurückgeführt werden kann. Abschließend hierzu stellt Descartes fest, dass, falls immer noch jemand leugnen sollte, dass er distinkte Ideen vom Geiste und vom Körper habe, dies daran liegen würde, dass er niemals erfahren habe, dass er des Körpers „ermangelt“ habe und dass er nicht selten von diesem in seinem Tun gehindert wurde. Daher würde die Meinung, dass Teile des Gehirns bei der Bildung unserer Gedanken mitwirken nur und nicht mehr als dem gerade genannten Grund entspringen.

Meines Erachtens sind die von Mersenne angeführten Argumente durchaus als stichhaltig zu betrachten. Zusammengefasst führt er gegen die Deutung des Ich als denkende Substanz an, dass aus der gedanklichen Verbannung des Körpers bzw. des Körperlichen vom Geist noch kein Beweis für die denkende Substanz resultiert und das Descartes überhaupt nicht wissen würde, was dieses denkende Ding nun ist.

Seine Einwände sind schlüssig und er kommt zu der Erkenntnis, dass auch die Feststellung ein denkendes Ding zu sein, die Frage aufwirft, ob Descartes (als Beispiel) nicht die Bewegung eines Körpers oder ein bewegter Körper sei. Seine Argumente interpretiere ich so, dass er die Überlegung anstellt, dass im Geist zum Denken körperliche Abläufe, also Bewegungen, stattfinden können. Nach heutigem Stand der Forschung, wonach Denkprozesse durch chemische Reaktionen der Gehirnzellen hervorgerufen werden, ist dieser Einwand auch heute noch tragbar, da solche Reaktionen im weitesten Sinne schon als Bewegung zu sehen seien könnten.

Descartes geht in seinen Erwiderungen vor allem auf den von Mersenne geforderten Beweis ein, dass „ein Körper nicht denken“ könne. Er führt hier als Zusatz an, dass das Denken nur dem Geist zugeordnet werden kann, dieser vom Körper real verschieden ist, daher kein Körper Geist ist und somit auch kein Körper denken kann. Meiner Meinung nach ist dies kein Beweis, da diese Behauptung lediglich aussagt, wenn alles, was denken ist Geist ist, dann kann kein Körper denken (weil er dann Geist wäre). Auch sein Abschluss, das eine gegenteilige Meinung nur darin resultiert, dass der Inhaber aus mangelnder Erfahrung die benötigten Erkenntnisse einfach noch nicht besitzt, wirkt nicht überzeugend. Descartes behauptet auch an voriger Stelle, dass der einzige Weg, die Eigenschaften des Geistes von den des Körpers (und damit Geist und Körper) zu unterscheiden, das wiederholte Studium seiner zweiten Meditationen ist und deutet damit meines Erachtens eigentlich an, dass, sollte die Trennung der durch Gewohnheit „verwirrten“ Dinge noch nicht möglich sein, der „wahre“ Weg erneut zu beschreiten ist. Abschließend meine ich, dass Descartes nicht vollständig und vor allem nicht abschließend auf die Einwände von Mersenne eingegangen ist, da er wichtige Punkte, z.B. ob, der, der selbst Körper ist, gedanklich überhaupt den Körper „ausschalten“ könnte, nicht offensichtlich angeht und im Sinne seiner These widerlegt.

Literaturangabe:

- Descartes, „Meditationen“, - Zweite Einwände und Erwiderungen -,dt. Ausgabe, v.A. Buchenau

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Descartes Deutung des Ichs als denkende Substanz, Meditationen
Untertitel
Martin Mersennes erster Bemerkung in den zweiten Einwänden und Descartes Erwiderungen
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Geschichte der Philosphie "Substanz und Kausalität der Philosophie in der frühen Neuzeit"
Note
gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V120050
ISBN (eBook)
9783640240395
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Descartes, Deutung, Ichs, Substanz, Meditationen, Geschichte, Philosphie, Kausalität, Philosophie, Neuzeit
Arbeit zitieren
Christine Natterer (Autor), 2008, Descartes Deutung des Ichs als denkende Substanz, Meditationen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120050

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