Das Thema wrongful life umfasst einen großen Problemkreis, der sich vor allem um die Frage dreht, ob eine Person, die schwerstbehindert geboren wurde, weil der behandelnde Arzt diese Behinderung im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung oder der Präimplantationsdiagnostik bei der künstlichen Befruchtung nicht entdeckt hatte, für diesen ärztlichen Fehler Schadenersatz geltend machen kann. Dieser geltend gemachte Schadenersatzanspruch bezieht sich nun einerseits auf die erhöhten Pflege- und Unterhaltskosten, andererseits aber auch auf den Schaden, den die eigene Existenz der betroffenen Person darstellt – hatte sie damit schon ein pränatales Recht, überhaupt nicht geboren zu werden? Gerade diese letzte, überaus provokante Frage stellt den Mittelpunkt dieser Arbeit dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Die rechtliche Stellung der Abtreibung
1.1. Allgemeine Betrachtungen
1.2. Österreich
1.3. Deutschland
1.4. USA
1.5. Frankreich
2. Gerichtliche Leitentscheidungen zu wrongful life
2.1. Begriffserklärung und Abgrenzung
2.1.1. Wrongful birth
2.1.2. Wrongful life
2.2. Gleitman v. Cosgrove
2.3. Procanik by Procanik v. Cillo
2.4. BGH 18.1.1983 - VI ZR 114/81
2.5. OGH 25.5.1999 – 1 Ob 91/99k und Folgefälle
2.6. L’arrêt Perruche
3. Der Begriff der Person
3.1. Die Rechtsfähigkeit des Rechtssubjektes
3.1.1. Rechtsidee und Rechtsbegriff
3.1.2. Rechtsbegriff und Person bei Gustav Radbruch
3.1.3. Die Rechtsfähigkeit des nasciturus gemäß § 22 ABGB
3.2. Der ethische Personbegriff
3.2.1. Klassische Ansätze
3.2.2. Peter Singers Personbegriff
3.2.3. Moral agents und moral patients – Versuch einer Conclusio
4. L’arrêt Perruche – ein Präzedenzfall?
4.1. Allgemeine Betrachtungen
4.2. Der Streitgegenstand
4.2.1. Zur Bedeutung des Streitgegenstandes
4.2.2. Das Argument der Perruchisten
4.2.3. Das Argument der Anti-Perruchisten
4.2.4. Der Wille der Mutter als notwendige Voraussetzung?
4.2.5. Menschenwürde versus Menschenrechte
4.2.6. Die Aufgabe des Juristen und des Richters
4.2.7. Das Opfer als Täter?
4.3. Das betroffene Kind als Prozesspartei
4.3.1. Partei- und Prozessfähigkeit
4.3.2. Selbstwiderspruch des Subjekts?
4.3.3. Freiheit zur Unlogik
4.3.4. Die Freiheit zwischen Naturrecht und Naturgesetz
4.3.5. Die Vertretung des Subjekts
4.3.6. Conclusio
5. Das Töten von Menschen
5.1. Die „Heiligkeit des „Lebens – eine Begriffsanalyse
5.2. Was ist falsch daran, zu töten?
5.3. Töten von Personen
5.3.1. Personale Präferenzen
5.3.2. Recht auf Leben?
5.3.3. Autonomie als Respekt
5.3.4. Universelle Glücksmaximierung
5.4. Töten von Embryonen und Föten
5.4.1. Das Argument der Austauschbarkeit
5.4.2. Eine kurze ethische Betrachtung der Abtreibung
5.4.3. Abtreibung und Infantizid
5.4.4. Infantizid und Sterbehilfe
6. Muss dieses Kind am Leben bleiben?
6.1. Schwierige Fälle und einfache Antworten?
6.1.1. Baby Doe
6.1.2. Drei medizinische Befunde
6.2. Objektive und subjektive Tatbestände
6.2.1. Mögliche objektive Tatbestände
6.2.2. Mögliche subjektive Tatbestände
6.2.3. Für und Wider aus der Sicht von Betroffenen
7. Conclusio
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die rechtliche und ethische Zulässigkeit eines „Rechts, nicht geboren zu werden“ (wrongful life). Ausgehend von kontroversen Gerichtsurteilen aus Österreich, Deutschland, den USA und Frankreich analysiert der Verfasser, ob schwerstbehinderte Personen Schadenersatz für ihre eigene Existenz geltend machen können und welche Rolle dabei die Definition des Personenbegriffs sowie die Pflicht der Eltern zum Schwangerschaftsabbruch spielen.
- Rechtliche Grundlagen der Abtreibung im internationalen Vergleich
- Gerichtliche Leitentscheidungen zum Thema "wrongful life"
- Philosophische Definition des Personbegriffs und der Rechtsfähigkeit
- Ethische Implikationen von Sterbehilfe und Infantizid bei behinderten Neugeborenen
- Konflikt zwischen Menschenwürde, Autonomie und Schadenersatzrecht
Auszug aus dem Buch
2.6. L’Arrêt Perruche
Die Entscheidung 99-13.701 vom 17. November 2000 der französischen Cour de Cassation, dem letztinstanzlichen Gericht in Frankreich, stellt zurzeit das einzige Urteil dar, in dem einer schwer behinderten Person Schadenersatz für die eigene Existenz – ihr wrongful life – zugesprochen wurde.
Auch bei dem 1983 geborenen Nicolas Perruchet hatte eine Rötelinfektion der Mutter während der Schwangerschaft zu schweren Schädigungen geführt, darunter Nervenleiden, beidseitige Taubheit und eingeschränkte Sehfähigkeit. Das letztinstanzliche Gericht anerkannte die Argumentation der Eltern, der behandelnde Arzt hätte sie nicht auf die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruches hingewiesen und so durch die leidvolle Existenz ihres Sohnes übermäßige psychische als auch finanzielle Bürden verursacht.
Zusammenfassung der Kapitel
Die rechtliche Stellung der Abtreibung: Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen und Zulässigkeit des Schwangerschaftsabbruchs in Österreich, Deutschland, den USA und Frankreich.
Gerichtliche Leitentscheidungen zu wrongful life: Zusammenfassung der wichtigsten Präzedenzfälle und der unterschiedlichen Rechtsprechung zur Haftung bei ärztlichen Fehlern im Kontext behinderter Kinder.
Der Begriff der Person: Philosophische und juristische Auseinandersetzung mit den Kriterien für Personsein und Rechtsfähigkeit, essentiell für die Debatte um Klagebefugnisse.
L’arrêt Perruche – ein Präzedenzfall?: Tiefgehende Analyse des französischen Urteils, das als einziges bisher eine Entschädigung für die eigene Existenz bejahte, und die kontroversen juristischen Reaktionen darauf.
Das Töten von Menschen: Ethische Untersuchung über das Verbot zu töten und die Frage, wie schwerwiegende Behinderungen die Bewertung des Lebenswerts beeinflussen.
Muss dieses Kind am Leben bleiben?: Reflexion über die Grenzziehung zwischen leichteren und schwersten Behinderungen und das Dilemma der Lebensentscheidung bei Neugeborenen.
Conclusio: Abschließende Zusammenfassung der gewonnenen Argumente und die Ablehnung eines allgemein gültigen „Rechts, nicht geboren zu werden“ aus juristischer Sicht.
Schlüsselwörter
Wrongful Life, Wrongful Birth, Schwangerschaftsabbruch, Abtreibung, Personbegriff, Rechtsfähigkeit, Ethik, Euthanasie, Infantizid, Schadenersatzrecht, Menschenwürde, Autonomie, Behinderung, Recht auf Leben, Präferenzutilitarismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der provokanten juristischen und philosophischen Frage, ob ein schwerstbehindertes Kind für seine eigene Geburt Schadenersatz verlangen kann, weil der Arzt eine pränatale Behinderung nicht erkannt hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verknüpft das Zivilrecht und Strafrecht mit der Bioethik, insbesondere in Bezug auf den Schwangerschaftsabbruch, das Lebensrecht behinderter Menschen und die Konzepte von Personsein und Menschenwürde.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, ob es logisch und rechtlich widerspruchsfrei möglich ist, ein "Recht, nicht geboren zu werden" zu konstruieren und welche moralischen Konsequenzen dies für Eltern und Ärzte hätte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Verfasser?
Der Autor nutzt eine rechtsvergleichende Methode zur Analyse internationaler Gerichtsurteile und wendet moderne philosophische Theorien (wie den Präferenzutilitarismus von Peter Singer oder kantische Ethik) an, um die juristischen Fragestellungen zu durchdringen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse von Gerichtsurteilen, die Klärung des Personenstatus im Recht, die Auseinandersetzung mit dem französischen Fall "Perruche" sowie die ethische Diskussion über die "Heiligkeit des Lebens" und Sterbehilfe bei Neugeborenen.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Die Arbeit ist geprägt durch Fachbegriffe wie "Wrongful Life", "Nasciturus", "Embryopathische Indikation", "Personale Präferenzen" und "Reziprozität".
Welche Bedeutung hat der französische Fall "Perruche" für die Argumentation?
Der Fall Perruche bildet den zentralen Ausgangspunkt für die juristische Debatte, da das französische Gericht als einziges Schadenersatz für die "leidvolle Existenz" selbst zusprach, was eine Welle philosophischer Kritik auslöste.
Wie bewertet der Autor die Rolle der "Stellvertretung" durch die Eltern?
Der Autor analysiert kritisch, ob Eltern im Namen ihres ungeborenen oder behinderten Kindes entscheiden dürfen, dass dessen Leben "unwert" ist, und sieht darin einen schwierigen Akt der rechtlichen Fiktion, der das Kind zum Objekt der Entscheidung macht.
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- Mag.phil. Paul Gragl (Author), 2008, Wrongful Life - Gibt es ein Recht, nicht geboren zu werden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120057