Kafkas „Der Bau“ und die Foucaultsche Heterotopie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

20 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Foucaults Heterotopologie

Kafkas „Der Bau“ - Die sprachliche Form des Textes

Der Autor Kafka

Humor, Heterotopien und „Der Bau“

Die Heterotopie und „Der Bau“

Die Anti-Heterotopie in „Der Bau“

Die Heterotopie zwischen den Welten

Quellenverzeichnis

Einleitung

Foucault hat in einem Radiovortrag im Jahre 1967 den Grundstein für eine Diskussion über Heterotopien gelegt, die Thema des diesjährigen Seminars war. In meiner Arbeit versuche ich ausgehend von der Interpretationsgrundlage des Foucaultschen Radiovortrags Kafkas letzte Erzählung „Der Bau“ neu zu interpretieren. Die Fragestellung war, ob und wie man Heterotopien in Kafkas Text auffinden und erfassen kann. Die Schwierigkeit dabei lag in der schwer zu fassenden Materie „Heterotopie“, andererseits bot die Vielseitigkeit des Gegenstandes die Gelegenheit spannende Ideen zu entwickeln.

In einem ersten Schritt meiner Arbeit werde ich mich den „Heterotopien“ widmen, so wie sie bei Foucault beschrieben werden. Darauf folgt ein Versuch der Anwendung des Begriffs auf die Kafka-Erzählung.

Foucaults Heterotopologie

Zu den Umständen des Foucault-Textes ist zu sagen, dass er - wenn er in der niedergeschriebenen Fassung diskutiert wird -, Gegenstand einer Auseinandersetzung in einer vom Autor nicht intendierten Form ist. Foucaults Text besitzt als Radiovortrag einen „flüchtigen“ Charakter, hat jedoch gleichzeitig den Anspruch - zumindest sagt er das aus - eine Wissenschaft der Heterotopien zu begründen. Ob er das geschafft hat, wage ich nicht zu beantworten. Ich denke, dies lässt sich aufgrund der Beschaffenheit des Gegenstandes „Heterotopien“ auch nicht gar beantworten. Aber man kann eines mit Bestimmtheit sagen, Foucault Radiovortrag hätte als Begründung einer Wissenschaft den Charakter des Unvollendeten.

Ich möchte nun versuchen mich dem Begriff „Heterotopien“ [1] zu nähern. Heterotopien haben zunächst einmal etwas mit den Norm- und Wertvorstellungen der Gesellschaft zu tun. Diese Normen und Werte gründen in einem Hang des Menschen seine Umwelt systematisch zu erfassen. An dieser Stelle möchte ich auf Kant zurückgreifen. Er spricht nämlich von einer architektonischen Denkweise des Menschen, wenn er sagt: „Die menschliche Vernunft ist ihrer Natur nach architektonisch, d.i. sie betrachtet alle Erkenntnisse als gehörig zu einem möglichen System, und verstattet daher auch nur solche Prinzipien, die eine vorhabende Erkenntnis wenigstens nicht unfähig machen, in irgend einem System mit anderen zusammen zu stehen.“ [2]. Foucault hatte noch vor seinem Radioauftritt in seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“ (1966) den Namen Heterotopien im Zusammenhang mit einer fiktiven Ordnung scheinbar unzusammenhängender Dinge benutzt. [3] Die Reaktion des menschlichen Denkens auf eine geordnete Unordnung führt zu dem Versuch die Unordnung als Ordnung nachzuvollziehen. Daniel Defert beschreibt Foucaults Theorie wie folgt: „Denn denken ist nicht anders möglich als in Bezug auf einen <ordnungsstiftenden Raum>, innerhalb eines <Vermittlungsbreichs>, den Foucault als <archäologischen> bezeichnet, unterhalb der Schwelle unserer eigenen Wahrnehmung, unserer Diskurse, unserer Wissensordnung, in denen Sichtbares und Sagbares zusammenkommen: im Sprechen, im Blick und im Raum.“ [4] Als ein Beispiel für dieses dem Mensch eigenen Drang zur Einordnung und Betitelung wird nun in Foucaults Radiovortrag „das Kind“ oder „die Kindheit“ angeführt. Foucault weist auf folgenden Umstand hin: Die Kindheit ist eine Erfindung der Erwachsenen, denn kein Kind sagt „meine Kindheit“. [5] Die Erwachsenen machen also aus Kindern erst Kinder, denn sie sind diejenigen, die einordnen und betiteln. Die Welt der Erwachsenen ist mit Bedeutung „aufgeladen“. Im Gegensatz dazu, deutet Foucault an, ist den Kindern eine „unbelastete“ (wertfreie) Herangehensweise an die Dinge eigen. Für das Kind kann sich das Elternbett in ein Meer oder in eine Himmelslandschaft verwandeln.

In der mit Bedeutung aufgeladenen Welt der Menschen, gibt es nun Räume, die anders sind, bzw. anders sein können: z.B. die Heterotopien: Der Garten kann eine Heterotopie sein, weil er ein künstlich geschaffener und zugleich natürlicher Raum ist. Er stellt also einen Widerspruch in sich selbst dar und entspricht Foucaults aufgestelltem Grundsatz, der über die Heterotopien besagt: Sie [die Heterotopien] stellen alle anderen Räume in Frage, und zwar auf zweierlei Weise: entweder wie in den Freudenhäusern, von denen Aragon sprach, indem sie eine Illusion schaffen, welche die gesamte übrige Realität als Illusion entlarvt, oder indem sie ganz real einen anderen realen Raum schaffen, der im Gegensatz zur wirren Unordnung unseres Raumes eine vollkommene Ordnung aufweist.“. Beides trifft auf den Garten zu, er schafft die Illusion von Natürlichkeit und ist auch Symbol für eine perfekte Welt, also eine „lokalisierbare Utopie“. [6]

Heterotopien müssen nicht immer eine Beziehung zur Utopie haben, aber sie sind immer Gegenräume. Eine andere Örtlichkeit, die das Potential für eine Heterotopie besitzt, ist der Dachboden. Er ist unordentlich und dunkel und im Allgemeinen ein unbewohnter Orte innerhalb eines „Wohnraumes“ (des (Wohn-) Hauses). Heterotopien sind nach Foucault Orte jenseits aller Orte, sie befinden sich an Bruchlinien oder Schwellen der gegebenen Ordnungen: Gefängnisse, Bordelle, Irrenanstalten oder Wellness-Clubs können demnach heterotopisch sein. Alle diese Orte zeichnen sich dadurch aus, dass die Menschen sich an ihnen außerordentlich oder „unnormal“ verhalten. Zudem sind die Aufenthalte an oder in diesen Orten zeitlich begrenzt, man könnte sie deshalb auch „Übergangsräume“ nennen. Der Flur ist auch ein solcher Übergangsraum, oder ein Schiff kann einen solchen Übergangsraum darstellen. Orte, die zwischen Orten liegen und somit nicht eindeutig verortet sind. Auf eine andere Art sind auch Friedhöfe oder Spiegel Übergangsorte. Man ist dort und gleichzeitig doch auch nicht. Der Friedhof wurde im Übrigen ab dem späten 18. Jahrhundert aus dem Stadtzentrum der europäischen Länder verbannt. Die Konfrontation mit einem Ort des Übergangs, evt. sogar einem Symbol für die Vergänglichkeit des Menschen, wurde so gleich mit ausgelagert. [7] Eine andere Form von „Übergangsheterotopien“ sind heilige Orte oder Einrichtungen wie die Hochzeitsreise, oder auch bestimmte Ausbildungsstätten, Foucault nennt hier die gesonderten Schulen für Jungen oder den Militärdienst. [8] Hier wird eine, wie es bei Foucault heißt, „biologische Krisensituation“ mit einem bestimmten Ort verknüpft. Eine weitere Form von Übergangsräumen stellen Museen dar. Man tritt aus der Gegenwart heraus und steht vor einer Ansammlung von Zeitdauern. Dieser Versuch Geschichte in einen Raum einzuschließen ist nach Foucault eine recht seltsame Heterotopien unserer heutigen Kultur. [9]

In Heterotopien, so arbeitete das Plenum heraus, findet keine Herstellung im Sinne von „etwas realisieren“ statt. Z.B. das Bordell: Man geht hinein und „Sex“ ist da. Oder der Friedhof: Man betritt ihn und „Tod“ ist da. Ein weiteres Ergebnis der Seminars war, dass

Heterotopien auf gewisse Weise abgegrenzt sind, auch wenn sie gleichzeitig von anderen Räumen durchdrungen sind und immer in einem Kontext stehen. Hier dient abermals der Friedhof als Beispiel. Denn er spiegelt trotz seiner Diskontinuität, die ihn zu einem Gegenraum macht, ihn umgebende Ordnung wieder: er ist angelegt, wie eine Stadt; die Gräber ähneln Häusern, die Wege dazwischen Straßen.

Abschließend möchte ich auf die Frage eingehen, ob der von Foucault geäußerte Anspruch eine Wissenschaft der Heterotopien - sie müsste nach Foucault „Heterotopologie“ heißen - nicht ein Widerspruch in sich selbst bedeutet. Denn „Heterotopien“ sind eigentlich undefinierbar und taugen daher nicht als Gegenstand einer klassischen Wissenschaft. Dieses Paradoxon findet sich auch in der Form der Veröffentlichung wieder, denn Foucaults Vortrag ist aufgrund der Rezeptionsmöglichkeiten des Mediums Radio zunächst einmal untypisch und ungeeignet. Auch Foucaults Sprache ist untypisch für einen wissenschaftlichen Text. Einerseits unterhaltend, anderseits kompliziert entsteht beim Rezipienten keine klare Vorstellung von der Idee, die Foucault vermitteln will. So beginnt der Vortrag mit den Worten: „Es gibt also Länder ohne Ort und Geschichte ohne Chronologie.“ Das Wort „also“ deutet normalerweise darauf hin, dass der folgende Satz an einen vorhergegangenen anschließt, hier verwirrt es und lässt Leser und Hörer zunächst einmal überprüfend aufhorchen, ob man nicht schon einen Satz überhört haben könnte. Wenige Zeilen später heißt es: „Diese Städte, Kontinente und Planeten sind natürlich, wie man so sagt, im Kopf der Menschen entstanden oder eigentlich im Zwischenraum zwischen ihren Worten, (…)“ Foucault nutzt hier zunächst wieder Worte, die irritieren, weil sie fehl am Platz scheinen. So wirkt das „wie man so sagt“ als nichts sagende Floskel, auch das eingeschobene „natürlich“ ergibt keinen Sinn. Die Verbindung zwischen der ersten Aussage und den folgenden „oder eigentlich“ ist völlig untypisch für einen wissenschaftlichen Text. Es klingt so, als ob Foucault beim Sprechen nach der richtigen Formulierung suchen würde, ja der Satz offenbart sogar eine gewisse Unsicherheit über das zuvor Gesagte. Dem gegenüber stehen klar formulierte „unumstößliche“ Sätze wie der folgende: „Der Garten ist seit der frühesten Antike ein Ort der Utopie.“ [10] Ganz krass offenbart sich die Heterogenität von Foucalts Vortrag auf Seite 18. Dort liest man plötzlich „Als fünften und letzten Grundsatz der Heterotopologie …“, obwohl zuvor die Grundsätze drei und vier als solche nicht gekennzeichnet wurden und die Form einer Auflistung von Grundsätzen überhaupt nicht dem vorhergehenden Text entspricht.

Der Wissenschaftgegenstand „Heterotopie“ scheint so heterogen zu sein, dass die Gefahr besteht in einer Auseinandersetzung mit ihm zu nur „schwammigen“ Ergebnissen zu kommen. So ist die Jesuiten-Kolonie, von der Foucault spricht, eine in die Realität umgesetzte Utopie, die aber vollkommen starr und „unträumerisch“ erscheint, das Elternbett für das Kind hingegen genau das Gegenteil, ein Ort, der sich in Meer oder Himmel verwandeln kann, ein Ort an dem frei fantasiert werden kann. Foucault weist ganz offen daraufhin, dass jede Gesellschaft , Kultur oder Gruppe ihre eigenen Heterotopien besitzt: „Erster Grundsatz: Es gibt wahrscheinlich keine Gesellschaft, die sich nicht ihre Heterotopie oder ihre Heterotopien schüfe.“ [11] Der zitierte Grundsatz, dass Heterotopien entweder eine Illusion schaffen, welche die gesamte übrige Realität als Illusion entlarvt oder ganz real einen anderen realen Raum schaffen, der im Gegensatz zur wirren Unordnung unseres Raumes eine vollkommene Ordnung aufweist, erklärt nun meiner Auffassung nach, dass nicht nur jede Gesellschaft oder Kultur ihre eigenen Heterotopien besitzt, sondern auch selbst als Ganzes eine darstellen - es kommt nur auf den Blickwinkel an. Denn jede Kultur oder Gesellschaftsordnung (auch die Anarchie) ist ein Gegenentwurf zu einer anderen herrschenden Ordnung. Für jede Religion oder Lebensphilosophie gilt dasselbe. Innerhalb jeder dieser Ordnungen existieren von Beginn an oder entstehen mit der Zeit neue Heterotopien, solche, die Illusion schaffen und die gegebene Ordnung als Illusion entlarven und wiederum andere Heterotopien - die neuerliche Gegenentwürfe hervorbringen. Dieses Merkmal der Heterotopien funktioniert individuell - denn je nach Blickwinkel des Betrachters entsteht oder offenbart sich eine Heterotopie - so dass die Heterotopologie scheinbar nur nach den je eigenen Gesetzmäßigkeiten praktiziert werden könnte.

[...]


[1] hetero= anders, fremd, verschieden; topos= Ort

[2] Kant [KrV, Transz. Dialektik, 2B, 2. H. , 3.A., S. 449 (A 474, B502)]

zitiert bei Felix Greß „Die gefährdete Freiheit - Franz Kafkas späte Werke“ Würzburg, 1994, S. 159

[3] Daniel Defert „Foucault, der Raum und die Architekten“, in Documenta 10 1997, Kassel. Das Buch zur Documenta X = politics-poetics, Hrgs.: Document- und Museum- Fridericianum- Veranstaltungs GmbH, Ostfiedern: Cantz, 1997, S. 274/5

[4] Daniel Defert a.a.O., S.275

[5] Michel Foucault „Die Heterotopien. Der utopische Körper.“ Frankfurt am Main, 2005, S. 10

[6] vgl. Foucault a.a.O., S.10/ S15

[7] vgl. Foucault a.a.O., S.14

[8] vgl. Foucault a.a.O., S.12/13

[9] vgl. Foucault a.a.O., 16/17

[10] vgl. Foucault a.a.O., S. 15

[11] vgl. Foucault a.a.O., S. 11

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Kafkas „Der Bau“ und die Foucaultsche Heterotopie
Hochschule
Universität Hamburg
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
1.0
Autor
Jahr
2007
Seiten
20
Katalognummer
V120135
ISBN (eBook)
9783640240807
ISBN (Buch)
9783640244805
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kafkas, Bau“, Foucaultsche, Heterotopie, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Jonas Lobgesang (Autor), 2007, Kafkas „Der Bau“ und die Foucaultsche Heterotopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120135

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