Foucault hat in einem Radiovortrag im Jahre 1967 den Grundstein für eine Diskussion über Heterotopien gelegt, die Thema des diesjährigen Seminars war. In meiner Arbeit versuche ich ausgehend von der Interpretationsgrundlage des Foucaultschen Radiovortrags Kafkas letzte Erzählung „Der Bau“ neu zu interpretieren. Die Fragestellung war, ob und wie man Heterotopien in Kafkas Text auffinden und erfassen kann. Die Schwierigkeit dabei lag in der schwer zu fassenden Materie „Heterotopie“, andererseits bot die Vielseitigkeit des Gegenstandes die Gelegenheit spannende Ideen zu entwickeln.
In einem ersten Schritt meiner Arbeit werde ich mich den „Heterotopien“ widmen, so wie sie bei Foucault beschrieben werden. Darauf folgt ein Versuch der Anwendung des Begriffs auf die Kafka-Erzählung.
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Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Foucaults Heterotopologie
Kafkas „Der Bau“ - Die sprachliche Form des Textes
Der Autor Kafka
Humor, Heterotopien und „Der Bau“
Die Heterotopie und „Der Bau“
Die Anti-Heterotopie in „Der Bau“
Die Heterotopie zwischen den Welten
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Kafkas Erzählung „Der Bau“ durch die theoretische Linse von Michel Foucaults Konzept der Heterotopien. Dabei steht die zentrale Frage im Mittelpunkt, ob und wie sich diese spezifischen „Gegenräume“ innerhalb des komplexen und von Unsicherheit geprägten Textes identifizieren und interpretieren lassen.
- Analyse von Foucaults Konzept der Heterotopologie und deren Übertragbarkeit auf literarische Texte.
- Untersuchung der sprachlichen Form von Kafkas „Der Bau“ und dessen paranoider Erzählstruktur.
- Verbindung von Kafkas ästhetischer Gestaltung mit dem Begriff des Humors und dem Zustand der Existenz.
- Diskussion über das Spannungsfeld zwischen Sicherheit, Gefahr und der räumlichen Konstruktion des „Baus“.
Auszug aus dem Buch
Die Heterotopie zwischen den Welten
Der Eingangsbereich befindet sich nun irgendwie zwischen beiden Welten. Wie schon wechselnde Benennung des moosbehangenen Eingangs zum Bau andeutet, der Aus- und gleichzeitig Eingang ist, sowie Flucht- und gleichzeitig Einfalltür, ist die Sicht auf die Dinge hier eine andere. Das Tier stellt fest, dass es hier ruhiger ist, die veränderte Perspektive ermöglicht eine positivere Beurteilung der eigenen Situation: „Mir ist dann, als stehe ich nicht vor meinem Haus, sondern vor mir selbst, während ich schlafe, und hätte das Glück gleichzeitig tief zu schlafen und dabei mich scharf bewachen zu können (…) Und ich finde, dass es merkwürdiger Weise nicht so schlimm mit mir steht, wie ich oft glaubte und wie ich wahrscheinlich wieder glauben werde, wenn ich in mein Haus hinabsteige.“
Der Eingangsbereich ist ein Ort zwischen zwei Welten, zwei Ordnungen. Ihn mit Foucaults Heterotopien zu vergleichen ist jedoch schwierig. Einerseits, weil es kein in sich geschlossener Raum ist, andererseits, weil er zwar Verbindung zwischen zwei Welten ist, jedoch dem Tier in dieser Funktion fast gar nicht nützt. Er bietet ihm ja vor allem die Möglichkeit aus seiner eigenen Ordnung herauszutreten, aber nicht, um in eine andere zu kommen. Am ehesten ähnelt der Eingangsbereich der Kammer neben der Eingangstür südamerikanischer Häuser im 18. Jahrhundert. Die Kammer war, so Foucault, eine „gänzlich äußere Heterotopie“. Und ähnlich sieht auch das Tier seine Situation. Als Bewacher ist das Tier Bestandteil des Baus und trotzdem nicht in ihm.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt das Ziel der Arbeit dar, Kafkas „Der Bau“ unter Rückgriff auf Foucaults Radiovortrag über Heterotopien neu zu interpretieren.
Foucaults Heterotopologie: Dieses Kapitel nähert sich dem schwierigen Begriff der Heterotopie bei Foucault und untersucht, inwiefern diese Konzepte auf menschliche Gesellschaften und Wahrnehmungen anwendbar sind.
Kafkas „Der Bau“ - Die sprachliche Form des Textes: Es wird analysiert, wie Kafkas unfertige Erzählweise und die antisoziale Form des Textes als Gegenraum sprachlicher Zeitebenen verstanden werden können.
Der Autor Kafka: Dieses Kapitel befasst sich mit der psychischen Verfassung Kafkas und der Verbindung zwischen seiner persönlichen Leidensgeschichte und seinem Schreibstil.
Humor, Heterotopien und „Der Bau“: Hier wird dargelegt, wie Kafkas Umgang mit Extremen wie Sicherheit und Gefahr als Form von Humor interpretiert werden kann, die Parallelen zu Foucaults Heterotopologie aufweist.
Die Heterotopie und „Der Bau“: Das Kapitel vergleicht die Psyche des Protagonisten mit der Konstruktion des „Baus“ und untersucht die Identifizierung des Tieres mit der tierischen Natur.
Die Anti-Heterotopie in „Der Bau“: Hier wird der Begriff der „Anti-Heterotopie“ eingeführt, um den Teufelskreis der Wiederholung und das Scheitern an der eigenen Sicherheitsperfektion zu beschreiben.
Die Heterotopie zwischen den Welten: Das Abschlusskapitel betrachtet den Eingangsbereich als Bruchstelle und Ort des Übergangs zwischen der feindlichen Außenwelt und der Sicherheitswelt des Baus.
Schlüsselwörter
Heterotopie, Foucault, Kafka, Der Bau, Gegenraum, Existenzkampf, Sicherheit, Angst, Sprache, Konjunktivketten, Anti-Heterotopie, Raumtheorie, Literaturwissenschaft, Psychische Verfassung, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht Kafkas Erzählung „Der Bau“ und setzt diese in Beziehung zu Michel Foucaults Konzept der Heterotopien, um neue Deutungsmöglichkeiten der räumlichen und psychischen Struktur des Textes zu erschließen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Raumphilosophie Foucaults, die psychologische Verfassung Kafkas, die Funktion von Sprache als Ausdruck von Zweifel sowie das Spannungsfeld zwischen Sicherheit und existentieller Gefahr.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, Kafkas „Der Bau“ durch die Anwendung des Heterotopie-Begriffs neu zu interpretieren und zu zeigen, dass der Text einen „Gegenraum“ darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Foucaults philosophische Konzepte mit interpretativen Ansätzen der Kafka-Forschung verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen der Heterotopologie, die Sprachstruktur des Bau-Textes, den Zusammenhang zwischen Kafkas Lebenszuständen und seiner Ästhetik sowie die Analyse des Baus als Utopie und Falle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Heterotopie, Raum-Zeit-Formen, Konjunktivketten, existentielles Scheitern und das Paradox der Sicherheit charakterisiert.
Wie unterscheidet sich der Begriff der „Anti-Heterotopie“ in der Arbeit?
Der Begriff beschreibt den Teufelskreis der Wiederholung, in dem das Tier zwar Mängel erkennt, aber nicht die Kraft aufbringt, die eigene Ordnung grundlegend zu ändern, was zu einer Erstarrung der Handlung führt.
Welche Bedeutung kommt dem Eingangsbereich des Baus zu?
Der Eingangsbereich fungiert als Bruchstelle zwischen der Außenwelt und der Innenwelt des Baus, in der das Tier für kurze Zeit Distanz zu seiner eigenen Hybris gewinnen kann.
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- Jonas Lobgesang (Author), 2007, Kafkas „Der Bau“ und die Foucaultsche Heterotopie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120135