Psychosoziale Nachsorge von Jugendlichen mit onkologischer Erkrankung


Diplomarbeit, 2007

104 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

1 THEMATISCHE EINLEITUNG
1.1 Vorwort
1.2 Onkologische Erkrankung - Krebs - Was ist das?
1.3 Zahlen und Statistiken

2 ONKOLOGISCHE ERKRANKUNGEN
2.1 Hämoblastosen
2.2 Bösartige solide Tumoren

3 THERAPIEFORMEN
3.1 Operative Entfernung
3.2 Strahlentherapie
3.3 Chemotherapie
3.4 Knochenmarktransplantation (KMT)
3.5 Alternative Behandlungsformen
3.6 Behandlung und interdisziplinäre Kooperation
3.6.1 Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH)
3.6.2 Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft in der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (PSAPOH)

4 THEORETISCHER HINTERGRUND
4.1 Das Jugendalter - eine theoretische Einführung
4.1.1 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
4.1.2 Besonderheiten bei Jugendlichen mit onkologischer Erkrankung
4.2 Die betroffene Familie
4.2.1 Die Elternebene
4.2.2 Die Geschwisterebene

5 KRANKHEITSSPEZIFISCHE BELASTUNGEN
5.1 Somatische Belastungen
5.2 Psychosoziale Belastungen
5.2.1 Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten
5.2.2 Autonomie- und Selbstwertverlust
5.2.3 Hilflosigkeit und Ängste
5.2.4 Belastung und Erschöpfung betreuender Angehöriger
5.2.5 Pflege- und Versorgungsanforderung an die Eltern
5.2.6 Organisatorische Probleme
5.2.7 Trennung von Freunden und Klassenkameraden
5.2.8 Existenziell-ökonomische Situation
5.3 Von der Krankheit unabhängige Belastungen
5.4 Weitere notwendige Einschränkungen

6 PSYCHOSOZIALE VERSORGUNG UND BETREUUNG
6.1 Einzelne Aufgabenbereiche
6.1.1 Unterstützung und Begleitung in kritischen Lebenssituationen
6.1.2 Stärkung der Ressourcen, Kompetenzen und Autonomie
6.1.3 Stärkung der familiären und sozialen Strukturen
6.1.4 Unterstützung in sozial-rechtlichen Fragen
6.1.5 Förderung der Compliance
6.1.6 Behandlung spezifischer Symptome
6.1.7 Präventive Arbeit

7 PSYCHOSOZIALE NACHSORGE
7.1 Familienorientierte Rehabilitationsmaßnahmen
7.2 Jugendrehabilitationsmaßnahmen
7.2.1 Gruppentherapeutische Maßnahmen
7.2.2 Rechtliches
7.3 Rehabilitationskliniken
7.3.1 Brandenburg Klinik
7.3.2 SyltKlinik
7.3.3 Klinik Bad Oexen
7.3.4 Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe
7.3.5 Nachsorgeklinik Tannheim
7.4 Nachsorgeprojekte
7.4.1 Das Waldpiratencamp
7.4.2 Toskanafreizeit
7.4.2.1 Konzeptuelle Ziele
7.4.3 Weitere Projekte
7.4.3.1 Regenbogenfahrt
7.4.3.2 Tauchen als Therapie
7.4.3.3 Huskyprojekt

8 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK

Literaturverzeichnis

Anhang

ABBILDUNGS- UND TABELLENVERZEICHNIS

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Alters- und geschlechtsspezifische Inzidenzen für alle Malignome (1995-2004)

Abbildung 2: Relative Häufigkeiten von Hirntumoren verglichen mit der häufigsten Einzeldiagnose ALL

Abbildung 3: Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz nach Havighurst

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Verteilung aller Registermeldungen nach Altersgruppen bei Diagnosestellung (2000-2004) 7

Tabelle 2: Die elf gruppentherapeutischen Primärfaktoren nach Yalom

In allen Äußerungen dieser Arbeit wurde zur sprachlichen Vereinfachung auf eine geschlechtsspezifische Ausformulierung verzichtet; es sind stets beide Geschlechter gemeint.

1 THEMATISCHE EINLEITUNG

1.1 Vorwort

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit gibt einen praxisnahen Einblick in das Feld der onkologischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen sowie in die Thematik der psychosozialen Nachsorge.

Im ersten Teil der Arbeit werden ein grobes Verständnis des medizinischen Hintergrunds vermittelt und mögliche Therapieformen sowie deren Erfolgsaussichten beleuchtet. Hierdurch soll der Blick für die aus der Erkrankung resultierenden psychischen und sozialen Auswirkungen geschärft werden. Denn nur mit der Kenntnis medizinischer und therapeutischer Abläufe bei einer Krebserkrankung im Kindes- und Jugendalter ist es möglich die psychische und soziale Tragweite dieser Krankheit zu verstehen sowie ihre subjektive und objektive Bedrohung abschätzen zu können (vgl. Haag, 1993). Die extreme Kompliziertheit des onkologischen Bereichs, in dem die psychosoziale Arbeit stattfindet, kann nur durch die Darstellung der Erkrankungen und deren Therapieformen vermittelt werden (vgl. Knispel, 1988). Der darauf folgende Teil beschäftigt sich mit dem der Arbeit zugrundeliegenden theoretischen Hintergrund. Im Mittelpunkt hierbei stehen der Lebensabschnitt Jugend und die spezifischen Entwicklungsaufgaben in dieser Phase. Es folgt die Darstellung der Besonderheiten von Jugendlichen mit onkologischer Erkrankung bei der Bewältigung dieser Aufgaben. Innerhalb der vorliegenden Arbeit wird bewusst die Situation der Jugendlichen fokussiert, da sie sich im Entwicklungsraum zwischen Kind- und Erwachsensein befinden und ihnen in den Therapien häufig zu wenig Beachtung zukommt. Sie werden entweder als Kind oder Erwachsener therapeutisch behandelt, zwei Behandlungskonzepte, die die spezielle Lebensphase der Jugendlichen nicht ausreichend berücksichtigen.

Im Anschluss an den theoretischen Diskurs werden im nächsten Teil die krankheitsspezifischen Belastungen dargestellt. Hier lassen sich die somatischen von den psychosozialen und den krankheitsunabhängigen Belastungen abgrenzen.

Das sechste Kapitel der Arbeit beschäftigt sich mit der psychosozialen Versorgung und Betreuung von an Krebs erkrankten Kindern und Jugendlichen. Es werden die vielseitigen Arbeits- und Aufgabenbereiche des interdisziplinären und psychosozialen Teams beschrieben.

Im abschließenden Teil wird ein Überblick über die Möglichkeiten und Inhalte einer psychosozialen Nachsorge im Jugendalter gegeben und konkrete Maßnahmen und Projekte vorgestellt.

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf den psychischen und sozialen Folgen für die betroffenen Patienten und den daraus resultierenden Nachsorgemaßnahmen. Bei der Diagnose Krebs ist es fraglich, ob es eine restitution ad integrum - eine völlige Wiederherstellung des Zustandes der Unversehrtheit nach der Erkrankung - geben kann. In fast allen Fällen bleiben körperliche Defekte zurück, und die seelischen Erschütterungen der betroffenen Kinder und Jugendlichen wirken noch sehr lange nach, wenn sie überhaupt jemals wirklich verschwinden. Somit ist eine rein medizinische Versorgung als therapeutische Maßnahme nicht ausreichend.

Bis vor 30 Jahren ging man davon aus, dass Kinder nicht über ihre Erkrankung nachdenken und sich in diesem Zusammenhang auch nicht mit Themen wie dem Tod auseinandersetzen (vgl. Niethammer, 1993; Lohaus, 1996). Daher sahen die Mediziner keinen Bedarf nach psychosozialer Versorgung oder Nachsorge der Patienten. In den letzten Jahren hat die Beachtung des Einflusses psychischer Faktoren bei somatischen Erkrankungen in der Medizin und auch in der Gesellschaft deutlich zugenommen und die früheren Annahmen sind widerlegt. Heute weiß man, dass aus der Nichtbeachtung der psychischen und sozialen Folgen einer Krebserkrankung schwerwiegende, langanhaltende psychische Probleme entstehen können (vgl. ebd.). Die Notwendigkeit, sich verstärkt mit psychosozialer Nachsorge auseinanderzusetzen, rührt nicht zuletzt daher, dass die Medizin in den letzten Jahren enorme Fortschritte in der Behandlung onkologischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter gemacht hat (vgl. Krebs im Kindesalter, 2007). Somit haben bis zu 80 Prozent aller Betroffenen eine reale Langzeitüberlebenschance und müssen sich mit den physischen und psychischen Folgen der Erkrankung auseinandersetzen. Es geht somit nicht nur um das bloße Überleben, sondern die Qualität des (Über) Lebens in den Mittelpunkt zu rücken und zu gewährleisten (vgl. sonne, 2005). Bevor es zu den fortschrittlichen medizinischen Forschungserkenntnissen kam, stand die Bewältigung von Trauer und Tod im Mittelpunkt der psychosozialen Arbeit (vgl. Ebeling, 1981). Inzwischen rückt die professionelle und interdisziplinäre Hilfe zur Krankheitsbewältigung immer mehr in den Vordergrund der psychosozialen Nachsorgemaßnahmen.

Die psychosoziale Versorgungspraxis in der pädiatrischen Onkologie hat in Deutschland im Vergleich zum angloamerikanischen Raum eine relativ junge Geschichte (Siegrist et al., 1993). Das nationale wie internationale Interesse an psychosozialer Betreuung und Nachsorge ist in den letzten Jahren kontinuierlich angestiegen. So wird sich beispielsweise die 51. PSAPOH- Tagung (Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft in der Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie) in diesem Herbst dem Thema „Ambulante psychosoziale Nachsorge in der pädiatrischen Onkologie - eine Positionsbestimmung“ widmen. Dieses Leitthema der Tagung entspricht inhaltlich dem Ziel der vorliegenden wissenschaftlichen Hausarbeit.

Die wiederkehrende Forderung innerhalb dieser Arbeit nach einer verstärkten Auseinandersetzung mit der psychosozialen Nachsorge und der Entwicklung entsprechender Konzepte soll die Notwendigkeit medizinischer Versorgung in keinster Weise in Frage stellen. Doch leider besteht bis heute eine deutliche Diskrepanz zwischen der Annahme, dass krebskranke Kinder und Jugendliche über die somatische Versorgung hinaus Unterstützung benötigen und dem dieser Annahme gegenüberstehenden Fehlen konkreter Maßnahmen (vgl. Muthny, 1998). Die psychischen und sozialen Folgen einer onkologischen Erkrankung und deren Behandlung finden bis heute weniger Beachtung und Anerkennung. So wird beispielsweise die medizinische Behandlung von den Kostenträgern selbstverständlich übernommen, die psychosoziale Versorgung hingegen muss häufig von den Familien selbst bezahlt oder zumindest mitfinanziert werden.

Die Vielseitigkeit des Arbeitsbereichs und die Komplexität der Materie onkologische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter bestimmen die Form der vorliegenden Arbeit. Die oben beschriebene Aktualität des behandelten Themas zeigt den Bedarf einer wissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich.

1.2 Onkologische Erkrankung - Krebs - Was ist das?

In den folgenden Abschnitten und dem nächsten Kapitel (1.3, 2.1 und 2.2) werden zum besseren Verständnis der Thematik eine Auswahl der im Kindes- und Jugendalter häufig auftretenden onkologischen Erkrankungen aufgeführt und beschrieben. Des Weiteren werden einige statistische Ausführungen in Form von Zahlen, Häufigkeiten und Inzidenzen erläutert um dem Leser ein klares Bild über die Auftretenswahrscheinlichkeit dieser lebensbedrohlichen Erkrankungen zu vermitteln.

Im Folgenden wird versucht den Forschungsgegenstand der vorliegenden Arbeit zur besseren Ein- und Abgrenzung zu definieren. Krebs ist im Allgemeinen die Bezeichnung für alle bösartigen, so genannten malignen Erkrankungen, die sich in ihrem Verlauf, ihrer Behandlung und ihren Heilungschancen oft sehr stark voneinander unterscheiden.

Diese Erkrankungen sind gekennzeichnet durch eine unkontrollierte Vermehrung oder Ausdehnung von veränderten Zellen bzw. Gewebe. Die veränderten Zellen können das umliegende gesunde Gewebe verdrängen, zerstören und Tochtergeschwülste, so genannte Metastasen ausbilden (vgl. http://www.john-brinckman-apotheke.de/medizin/krebs.shtml). In den meisten Fällen stammt der Krebs von einer einzigen entarteten Zelle mit bösartigen Eigenschaften ab. Es entsteht im Allgemeinen eine große Zahl unreifer Zellen, die keinerlei Funktion für den Organismus haben und diesen vermehrt schädigen können. Dieses fehlerhafte Wachstum führt unbehandelt sicher zum Tode. Grundsätzlich kann jedes Organ und jedes Gewebe des menschlichen Körpers von Krebs befallen werden (vgl. http://www.uniklinik- ulm.de/struktur/zentren/comprehensive-cancer-center-ulm-cccu/home/fuer- patienten-und-angehoerige/krebsbehandlung/krebs-allgemein/definition.html). Man unterscheidet zwischen zwei großen Gruppen bösartiger Neubildungen. Zum einen die soliden, also feste und harte Tumoren, die Karzinome und Sarkome, und zum anderen die Hämoblastosen (vgl. www.medsana.ch). Karzinome entstehen im so genannten Epithelgewebe, wie der Haut, der Schleimhaut oder dem Drüsengewebe (vgl. www.krebs-kompass.de). Die Sarkome hingegen entstehen aus Bindegewebszellen (Fibrosarkome), Muskelzellen (Myosarkome), Fettzellen (Liposarkome) oder Knochenzellen (Osteosarkome). Bösartige Hämoblastosen, wie z.B. die verschiedenen Arten von Leukämie, entstehen aus den Zellbestandteilen des Blutes und der blutbildenden Organe (vgl. z.B. www.medsana.ch, www.onmeda.de, www.swisstumorinstitute.ch). Wie oben dargestellt, existieren die unterschiedlichsten Arten von Krebserkrankungen, auf die in Kapitel zwei näher eingegangen wird. Grundsätzlich muss jedoch festgehalten werden, dass sich die malignen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter wesentlich von den malignen Erkrankungen im Erwachsenenalter unterscheiden. Die Verschieden- heit besteht in der Entstehung und Form, den sich daraus ergebenden Behandlungsarten und dem Therapieerfolg, der bei Kindern und Jugendlichen wesentlich höher liegt. Global kann heute davon ausgegangen werden, dass knapp zwei Drittel der an Krebs erkrankten Kinder geheilt werden können (vgl. Niethammer, 1996). Die Wahrscheinlichkeit und Sicherheit hinsichtlich einer Dauerheilung sind je nach Erkrankungsart sehr unterschiedlich (vgl. Kroll et al., 1994).

Bis heute ist nicht geklärt, warum ein Kind an Krebs und einer bestimmten Krebsart erkrankt. Es ist bekannt, dass Krebserkrankungen auf einer Fehlschaltung der das Zellwachstum regulierenden Gene beruhen. Wodurch diese Fehlschaltungen ausgelöst werden, ist bis heute weitestgehend unbekannt (vgl. Krebs im Kindesalter, 2007). Bezüglich der Ätiologie können sowohl Umweltfaktoren als auch genetische Faktoren eine Rolle spielen. Es muss von einem multifaktoriellen Modell ausgegangen werden, das dazu führt, dass ein Mensch an Krebs erkrankt (vgl. Niethammer, 1996). Es ist zu hoffen, dass in Zukunft mehr über die Entstehung von Krebs herausgefunden wird und somit die Krankheit an der Wurzel bekämpft werden kann, statt nur die Folgen zu behandeln.

Die Behandlung erfolgt je nach Stadium und Indikation meist durch Chemotherapie (Zytostatika), Strahlentherapie (Röntgenröhren, radioaktive Substanzen) oder Tumorchirurgie (Entfernung des eigentlichen Geschwulstes) (vgl. Kap. 3). Durch die Kombination von zwei oder mehreren Therapieformen kann deren Wirkung verbessert werden. Weitere detaillierte Ausführungen zur Behandlung einer onkologischen Erkrankung finden sich im Kapitel drei.

1.3 Zahlen und Statistiken

Um sich einen Überblick über die Häufigkeit der verschiedenen Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter zu verschaffen, ist es hilfreich sich einige Zahlen vor Augen zu führen[1].

Das deustche Kinderkrebsregister in Mainz enthält etwa 95% aller pädiatrischonkologischen Patienten. Das Krebsregister nahm 1980 seine Tätigkeit auf und basiert auf der freiwilligen Meldung von Erkrankungen durch die behandelnden Ärzte mit vorheriger Einwilligung der betroffenen Patienten bzw. betroffenen Eltern. Somit bildet das Register seit seinem Bestehen eine wichtige Datenbasis für die Ursachenforschung bei Krebs.

Pro Jahr werden etwa 1800 neue Krebserkrankungen bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren an das deutsche Kinderkrebsregister gemeldet. Diese Zahl bedeutet, dass von 100.000 Kindern und Jugendlichen in Deutschland jährlich etwa 14 erkranken. Die Relevanz dieser Zahl wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass Krebs nach Unfällen die zweithäufigste Todesursache im Kindesalter ist (Niethammer, 1996, S. 1). Etwa ein Drittel der von Krebs betroffenen Kinder erkrankt im Lebensabschnitt von ein bis vier Jahren (vgl. Tab. 1). Verglichen mit der durchschnittlichen Erkrankungsrate ab dem fünften Lebensjahr ist die Rate in den ersten fünf Jahren fast dreimal so hoch (vgl. Tab. 1).

Dem Jahresbericht 2005 des Mainzer Kinderkrebsregisters zufolge, wurden von 1980 bis einschließlich 2004 insgesamt 37.168 Kinder unter 15 Jahren gemeldet, die an Krebs erkrankt sind. Die Wahrscheinlichkeit für ein neugeborenes Kind innerhalb seiner ersten 15 Lebensjahre eine bösartige Krebserkrankung zu erleiden, beträgt somit 0,2%. Das heißt, bei etwa jedem 470. Kind wird bis zu seinem 15. Geburtstag eine bösartige Krebserkrankung diagnostiziert.

Die Gegenüberstellung der Zahlen von verschiedenen Altersklassen sowie ein Vergleich der einzelnen Krebsarten zeigt, dass Jungen bei fast allen Tumoren häufiger betroffen sind als Mädchen (vgl. Abb. 1).

Tabelle 1: Verteilung aller Registermeldungen nach Altersgruppen bei Diagnosestellung (2000-2004)

Quelle: Jahresbericht 2005 des Deutschen Kinderkrebsregisters, Mainz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

*die Altersgruppe ≥15 gehört nicht zur Registerpopulation und ist nicht repräsentativ für die Bevölkerung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Alters- und geschlechtsspezifische Inzidenzen für alle Malignome (1995- 2004)

Quelle: Jahresbericht 2005 des Deutschen Kinderkrebsregisters, Mainz

Betrachtet man die regionale Verteilung der Erkrankungsraten kann man keinen Unterschied innerhalb Deutschlands verzeichnen. Darüber hinaus lässt sich keine signifikante Häufung von Krankheitsfällen in bestimmten Gebieten feststellen. Den Daten des deutschen Kinderkrebsregisters zufolge sind die Heilungschancen krebskranker Kinder in Deutschland in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen. Dies lässt sich vor allem auf die Weiterentwicklung der medizinischen Forschung und dem hieraus resultierenden Fortschritt der Behandlung zurückführen. Insgesamt verbesserte sich die 10-Jahres- Überlebenswahrscheinlichkeit von 67% auf 76%. Zehn Jahre nach der Diagnose Leukämie lebten beispielsweise Anfang der 80er Jahre nur noch etwa 65% der erkrankten Kinder; zu Beginn dieses Jahrhunderts sind es bereits 79%. Aufgrund der guten Prognose bei Krebserkrankungen und den damit einhergehenden guten Heilungschancen ist eine psychosoziale Nachsorge heutzutage besonders wichtig geworden (s. Kap. 7).

2 ONKOLOGISCHE ERKRANKUNGEN

Im folgenden Abschnitt der vorliegenden Arbeit wird aufgrund der limitierten Darstellungskapazität nur auf die wichtigsten onkologischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter eingegangen. Hierbei handelt es sich zunächst um die systemischen Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems (Leukämien und Lymphome) sowie eine Reihe von soliden Tumoren (Hirntumoren, Neuroblastom, Wilms-Tumor, Rhabdomyosarkom, Osteosarkom, Ewing Sarkom). Es sei noch betont, dass es bei den Krebserkrankungen keine typischen Erstsymptome gibt. Die meisten Beschwerden der Kinder, die durch bösartige Tumoren oder Leukämien hervorgerufen werden, sind auch für andere Erkrankungen typisch und kommen bei gesunden Kindern nicht selten vor (vgl. Niethammer, 1996).

2.1 Hämoblastosen

Leukämie: Im folgenden Abschnitt werden die beiden Leukämien beschrieben, die sich allgemein voneinander abgrenzen lassen. Zum einen die akute lymphatische Leukämie (ALL) und zum anderen die akute myeloische Leukämie (AML).

Etwa ein Drittel aller an Krebs erkrankten Kinder in Deutschland leiden an Leukämie (vgl. Deutsches Krebsregister, 2005). Damit ist die Leukämie die häufigste Krebserkrankung im Kindesalter. Unter dem Begriff der Leukämien fasst man die bösartigen Erkrankungen der blutbildenden Organe zusammen. Grundsätzlich unterscheidet man bei Leukämien zwischen lymphatischen und myeloischen Leukämien. Des Weiteren grenzt man innerhalb dessen die chronischen von den akuten Arten der Leukämie ab. Bei Kindern spielen die chronischen Leukämien eine untergeordnete Rolle. Die überwiegende Mehrzahl der Kinder leidet an akuten Formen, die unbehandelt innerhalb von nur wenigen Wochen zum Tode führen können.

Die häufigste Art der Leukämien im Kindesalter ist mit über 80% der Fälle die akute lymphatische Leukämie (vgl. Deutsches Kinderkrebsregister, 2005). Man spricht von einer ALL, wenn Lymphozyten, eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen[2], nicht ausreifen, sondern sich als unreife leukämische Blasten[3] unkontrolliert vermehren. Meist beginnt die Krankheit schleichend und führt, ausgehend vom Knochenmark, zu einer Vergrößerung von Lymphknoten, Leber und Milz. Ist die Krankheit fortgeschritten, können auch nicht-blutbildende Organe wie etwa die Hornhaut, die Hoden, die Haut oder die Nieren von den leukämischen Blasten befallen sein (Kleihauer, 1994, S. 286ff). Besonders häufig betroffen sind Kinder im Alter von drei bis sieben Jahren (vgl. Deutsches Krebsregister, 2005). Es können jedoch auch Jugendliche und Erwachsene an einer ALL erkranken.

Etwa 20% aller Kinder, die an Leukämie erkranken, leiden an der akuten myeloischen Leukämie. Sie tritt auf, wenn Granulozyten[4], ebenfalls eine Untergruppe der weißen Blutkörperchen, sich in unausgereiftem Zustand rapide vermehren und im Knochenmark ausbreiten. Im Gegensatz zur akuten lymphatischen Leukämie tritt die akute myeloische Leukämie vermehrt erst ab dem 13. Lebensjahr auf (vgl. Krebs im Kindesalter, 2007). Die Heilungschancen einer AML sind geringer als die einer ALL. Es wurden jedoch auch hier, wie bei allen anderen Formen von Leukämien, in den letzten Jahren große Fortschritte in der Behandlung erzielt.

Betroffene Kinder und Jugendliche fallen meistens durch extreme Blässe, Müdigkeit und Schlappheit auf. Diese Symptome können auch für den Beginn einer ganz normalen Kinderkrankheit sprechen. Oft ist der Krankheitsverlauf durch lang anhaltende, nicht auskurierbare Infektionen gekennzeichnet. Erst die Untersuchung des Blutes lässt zweifelsfrei die Art der vorliegenden Erkrankung erkennen (Gutjahr, 1994, S. 251ff).

Lymphome: Unter dem Oberbegriff Lymphome sind mehrere Krankheitsbilder zusammengefasst. Die häufigsten Lymphomerkrankungen im Kindesalter sind das Hodgkin-Lymphom[5] und das Non-Hodgkin-Lymphom. Lymphome entstehen in den Geweben des Lymphsystems und sind im Kindesalter häufig nicht lokal begrenzt. Aufgrund dessen zählen sie, wie die Leukämien, zu den so genannten systemischen Erkrankungen (vgl. Deutsche Leukämie- Forschungshilfe, 1998). Zu 80% tritt die Hodgkinsche Krankheit in den Lymphknoten im Kopf- und Halsbereich auf, doch können auch Lymphknoten im mittleren Brustraum, in der Milz und der Leber betroffen sein. An einem Hodgkin-Lymphom erkranken vorwiegend Erwachsene. Diese Erkrankung kommt auch bei Jugendlichen, weniger jedoch bei Kindern vor. Es kommt zu einer schmerzhaften Schwellung der Lymphknoten, welche vor allem im Kopf- und Halsbereich tastbar sind. Weitere Symptome sind hohes Fieber, Nachtschweiß, Juckreiz und Gewichtsverlust (vgl. Kleihauer, 1994). Die Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) sind ebenfalls eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems, allerdings verläuft die Ausbreitung dieser Krankheit meist schneller als bei der Hodgkinschen Krankheit und ist daher zum Zeitpunkt der Diagnose oft schon weit fortgeschritten. Non-Hodgkin-Lymphome treten bei Kindern besonders häufig im Hals- und Kopfbereich, im oberen Brust- sowie im Bauchraum auf. Auch können Milz, Leber und Knochen sowie das zentrale Nervensystem befallen sein. Zu einer sicheren Feststellung eines Non-Hodgkin- Lymphoms ist meist eine Gewebeentnahme[6] unerlässlich. Um das genaue Ausmaß der Erkrankung zu bestimmen, sind weitere röntgen-diagnostische Untersuchungen sowie Ultraschalluntersuchungen und eine Computer- tomografie[7] notwendig. Für eine sichere Diagnose müssen darüber hinaus das Knochenmark und das Hirnwasser[8] untersucht werden.

2.2 Bösartige solide Tumoren

Hirntumoren: Die Gefährlichkeit dieser Tumoren hängt wesentlich von ihrer Lage und ihrer Ausdehnung ab. Bei Erwachsenen sind sie überwiegend im Großhirn angesiedelt, bei Kindern treten sie dagegen eher im Kleinhirn auf (Krebs im Kindesalter, 2007, S. 20). Die häufigsten Hirntumoren im Kindes- und Jugendalter sind Astrozytome, primitive neuroektodermale Tumoren (PNET) und Ependymome (vgl. Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Relative Häufigkeiten von Hirntumoren verglichen mit der häufigsten Einzeldiagnose ALL.

Quelle: Jahresbericht 2005 des Deutschen Kinderkrebsregisters, Mainz

Hirntumoren verursachen zahlreiche Symptome, z.B. Seh- und Verhaltensstörungen, Persönlichkeitsveränderungen, Unsicherheiten beim Laufen, starke Kopfschmerzen, Nüchtern-Erbrechen und Konzentrations- schwäche (vgl. Baier, 1994). Da diese Anzeichen jedoch auch auf andere physische und psychische Erkrankungen hinweisen können, ist eine exakte Diagnose nur durch neurologische Untersuchungen, Augenhintergrund- spiegelungen sowie Computer- und Kernspintomografie zu erzielen. Hirntumoren können bei Kindern und Jugendlichen in allen Altersstufen auftreten, am häufigsten treten sie jedoch vor dem zehnten Lebensjahr auf. Die Heilungschancen für Hirntumoren im Kindesalter betragen heute zwischen 30 und 70% (Krebs im Kindesalter, 2007, S. 21).

Neuroblastom: Bei dieser Erkrankung entarten sehr junge Zellen des autonomen Nervensystems[9], von dem unter anderem der Blutdruck gesteuert wird. Da diese Nerven an der Rückseite des Bauchraumes und des Brustkorbes entlanglaufen, treten die meisten Neuroblastome im Bauch-, Becken-, Brust- oder Halsbereich auf. Mehr als die Hälfte dieser Erkrankungen geht vom Nebennierenmark aus, welches auch von diesen Nervenzellen gebildet wird (Gutjahr, 2004b, S. 48ff). Symptome, die auf ein Neuroblastom hinweisen können, sind z.B. Schwellungen, Knochenschmerzen, Müdigkeit, Fieber, Blässe, Schwitzen, Blutergüsse rund um das Auge, die Zunahme des Bauchumfangs sowie eventuelles Hinken (vgl. Krebs im Kindesalter, 2007). Ein Neuroblastom kann durch Blut- und Urinuntersuchungen, durch bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Computer- und Kernspintomografie sowie durch spezielle nuklearmedizinische Untersuchungsmethoden diagnostiziert werden. Zur Stützung der Diagnose ist es oft notwendig eine Gewebeprobe zu entnehmen (vgl. Blunck, 1994). Problematisch ist an dieser Erkrankung, dass es in vielen Fällen schon vor der Diagnose zu einer raschen Bildung von Metastasen[10] kommen kann. Neuroblastome kommen fast ausschließlich bei kleineren Kindern bis etwa zum sechsten Lebensjahr vor (vgl. Gutjahr, 2004b). In 25 bis 30% aller Fälle treten die ersten Anzeichen für ein Neuroblastom bereits innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate auf. Die Heilungschancen sind je nach Stadium der Erkrankung unterschiedlich. Frühe Stadien des Neuroblastoms haben durchaus eine Heilungschance von 70 bis 100%. Je fortgeschrittener das Stadium des Tumors und das Alter des betroffenen Patienten, desto schlechter sind die langfristigen Heilungschancen, da es sich bei älteren Kindern meist um ein schon metastasiertes Neuroblastom handelt (vgl. Ertelt et al., 2001).

Wilms-Tumor[11]: Der Wilms-Tumor ist eine bösartige Geschwulst der Niere. Symptome, die auf einen Wilms-Tumor hinweisen, sind unter anderem eine Vergrößerung des Bauchumfangs, Bauchschmerzen oder Blut im Urin. Ob ein Wilms-Tumor vorliegt, kann nur durch Ultraschall-, Röntgen-, computer- oder kernspintomografische Untersuchungen der Niere festgestellt werden (Kleihauer, 1994, S. 302f). Dieser Tumor tritt fast ausschließlich vor dem fünften Lebensjahr auf, in 75% der Fälle sind die Patienten unter fünf Jahren. Der Wilms-Tumor ist der häufigste maligne Nierentumor der Kindheit (vgl. Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990). Die Heilungschancen von Wilms- Tumoren liegen beim momentanen Stand der Forschung bei etwa 80% (vgl. Ertelt et al., 2001).

Rhabdomyosarkom: Das Rhabdomyosarkom entsteht aus entartetem, ungereiftem Muskel- oder Bindegewebe. Es kann in allen Bereichen des kindlichen Körpers auftreten, geht jedoch besonders oft von den Augenhöhlen, vom Nasen-Rachen-Raum, von den Nasennebenhöhlen oder der Urogenitalregion aus. Symptome, die auf einen Rhabdomyosarkom hindeuten, sind tastbare Knoten oder sichtbare Schwellungen, Lähmungserscheinungen oder Schmerzen (vgl. Deutsche Krebshilfe, 2007). Am häufigsten tritt diese Erkrankung bei Kindern im Alter zwischen zwei und sechs Jahren auf. Vor einigen Jahren noch galt das Rhabdomyosarkom als eine der gefürchtetsten Krebsarten im Kindesalter, da innerhalb von ein bis zwei Jahren häufig Rezidive[12] auftreten (vgl. Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990). Die heutzutage angewandte Therapie hat die Heilungschancen deutlich verbessert. Rund 80% der Patienten überleben das behandelte Rhabdomyosarkom länger als zwei Jahre, letztlich geheilt werden können ca. 60% der erkrankten Kinder (vgl. Deutsche Krebshilfe, 2007).

Osteosarkom: Der häufigste bösartige Knochentumor im Kindesalter ist das Osteosarkom, das überwiegend von den Wachstumsregionen der langen Röhrenknochen des Oberarmes und des Beines ausgeht. Die einzigen Symptome, die auf ein Osteosarkom hinweisen können, sind Schmerzen und/oder Schwellungen in den beschriebenen Regionen. Ein Osteosarkom lässt sich oft bereits schon auf einem Röntgenbild diagnostizieren. Ein Verdacht muss jedoch durch weitere Untersuchungsverfahren sowie eine Gewebsentnahme bestätigt werden. Da dieser Knochentumor sehr früh metastasiert, also Tochtergeschwülste bildet, muss eine umfassende Diagnose auch von anderen Organen, wie z.B. der Lunge, einer Therapie immer vorausgehen. Das Osteosarkom tritt vorzugsweise im Teenageralter auf, kommt aber auch bei Erwachsenen bis zum 25. Lebensjahr vor (vgl. Krebs im Kindesalter, 2007; Ertelt et al., 2001). Während vor einigen Jahren der Anteil der Jugendlichen, die drei Jahre lang rezidivfrei blieben, noch mit 20% angegeben wurde, kann man heute dank der fortschrittlichen Chemotherapie von Langzeitheilungen in über 60% der Fälle ausgehen (vgl. Lion & Kovar, 1999). Selbst Betroffene mit Metastasen in der Lunge können heute häufig geheilt werden.

Ewing Sarkom[13]: Beim Ewing Sarkom handelt es sich ebenfalls um einen Knochentumor, der wie das Osteosarkom an Armen und Beinen, aber auch an so genannten platten Knochen, also etwa dem Becken, dem Brustkorb oder der Wirbelsäule, auftreten kann. Die Symptome des Ewing Sarkoms sind denen des Osteosarkoms ähnlich, wobei allgemeine Krankheitsmerkmale wie Fieber, Schüttelfrost und Schwäche häufiger auftreten (vgl. Krebs im Kindesalter, 2007). Wie beim Osteosarkom erkranken am Ewing Sarkom vorwiegend Jugendliche und junge Erwachsene zwischen dem 10. und 25. Lebensjahr (vgl. Ertelt et al., 2001). Vereinzelt erkranken auch Kinder unter zehn Jahren an diesem Tumor. Die Heilungsrate für Patienten mit einem Ewing Sarkom liegt derzeit bei über 60% (vgl. Lion & Kovar, 1999).

3 THERAPIEFORMEN

Die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einer onkologischen Erkrankung erfolgt nach strengen, individuell angepassten, aber standardisierten und international anerkannten Therapieplänen (s. Kap. 3.6). Wie die Krebstherapie von Erwachsenen stützt sich die moderne Medizin auch bei Kindern und Jugendlichen auf die so genannten „drei Säulen“ der Therapie (vgl. Gutjahr, 1999). Zum einen besteht die Möglichkeit einer operativen Entfernung des Tumors, zum anderen ist die Bestrahlung mit Hilfe von Strahlentherapie möglich und schließlich die medikamentöse Behandlung mit Zytostatika, die so genannte Chemotherapie (vgl. Was nun? Was tun!, 1998). Ziel aller dieser Behandlungen ist es den vorhandenen Tumor bestmöglich zu entfernen und einen Rückfall der Erkrankung zu verhindern. Welche dieser Behandlungen einzeln oder in Kombination letztlich zum Einsatz kommen, hängt stark von der Art des Tumors und der Fortgeschrittenheit des Stadiums ab.

3.1 Operative Entfernung

Die meisten soliden Tumoren werden zu Beginn der Behandlung oder nach einer Vorbehandlung durch einen chirurgischen Eingriff entfernt. Dies dient einer starken Verringerung der Anzahl von Krebszellen im Körper. Ziel einer solchen Operation ist es, möglichst viel von der krankhaften Geschwulst zu entfernen ohne dabei den Gesamtzustand des Patienten zu sehr zu beeinträchtigen. Ein solcher chirurgischer Eingriff erfordert vom Operateur extrem viel Erfahrung und höchste Konzentration. Wenn im Vorfeld abzusehen ist, dass der Tumor für eine Operation zu groß oder zu weit ausgedehnt ist, wird dieser zunächst durch Chemotherapie und/oder Bestrahlung vorbehandelt (s. Kap. 3.2, 3.3), um das Volumen zu verringern und ihn hierdurch operabel zu machen. Bei einigen Tumoren, wie z.B. den beschriebenen Knochentumoren (vgl. Kap. 2.2), kann eine solche Tumoroperation den Verlust bzw. Teilverlust von Extremitäten bedeuten (s. Kap. 5.2.1).

Eine weitere chirurgische Intervention im Zusammenhang mit dem Beginn einer jeden Therapie ist die Implantation eines so genannten zentralen Venenkatheders (ZVK). Dies ist sowohl für die parenterale Ernährung als auch die Applikation von Zytostatika von großer Bedeutung. Darüber hinaus ist mit einem solchen ZVK die Möglichkeit gegeben, zu jedem Zeitpunkt der langen Therapiedauer einen funktionsfähigen Infusionszugang zum Patienten zu haben, der auch im Notfall von erheblicher Wichtigkeit sein kann (vgl. Gutjahr, 1999).

3.2 Strahlentherapie

Bei der Strahlentherapie werden therapeutisch genau bemessene, hochenergetische Strahlen eingesetzt. Diese verhindern die Vermehrung von Krebszellen und bewirken eine fortschreitende Verringerung der Tumormasse. Einige Tumoren, beispielsweise das Hodgkin-Lymphom (vgl. Kap. 2.1), reagieren sehr strahlenempfindlich. Andere wiederum, wie etwa das Osteosarkom, sind praktisch resistent gegenüber der Bestrahlung (vgl. Niethammer, 1996).

Um eine Schädigung gesunder Organe durch die Bestrahlung möglichst gering zu halten, wird die benötigte gesamte Strahlungsdosis nicht auf einmal verabreicht, sondern auf mehrere Bestrahlungen aufgeteilt. Dies hat zur Folge, dass das Kind oder der Jugendliche über mehrere Wochen täglich Bestrahlungen erhält. Die Bestrahlungen schädigen aber nicht nur die malignen Zellen, sondern auch die gesunden Zellschichten. Dadurch kommt es zu erheblichen Nebenwirkungen, die das Wohlbefinden des Kindes oder Jugendlichen stark beeinträchtigen können. Es treten akute, aber auch späte Veränderungen auf. Die Nebenwirkungen sind abhängig von der Region, in der die Bestrahlung stattgefunden hat.

Bei der Bestrahlung des Kopfes ist üblicherweise damit zu rechnen, dass Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen auftreten. Nach mehrmaligen Bestrahlungen kann es zu vermehrtem Haarausfall kommen, wenn dies nicht schon durch eine vorangegangene Chemotherapie geschehen ist. Weiterhin kommt es im Bereich der Bestrahlungseintritts- und -austrittsstelle zu Hautreaktionen. Hautrötungen, ähnlich einem Sonnenbrand, und eine trockene Schuppung der Haut sind die Folge. Sie sind schmerzhaft und bedürfen einer gründlichen Hautpflege. Auch das Gehirn ist strahlenempfindlich, vor allem in den ersten zwei Lebensjahren, in denen sich das Gehirn noch entwickelt. Bei Kindern, die in diesem Lebensabschnitt im Bereich des Gehirns bestrahlt wurden, muss mit einer Beeinträchtigung der intellektuellen Leistungsfähigkeit gerechnet werden (vgl. Niethammer, 1996). Bei Bestrahlungen im Gesicht- und Halsbereich treten Schleimhautreizungen in Rachen und Mund auf. Diese äußern sich in Schmerzen und Schluckbeschwerden. Es ist dabei darauf zu achten, dass durch eine regelmäßige Flüssigkeitszufuhr der Mund- und Rachenbereich feucht gehalten wird. Eine Bestrahlung des Bauch- und Beckenbereiches kann Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Blasenentzündungen zur Folge haben. Auch die schon beschriebenen Hautreizungen treten hierbei auf.

Infolge von Bestrahlungen kann es auch zu verschiedenen Spätfolgen kommen. Länger anhaltende Müdigkeit, Appetitlosigkeit, Sehstörungen und Fieber sind einige davon. Aber auch schwerwiegendere Folgen wie Wachstumsstörungen, Muskelschwund im Strahlengebiet oder Verhärtungen des Bindegewebes können vorkommen. Bei einer direkten oder auch indirekten Bestrahlungsnotwendigkeit der Keimdrüsen (Hoden, Eierstöcke) kann unter Umständen die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigt werden.

3.3 Chemotherapie

Die Chemotherapie zur Krebsbehandlung hat das Ziel die Teilung der Zelle auf unterschiedliche Weise zu blockieren, woraufhin diese abstirbt. Es werden dabei so genannte Chemotherapeutika oder Zellgifte (Zytostatika) eingesetzt. Sie werden in Form von Tabletten, Spritzen oder Infusionen verabreicht. Die Therapiephasen, in denen Zytostatika als Spritzen oder Infusionen verabreicht werden, finden fast ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht in stationärer Behandlung eines Krankenhauses statt. Die Verabreichung in Form von Tabletten kann zum Teil auch zu Hause stattfinden. Im Regelfall dauert die gesamte Chemotherapie zwischen sechs Monaten und zwei Jahren. Dies ist abhängig von der Art des Tumors, des Krankheitsstadiums, der körperlichen Verfassung des Patienten und der Behandlungsmethode. Das heißt aber nicht, dass die zu behandelnden Patienten diese gesamte Zeit im Krankenhaus verbringen müssen. Dort halten sie sich lediglich zur Verabreichung der Zytostatika und bei eventuell auftretenden schweren Infektionen als Folge der Nebenwirkungen der Chemotherapie auf.

Wie auch bei der zuvor geschilderten Bestrahlung greifen die verabreichten Medikamente nicht nur die krebskranken Zellen des Körpers an, sondern auch gesunde Gewebestrukturen (vgl. Kroll et al., 1994). Dies führt zu erheblichen Nebenwirkungen, die sich nicht vermeiden lassen, da noch keine Medikamente entwickelt werden konnten, die zellspezifisch nur die malignen Zellen angreifen. Besonders die sich schnell teilenden Zellen, wie die des Knochenmarks und der Schleimhaut, sind durch den Einsatz von Zytostatika betroffen.

Da es durch die Behandlung im Knochenmark zu einer starken Beeinträchtigung der Produktion der Blutkörperchen (Erythrozyten, Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) kommt, ergeben sich folgende Nebenwirkungen. Es besteht eine erheblich erhöhte Infektionsgefahr, da die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) stark vermindert sind und so den eindringenden Keimen keine Gegenwehr leisten können. Durch die Verminderung der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) entsteht eine Blutarmut, die verringerte Zahl der Blutplättchen (Thrombozyten) birgt die Gefahr von Blutungen. Bei auftretenden Zeichen von Blutungen (Nasenbluten, Blut im Stuhl oder Urin), Infektionen (Entzündungen, Fieber) oder Blutarmut (Blässe, starke Müdigkeit) ist immer der behandelnde Arzt bzw. die behandelnde Klinik aufzusuchen, da jedes dieser Zeichen auf eine lebensbedrohliche Situation hinweisen kann. Es kann auch durchaus indiziert sein, Bluttransfusionen vorzunehmen, um die Blutarmut oder Blutungsneigung zu kompensieren. Weitere eventuelle Nebenwirkungen sind Übelkeit und häufiges Erbrechen, Haarausfall, Entzündungen der Schleimhäute im Mund sowie im Rachen, Verdauungsstörungen, Magenkrämpfe und Durchfall. Jedes Zytostatikum hat unterschiedliche Nebenwirkungen. Oft werden auch mehrere Medikamente miteinander kombiniert (Polychemotherapie) um eine höhere Effizienz zu erreichen, so dass es zu einer Kumulierung der Nebenwirkungen kommt. Während der Chemotherapie werden zeitgleich weitere Medikamente wie z.B. Antibiotika, Schmerzmittel und Antiemetikum (gegen Erbrechen) verabreicht, um die Nebenwirkungen der Zytostatika zu verringern. Die Nebenwirkungen sind nach Dosisreduktion reversibel. Bedeutsamer sind die psychologischen und sozialen Folgen der Krebserkrankung (s. Kap. 5; vgl. Kroll et al., 1994).

3.4 Knochenmarktransplantation (KMT)

Trotz der zuvor genannten intensiven Behandlungsmethoden ist es möglich, dass eine Erkrankung nicht austherapiert werden kann oder nach einiger Zeit ein Rückfall auftritt. Abhängig vom Allgemeinzustand des Patienten ist es gegebenenfalls möglich, die vorangegangene Therapie zu wiederholen oder bei bestimmten Erkrankungen eine Knochenmarktransplantation durchzuführen. Knochenmarktransplantationen werden vorrangig bei den blutbildenden, organbefallenden Krankheiten wie Leukämie durchgeführt. Diese Behandlung stellt im Wesentlichen die Übertragung des Organs Knochenmark dar und ist somit als Organtransplantation anzusehen. Dabei kann es sich bei Spender und Empfänger um ein und dieselbe Person handeln (autologe Transplantation) oder um zwei verschiedene Personen (allogene Transplantation). Bei der allogenen Transplantation wird die im Knochenmark angesiedelte Fähigkeit Blut zu bilden auf einen anderen, genetisch eigenständigen Menschen übertragen. Träger dieser Fähigkeit ist die so genannte Stammzelle, welche die Neubesiedlung des Knochenmarks mit allen drei Blutbestandteilen (Erythrozyten, Leukozyten und Thrombozyten) anregt und somit die Ausbildung eines neuen Immunsystems bewirkt. Wie bei einer herkömmlichen Organtransplantation müssen Patienten einer KMT noch lange nach der Transplantation mit Immunsuppressiva[14] behandelt werden, da es sonst zu einer Abstoßungsreaktion des neuen Organs kommen kann. Die Knochenmarktransplantation ist die aggressivste Form der Therapie im Kampf gegen onkologische Erkrankungen, aber auch eine der erfolgreichsten.

3.5 Alternative Behandlungsformen

Neben den beschriebenen gängigen Therapieformen zur Behandlung onkologischer Erkrankungen gibt es noch weitere Therapieansätze, die wissenschaftlich gut begründet, aber noch nicht endgültig beurteilt worden sind. Eine klinische Anwendung ist daher momentan noch nicht möglich bzw. nicht zu empfehlen. Diese Therapieverfahren bergen aber ein hohes Potenzial an Hoffnung für die Zukunft der wirksamen Tumorbehandlung. Es handelt sich zum Beispiel um die, hier nur zur Vollständigkeit genannten, Formen: Gentherapie, Antiangiogenese, Tumorvakzinen und Hyperthermie. [15]

Über die schulmedizinischen Therapieformen hinaus gibt es noch viele weitere umstrittene komplementäre und alternative Methoden. Es ist sicherlich falsch alle Formen als umstritten zu bezeichnen und sie somit pauschal abzuwerten, jedoch ist es schwierig sie als ergänzend oder ersetzend zu betrachten. Viele der angebotenen Therapiealternativen sind ohne nachweisbare Wirkung oder dienen nur zum Teil einer Linderung bzw. Verbesserung der Krankheits- situation. Die angebotenen komplementären und alternativen Methoden können eine onkologische Erkrankung definitiv nicht endgültig heilen und bergen daher große, meist lebensbedrohliche Gefahren für den Erkrankten (vgl. Gutjahr, 2004a). Es ist immer dringend zu empfehlen eventuell in Betracht kommende Alternativtherapien mit den behandelnden klinischen Ärzten zu besprechen bzw. diese darüber zu informieren. Häufig wird mit diesen Alternativen nur versucht, mit dem Leid und der Hilflosigkeit der betroffenen Patienten Profit zu machen.

[...]


[1] Die in diesem Kapitel aufgeführten Zahlen und statistischen Ausführungen sind dem Jahresbericht des deutschen Kinderkrebsregisters (2005) und dem Ratgeber Krebs im Kindesalter (2007) entnommen.

[2] „Leukozyten: weiße Blutkörperchen; Einteilung in Granulozyten (60-70%), Lymphozyten (20- 30%) u. Monozyten (2-6% der Blutleukozyten)“. (Pschyrembel - Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 952)

[3] Blasten: unreife Vorstufen der weißen Blutkörperchen. (www.krebshilfe.de)

[4] Granulozyten: v.a. der Infektionsabwehr dienende weiße Blutkörperchen. (Lexikon Medizin, S. 694)

[5] Hodgkin-Lymphom: auch Hodgkin-Krankheit, benannt nach Thomas Hodgkin, Pathologe, 1798-1866. (Lexikon Medizin, S. 796)

[6] Biopsie: mikroskopische Untersuchung einer dem lebenden Organismus entnommenen Gewebsprobe. (Lexikon Medizin, S. 202)

[7] Computertomografie: Röntgendiagnostisches, computergestütztes bildgebendes Verfahren (Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 305)

[8] Liquor cerebrospinalis: Gehirn-Rückenmark-Flüssigkeit, schützt das ZNS gegen Stoß und Druck von außen. (Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 971)

[9] Autonomes Nervensystem: Gesamtheit der dem Einfluss des Willens u. dem Bewusstsein primär nicht untergeordneten Nerven u. Ganglienzellen, die d. Regelung der Vitalfunktionen (Atmung, Verdauung, Stoffwechsel u.a.) dienen u. das Zusammenwirken der einzelnen Teile des Körpers gewährleisten. (Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 1148)

[10] Metastase: sekundärer Krankheitsherd. (Lexikon Medizin, S. 1132)

[11] Wilms-Tumor: benannt nach Max Wilms, Chirurg, 1867-1918. (Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 1816)

[12] Rezidive: (lat. recidere: zurückfallen) Rückfall, Wiederauftreten einer Krankheit nach Abheilung. (Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 1445)

[13] Ewing Knochensarkom: benannt nach James Ewing, Pathologe, 1866-1943. (PschyrembelKlinisches Wörterbuch, 1990, S. 490)

[14] Immunsuppressiva: Medikamente, die das Immunsystem/immun. Reaktionen unterdrücken bzw. abschwächen. (Pschyrembel-Klinisches Wörterbuch, 1990, S. 773)

[15] Für nähere Informationen zu diesen Methoden: s. Gutjahr, P. 2004, S. 108f.

Ende der Leseprobe aus 104 Seiten

Details

Titel
Psychosoziale Nachsorge von Jugendlichen mit onkologischer Erkrankung
Hochschule
Fachhochschule Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
104
Katalognummer
V120191
ISBN (eBook)
9783640237777
ISBN (Buch)
9783640244928
Dateigröße
750 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychosoziale, Nachsorge, Jugendlichen, Erkrankung
Arbeit zitieren
Tobias Wichmann (Autor), 2007, Psychosoziale Nachsorge von Jugendlichen mit onkologischer Erkrankung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120191

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