Jenseits der einzigen offiziellen Interessenvertretung für Frauen, dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD), entstanden in den 1980er Jahren informelle Frauengruppen in verschiedenen Städten und Regionen der DDR. Sie begannen die Stellung von Frau und Mann in der DDR-Gesellschaft zu hinterfragen und die eigene Lebensweise zu reflektieren. Als Gruppen, die sich eigenständig außerhalb des Organisationsmonopols der SED zusammenfanden, bewegten sich die Frauengruppen in einem Konglomerat von Gruppierungen, die Themen aufgriffen, welche im offiziellen Diskurs nicht erwünscht waren.
Informelle Gruppierungen in der DDR sind besonders seit 1990 in den Fokus der historischen Forschung gerückt. Das zentrale Erkenntnisinteresse liegt dabei auf Fragen nach dem Oppositions- und Widerstandspotential dieser Gruppen. Die Existenz separater Frauengruppen findet gleichwohl kaum Erwähnung. Auch Studien, welche sich in den vergangenen Jahren ausführlicher mit Frauengruppen in der DDR befasst haben, setzen ihren Schwerpunkt oft nur bei den Gruppen mit dem Namen „Frauen für den Frieden“, die in verschiedenen Städten der DDR aktiv waren. Anders als die Gesamtdarstellungen zur DDR-Opposition und Bürgerbewegung werfen diese Untersuchungen aber die Frage auf, ob die Frauengruppen der DDR eine Frauenbewegung gebildet haben.
Die Autorin erörtert in ihrer Arbeit zunächst die mit dieser Fragestellung verbundenen theoretischen und methodologischen Probleme – etwa in Hinsicht auf die Anwendung der Begriffe „Neue Soziale Bewegung“ und „Frauenbewegung“ auf AkteurInnen und Prozesse in einer staatssozialistischen Gesellschaft.
Anschließend werden mittels Archivquellen und Zeitzeuginneninterviews fünf Dresdner Frauengruppen, die in den 1980er Jahren aktiv waren, untersucht. Die Untersuchung der Gruppen erfolgt im Hinblick auf deren Entstehung, Gründungsmotive, Aktions- und Kommunikationsformen sowie den Verbleib der Gruppen. Zwei Aspekte werden dabei besonders berücksichtigt. Erkenntnis- und Entwicklungsprozesse der Gruppen beziehungsweise einzelner Frauen in den Gruppen werden beobachtet, um mögliche DDR-spezifische Auffassungen von Geschlechterverhältnissen zu ermitteln. Im Hinblick auf die Beantwortung der Frage nach einer Frauenbewegung in der DDR wird außerdem untersucht, ob und wie Vernetzung sowie Schaffung einer (Gegen-)Öffentlichkeit unter den spezifischen Bedingungen einer Diktatur auch über Dresden hinaus statt gefunden haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 DDR-Frauengruppen als soziale Bewegung? – Forschungsansätze
1.2 Soziale Bewegung in der Diktatur? – Übertragungsprobleme
1.3 DDR-Frauengruppen in bisherigen Untersuchungen
1.4 Problemstellung und Quellenbasis
2 Historische Kontextualisierung
2.1 Frauen und Frauenpolitik in der DDR
2.2 Die DDR in den 1980er Jahren
3 Autonome Frauengruppen in Dresden
3.1 Frauen für den Frieden Dresden
3.1.1 Entstehung, Struktur und Arbeitsweise
3.1.2 Arbeitsfelder
3.1.2.1 Friedensarbeit
3.1.2.2 Geschlechterverhältnisse
3.1.2.3 Politischer Protest
3.1.3 Entwicklung der Gruppe ab 1989
3.2 Kirchlicher Arbeitskreis Homosexualität Dresden / Frauengruppe im Kirchlichen Arbeitskreis Homosexualität Dresden
3.2.1 Entstehung, Struktur und Arbeitsweise
3.2.2 Die Frauengruppe im Kirchlichen Arbeitskreis Homosexualität
3.2.2.1 Erkenntnisprozesse
3.2.2.2 Dresdner Frauenfeste
3.2.2.3 Räume für lesbische Frauen
3.2.3 Arbeitskreis und Frauengruppe in der Wende
3.3 Frauen für Frauen
3.4 Künstlerinnengruppe / Dresdner Sezession ’89
3.5 Arbeitskreis Feministische Theologie
4 Über Dresden hinaus
5 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Entstehung, Aktivitäten und Motive autonomer Frauengruppen in Dresden in den 1980er Jahren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit diese Gruppen trotz staatlicher Überwachung und offizieller Gleichstellungspolitik als eigenständige soziale Bewegung fungierten und welche Rolle die Reflexion von Geschlechterverhältnissen spielte.
- Analyse informeller Frauengruppen im Kontext der DDR-Diktatur
- Untersuchung von Aktions- und Kommunikationsformen (Eingaben, Treffen, Samisdat)
- Reflexion der DDR-Frauenpolitik aus Perspektive der betroffenen Frauen
- Bedeutung der evangelischen Kirche als Schutzraum für zivilgesellschaftliches Engagement
- Transformation und Auflösung der Frauengruppen während der Wendezeit
Auszug aus dem Buch
3.1.2.1 Friedensarbeit
Frieden blieb während des gesamten Aktionszeitraums der Gruppe ein zentrales Thema. Ausgehend vom Zusammentreffen der Gruppe für die Vorbereitung von Friedensgebeten und bald darauf aus Betroffenheit von der Einführung der Wehrpflicht für Frauen, lassen sich Eingaben an staatliche Organe sowie Vorbereitungskonzepte und Beiträge für kirchliche Veranstaltungen nach verfolgen. Nach der Verabschiedung des Wehrdienstgesetzes im März 1982, in dem verfügt worden war, dass Bürgerinnen der DDR „während der Mobilmachung und im Verteidigungszustand“ zur allgemeinen Wehrpflicht eingezogen werden können, fand eine Eingabeaktion gegen dasselbe statt. Dieser Protest hielt bis in das Folgejahr an. Im November 1983 verfasste eine Frau der Gruppe eine Eingabe an das Wehrkreiskommando Dresden Stadt. Sie äußerte darin ihr Befremden über die Musterung von Frauen, zu denen Betroffene aus ihrem Bekanntenkreis bereits herangezogen worden seien. Andere Frauen der Gruppe verfassten ähnliche Eingaben.
Daraufhin erhielt eine der Autorinnen eine Einladung zu einem Gespräch beim Wehrkreiskommando der Stadt. Sie folgte dieser Einladung mit ambivalenten Gefühlen: „Ich bin da relativ ängstlich hin und natürlich mit einer zweiten Frau, und die haben die nicht mit rein gelassen. Da haben die also dann gesagt: Wir wollen mit Ihnen alleine reden. Und wir hatten dann irgendwie nicht die Courage zu sagen: Dann gehe ich wieder, oder so. Ich war ja vorgeladen auf Grund meiner Eingabe. Und dann hat halt die andere Frau draußen gewartet. Und ich fühlte mich aber relativ sicher mit meinem dicken Bauch [Schwangerschaft der Betroffenen, R. B.]. Ich hatte das Gefühl, so stark werden die mich nicht in die Enge treiben.“ Das Gespräch verlief in der Tat nicht konfrontativ, sondern von Seiten des Wehrkreiskommandos beschwichtigend und abwiegelnd und blieb ohne Konsequenzen für die Betroffene.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Diese Einleitung beleuchtet den Widerspruch zwischen der offiziellen Gleichstellungspolitik der DDR und der gelebten Realität, welche zur Entstehung informeller Frauengruppen führte.
2 Historische Kontextualisierung: Hier werden die Phasen der SED-Frauenpolitik und die Rahmenbedingungen der DDR in den 1980er Jahren dargestellt, die den Nährboden für oppositionelle Gruppen bildeten.
3 Autonome Frauengruppen in Dresden: Dieser Hauptteil analysiert detailliert fünf Dresdner Frauengruppen, deren Arbeitsweise, Themenfelder und die Rolle als Schutzräume für individuelle und gesellschaftspolitische Reflexion.
4 Über Dresden hinaus: Dieses Kapitel thematisiert die Vernetzung der Dresdner Frauengruppen untereinander sowie mit anderen Akteuren in der gesamten DDR.
5 Zusammenfassung und Ausblick: Der abschließende Teil fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Bedeutung der Frauengruppen im Kontext der DDR-Geschichte und ihrer Entwicklung in der Wendezeit.
Schlüsselwörter
DDR, Frauengruppen, Dresden, Frauenbewegung, Friedensarbeit, Opposition, SED, evangelische Kirche, Gleichberechtigung, patriarchale Strukturen, patriarchale Gesellschaft, Geschlechterverhältnisse, Emanzipation, Zivilgesellschaft, Wende.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht die Geschichte autonomer Frauengruppen in Dresden während der 1980er Jahre und deren Rolle als informelle oppositionelle Zusammenschlüsse in der DDR.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Neben der Friedensarbeit stehen die Auseinandersetzung mit dem offiziellen Frauenbild, Geschlechterstereotypen, sexuelle Selbstbestimmung und feministische Theologie im Mittelpunkt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entstehungsgeschichte, Motive und Arbeitsweisen dieser Gruppen zu erfassen und ihre Einordnung als Teil einer ostdeutschen Frauenbewegung kritisch zu beleuchten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf der Auswertung von Archivmaterial der Robert-Havemann-Gesellschaft (Archiv Grauzone), Zeitungsquellen sowie Zeitzeuginneninterviews.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden fünf spezifische Gruppen – u.a. Frauen für den Frieden, der Kirchliche Arbeitskreis Homosexualität und die Dresdner Sezession ’89 – einzeln vorgestellt und analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind DDR, Frauenbewegung, Autonomie, Opposition, Geschlechterverhältnisse und Patriarchatskritik.
Welche Rolle spielte die Kirche für die Gruppen?
Die evangelische Kirche fungierte oft als Schutzraum für Treffen und inhaltliche Arbeit, da eine unabhängige Organisationsbildung außerhalb der staatlichen Strukturen sonst kaum möglich war.
Wie reagierte der Staat auf diese Frauengruppen?
Der Staat betrachtete unabhängige Zusammenschlüsse kritisch; die Gruppen agierten jedoch oft geschickt, um Repressionen zu vermeiden, indem sie ihre Kritik in "eingebetteter" Form formulierten oder den kirchlichen Rahmen nutzten.
- Quote paper
- Ramona Bechler (Author), 2008, Aufbruch und Bewegung? Autonome Frauengruppen in Dresden 1980-1989/90, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120194