Die Geschichte des Theaters spielt bei der generellen Betrachtung von Mediengeschichte oft nur eine untergeordnete Rolle.
Das mag zum Einen daran liegen, dass die Theaterwissenschaft (bzw. Literaturwissenschaft) diese Funktion bereits übernimmt oder aber auch zum Anderen, dass dem Theater und seiner Geschichte bei der Entwicklung der Medien ihre einflussreiche Position abgesprochen wird.
Doch gerade im Bereich der Dramaturgie fußt alles aus Bereich Film, Fernsehen und Rundfunk auf den Darstellungsweisen des Theaters.
Wenn es hier nun um eine Theatergeschichte eingebettet in die Mediengeschichte gehen soll, ist natürlich eingangs erwähnenswert, dass es in diesem Rahmen unmöglich ist, das Theater
von seinen Anfängen in der Antike bishin zum heutigen Regietheater zu umreißen.
Daher wird ein Aspekt der Theatergeschichte gewählt und sein Einfluss auf die Medien und die Beeinflussung dieser auf die Theatergeschichte dargestellt.
Das epische Theater von Bertold Brecht eignet sich für diese Betrachtung besonders, da bei seinen ästhetischen Konzepten die Wechselseitigkeit von Medien und Theater paradigmatisch vorliegen.
Brecht verwendete nicht nur alle möglichen Versatzstücke von zeitgenössischen Medien in seinen Aufführungen, seine theoretischen Schriften haben ihrerseits auch die Struktur der Medien beeinflusst.
Besonders sei hier auf die Filmdramaturgie verwiesen, die vor allem durch das epische Theater von ihren aristotelischen Erzählstrukturen abwich.
Einsteigend mit einem Überblick über die Einflüsse Brechts, nicht nur politischer (vor allem Karl Marx), sondern auch dramaturgischer Art, besonders Erwin Piscator und sein Agitprop-Theater, werden auch die gesellschaftlichen und ökonomischen Voraussetzungen angerissen, die grundlegend für die Entwicklung des epischen Theaters waren.
Anschließend wird der Bogen zu einer umfassenden Ausführung zu Bertolt Brechts theaterästehtischen Konzeptionen (wobei der Fokus selbstverständlich mehr auf dem epischen Drama, als den Lehrstücken liegt), seine Begrifflichkeit, Entwicklung und Anwendung, geschlagen und schließt mit deren intermedialer Struktur vorwiegend im Bereich Hörfunk und Film.
Bertolt Brecht war nicht nur Regisseur am Berliner Theater, sondern auch Schriftsteller für Hörspiele und fertigte im Zuge dessen theoretische Überlegungen dazu an.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Wegbereiter und Einflüsse
2.1 Gesellschaftspolitische und ökonomische Ausgangssituation
2.2 Politische Grundhaltung
2.3 Dramaturgisch-ästhetische Vorbilder
3 Brechts Theaterästhetik
3.1 Lehrstücke
3.1.1 Begrifflichkeit
3.1.2 Entwicklung
3.1.3 Anwendung im Rundfunk
3.2 Episches Theater
3.2.1 Begrifflichkeit
3.2.2 Entwicklung
3.2.3 Anwendung in Rundfunk und Film
4 Brechts Medienprogrammatik
4.1 Rundfunk
4.2 Fotografie und Film
5 Zusammenfassung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem epischen Theater von Bertolt Brecht und den zeitgenössischen Medien. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brechts theaterästhetische Konzepte sowohl durch Medien wie Film und Rundfunk beeinflusst wurden als auch seinerseits die Struktur dieser Medien und deren Rezeption prägten.
- Analyse der gesellschaftspolitischen und ökonomischen Einflüsse auf Brechts Schaffen.
- Untersuchung der theoretischen Grundlagen des epischen Theaters und der Lehrstücke.
- Erforschung von Brechts spezifischer Medienprogrammatik im Hinblick auf Rundfunk, Fotografie und Film.
- Evaluation der wechselseitigen Beeinflussung von Theaterästhetik und medialer Praxis.
- Darstellung der praktischen Anwendung von Verfremdungseffekten in verschiedenen Medienformaten.
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Begrifflichkeit
Epik im eigentlichen Sinne bezeichnet einen der drei Gattungen, neben Lyrik und Drama und ist eine durch einen Erzähler vermittelte Handlung in Prosa. Die Erzählliteratur steht aber nicht als eigenständiger Bereich, sondern war schon immer auch Bestandteil des Dramas: „In der Figurenrede kommt Episches in Form der sogenannten verdeckten Handlung zur Geltung.“ (Asmuth, Bernhard 2004, S. 53), in den Regieanweisungen können Meinungsäußerungen eines auktorialen Erzählers integriert sein und die wörtliche Rede in der Epik entspricht der direkten Rede der Personen im Drama.
Die Auffassung eines epischen Dramas im 20. Jahrhundert macht vor allem seine „Möglichkeit des Erzählers, sich auktorial zu verhalten, d.h. gegenüber seinem Stoff Distanz zu beziehen und diese Distanz auch den Leser spüren zu lassen.“ (Asmuth, Bernhard 2004, S. 54). Selbst Brecht entspricht der Ansicht, dass „...‘das Dramatische‘ auch in epischen Werken und ‚das Epische‘ in dramatischen“ (Brecht, Bertolt 2005, S. 190) vorliegen können.
Auch Piscator verwendete 1924 in Fahnen eine Erzählerfigur und bezeichnete diese Aufführung als episches Drama.
Episches Drama bei Brecht war ein „...lebenslanger Kampf gegen das von ihm so genannte ‚Illusionstheater‘“ (Herzmann, Herbert 1997, S. 58), in welchem der Zuschauer sich in die Figuren einfühlt, mitleidet und dadurch moralisch geläutert wird. „Statt in den Helden sich einzufühlen, soll das Publikum vielmehr das Staunen über die Verhältnisse lernen, in denen er sich bewegt.“ (Benjamin, Walter 1966, S. 90). Diese Vereitelung der Einfühlung sollte „...durch Zwischenschaltung eines vermittelnden ‚Erzählers‘“ (Hecht, Werner 1966, S. 57) geschehen und war für Brecht ein weiterer Indikator für die Bezeichnung seiner neuen Dramatik. Dieser Erzähler der Autor selbst, ein Protagonist oder eine inhaltlich außenstehende Person sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung verortet das Thema im Kontext der Mediengeschichte und stellt Brechts epische Theaterkonzeption als paradigmatisches Beispiel für die Wechselseitigkeit von Medien und Theater dar.
2 Wegbereiter und Einflüsse: Dieses Kapitel beleuchtet die sozioökonomischen Bedingungen der Weimarer Republik, Brechts politische Entwicklung zum Marxismus sowie dramaturgische Vorbilder wie Piscator, die seine ästhetischen Ansätze maßgeblich prägten.
3 Brechts Theaterästhetik: Hier werden die Konzepte der Lehrstücke und des epischen Theaters detailliert untersucht, wobei der Fokus auf Begrifflichkeit, historischer Entwicklung und der praktischen Anwendung in Rundfunk und Film liegt.
4 Brechts Medienprogrammatik: Das Kapitel analysiert Brechts aktive Auseinandersetzung mit Rundfunk, Fotografie und Film, wobei er diese als Instrumente zur demokratischen Teilhabe und kritischen Reflexion umfunktionieren wollte.
5 Zusammenfassung: Die Schlussbetrachtung resümiert, dass der Einfluss der Medien auf Brecht weitreichender war als sein unmittelbarer Einfluss auf die mediale Praxis, wenngleich er entscheidende Impulse für ein kritisch-intermediales Verständnis gab.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Episches Theater, Lehrstück, Medien, Intermedialität, Verfremdungseffekt, Rundfunk, Film, Dramaturgie, Theatergeschichte, Marxistische Theorie, Illusionsbruch, Medienprogrammatik, Erwin Piscator, Kritische Rezeption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theoretischen und praktischen Verknüpfungen zwischen Bertolt Brechts Theaterkonzeption und den aufkommenden Massenmedien seiner Zeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung des epischen Theaters, der Bedeutung der Lehrstücke sowie Brechts medienprogrammatischen Vorschlägen für Rundfunk, Film und Fotografie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erforschung der Wechselseitigkeit von Theaterästhetik und Medienpraxis sowie die Analyse von Brechts Versuch, Medien für seine gesellschaftskritischen Zwecke zu nutzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literatur- und theaterwissenschaftlichen Analyse von Brechts theoretischen Schriften sowie zeitgenössischen Untersuchungen zu seinem Werk.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Brechts Einflüssen, seiner spezifischen Ästhetik (Epik/Lehrstück) und seiner konkreten Medienprogrammatik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Episches Theater, Intermedialität, Verfremdungseffekt, Medienprogrammatik und die kritische Auseinandersetzung mit modernen Kommunikationsformen.
Welche Rolle spielt Erwin Piscator in der Argumentation?
Piscator wird als wichtiger Wegbereiter und Mitbegründer von Inszenierungstechniken (z.B. Projektionen) genannt, die Brecht in seinen eigenen epischen Modellen aufgriff und weiterentwickelte.
Wie bewertet die Autorin den Einfluss Brechts auf die Medien?
Sie zieht das Fazit, dass der Einfluss der Medien auf Brechts Konzeptionen stärker war als seine eigene, direkte Wirkung auf die Formate Film und Hörfunk.
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- Ulrike Pilz (Autor), 2006, Die Intermedialität von Brechts Theaterkonzeption, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120391