Um die Jahrhundertwende, der Zeit, die heute als Fin de siècle tituliert wird, finden erotische und sexuelle Stoffe rund um die Begriffe Liebe und Eros ihren Platz. Diese Zeit könnte auch mit einem „Prozess der Enttabuisierung“ überschrieben werden. Das „plötzliche Hereinbrechen“ dieser Thematik gilt als Indiz für das bisherige Verdrängen der erotischen Dimension. Der Naturalismus wird damit in Wedekinds Sinne überwunden . Doch dieses progressive Denken und Schreiben, das Kreieren eines „Frauenschicksals“ zog auch politische Folgen nach sich. Auch Wedekind wurde wegen der vermeintlichen Obszönität der „Büchse der Pandora“, das er zwischen 1892 und 1894 verfasste, angeklagt. Dies war desgleichen ein Grund dafür, dass das Stück so oft umgeschrieben wurde und, dass der Charakter der Hauptfigur Lulu einen solchen Wandel erlebte. Wedekind gilt damit als „radikaler Kritiker bürgerlicher Sexualtabus“ und Pionier der „sexuellen Revolution“ . Laut seiner eigenen Aussage ist das Anliegen seines Dramas eine „Kritik an der bürgerlichen Scheinmoral und der Sexualfeindlichkeit“, sowie der „Aufruf zur Selbstentfaltung und zur weiblichen Emanzipation“ . Er reflektiert dabei kritisch über die „Unmündigkeit der Frau als Bestandteil herrschender Vorstellungen von Geschlechterrollen“ . Doch auch der Bezug zu älterer und alter Zeit wird durch die Mythisierung hergestellt. Es zeigt sich ebenso eine „epochenspezifische Vorliebe für die Bildsamkeit der ‚Kindfrau’“ .
Die Zeit, in der Wedekind aktiv Dramen schrieb, war geprägt von Ehetragödien, in denen es um das „Missverhältnis zwischen subjektivem Gefühlsanspruch und der Unmöglichkeit, diesen Anspruch unter den konkreten Bedingungen der Gesellschaft durchzusetzen“ ging. Eben das könnte auch den ersten Teil der (Doppel-)Tragödie etikettieren. Doch auch viele spielerisch-komische Elemente, die in Situationskomik gipfeln, werden in Wedekinds Drama verwertet. Dies ist einer der Attribute, die die nicht augenfällige Zuordnung des Schauspiels in ein Genre unterstützt. Carola Hilmes, einer bedeutenden Wedekind-Forscherin, erscheint „Lulu“ sogar als eine „Tragikomödie mit (...) grotesken Elementen“ und als ein Stationenstück . Konträr zur klassischen Tragödie ist Wedekinds Werk weder einheitlich noch wahrscheinlich. Es ist eher grotesk „aus unterschiedlichsten Elementen französischer Tradition“ montiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
a. Was ist die femme fatale?
b. Der Prolog zum „Erdgeist“ als Ankündigung
c. Lulus Rolle für die Männer
i. Goll und Lulu – das dressierte Tier
ii. Schwarz und Lulu – als Verführerin
iii. Schön/ing – der Erlöser? – und Lulu
d. Motive
e. Ausblick auf das Ende
3. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Lulu-Figur in Frank Wedekinds „Erdgeist“ und der Urfassung der „Büchse der Pandora“ im Hinblick auf das zeitgenössische Motiv der Femme fatale, um zu hinterfragen, ob diese Zuschreibung als absolut gelten kann oder durch die literarische Ambivalenz der Figur relativiert wird.
- Analyse des Femme-fatale-Konzepts im Fin de siècle
- Untersuchung der Bedeutung von Lulus Name und Kostümwechseln
- Die Rolle der Männer als Spiegelbild gesellschaftlicher Projektionen
- Vergleich der Lulu-Darstellung in unterschiedlichen Textfassungen
- Die Mythisierung von Lulu in Anlehnung an biblische und antike Vorbilder
Auszug aus dem Buch
i. Goll und Lulu – das dressierte Tier
Medizinalrat Doktor Goll ist der erste Mann, an den Lulu von Schön vergeben wurde. Er ist ein Mann im reiferen Alter, „[e]in steinalter, wackliger Knirps“108, der in Lulu eher das Kind in der Frau sucht. Sie wird „Objekt [seiner] senile[n] Genusssucht“109. „Ich liebe, wissen Sie, das Unfertige – das Hülflose – dem ein väterlicher Freund noch nicht entbehrlich geworden“110. Seine Vorliebe für die Kindfrau zeigt sich in dem Gespräch, dass er mit Schön über die momentan laufende Inszenierung im Theater hält. Er sähe dieses Stück mit dem jungen Mädchen schon zum vierten Mal. Er ist ein Voyeur. Der erste Akt, in dem Goll hier die Rolle spielt, findet in dem Maleratelier von Schwarz statt. Dort soll Lulu auf Wunsch ihres alternden Mannes als Pierrot, wieder ein Hinweis, der bei Lulu in Golls Sinne das Kindliche, Asexuelle unterstreicht, porträtiert werden. Jedoch Lulu ist in den beiden Versionen ein vollkommen verschiedene.
Auffällig in diesem Akt ist, dass Goll eine gewisse Angst hat, Lulu mit Schwarz allein zu lassen. Er ist absolut auf sie fixiert und „postiert sich als Schanzkorb“111 vor dem Zimmer, in dem sie sich umkleiden soll. Das ganze Geschehen wirkt eher, als ob er sie wie einen kleinen dressierten Hund behandelt. Das zeigt vor allem das „Hopp“, mit dem Goll Lulu immer wieder antreibt. Er behält gern die Herrschaft, vor allem über Lulu. „Es weiß einen wenigstens nicht zu controllieren“112 Er will sie ständig sehen und hat in ihren Ehekontrakt eine Passage aufgenommen, nachdem sie Nelli heißt.113 Er meint sie zu besitzen. Aber wenn Lulu ausdrückt, dass sie auf dem Weg ins Atelier selbst kutschiert habe114, zeigt das, dass der Doktor eigentlich der Beherrschte ist. Lulu hält die Zügel auch in ihrer Ehe in der Hand. Sie ist sich ihrer „vollkommen bewusst“115. Das zeigt ihr absichtsvolles Auftreten und Handeln, ganz femme fatale.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung situiert Wedekinds Werk im Kontext des Fin de siècle und führt in die Problematik der Lulu-Figur sowie deren kontroverse Deutung als Femme fatale ein.
2. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert das Konzept der Femme fatale durch einen Vergleich der Urfassung mit der Doppeltragödie, wobei die Beziehungen zu den Männern und zentrale Leitmotive detailliert untersucht werden.
3. Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtungen fassen zusammen, dass Lulu als Außenseiterin und undefinierbares Wesen agiert, deren Deutung als Femme fatale sowohl durch den Text gestützt als auch in Frage gestellt wird.
Schlüsselwörter
Lulu, Frank Wedekind, Erdgeist, Büchse der Pandora, Femme fatale, Fin de siècle, Erotik, Männerbild, Weiblichkeit, Geschlechterkampf, Mythisierung, Theater, Gesellschaftskritik, Pierrot, Tragikomödie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Charakterisierung der Lulu in Frank Wedekinds Dramen „Erdgeist“ und der Urfassung der „Büchse der Pandora“ im Kontext zeitgenössischer Vorstellungen über die Femme fatale.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die literarische Konstruktion von Weiblichkeit, der Einfluss der Zeitströmungen des Fin de siècle und die Dynamik zwischen den Geschlechtern in Wedekinds Werken.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Lulu-Figur auf ihre Vereinbarkeit mit dem Klischee der Femme fatale zu prüfen und dabei die verschiedenen Textversionen Wedekinds kritisch gegenüberzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primär textimmanente Interpretationen der Lulu-Dramen mit einer Kontextualisierung durch mythologische und zeitgeschichtliche Quellen verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Definition der Femme fatale, den Prolog als Ankündigung, Lulus spezifische Rollenkonstellationen zu ihren Männern (Goll, Schwarz, Schön) sowie leitmotivische Elemente wie Namen und Kostümwechsel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen zählen Lulu, Femme fatale, Fin de siècle, Geschlechterkampf, Mythisierung und die literarische Dekadenz um 1900.
Warum spielt der „Prolog“ im „Erdgeist“ eine so wichtige Rolle?
Der Prolog dient als interpretative Vorwegnahme des gesamten Geschehens, in der Lulu bereits durch den Tierbändiger metaphorisch als „Tier“ und als potenzielle Femme fatale eingeführt wird.
Wie unterscheidet sich die Sicht auf Lulus Männer von deren eigener Wahrnehmung?
Während die Männer versuchen, Lulu als Objekt zu besitzen oder zu definieren, zeigt die Analyse, dass Lulu in ihren Handlungen oft eine subversive Macht ausübt, die die Kontrolle der Männer konterkariert.
Welche Rolle spielen mythologische Bezüge?
Die Autorin zieht Parallelen zu Eva und Pandora, um aufzuzeigen, wie Lulu einerseits als „Sündenfall“ oder „Unheil bringendes Weib“ stigmatisiert wird, was jedoch wesentliche Aspekte ihrer Figur verkennt.
- Quote paper
- Josephine Ernst (Author), 2008, Die Lulu-Figur in Wedekinds „Erdgeist“ im Kontext zeitgenössischer Femme-fatale-Darstellungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120411