Es duftet nach Popcorn, Menschen drängen sich dicht aneinander, Stimmen erfüllen den Raum. Langsam füllt sich der Saal, und das Licht geht aus. Das Reden verstummt, und gebannt starren alle auf die weiße Wand.
Egal ob auf der großen Kinoleinwand oder auf dem heimischen Bildschirm, ob allein, zu zweit, mit der Familie oder Freunden, Filme faszinieren mehr denn je. Angepriesen durch die Medien, gespickt mit den großen Stars aus der Presse und beworben durch Freunde kommt keiner mehr an diesem Medium vorbei. Aber auch der Zuschauer besitzt einen großen Anteil an Einfluss auf die Filmindustrie, entscheidet doch allein sein Geschmack über ‚Top’ oder ‚Flop’.
Doch wie schaffen es die Regisseure immer wieder aufs Neue, durch Geschichten zu fesseln, zu erschrecken, zum Lachen zu bringen oder auch völlig am Zuschauergeschmack vorbei zu erzählen?
Am Beispiel einer der bekanntesten Kindergeschichten Deutschlands, dem „Doppelten Lottchen“ soll gezeigt werden, dass eine Geschichte viele Möglichkeiten bietet, sie zu verfilmen. Die Geschichte von Erich Kästner ist ein beliebtes Kinderbuch in Deutschland und fasziniert klein und groß. Zu erleben, wie zwei Kinder es schaffen mit ihrem Schicksal umzugehen und ihre Eltern „austricksen“ können, um ihnen später zu einem glücklichen Ende zu verhelfen, ist eine mitreißende Geschichte. Ebenso wie der Roman sind die zahlreichen Verfilmungen der Literaturvorlage ein Genuss für die ganze Familie. Natürlich ist nicht jede getreu dem Original, doch allein die Grundhandlung von einem Zwilling, den die geschiedenen Eltern trennten, hat sich auch ‚über den großen Teich’ bis nach Hollywood durchgesetzt und wird heute noch gern als Familienunterhaltung genutzt.
Das Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von ausgewählten Szenen, bestimmte Besonderheiten der Filme vorzustellen aber auch diese nicht außer Acht zu lassen, die dem Zuschauer Probleme beim Verständnis bereiten können. Abschließend erfolgt ein Vergleich der Produktionsländer bezüglich der Herstellung der Filme. Somit soll gezeigt werden, dass die Thematik der Literaturvorlage Kästners in unterschiedlicher Weise verarbeitet werden kann und dennoch nach wie vor den Zuschauer in seinen Bann zieht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Charlie & Louise: Das doppelte Lottchen in Hamburg & Berlin
2.1. Der Film und sein Regisseur
2.2. Besonderheiten der Verfilmung
2.2.1. ‚Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr’
2.2.1.1. Frau Kröger und Herr Palfy stellen sich vor
2.2.1.2. 10 Jahre später – Chaos vs. Ordnungswahn
2.2.1.3 Ihr habt doch zwei Kinder!
2.2.2. Der Erzähler: Erich Kästners ‚Vermächtnis’
2.2.2.1. Die moralische Instanz
2.2.2.2. Es war so schön: der Erzähler als Weissager
2.2.2.3. Die Rolle des Erzählers
2.3. Probleme der Verfilmung
2.3.1. Erich Kästner als Vorlage
2.3.2. Die Zwillinge: Siehst du mich (nicht)?
3. Ein Zwilling kommt selten allein: Das doppelte Lottchen in Hollywood & London
3.1. Der Film und seine Regisseurin
3.2. Besonderheiten der Verfilmung
3.2.1. Mrs. James und Mr. Parker stellen sich vor
3.2.1.1. 11 Jahre und 9 Monate - eine lange Zeit!
3.2.2. Ein besonderer Anfang braucht ein besonderes Ende
3.2.2.1. So schön, schön war die Zeit
3.2.2.2 Noch einmal! Weil es so schön war
3.2.3. Schade, schon vorbei!
3.3. Probleme der Verfilmung
3.3.1 Wir brauchen dich doppelt: digitale Welt
3.3.1.1. Bluescreen und Body Double
3.3.1.2. Split Screen und Motion-Control Kamera
3.3.2. Schöne heile Welt: Geldsorgen ade
4. Das Hollywoodschema vs. deutsches Bildungskino
4.1. Der ‚Heros in 1000 Gestalten’
4.1.1. Die Abenteuer des ‚Heros’
4.1.2. Der Aufbruch des ‚Heros’
4.1.3. Der Weg der Prüfungen
4.1.4. Der ‚Heros’ in Hollywood
4.2. Walt Disney: Schöne heile Welt
4.3. Deutsches Bildungskino
4.4 Das Publikum – hohe Ansprüche vs. Unterhaltungswille
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie Erich Kästners „Das doppelte Lottchen“ in zwei verschiedenen Kinoproduktionen der 90er Jahre – dem deutschen Film „Charlie und Louise“ und dem US-amerikanischen Film „Ein Zwilling kommt selten allein“ – unterschiedlich verarbeitet wird, um verschiedene Zielgruppen anzusprechen und kulturelle Besonderheiten zu reflektieren.
- Vergleichende Analyse der filmischen Adaption der literarischen Vorlage.
- Untersuchung der Regiestile im Kontext deutscher und amerikanischer Filmtraditionen.
- Analyse filmtechnischer Besonderheiten (z. B. Bluescreen, Doppelrolle, Erzählerstruktur).
- Betrachtung der Zuschauerrezeption und Erwartungshaltungen an das Genre Familienfilm.
- Gegenüberstellung des „Hollywoodschemas“ mit dem „deutschen Bildungskino“.
Auszug aus dem Buch
2.2.1.1. Frau Kröger und Herr Palfy stellen sich vor
Zu Beginn des Films erlebt man beide Eltern nur auf ihrem Vorteil bedacht (siehe Kapitel 2.1.). Herr Palfy tritt mit fester Stimme und sehr bestimmt mit Anzug und Krawatte gekleidet in Erscheinung, neben seinem Anwalt. Die Kamera zeigt beide in Nahaufnahme und folgt ihnen, während sie durch die Gänge eines Gebäudes laufen. Diese Einstellung wird benutzt, um den Menschen von „Kopf bis zur Mitte des Oberkörpers (zu zeigen). Mimische und gestische Elemente stehen im Vordergrund. (Sie) werden vorzugsweise für das Zeigen von Diskussionen und Gesprächen benutzt“, wie auch in diesem Fall. Diese Position, in der sich die Kamera auf Augenhöhe der Figuren befindet und dabei frontal auf das Geschehen gerichtet ist, nennt man objektiv. Für den Zuschauer ist es aufgrund der typischen Staatskleidung des Anwaltes ersichtlich, dass es sich um ein Gerichtsgebäude handelt. Das Thema wird durch den ersten Satz „Sie darf auf gar keinen Fall die Kinder bekommen!“ (CUL, 1. Minute) deutlich: es handelt sich um einen Scheidungsprozess, der auch eigene Kinder involviert. Dennoch erlebt man Herrn Palfy sehr aufgebracht und gegen seine Frau eingestellt: „Mutter? Sie ist eine überforderte Studentin!“ (CUL, 0:42 Minute) sagt er mit fester Stimme.
Es folgt ein Szenenwechsel zu Frau Kröger, ebenfalls in Nahaufnahme gezeigt. Sie steht vor einem Fenster und dreht sich zu ihrer Anwältin um (CUL, 1. Minute). „Es muss vor allen Dingen deutlich werden, warum ich mein Examen nicht zurück stellen kann.“ Sie raucht und läuft auf der Stelle, ein Anzeichen von Nervosität. Ihre Anwältin wird aus der Vogelperspektive gezeigt (CUL, 1. Minute), da es für den Zuschauer den Anschein hat, Frau Kröger sehe auf sie herunter. Der Zuschauer hat ebenso einen erhöhten Standpunkt auf das Geschehen, und es wirkt überschaubar. Normalerweise wird durch diese Kameraeinstellung Unterlegenheit, Einsamkeit oder Schwäche suggeriert, was hier jedoch wenig plausibel erscheint, da Frau Kröger als Klientin auf ihre Anwältin angewiesen ist. Dennoch äußert die Mutter sich zu keinem Zeitpunkt der Szene und lässt Frau Kröger ungehindert fortfahren. Diese Art der Kameraführung wird auch als subjektive Kamera bezeichnet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Film als Familienunterhaltung ein und stellt die Fragestellung zur filmischen Adaption des „Doppelten Lottchens“ durch Joseph Vilsmaier und Nancy Meyers vor.
2. Charlie & Louise: Das doppelte Lottchen in Hamburg & Berlin: Dieses Kapitel analysiert den Film von Vilsmaier, wobei insbesondere filmtechnische Mittel, die Eltern- und Erzählerdarstellung sowie die Abgrenzung zur Romanvorlage kritisch beleuchtet werden.
3. Ein Zwilling kommt selten allein: Das doppelte Lottchen in Hollywood & London: Hier steht die US-Verfilmung von Nancy Meyers im Fokus, wobei technische Neuerungen wie Bluescreen und Motion-Control sowie die Einbettung in die „Schöne heile Welt“ des Disney-Stils untersucht werden.
4. Das Hollywoodschema vs. deutsches Bildungskino: Dieses Kapitel vergleicht die unterschiedlichen Ansätze der Filmproduktion, beleuchtet das universelle Helden-Modell nach Campbell in Hollywood und den Bildungsanspruch im deutschen Kino.
5. Schluss: Der Schlussteil fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und resümiert, wie beide Regisseure das Thema an ihr jeweiliges Publikum und die zeitgenössischen Bedingungen angepasst haben.
Schlüsselwörter
Filmanalyse, Das doppelte Lottchen, Erich Kästner, Filmvergleich, Charlie und Louise, Ein Zwilling kommt selten allein, Joseph Vilsmaier, Nancy Meyers, Familienfilm, Literaturverfilmung, Rezeption, Kameratechnik, Hollywoodschema, Bildungskino, Heldenreise.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht zwei unterschiedliche Verfilmungen von Erich Kästners Kinderbuch „Das doppelte Lottchen“ aus den 90er Jahren hinsichtlich ihrer Umsetzung, Technik und Wirkung auf das Publikum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die filmtechnische Umsetzung von Zwillingsmotiven, die Rolle des Regisseurs und des Erzählers sowie den Einfluss der Produktionsländer (Deutschland vs. USA) auf die Erzählstruktur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie eine identische literarische Grundhandlung durch kulturelle Einflüsse und unterschiedliche Regiekonzepte auf verschiedene Weise dargestellt wird und wie dies die Zuschauerrezeption beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt Methoden der systematischen Filmanalyse, gestützt durch filmtheoretische Literatur (z. B. von Knut Hickethier und Joseph Campbell) zur Interpretation von Szenen und Strukturen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die filmische Umsetzung in den beiden Filmen, unterteilt in die Darstellung der Eltern, die Technik der Zwillingsdarstellung und den Vergleich zwischen Hollywoodschema und deutschem Bildungskino.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Filmanalyse, Zwillingsmotiv, Literaturadaption, Zuschauerrezeption und den Vergleich von Hollywood- und deutschen Filmtraditionen charakterisiert.
Warum wird im deutschen Film ein Erzähler verwendet?
Der Erzähler (mit der Stimme von Erich Kästner) dient Vilsmaier als auktoriale Instanz, um die abrupte, realistische Darstellung der Elternschicksale zu kommentieren und eine moralische Einordnung für das Publikum vorzunehmen.
Wie unterscheidet sich die Darstellung des Reichtums in den beiden Filmen?
Während der deutsche Film die Mittelklasse-Situation der Eltern thematisiert, zeichnet sich der US-Film durch eine explizite „Schöne heile Welt“ aus, in der Luxus als selbstverständlich und unproblematisch vorausgesetzt wird.
Warum war für den US-Film eine Doppelrolle nötig?
Die Regisseurin Nancy Meyers entschied sich bewusst für die Schauspielerin Lindsay Lohan, weshalb für die Zwillingsdarstellung aufwendige technische Verfahren wie Bluescreen, Body Doubles und Split-Screen-Technik eingesetzt werden mussten.
- Arbeit zitieren
- Mandy Stein (Autor:in), 2008, „Das doppelte Lottchen“: Ein Filmvergleich USA-Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120520