Unterrichtsstunde: Handlungsorientierter Umgang mit einem Märchen


Unterrichtsentwurf, 2003

30 Seiten, Note: 1


Leseprobe


Inhaltsverzeichnis:

1. Sachanalyse

2. Didaktische Analyse

3. Methodische Analyse

4. Klassensituation

5. Unterrichtsverlaufsplan

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Sachanalyse

1.1 Das Märchen als Gattung

Beim Märchen handelt es sich meist um eine kürzere fantastische Prosaerzählung (Form der Kurzepik), die frei erfunden wurde und ohne Bezug zu einer bestimmten Zeit oder einem bestimmten Ort steht. Üblich ist die Unterscheidung zwischen Volksmärchen und Kunstmärchen. Volksmärchen wurzeln in der Volksseele und wurden meist durch mündliche Überlieferung vielfach verändert (z.B. die „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm, die jedoch nicht alle „Märchen“ sind). Sie spielen in einer magischen Welt, in der Unwirkliches glaubhaft erscheint und formelhafte Wendungen stehen zu Beginn und zum Schluss. Es steckt voller fantastischer Ereignisse, die sich gar nicht haben ereignen können, weil sie gegen die Naturgesetze verstoßen. Weiterhin tragen die Märchenfiguren keine charakteristischen oder historischen Namen, sondern sie werden mit ihrem Stand oder mit Allerweltsnamen bezeichnet und besitzen typische Eigenschaften (z.B. Gegensätze wie gut - böse, schön - hässlich, tapfer - feige). Die Märchenhandlung zielt - entsprechend dem Wunschdenken von Erzählern und Zuhörern und deren Vorstellungen von ausgleichender Gerechtigkeit - auf die glückliche Lösung. Demnach ist der Grundton des europäischen Märchens optimistisch, d.h. der Held siegt und das Böse wird bestraft (die Welt ist gut, trotz mancher grausamer Züge). Volksmärchen waren ursprünglich als Geschichten für Erwachsene gedacht. Die erste planmäßige Sammlung von Volksmärchen in Deutschland erfolgte durch die Brüder Grimm in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Im Gegensatz zum Volksmärchen ist das Kunstmärchen den verschiedenen Strömungen innerhalb der Literaturgeschichte unterworfen, d.h. es ist in Stil und Haltung das künstlerische Werk eines bestimmten, namentlich bekannten Autors in seiner endgültigen Gestalt. Der Autor entwirft das Übernatürlich - Wunderbare in freier Fantasie, übernimmt aber gleichzeitig Themen, Motive und Formgesetze des Volksmärchens. Höhepunkte des Kunstmärchens liegen in der Zeit der Romantik (z.B. "Der blonde Eckbert" von Ludwig Tieck) und des poetischen Realismus (z.B. "Der kleine Häwelmann", "Die Regentrude" von Theodor Storm).

Dem Märchen werden allgemein die folgenden charakteristischen Elemente zugeschrieben:

Fantastische, unwirkliche Welt als Hintergrund; übernatürliche Kräfte wirken auf das Alltagsleben ein; Tiere und Pflanzen können menschliche Eigenschaften annehmen; Gestalten aus einer fiktiven Welt (Zwerge, Riesen, Feen usw. greifen in das Geschehen ein); das Gute siegt, es wird belohnt, das Böse bestraft; die Charaktere der Personen sind typenhaft und ständig gleichbleibend (stereotyp); bestimmte sprachliche Wendungen kehren immer wieder; besondere Bedeutung der Zahlen 3 (oft: Aufbau des Märchens nach dem Gesetz der Dreizahl: gespannte Erwartung – Mittelstück, in dem oft drei Aufgaben zu lösen sind – Wende bzw. die dreimalige Wiederholung bestimmter Motive; drei Wünsche frei usw.) und 7 (z.B. sieben Zwerge und sieben Berge ® Symbolhaftigkeit); Märchen sind Grundbilder menschlicher Existenz.

1.2 Die Brüder Grimm – Jacob Grimm und Wilhelm Grimm

Die Lebenswege der Brüder Grimm sind durch ihr wissenschaftliches und literarisches Schaffen so eng miteinander verbunden, dass viele Menschen sie nur als Einheit kennen und nicht als zwei getrennte Persönlichkeiten.

Jacob Grimm wurde 1785 in Hanau als zweites Kind eines Verwaltungsbeamten geboren, ein Jahr später sein Bruder Wilhelm. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Leistungen besuchten sie in Kassel das Gymnasium und studierten anschließend von 1802 bis 1803 in Marburg Rechtswissenschaften. Leider war das Studium der beiden derart durch materielle Not belastet, sodass es Jacob aufgab, um für seine Mutter und die sieben Geschwister einigermaßen sorgen zu können. Wilhelm blieb nach bestandenem Examen zunächst ohne Arbeit. In dieser Zeit beschäftigten sich die Brüder erstmals auf Wanderungen mit den im Volk überlieferten Märchen und sammelten diese. Aber sie zeichneten sie nicht einfach nur auf, sondern feilten an den Texten. So entstand die Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“, deren erster Band 1812 erschien. Es dauerte insgesamt über 40 Jahre, bis die über 200 Märchen 1857 in der endgültigen Ausgabe „letzter Hand“ fertig gestellt waren und seitdem Generationen von Kindern und Erwachsenen begeisterten (später kamen die „Deutschen Sagen“ hinzu). Ab 1837 fanden die Unzertrennlichen Zeit, mit der Arbeit an dem „Deutschen Wörterbuch“ zu beginnen, während sie gleichzeitig ab Ende 1840 an der Universität Berlin lehrten. Nach Jahrzehnten des gemeinsamen Schaffens starb Wilhelm Grimm mit knapp 74 Jahren. Jacob folgte ihm 1863 im Alter von 78 Jahren ins Grab und wurde, wie er es gewünscht hatte, neben seinem Bruder bestattet.

1.3 Handlungsorientierter Literaturunterricht

Mit folgenden Worten: "Denken und Tun, Tun und Denken, das ist die Summe aller Weisheit." [1] verwies schon Goethe auf die Notwendigkeit der Handlungsorientierung beim Lernen. Etwas genauer definierte Klipper 1991 diesen Begriff: "Mündigkeit, d.h. Selbständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverantwortung kann nicht gelehrt, sondern muss im praktischen Handlungsvollzug konkret gelernt werden." [2]

Etwa seit Ende der 70er Jahre besteht die Fachdiskussion um die Entfaltung einer handlungs- (und produktionsorientierten) Literaturdidaktik, um einen guten Lernerfolg zu sichern. In den Schulen, insbesondere in den Sekundarstufen I und II, dominiert immer noch das Gespräch über Texte, es wird aber kaum etwas mit Texten praktiziert. An die Stelle der traditionellen Textanalyse im Unterrichtsgespräch treten Formen des Umgestaltens, des Ergänzens und des Umsetzens in andere Medien. In allen Bundesländern finden zusehends die handlungs- (und produktionsorientierten) Formen des Literaturunterrichts Eingang in die Lehrpläne. Aktuelle Lesebücher und Unterrichtsmaterialien kommen kaum noch ohne entsprechende Anregungen aus, da man bemüht ist, allen Begabungstypen und Fähigkeiten der Kinder gerecht zu werden, was ein rein analysierender und interpretierender Unterricht kaum leisten kann. Beispielsweise können langsame Lerner einem auf vorwiegend kognitiven Zielen basierenden Literaturunterricht nur bedingt folgen, während sie bei einer Handlungsorientierung ihre praktischen Begabungen durchaus unter Beweis stellen können (individualisierender Unterricht). Schüler/ -innen sollten also nicht nur intellektuell im Unterricht angesprochen werden, sondern auch in ihrer Sinnlichkeit, ihren Gefühlen, ihrer Fantasie sowie ihrem Tätigkeitsdrang. Dies gelingt, indem Kinder Lücken in Texten ausfüllen, Geschichten aus veränderter Sicht umschreiben, eigene Texte nach vorgegebenen Mustern verfassen, zu Texten spielen und malen usw.

Handlungsorientierter Unterricht bedeutet keine überwiegend lehrerzentrierte Unterrichtsgestaltung, sondern vielmehr ein ganzheitliches Lernen mit allen Sinnen sowie ein selbständiges, selbstkontrolliertes und selbstverantwortliches Lernen (Selbsttätigkeit als Bildungsziel). Allgemein speichert man nämlich im Durchschnitt 10% von dem, was man liest, 20% von dem, was man hört, 30 % von dem, was man sieht, 50% von dem, was man hört und sieht, 70% von dem, was man selbst sagt und 90% von dem, was man selbst tut.[3] Das Postulat der Eigentätigkeit ist heute aktueller denn je, da die moderne Konsumwelt bei den Heranwachsenden zu einer „passiven“ Haltung führt, über die sich Lehrer/ -innen zunehmend beklagen. Außerdem zielt diese Form von Unterricht auf größere Lebensnähe durch direkte aktive Auseinandersetzung mit Situationsfeldern aus dem unmittelbaren Umfeld der Schüler ab. Den Kindern sollen mehr Spaß, mehr Eigenerfahrungen, mehr Sozialkontakte und Methodenkompetenz durch Anwendungsfähigkeit von Lerntechniken und Entwicklung von Schlüsselqualifikationen ermöglicht werden. Generell sollen die vier Lernbereiche Denken (kognitiver Aspekt) , Handeln (pragmatischer Aspekt) , Erleben (emotionaler Aspekt) und Interagieren (sozialer Aspekt) einbezogen werden. Unsere Zeit verlangt nämlich nach kritischen, einfallsreichen und engagierten Menschen.

Nicht zuletzt bietet ein handlungsorientierter Unterricht auch für die Lehrenden mehr Abwechslung, als ein durchgeplantes Programm, was die geistige Aktivität bei den Heranwachsenden einschränkt.

Zusammenfassend eröffnet die handlungs- (und produktionsorientierte) Literaturdidaktik ein vielfältiges Angebot von Zielsetzungen und Methoden, die zwar alle miteinander verknüpft, aber doch nicht immer deckungsgleich sind. Das Hauptanliegen liegt darin, den Kindern einen aktiven und attraktiven Zugang zur Welt des Lesens zu verschaffen.

2. Didaktische Analyse

2.1 Lehrplanbezug / Bildungsgehalt

Nach der Darstellung der fachwissenschaftlichen Erkenntnisse, die dem Unterricht zugrunde liegen, soll nun eine Verbindung zwischen dem Schüler und dem vorliegenden Thema hergestellt werden.

Der Lehrplan für die sechs - stufige Realschule verlangt u.a. im Fach Deutsch das Lesen und den Umgang mit Literatur, hier speziell mit Textsorten (Erzähltext). Überdies sollen die Schüler/ -innen der 5. Klasse Merkmale von literarischen Texten beschreiben können (s. Bereich 5.2 Schreiben), z.B. von Märchen und Schwank. Überdies sollen die Kinder epische Texte nacherzählen sowie kreativ mit Sprache / Texten umgehen können, z.B. Texte weiterschreiben oder verändern. Auch für die Bereiche 5.1 Sprechen und Zuhören und 5.4 Mit Texten und Medien umgehen bietet sich ein handlungsorientierter Unterricht an, wo die Schüler/ -innen u.a. Gedanken aufnehmen und weiterentwickeln oder Freude am Lesen literarischer Texte gewinnen sollen.

2.2 Begründung der Schwerpunktsetzung

Märchenbücher erfreuen sich noch immer großer Beliebtheit – trotz der zahlreichen Medien, die heute weitgehend die Kinderzimmer erobert haben. Im schulischen Bereich sollte deshalb die Freude am Umgang mit Märchen geweckt und gefördert werden. Märchen eröffnen allen Klassenstufen eine Fülle abwechslungsreicher Schreibanlässe. Literaturdidaktisch ist es dabei von großer Bedeutung, dass die Kinder lernen, in vielfältiger Weise – lesend, erzählend, hörend, sprechend, kritisch wertend usw. mit den Märchen umzugehen: „Es wird eine unterrichtliche Auseinandersetzung mit Märchen angestrebt, die über eine unreflektiert hinnehmende, ausschließlich erlebnisbetonte Rezeption von Märchen hinausgeht. Damit ist (...) keineswegs eine kopflastige, einseitig rational - analysierende Betrachtung der Märchen gemeint (die Bedeutung der Textanalyse für eine kreative Weiterarbeit darf allerdings auch nicht unterschätzt werden); mindestens ebenso wichtig wird der emotional - spielerische und eigenschöpferische Umgang erachtet.“ [4]

Deshalb sollen in der folgenden Unterrichtseinheit die bereits erläuterten Prinzipien der Handlungsorientierung mit einfließen, indem sich die Kinder in Gruppen auf unterschiedliche Art und Weise mit einem Märchen auseinandersetzen. Die Märchenauswahl beschränkt sich in dieser Stunde auf die Grimms Märchen, als Beispiele der Volksmärchen (in der Vorstunde wurde ein Kunstmärchen von Hans Christian Andersen behandelt). Diese Märchen haben einen großen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad bei Kindern, da die meisten von den Eltern, Geschwistern usw. schon einmal eines erzählt bekommen haben oder auch selbst im Kindergarten in Bilderbüchern geblättert haben. Außerdem erzeugen die Grimms Märchen eine Lebensnähe zu den Schülern /-innen, da sie auf Grundbefindlichkeiten des menschlichen Daseins verweisen, wie Wilhelm Grimm selbst betonte: „Kindermärchen werden erzählt, damit in ihrem reinen und milden Lichte die ersten Gedanken und Kräfte des Herzens aufwachen und wachsen; (...) Die meisten der hier geschilderten Zustände des Lebens sind so einfach, aber, wie alle wahrhaftigen, doch immer wieder neu ergreifend. (...) Jede wahre Poesie ist der mannigfaltigsten Auslegung fähig, denn da sie aus dem Leben aufgestiegen ist, kehrt sie auch immer wieder zu ihm zurück; sie trifft uns wie das Sonnenlicht, wo wir auch stehen; darin ist es gegründet, wenn sich so leicht aus diesen Märchen eine gute Lehre, eine Anwendung für die Gegenwart ergibt; (...) .“ [5] Deshalb liegt auch der Schwerpunkt der aktuellen Sprachbücher, z.B. „Sprache gestalten“ (Oldenbourg - Verlag), „Das Hirschgraben Sprachbuch“ (Cornelsen - Verlag) und „Mit eigenen Worten“ (Westermann - Verlag) auf den traditionellen Grimms Märchen.

[...]


[1] Wellenhofer, W., Unterricht heute, S.63

[2] Ebenda

[3] Vgl. Götz, K. (u.a.), Akademiebericht Pädagogik, S.79

[4] Watzke, O. (u.a.), Märchen in Stundenbildern, S.4; In: Sahr, a.a.O., S.7

[5] Verlag Olde Hansen und Bertelsmann (Hrsg.), Brüder Grimm. Deutsche Volksmärchen, S.9f.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Unterrichtsstunde: Handlungsorientierter Umgang mit einem Märchen
Veranstaltung
Lehrprobe
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
30
Katalognummer
V120619
ISBN (eBook)
9783640239474
ISBN (Buch)
9783640239245
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vollständiger Unterrichtentwurf incl. Sachanalyse, methodische Analyse, didaktische Analyse, Klassensituation, Unterrichtsverlaufsplan und diverse Anhänge. Besonders zu empfehlen sind die eigens erarbeiteten Arbeitsblätter mit Lösung (Kopiervorlagen).
Schlagworte
Unterrichtsstunde, Märchen, Lehrprobe, Handlungsorientierter Umgang
Arbeit zitieren
Kerstin Heyne (Autor:in), 2003, Unterrichtsstunde: Handlungsorientierter Umgang mit einem Märchen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120619

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