Jedes fiktionale Buch ist eine Geheimtür zu einem fremden, neuen Universum. Marie-Laure Ryan beschäftigt sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit Possible Worlds, Artificial Intelligence and Narrative Theory mit der Frage, was in uns Lesern vorgeht, wenn wir ein solches neues und fremdes Universum ‘betreten’. Außerdem stellt sie fest, dass es innerhalb dieser Universen noch andere kleine Universen geben kann, also Welten innerhalb der Welt. Diese Universen innerhalb des Universums werden von den fiktiven Figuren geschaffen. Denn, wie wir in unserer realen Welt, erfinden und träumen sich auch fiktive Figuren mit Hilfe von etwas Phantasie in eine andere neue Welt, die jedoch nur fiktiv sein kann…
Auch Gérard Genette untersucht in seinem Werk Die Erzählung das Phänomen von Welten innerhalb einer Welt. Allerdings liegt bei ihm das Hauptaugenmerk auf Texten in Texten, also Erzählungen innerhalb Erzählungen. Viel mehr sollen in dieser Arbeit beide Theorien zusammengeführt, und somit der Begriff dieser ‘Welten in Welten’ erweitert werden. Außerdem wird es in diesem Zusammenhang notwendig sein, die Eigenschaften solcher Welten näher zu bestimmen und gewisse Kriterien festzulegen, anhand derer man verschiedene Ausprägungen kategorisieren kann.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1 ERZÄHLEBENEN NACH GÉRARD GENETTE
2 METADIEGETISCHE ERZÄHLUNGEN
3 TEXTEBENEN NACH RYAN
4 F-UNIVERSES
5 TERMINOLOGIE
6 ÄHNLICHKEITEN RYAN – GENETTE
7 UNTERSCHIEDE RYAN – GENETTE
8 ZUSAMMENFÜHRUNG DER THEORIEN
9 VIER ARTEN VON UNIVERSEN ERSTEN GRADES
10 ERINNERUNGEN
11 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die narratologischen Theorien von Gérard Genette und Marie-Laure Ryan zusammenzuführen, um ein erweitertes, systematisches Verständnis von „Welten innerhalb von Welten“ in fiktionalen Texten zu entwickeln. Dabei wird eine Kategorisierung für solche Binnenebenen erarbeitet, die über die bestehenden Einzeltheorien hinausgeht.
- Analyse der Erzählebenen nach Gérard Genette
- Untersuchung der Weltkonstitution nach Marie-Laure Ryan
- Kritischer Vergleich der Konzepte „Metadiegese“ und „f-universes“
- Einführung des Begriffs „Universum zweiten Grades“
- Kategorisierung von Binnenebenen anhand von Fiktivität und Versprachlichung
Auszug aus dem Buch
Fiktivität
Besonders im Zusammenhag mit der Ryanschen Theorie, aber auch für die folgende Untersuchung, ist es wichtig, den Begriff ‘fiktiv’ genauer zu bestimmen.
Generell betrachtet, bedeutet der Begriff ‘fiktiv’, dass etwas ausgedacht, erfunden und somit nicht real ist. Die Handlung und die Figuren eines narrativen Textes sind also fiktiv.
Im Zusammenhang mit Ryans f-universes hat dieser Begriff jedoch noch eine besondere Bedeutung. Denn nach Ryan müssen f-universes innerhalb des Universums ersten Grades immer als fiktiv markiert sein. Wenn also beispielsweise eine Figur des Universums ersten Grades von einem Unfall berichtet, ist dies im Bezug auf die Rahmenhandlung, also für die zuhörenden Figuren, eine faktuale Erzählung und nach Ryan kein f-universe.
Es ist also wichtig zwischen der Fiktivität einer vom Autor erfundenen Handlung innerhalb eines Buches und der spezifischen Fiktionalität einer Geschichte, die von einer fiktiven Figur ausgedacht, also erfunden wurde zu unterscheiden.
Für den Leser sind natürlich beide Ebenen des narrativen Textes gleichermaßen fiktiv, also nicht real. Im Zusammenhang mit Ryan ist jedoch wichtig, ob das Universum zweiten Grades auf der Ebene des Universums ersten Grades als fiktiv oder als wahr dargestellt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Einführung in die Problematik von Binnenerzählungen und die wissenschaftliche Zielsetzung der Arbeit.
1 ERZÄHLEBENEN NACH GÉRARD GENETTE: Darstellung der narratologischen Ebenen (extradiegetisch/intradiegetisch) nach Genette.
2 METADIEGETISCHE ERZÄHLUNGEN: Definition und Kriterien der metadiegetischen Ebene als Erzählung in der Erzählung.
3 TEXTEBENEN NACH RYAN: Erläuterung der Konzepte Actual World und Textual Actual World nach Marie-Laure Ryan.
4 F-UNIVERSES: Einführung des Begriffs der Fantasy-Universes als Schöpfungen des Geistes intratextueller Figuren.
5 TERMINOLOGIE: Klärung der Begrifflichkeiten und Einführung des Überbegriffs „Universum ersten Grades“.
6 ÄHNLICHKEITEN RYAN – GENETTE: Herausarbeitung gemeinsamer strukturaler Aspekte der untersuchten Theorien.
7 UNTERSCHIEDE RYAN – GENETTE: Gegenüberstellung der verschiedenen Schwerpunkte hinsichtlich Diskurs- und Handlungsebene.
8 ZUSAMMENFÜHRUNG DER THEORIEN: Synthese beider Theorien unter dem gemeinsamen Begriff des Universums zweiten Grades.
9 VIER ARTEN VON UNIVERSEN ERSTEN GRADES: Systematisierung von Binnenebenen basierend auf den Kriterien Fiktivität und Versprachlichung.
10 ERINNERUNGEN: Analyse von Erinnerungen als spezifische Form nicht-versprachlichter, aber als wahr markierter Welten.
11 FAZIT: Zusammenfassende Betrachtung der neuen Klassifikationsmöglichkeiten und Ausblick auf zukünftige Forschungsansätze.
Schlüsselwörter
Narratologie, Gérard Genette, Marie-Laure Ryan, Erzählebene, Metadiegese, f-universes, Universum ersten Grades, Universum zweiten Grades, Fiktivität, Versprachlichung, Textwelt, Binnenhandlung, Erinnerungen, Literaturwissenschaft, Weltkonstitution
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Struktur von fiktionalen Ebenen innerhalb von Erzählungen, also das Phänomen von Welten, die innerhalb anderer Welten eingebettet sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die narratologischen Theorien von Gérard Genette und Marie-Laure Ryan sowie deren Anwendung auf literarische Texte.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Zusammenführung der Theorien von Ryan und Genette, um durch einen erweiterten Begriff des „Universums zweiten Grades“ eine präzisere Kategorisierung von Binnenebenen zu ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine komparatistische Analyse und theoretische Synthese, bei der zwei unterschiedliche narratologische Ansätze verglichen und formalisiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Begriffe wie „Metadiegese“ und „f-universe“, stellt Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest und entwickelt ein Kategorienschema zur Einordnung von Binnenerzählungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Narrative Ebenen, Metadiegese, f-universes, Fiktivität und Versprachlichung.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen verschiedenen Arten von Binnenebenen?
Die Arbeit nutzt zwei Hauptkriterien: den Grad der Fiktivität (markiert als fiktiv oder wahr) und den Akt der Versprachlichung (durch eine Figur der Rahmenhandlung oder nicht).
Warum spielt der Begriff „Erinnerung“ eine besondere Rolle?
Erinnerungen fungieren als eine Klasse von „Universen zweiten Grades“, die zwar wahr markiert sind, aber im Gegensatz zu klassischen Erzählungen nicht explizit versprachlicht werden.
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- Nora Haller (Author), 2008, Das Universum zweiten Grades, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120651