Die Psycho-Physiologie der fünf Elemente im Vajrayana als Grundlage der Tibetischen Medizin

Einführung in die Sichtweise der Inneren Tantras


Fachbuch, 2008
53 Seiten

Leseprobe

Inhalt

3 ... Einleitung

4 ... Tantra – Buddhismus – Tibet

12 ... Entstehung der tibetischen Medizin als multifaktorielle Matrix

14 ... Die zentrale Diskussion Atman vs. Anatman

18 ... Leerheit ist Form – Form ist Leerheit

18 ... Das menschliche Grundproblem

19 ... Die Drei Geistesgifte

22 ... Drei Geistesgifte – Fünf Elemente – Drei Grundfunktionen

23 ... Die zentrale Pathologie

24 ... Yoga vs. Naljor

25 ... Tibetische Tantrische Medizin
29 ... Äußeres Ying – Inneres Ying – Sinnesfelder

33 ... Dualismus

34 ... Die verzerrten Reaktionsmuster der fünf Elemente
34 ... Erde
35 ... Wasser
35 ... Feuer
36 ... Luft
38 ... Raum

38 ... Dysbalance der Elemente und ihre befreiten Qualitäten

40 ... Jenseits des konventionellen Therapieverständnisses

41 ... Das Problem des Ausagierens

42 ... Meditationspraxis

43 ... Die Praxis des Ausgleichs der fünf Elemente

44 ... Das Hören der Pulse

46 ... Die Methode der Stein-Echos

48 ... Der Medizin Buddha

51 ... Zusammenfassung und Ausblick

52 ... Literatur und Links

Einleitung

Die Tibetische Medizin ist in ihrer heute überlieferten Form um das Jahr 750 n. Chr. in ihren Grundlagen definiert worden. Sie ist aufs Engste mit der Ausbreitung des Buddhismus in den Himalaja-Ländern verbunden. Grundgedanken über Psycho-Physiologie und Pathologie der Tibetischen Medizin leiten sich unmittelbar aus den Belehrungen der Inneren Buddhistischen Tantras ab.

Die Tibetische Medizin ist in erster Linie eine prophylaktische bzw. salutogenetische Methode. In den Vier Medizin-Tantras – dem zentralen Grundlagenwerk der Tibetischen Medizin [14] – wird der Erkenntnis über primäre Krankheitsursachen, sowie die Psycho-Physiologie der fünf Elementarkräfte breiter Raum gewidmet. Die vorrangigste Interventionsart besteht in spiritueller und sozialer, diätologischer und Lebensstil- Beratung. Erst danach – also bei manifesteren Krankheits-Erscheinungen – kommen die (auch in der Zwischenzeit im Westen gut bekannten) komplexen Kräutermittel und mineralischen Komplexmittel zum Einsatz und danach erst Methoden der Akupunktur, des Aderlasses und kleinere Eingriffe.

Über die erwähnten Kräutermittel und verschiedenen Diagnosemaßnahmen (Pulsdiagnose, etc.) gibt es eine relativ umfangreiche Literatur. Wenig bis gar nicht sind jedoch die Grundüberlegungen zu den fünf Elementarkräften und die psycho­physiologischen bzw. pathologischen Grundkonzepte bekannt.

Ich habe das große Glück, seit 15 Jahren bei meinen Lamas der Ngak'phang Tradition der Alten Tibetischen Überlieferung (Nyingmapa) zu studieren. Im Jahre 2000 wurde ich als Ngakpa im Tantrischen Buddhismus ordiniert.

Aus meiner Erfahrung als leitender Facharzt für Physikalische Medizin und Rehabilitation in den eigenen Einrichtungen eines österreichischen Sozialversicherungsträgers kann ich sagen, dass die Grundgedanken der anstandslos in das medizinische Handling einer großen Abteilung integrierbar sind, die pro Jahr 18.000 Patienten behandelt.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei meiner Sang-yum Naljorma Dzü'drül Pamo für ihre Unterstützung und Kritik bei dieser Arbeit bedanken. Mein ganz besonderer Dank gilt allerdings in erster Linie unseren zwei Wurzel-Lamas Ngak'chang Rinpoche und Khandro Dechen. Sollten die folgenden Seiten für irgendjemanden von Nutzen sein, so ist das allein den Belehrungen und der Freundlichkeit unserer Lamas zu verdanken; sämtliche Fehler und Unzulänglichkeiten ergaben sich ausschließlich aus meinem beschränkten Verständnis.

Ngakpa Trögyal Traktung Wangdrak Dorje (Prim. Dr. Lukas Gallei)

Versuch einer möglichst knappen Darstellung grundlegender Begriffe und Namen

Tantra

Die Tibetische Medizin ist untrennbar mit der Tantrischen Tradition des Vajrayana (tib.: rdorje thegpa; ,Diamantfahrzeug') verbunden. Vajrayana, oft generalisierend ,Tibetischer Buddhismus' genannt, ist die Bezeichnung für den, in der zweiten Hälfte des ersten nachchristlichen Jahrtausends in den Ländern des Himalaja – unter indischem Einfluss – entstandenen Tantrischen Buddhismus.

Das Sanskrit Wort Tantra (tib.: gyüd) bedeutet soviel wie ,Faden, Verbindung, Verflochtensein, etc.' wird aber auch – in einem anderen Kontext – als Belehrung, wissenschaftliches System oder wissenschaftliche Disziplin (z. B. die vier Medizin-Tantras) verwendet.

Herbert V. Guenther schreibt in seinem Essay "Das Einzigartige als Unendlichkeit und Intensität" (in [12]):

Literarische Werke, die den Namen ,Tantra' tragen, gehen mehr von der reichen Welt des persönlichen Erlebens aus, als von Spekulation. ,Tantra' bedeutet wörtliche ,ausbreiten', in diesem Zusammenhang ,ein holistisches Weben des Lebens' und darüber hinaus ein Werk, das dieses Thema behandelt. Tantra kann daher Zugang bieten zu unserer Innenwelt, die auf dem Sein gegründet ist, das seit dem anfanglosem Anfang immer schon da ist. Eine hervorragende Persönlichkeit innerhalb dieser Literaturgattung ist Padmasambhava; seine Werke sowie Werke seiner Schüler und zeitgenössischer Denker zeigen in meisterhafter dramatischer Weise, wie menschliche Missverständnisse, hervorgerufen durch eine materiell-konkretisierende Einstellung und engherzigem Egoismus, zuerst ,dekonstruiert' werden müssen, bevor ein echtes Verständnis den Menschen mit Hilfe von eindrucksvollen Bildern von Äußerlich-Physischen zum Innerlich-Psychischen bis hin zur Schöpferisch-Geheimen Welt führen kann.

Eine weitere Verwendung des Ausdrucks "Tantra" findet sich in der näheren Beschreibung und Einteilung der verschiedenen Buddhistischen Richtungen. Aus der Perspektive der alten tibetischen Überlieferungstradition (Nyingma) spricht man von neun Tantras. Wobei die ersten drei Tantras (hier wird manchmal synonym der Ausdruck "Fahrzeuge" verwendet) weitgehend dem Sutra / Hinayana und Mahayana entsprechen (siehe p.6); die drei, in dieser Aufzählung folgenden äußeren Tantras legen ihr Hauptgewicht auf rituelle Praktiken und Reinigungsrituale; der Weg der drei inneren Tantras (Mahayoga, Anuyoga und Atiyoga) stützt sich auf die unmittelbare Praxis mit Hilfe feinstofflicher, psycho­physiologischer Energien – aber gleichzeitig auch auf eine zunehmend reibungslose, spontane, und natürliche Integration von Spiritualität und alltäglichem Leben.

Padmasambhava

Will man die Entstehungsgeschichte der Tibetischen Medizin historisch festmachen, so sieht man sich umgehend mit einer multiformen Matrix konfrontiert (siehe p.9). Die tibetische Geschichtsschreibung legte seit jeher wenig Wert auf historisch exakte Daten, wie sie unserem europäischen Geschichtsverständnis entgegen käme. Viel mehr beziehen sich die klassischen Historiker des Himalaja-Raumes auf Ereignisse, Personen und Orte, welche im Bewusstsein der Zuhörerschaft weit über bloße Daten, Zeitpunkte und Lokalisationen hinausgehen – am ehesten also einer kollektiven archetypisch spirituellen Herangehensweise entsprechen.

Die Tradition der Himalaja-Länder – vorwiegend Tibet und Bhutan – bezieht sich fast ausschließlich auf den Vajrayana-Buddhismus. Das klassische Geschichtsverständnis der ersten Buddhistischen Ausbreitung nach Tibet ist mit dem Erscheinen von Padmasambhava (oder Guru Rinpoche), einem verwirklichten Tantrischen Yogi aufs Engste verbunden.

Die historische Figur des Padmasambhava – übersetzt " der Lotusgeborene" – wird auf das 8. Jahrhundert datiert. Zur Zeit der ersten Ausbreitungswelle des Buddhismus in Richtung Himalajaländer lässt der tibetische König Trisong Detsen das erste buddhistische Kloster Samye (wörtlich = "das über alle gedankliche Vorstellung Hinausgehende") errichten; mit dem Ziel, dem –im Sinn der klassisch indischen Tradition gemeinten "Sangha" (= Mönchsorden) – eine Ausgangsbasis in Tibet zu schaffen.

Der Bau dieser Klosteranlagen stößt auf gewaltige Hindernisse. "Lokale Dämonen" reißen das tagsüber errichtete Bauwerk nachts immer wieder ein und vernichten jeden Baufortschritt. Den mächtigen Geistwesen des Landes kommt der Mönchsorden nicht bei. Hier sieht sich der König gezwungen, den Yogi Padmasambhava um Hilfe zu ersuchen.

Dieser unterwirft die lokalen Geistwesen, zwingt sie unter Eid von nun an als Schützer der Lehren zu wirken – und Samye kann fertig gebaut werden. [1]

Padmasambhava bedeutet "der Lotusgeborene", Guru Rinpoche bedeutet höchster und wertvollster Lehrer. Weder Hagiographie noch Historie berichten etwas über die Eltern oder familiäre Herkunft des Padmasambhava. Er soll im Land Ögyen in einer Lotusblume erschienen sei. Der Lotus ist ein konstantes indo-tibetisches Symbol für die absolute Reinheit, welche aus dem Sumpf erblüht. Der Lotus wurzelt in der Tiefe des Schlamms und bringt eine perfekte, uranfänglich reine Blüte hervor. Er verbindet untrennbar Schlamm und Morast mit Reinheit und Makellosigkeit.

In diesem Symbol ist bereits eine wesentliche Dynamik der Psycho-physiologie des Inneren Tantra vorweggenommen. "Morast", "Belastung" und "Neurose" sind einerseits der Wurzelboden und die Grundlage, aus der spontan und ganz natürlich Klarheit, Reinheit und Schönheit erwachsen können. Verzerrung und Pathologie beinhalten von Anfang an Perfektion und Blüte. Die Symptomatik trägt die Salutogenese in sich.

Buddhismus

Es gibt eigentlich "den Buddhismus" nicht. Buddhismus ist genauso wie Hinduismus ein westlich geprägter, historisch bedingter Sammelname für die unterschiedlichsten Traditionen. Buddhismus kann in so genannte Fahrzeuge unterteilt werden, wobei man von Hinayana (kleines Fahrzeug), Mahayana (großes Fahrzeug) und Vajrayana (Diamantfahrzeug) sprechen kann.

Hinayana wird typischerweise in den indischen bzw. südostasiatischen Regionen praktiziert und stützt sich auf das Prinzip der "Entsagung" – nach einer anderen Betrachtungsweise auch Sutra genannt. Die Mönchs- und Nonnenorden entsprechen dem typischen Hinayana-Bild.

Mahayana, ebenfalls in den indischen, chinesischen und japanischen-Buddhistischen Traditionen gepflegt, verfolgt in erster Linie das Ideal der tätigen Nächstenliebe. Dieses Fahrzeug wird oft auch als Bodhisattva-Fahrzeug bezeichnet. Wobei der zentrale Gedanke des so genannten Bodhisattva-Gelübde, darin besteht, so lange immer wieder in den Kreislauf der Wiedergeburten einzutreten, bis auch das letzte Wesen befreit ist.

Die Yogische Tradition – Ngak'phang Sangha

Vajrayana (tib.: rdorje thegpa; ,Diamantfahrzeug') ist typisch für die Länder des Himalajaraumes und wird daher – oft fälschlicherweise – auch als "Tibetischer Buddhismus" bezeichnet. Das übliche Bild des Tibetischen Buddhismus stellt sich in den Medien als monastisch (Mönchs- und Klostertradition) dar. Relativ wenig wird über die yogische Seite des Vajrayana berichtet, obwohl gerade herausragende Persönlichkeiten – wie z.B. Tibets großer Heiliger Milarepa(tib.: rje btsun mi la ras pa) [9,10] (ca. 1040 bis 1120) oder sein Lehrer Marpa 'Lotsawa'(tib.: mar pa lo tsa ba) [27] (1010 bis 1100) –keine Mönche sonder Yogis waren. In den Figuren des Marpa und Milarepa werden wesentliche Aspekte der yogisch-tantrischen Tradierung ersichtlich.

Marpa Lotsawa, Marpa "der Übersetzer", lebte als Großgrundbesitzer und verheirateter Familienvater. Er übertrug wesentliche Werke der indischen tantrischen Literatur ins Tibetische. In seiner Biographie [27] finden sich keine konstanten äußeren Zeichen von ritueller Praxis oder irgendein Hinweis auf eine Ordenszugehörigkeit als Mönch. Marpa war Bauer und lebte als Yogi.

Auf seinen Lehrer Naropa [11] geht eines der berühmtesten Übungssysteme des Vajrayana zurück. Die sechs Yogas des Naropa (tib.: na ro chos drug, Naro Chö Druk) beinhalten unter anderem Belehrungen über den Yoga der inneren Hitze (tib.: gtum mo, Tummo) und über die Praxis der Übertragung des Bewusstseins im Augenblick des Todes (tib.: 'po ba, Powa). [2]

Milarepa wird als "Tibets großer Yogi" [9,10] und nicht als "Tibets großer Mönch" bezeichnet. Auf ihn geht ein umfangreicher Schatz an spirituellen Belehrungen und tibetischer Lyrik zurück. [3]

Besonders in der ersten Ausbreitung des Buddhismus in Tibet spricht man von einer roten bzw. weißen Sangha. Der Name Nyingmapa (die ,Alten', ,die alte Tradition bezeichnet') ist bis dato geläufig und steht für die Schulen des Vajrayana, welche aus der Ersten Verbreitung (auch oft als ,alte Übersetzung' bezeichnet) stammen. Spätere Schule (,neue Übersetzung' – Tib. Sarma) sind unter anderem Gelugpa, Kagyud und Sakya. Die rote Sangha sind die Mönche und Nonnen, da diese bis zum heutigen Tag typisch (wein)rote Roben tragen und dazu das Haupthaar klassisch geschoren haben.

Die weiße Sangha (gö kar chang lo'i de) ist die Gemeinschaft der Yogis und Yoginis. Gö kar chang lo'i de bedeutet "weißer Rock, das Haar hängt herab wie die Äste eines Weidenbaumes". Typisch für die Yogis und Yoginis sind die weißen Roben und das Haupthaar, das als Ausdruck für die Verbundenheit mit Allem und Jedem (Tantra siehe p.4) ungeschnitten getragen wird.

Die tibetische "Version" von Yogis und Yoginis wird Naljorma (weibl.) und Naljorpa (männl.) bzw. Ngakma (weibl.) und Ngakpa (männl.) genannt. Alle diese gemeinsam bilden die weiße Sangha (gö kar chang lo'i de). Die weiße Sangha, die yogische Gemeinschaft, wird auch als Ngak'phang Sangha bezeichnet. Das Wort Naljor bezieht sich auf "Yoga" (genaueres siehe p.16); "Ngak" bedeutet übersetzt "Mantra" und deutet auf die Mantrische Hauptpraxis dieser Gruppe hin.

Mit Hilfe des Tantrischen Yogis konnte also Samye fertig gebaut werden. Zum weiterführenden Verständnis muss noch darauf hingewiesen werden, dass Padmasambhava nicht nur als singuläre historische Figur in der Tradition des Vajrayana gesehen wird. Zum einen wird Guru Rinpoche als der zweite Buddha bzw. als der Tantrische Buddha gesehen, auf den sich viele Prophezeiungen des historischen Buddha Gautama Siddharta Shakyamuni beziehen; zum anderen spricht man von einer geistigen Dimension, welche als das "Padmasambhava -Prinzip" bezeichnet wird [26]. Padmasambhava hat nicht nur als einzelne historische Figur über eine bestimmte Lebenszeit hinweg gewirkt, sondern ist in der Form verwirklichter Yogis über etliche hundert Jahre erschienen.

Dieses Padmasambhava-Prinzip hat zur Ausbreitung des Vajrayana – des Tantrischen Buddhismus – in den Himalajaländern geführt.

Tantra bedeutet – wie erwähnt – "Verbindung, Verflochtensein, Faden, Netz" etc. Sowohl in den Hinduistischen Traditionen als auch in den Buddhistischen Traditionen gibt es Tantrische Überlieferungen. Eines ihrer zentralen Motive ist Transformation. Das Symbol des Lotus kann als Transformation gesehen werden. Die Disziplinen des Yoga verwenden primär körperliche Vorgänge wie Positionen, Atmung oder Stimme etc., um davon ausgehend psycho-physiologische und mentale Energie zu transformieren. Eine der stärksten emotionalen Energien ist die sexuelle Anziehungskraft. Die diesen komplexen Emotionen zugrunde liegende reine Energie ist d e r transformative Motor für die tantrische Praxis. [4] Die spontane unbeschränkte Vereinigung von männlichen und weiblichen Aspekten ist der natürliche Zustand.

Aus diesem Grund kann Tantra nur eingeschränkt in der entsagenden Zurückziehung einer zölibatären Mönchs -oder Nonnensituation praktiziert werden. Tantra ist vielmehr unumgänglich mit einer – im Wortsinn – weltoffenen Lebensweise, typischerweise in einer Paarbeziehung, verbunden. [5]

Finden wir in den klösterlichen Strukturen des Hinayana und Mahayana sehr viele Formalismen wie Rituale, Zeremonien oder eine bestimmte durch detaillierte Gelübde geregelte Lebensweise, so zeigen sich die Wege des Inneren Tantra als weitgehend frei von äußeren Vorgaben und Reglements. Die Praxis des Inneren Tantra und hier vor allem des Dzogchen (tib.: rDzogs chen = große Vollendung) ist kaum an Äußerlichkeiten zu erkennen, da die vollkommene spontane Verbindung und natürliche Integration mit allem was ist praktiziert wird. Würde man einen Hinayana-Mönch an seinen Roben, seinem kahl geschorenen Kopf und seiner unbedingten Beziehung zu seinem Orden eindeutig erkennen, so wäre der Dzogchen-Yogi nicht von den am Feld arbeitenden Bauern, denen er bei der Ernte hilft zu unterscheiden. Lebt die Nonne einer sutrischen Ordensgemeinschaft nach mehreren hunderten Gelübden, so gibt es für die Dzogchen-Yogini nur ein inneres Gelübde – und das ist Achtsamkeit und ein äußeres Gelübde – und das ist Freundlichkeit und Güte.

Entstehung der Tibetischen Medizin als multifaktorielle Matrix

Ende des achten Jahrhunderts lädt König Trisong Detsen Samye zu einer großen medizinischen Konferenz in Samye. Dazu sind Ärzte der ursprünglichen tibetischen Tradition (Bön), buddhistische Ärzte, Ayurveda Mediziner, chinesische Ärzte, kleinasiatische (besonders die Vertreter der Unani [6] Tradition) sowie weitere zentralasiatische Medizintraditionen geladen.

Diese Konferenz wird heute als Geburtsstunde der Tibetischen Medizin genannt. Aus der Synopsis dieser Zusammenkunft werden die Grundlehren der Gyüd-shi, der Medizin-Tantras von Yuthog Yonten Gonpo, extrahiert. Yuthog Yonten Gonpo gilt als die herausragende Persönlichkeit in der Definitionsphase der Tibetischen Medizin. Er – genauso wie sein berühmter Nachfahre im 11. Jahrhundert gleichen Namens – werden stets mit den Attributen des gö kar chang lo'i de abgebildet. Sie sind mit weißen Roben und langem Haar dargestellt. Dies weist sie als tantrische Yogis aus.

[…]


[1] Diese archetypische Motiv des "Teufels", der ein Bauwerk über Nacht einreißt, das während des Tages errichtet worden war, findet sich auch in mancher Sage des europäischen Raumes. Der Dämon wird dann durch einen Fremden mit außergewöhnlichen Mitteln überlistet bzw. besiegt.

[2] Beide yogischen Praktiken sind in Unkenntnis und Übermaß im westlichen Tibetbild als Meta-Klischees vertreten.

[3] Ob seines zurückgezogenen Lebensstils und außerordentlichen Fähigkeiten wird er im Westen (sogar in Comics [30]) als Prototyp des "in der Höhle sitzenden Yogis" behandelt.

[4] Relativ wenige tantrische Systeme verwenden sexuellen Yoga als authentische Hauptpraxis. Es geht im Tantra viel mehr darum, die Welt mit ihren Phänomenen und unsere Wahrnehmung davon als "fortwährendes, natürliches und spontanes gegenseitiges Umschließen und Durchdringen" zu erleben.
Dies kann an dieser Stelle lediglich als vage Andeutung verstanden werden, da die authentischen Belehrungen des Inneren Tantra stets ausschließlich in einer direkten Lama/Schüler-Situation gegeben werden.

[5] Wobei – und darauf sei expressis verbis hingewiesen – die Information über sexuelle tantrische Praktiken zum Großteil überbordenden westlichen New Age Fantasien entspringen.

[6] ,Unani' im arabisch-persischen Sprachgebrauch abgeleitet von ,Ionia' = Griechisch. Siehe dazu: http://en.wikipedia.org/wiki/Unani

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Details

Titel
Die Psycho-Physiologie der fünf Elemente im Vajrayana als Grundlage der Tibetischen Medizin
Untertitel
Einführung in die Sichtweise der Inneren Tantras
Veranstaltung
Kurärzteausbildung
Autor
Jahr
2008
Seiten
53
Katalognummer
V120677
ISBN (eBook)
9783668110366
ISBN (Buch)
9783668110373
Dateigröße
855 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psycho-physiologie, elemente, vajrayana, grundlage, tibetischen, medizin, einführung, sichtweise, inneren, tantras
Arbeit zitieren
Dr. med. Lukas Gallei (Autor), 2008, Die Psycho-Physiologie der fünf Elemente im Vajrayana als Grundlage der Tibetischen Medizin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120677

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