Die Wesensbestimmungen sind der Ausgangspunkt für Lessings Postulate. Die Malerei und Plastik einerseits, als räumlich-zeitlich fixierte Kunst, die Koexistierendes darstellt und die Dichtung andererseits, als transitorische Kunst, die Konsekutives beschreibt. In der bildenden Kunst muss der prägnante und fruchtbare Augenblick gewählt werden. Die Einbildungskraft ergänzt den zeitlichen Verlauf. Der gewählte Augenblick muss schön sein, während in der Dichtkunst der gewählte Moment nicht schön sein muss. Wichtig ist die Wirkung auf den Rezipienten, denn die bildende Kunst arbeitet mit natürlichen Zeichen. Die Dichtung hingegen verwendet Worte, welche aber willkürliche Zeichen darstellen. Die Hässlichkeit wird daher durch die Worte abgeschwächt. Das Ekelhafte jedoch ist verboten, denn die Empfindung von Ekel ist immer Natur und niemals Nachahmung.
Von den bildenden Künsten fordert Lessing eine „rührende Verbindung von Schmerz und Schönheit“, welche Forderung er in der Laokoon-Gruppe verwirklicht sieht. Die Wirkung auf den Betrachter ist das Gefühl der Sympathie. Auch für Winckelmann muss sich eine „schöne Seele“ mit einer schönen Form verbinden.
Was die Dichtung anbelangt, so darf moralisch Hässliches das ästhetische Mitleid nicht verhindern. Das Drama ermöglicht die größtmögliche Illusion. Die „Täuschung“ ist Voraussetzung für das ästhetische Mitleid. Mitleid ist die innere Identifizierung mit dem Helden. Die Katharsis ist die Läuterung und diese kann nicht durch Furcht und Schrecken erreicht werden, sondern durch Identifikation und das daraus resultierende ästhetische Mitgefühl, das gleichzeitig ein ethisches ist. Das Resultat ist ein Wechselspiel zwischen moralischer und ästhetischer Identifizierung. Das Drama hat diese Wirkungsabsicht. Das Drama, welches eine Zwischenstellung zwischen Poesie und Malerei einnimmt, kommt daher der Natur sehr nahe. Augen und Ohren werden dadurch aber auch leichter beleidigt. Da sich die geistige Aussage mit einer bewegten Verlebendigung verbindet, kann nur das Drama eine totale Katharsis bewirken. Wenngleich auch die bildenden Künste technisch schwerer - oder besser gesagt - schwieriger sind, so ist doch bei der Dichtung die geistige Leistung höher und auch die Originalität.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Laokoon - oder über die Grenzen der Malerei und Poesie
2.1. Aufbau
2.2. Entstehung
2.3. Wirkung
2.4. Relation zu Raum und Zeit
2.5. Wesensbestimmung
2.6. Die „einfache“ und „doppelte“ Nachahmung
2.7. Regeln der Rezeption
2.8. Die Frage nach dem Geschmack
3. Die Laokoon-Debatte
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Lessings grundlegendes ästhetisches Werk „Laokoon – oder über die Grenzen der Malerei und Poesie“ und analysiert dessen zentrale Argumente zur Differenzierung zwischen den bildenden Künsten und der Dichtung. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie Lessing die Medienspezifik von Raum- und Zeitkünsten begründet und welche Bedeutung seine Thesen für den ästhetischen Diskurs bis in die Gegenwart besitzen.
- Grundlagen der Ästhetik in der deutschen Klassik
- Die Differenzierung von Raum- und Zeitkünsten
- Wirkungsästhetik und Mitleidstheorie bei Lessing
- Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Laokoon-Rezeption
- Nachwirkungen von Lessings Theorien in der modernen Literatur
Auszug aus dem Buch
2.4. Relation zu Raum und Zeit
Die bildende Kunst hat enge Grenzen, innerhalb derer die lokale Fixierung gleichzeitig auch eine zeitliche Fixierung bedeutet. Die Poesie hingegen hat weitere Möglichkeiten. Eine Handlung wird beschrieben als eine sukzessive Bewegung in Zeit und Raum. Narrative Inhalte bedeuten Bewegung, nur die willkürlichen Mittel der Dichtung sind artikulierte Töne in der Zeit. Die Handlung ist ein kontinuierlich bewegter Gehalt.
Der Zeitbegriff spielt bei Lessing die zentrale Rolle, die Wirksamkeit des Zeitmoments. Die Raum-Zeitlichkeit der Darstellungsmittel von Dichtung und bildender Kunst bedingen ihre Rezeption.
Koexistierendes wirkt als „Täuschung“ auf die Sinne und nicht auf den Verstand. Rezipiert wird durch unsere Einbildungskraft. Sukzessives zielt immer primär auf rationale Belehrung ab. Die Einbildungskraft rezipiert nur dort, wo es der Dichtung um sinnliche Täuschung geht (wie etwa beim Drama). Sukzessivität bedeutet Einschränkung der Objekte und der Verfahren. Schönheit darf nicht objektiv vermittelt werden, sondern nur im Hinblick auf ihre Wirkung beschrieben werden. Die Wirkung muss Anreiz sein für die Einbildungskraft. Körper müssen anhand ihrer Handlungen, Gegenstände anhand ihres Werdegangs beschrieben werden, um das Koexistierende in ein Konsekutives zu verwandeln.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet die Entdeckung der Laokoon-Gruppe und deren historische Bedeutung sowie die unterschiedlichen künstlerischen Deutungsansätze vom Barock bis zur Moderne.
2. Laokoon - oder über die Grenzen der Malerei und Poesie: Dieses Kapitel analysiert Lessings Werk als Aufsatzsammlung, beleuchtet dessen Entstehungskontext im Briefwechsel und erörtert zentrale Konzepte wie die Raum-Zeit-Relation, das Wesen der Künste und die Rezeptionsästhetik.
2.1. Aufbau: Das Kapitel erläutert den Aufbau von Lessings Werk als unsystematische Sammlung von Schriften, die sich durch den Wechsel zwischen deduktiven und induktiven Methoden auszeichnet.
2.2. Entstehung: Hier wird der Entstehungsprozess im Kontext der zeitgenössischen Debatten, insbesondere im Hinblick auf Winckelmann, und Lessings Auseinandersetzung mit dem Altertum beschrieben.
2.3. Wirkung: Es wird Lessings Ziel erläutert, die Dichtung von der Malerei zu befreien und die Vorrangstellung der Dichtkunst durch deren ethische und ästhetische Möglichkeiten zu begründen.
2.4. Relation zu Raum und Zeit: Dieses Kapitel behandelt die zentrale Unterscheidung zwischen räumlich fixierten Künsten und der zeitlich sukzessiven Natur der Dichtung.
2.5. Wesensbestimmung: Hier wird die Wesensbestimmung als Basis für Lessings Postulate untersucht, wobei die Wirkung auf den Rezipienten als entscheidendes Kriterium für die bildende Kunst hervorgehoben wird.
2.6. Die „einfache“ und „doppelte“ Nachahmung: Das Kapitel differenziert zwischen der direkten Darstellung der Natur und der abgeleiteten Nachahmung durch den Dichter.
2.7. Regeln der Rezeption: Hier wird analysiert, wie die Raum-Zeitlichkeit der Medien die Wahrnehmung durch Auge und Ohr bestimmt.
2.8. Die Frage nach dem Geschmack: Dieses Kapitel diskutiert Lessings Auseinandersetzung mit dem Geschmacksbegriff und der aufklärerischen Vorstellung einer allgemeinen Menschennatur.
3. Die Laokoon-Debatte: Dieser Abschnitt ordnet Lessings Position in den zeitgenössischen Diskurs ein und vergleicht seine Thesen mit den Ansichten von Winckelmann und anderen Zeitgenossen.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung rekapituliert die Kernpunkte der Arbeit, insbesondere Lessings Trennung der Künste und deren fortwährende Bedeutung für die Ästhetik.
Schlüsselwörter
Laokoon, Gotthold Ephraim Lessing, Ästhetik, bildende Kunst, Poesie, Raum, Zeit, Nachahmung, Wirkungsästhetik, Schönheit, Mitleid, Zeichenlehre, Aufklärung, Rezeption, Kunsttheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Gotthold Ephraim Lessings zentralem ästhetischen Werk „Laokoon“ und seiner systematischen Abgrenzung der bildenden Künste von der Dichtkunst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Feldern gehören die Raum-Zeit-Struktur von Kunstwerken, die Theorie der Nachahmung, die Wirkungsästhetik sowie der historische Kontext der Laokoon-Rezeption.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Lessings theoretische Argumente für die Unterscheidung der Künste herauszuarbeiten und deren Bedeutung für den modernen ästhetischen Diskurs darzulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse, die sich auf Lessings Originaltexte sowie auf relevante zeitgenössische und moderne Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung und den Aufbau des Werkes, die medientheoretische Trennung von Malerei und Poesie sowie die Debatte mit Zeitgenossen wie Winckelmann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Laokoon, Ästhetik, Raum-Zeit-Relation, Nachahmung, Wirkungsästhetik und Zeichenlehre.
Warum ist für Lessing die Unterscheidung zwischen Raum und Zeit so wichtig?
Lessing postuliert, dass die bildende Kunst (Malerei/Skulptur) in einem Raum koexistiert, während die Dichtung zeitlich sukzessiv funktioniert, woraus sich jeweils unterschiedliche gestalterische Gesetze ableiten.
Inwiefern beeinflusste Lessing moderne Theorien?
Lessings Betonung des Rezipienten und die semiotische Differenzierung der Künste legten den Grundstein für moderne ästhetische Diskurse, die bis in die Postmoderne und Semiotik nachwirken.
Wie bewertet die Arbeit Lessings Verhältnis zur „Schönheit“?
Lessing betrachtet Schönheit als das oberste Gesetz der bildenden Kunst, wobei er für die Dichtung eine höhere moralische und geistige Leistung beansprucht, die auch das Hässliche in Mitleid verwandeln kann.
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- Dr. phil. Daria Hagemeister (Author), 2008, Laokoon - Über die Grenzen der Malerei und Poesie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120827