Kognitive Ordnungsbildung beim Verstehen und bei der Reproduktion von fiktionalen Texten


Seminararbeit, 2008

22 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Begriffsbestimmung
1.1. Das Gehirn und das Nervensystem
1.2. Kognition
1.3. Radikaler Konstruktivismus
1.4. Empirische Literaturwissenschaft
1.5. Text-Bedeutungen

2. Gestaltpsychologischer Ansatz der Textlinguistik
2.1. Die Rolle der Emotionen
2.2. Verstehensprozesse
2.3. Die innere Ordnungsbildung
2.3.1. „Bedürfnisse“ und „Gefordertheiten“
2.4. Analyse der Gefordertheiten
2.4.1. Schließungs-/Lückenfüllungsexperiment
2.4.2. Reproduktionsexperiment

3. Linguistischer Ansatz der Textlinguistik
3.1. Konzept der „story grammar“
3.2. Konzept nach funktionalen Aspekten

4. Empirische Forschungen
4.1. Kontinuität der Aktanten
4.2. Prozessuale Kontinuität
4.3. Fallbeispiele (Untersuchungen von Stadler und Wildgen)
4.4. Fragestellung und Planung eigener empirischer Forschungen

5. Zusammenfassung und Schlussbemerkungen

6. Literatur- und Quellenangaben

1. Einleitung und Begriffsbestimmung

Schon einige Vorsokratiker[1] erkannten, dass es ein objektives Wissen als „Spiegelung einer an und für sich unabhängigen ontologischen Wirklichkeit“ nicht geben konnte, da sich diese Wirklichkeit dem erlebenden Subjekt eben nur durch das Erlebtwerden erschließt. Im 18. Jh. griff Giambattista Vico die Idee wieder auf, dass „unser rationales Wissen von uns selbst konstruiert wird.“[2]

„Objektive“ Wirklichkeit entsteht in der Regel dadurch, dass unser eigenes Erleben von anderen bestätigt wird.[3] Wirklichkeit ist also keine objektive vom Menschen unabhängige Größe, sondern eben nur ein Konstrukt, wie auch Fiktion eines ist, eine menschliche Schöpfung aufgrund unseres angeborenen neurobiologisch bedingten Erkenntnisvermögens und der kulturell bedingten Interpretationen.

1.1. Das Gehirn und das Nervensystem

„Kognition ist biologisch bestimmt durch die Architektur und Funktionsweise neuronaler Netzwerke.“[4] Unser Gehirn besteht aus dem Kortex (= Hirnrinde), die zum Zerebrum (= Großhirn) zählt und dem Zerebellum (= Kleinhirn). Das Großhirn ist in zwei Hemisphären (= Hälften) gegliedert und durch Nervenfasern miteinander verbunden. Jede Gehirnhälfte besteht aus einem Frontallappen, einem Partiallappen, einem Temporallappen und einem Okzipitallappen. Der Kortex, oder auch Neokortex genannt, ist für komplexe Denk-, Lern- und Sprachprozesse zuständig. In der Mitte des Gehirns liegt der Thalamus, der die zentrale Schaltstelle für alle sensorischen Impulse darstellt. Der darunter liegende Hypothalamus ist für Stoffwechselvorgänge verantwortlich und einige Emotionen. Im Hirnstamm befindet sich die Formatio reticularis, die für Reaktionen auf Impulse höherer Zentren zuständig ist. Im Reptiliengehirn befindet sich das limbische System, in welchem vor allem emotionelle Prozesse stattfinden.[5]

1.2. Kognition

Die neurobiologische Konstitution des Menschen bedingt seine Wahrnehmung und setzt somit dem „Zugriff auf Außenwelt“ natürliche Grenzen. Das Leben selbst ist ein Prozess der kognitiven Konstruktion, unser Nervensystem eine geschlossene, selbstbezügliche Entität.

Autopoietische Systeme sind selbsterzeugend, autonom, strukturdeterminiert, selbstreferentiell und operational geschlossen.[6]

Kognition ist aber auch sozial bestimmt durch den Prozess der Sozialisation, durch Sprache als System von Benennungen und Unterscheidungen, durch Kommunikation und Kultur, indem das kognitive System eine teils bewusste, teils unbewusste Selektion, Kombination und Evaluation durchführt. Der einzelne Aktant ist dabei der Schnittpunkt von so genannten Constraints[7], die man als Systeme von Verkettungs-Regularitäten verstehen kann.

1.3. Radikaler Konstruktivismus

Eine der Wurzeln des radikalen Konstruktivismus ist der bioepistemologische Beschreibungsansatz Humberto R. Maturanas.[8] Er hat erkannt, dass man nicht Inhalte und Gegenstände des Erkennens ins Zentrum rücken darf, sondern den Prozess des Erkennens selbst.

1.4. Empirische Literaturwissenschaft

Die erkenntnistheoretischen Konzeptionen sind auch für die sprach- und bedeutungstheoretischen Annahmen im Sinne einer empirischen Literaturwissenschaft, z. B. auf der Basis der NIKOL-Konzeption[9], die sich an der Theorie Maturanas orientiert, relevant.

Durch die Entwicklung der empirischen Literaturwissenschaft kommt es zu einem Paradigmenwechsel. Es kann nicht mehr um eine Interpretation von Literatur im herkömmlichen Sinn gehen, sondern man muss Literaturprozesse innerhalb des Literatursystems beschreiben und erklären. Diese Literaturprozesse setzen sich grundsätzlich aus den 4 elementaren Handlungstypen der Produktion, der Vermittlung, der Rezeption und der Verarbeitung von Literatur zusammen.

Empirische Literaturwissenschaft muss nicht notwendigerweise von einem konstruktivistischen Ansatz ausgehen, aber es ist meistens der Fall und es scheint mir der logischste zu sein. Ein Mensch ist eine so genannte „nicht-triviale Maschine“, im Gegensatz zu einer „trivialen Maschine“. Eine triviale Maschine basiert auf einem Input-Output-Prinzip, bei dem sie unveränderlich durch Operationen gewisse Ursachen mit gewissen Wirkungen verbindet, während eine nicht-triviale Maschine selbst wieder von den vorangegangenen Operationen beeinflusst und verändert wird.[10] Man kann also von einem aktiven Gedächtnis und einer eigenständigen Organisationsleistung des Gedächtnisses von Menschen ausgehen. Dadurch werden Bedeutungskomplexe generiert, die durch Resonanz den Charakter des „Wiedererkennens“ haben, umso mehr, je konsistenter die konstruierten Bedeutungskomplexe sind. Experimente von Köhler z. B., bei denen Versuchspersonen eine zufällige Folge von Begriffen genannt wurde, zeigten, dass diese Versuchspersonen nicht in der Lage waren, diese in der zufälligen Folge zu reproduzieren, sehr wohl jedoch, wenn sie diese Begriffe zu einer Gestalt zusammenschlossen.

1.5. Text-Bedeutungen

Das literarische Kommunikat (= Text) kann, sobald es um Dimensionen der Semantik geht, nicht mehr strukturell beschrieben werden. Man muss die Aktanten (= Sprachhandelnden) mit einbeziehen, denn Text-Bedeutungen realisieren sich erst im kognitiven Bereich der Aktanten. Aufgrund der sprachlichen Sozialisation werden in unterschiedlichen Subjekten parallele Bedeutungen aufgebaut.

Bei der Produktion literarischer Kommunikate müssen literatursoziologische, literatur- und kreativitätspsychologische Faktoren mit einbezogen werden.

Die literarische Rezeption wird als konstruktive Bildung von Kommunikaten in Bezug auf die Textbasis verstanden. Die Konzepte literarischer Rezeption basieren vor allem auf den Erkenntnissen der Kognitions- und Sprachpsychologie, ferner wirken sich soziopsychologische und individuelle Rezeptionsvoraussetzungen auf die Bedeutungszuweisung und Ordnungsbildung beim Verstehen von literarischen Kommunikaten aus.[11]

2. Gestaltpsychologischer Ansatz der Textlinguistik

2.1. Die Rolle der Emotionen

In der Gestaltpsychologie werden Gefühle „als Urgrund und Träger von Gestaltqualitäten, Elementarempfindungen, unmittelbaren Gestalterlebens, Phänomene der Aufmerksamkeit und intuitiven Gestaltbewertung verstanden“. Gefühle sind neurophysiologische Erregungs- und Aktivationsmuster.

Gefühle werden – neben Information und Redundanz – als Zustände und Reduktionsmotivationen von Unsicherheit innerhalb komplexer Prozesse der Bedeutungs-Generierung und insofern auch als interaktive Gegenstands-Wahrnehmungs-Phänomene und Prozess-Anteile von Erwartungsaufbau und -enttäuschung beschrieben.[12]

Gefühle spielen eine entscheidende Rolle bei Auswahl-, Speicher- und Abrufaktivitäten des Gedächtnisses. Das Gefühl selektiert in der Wahrnehmung und andere Wahrnehmungen wirft es aus dem kurzfristigen Gedächtnis heraus. „… Vergessen können ist genauso wichtig wie sich erinnern können.“ (Heller 1980:202; …)[13]

[...]


[1] Als Vorsokratiker werden antike griechische Philosophen bezeichnet, deren Leben und Werk in die Zeit vor Sokrates (469 – 399 v. Chr.) fällt. Sie stellen den Beginn der abendländischen Philosophie dar.

[2] Glasersfeld, Ernst von: „Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme“, übersetzt von Köck, Wolfram K., Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 1997, S. 76.

[3] Vgl.: Glasersfeld, Ernst von: „Konstruktion der Wirklichkeit und des Begriffs der Objektivität“, in: „Einführung in den Konstruktivismus“, Bd. 5, Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Gumin, Heinz und Heinrich Meier (Hrsg.), Piper Verlag, München 1997, S. 9 – 39.

[4] Schmidt, Siegried J.: „Der Kopf, die Welt, die Kunst. Konstruktivismus als Theorie und Praxis.“, Hrsg. Schmid, Georg und Sigrid Schmid-Bortenschlager, NHS 1, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 1992, S. 25.

[5] Alfes, Henrike F.: „Literatur und Gefühl. Emotionale Aspekte literarischen Schreibens und Lesens.“, hrsg. v. der Arbeitsgruppe NIKOL (Achim Barsch, Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt, Reinhold Viehoff), Bd. XIX, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995, S. 58.

[6] Schmidt, Siegfried J.: „Vom Text zum Literatursystem. Skizze einer konstruktivistischen (empirischen) Literaturwissenschaft.“, in: „Einführung in den Konstruktivismus“, Bd. 5, Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, hrsg. v. Gumin, Heinz und Heinrich Meier, S.151.

[7] Vgl.: Schmidt, Siegried J.: „Der Kopf, die Welt, die Kunst. Konstruktivismus als Theorie und Praxis.“, Hrsg. Schmid, Georg und Sigrid Schmid-Bortenschlager, NHS 1, Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 1992, S. 25.

[8] 1928 geborener chilenischer Neurowissenschaftler, der in Santiago de Chile lebt.

[9] Dieses Konzept wurde unter der Leitung von Siegfried J. Schmidt von der Arbeitsgruppe NIKOL entwickelt. Schmidt legte 1980 und 1982 das Konzept einer Empirischen Literaturwissenschaft vor, die ein Paradigma postuliert, das sich ausdrücklich nicht in den Dienst hermeneutischer Literaturwissenschaft stellt.

[10] Förster, Heinz von: „Entdecken oder Erfinden. Wie lässt sich Verstehen verstehen?“, in: „Einführung in den Konstruktivismus“, Bd. 5, Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, hrsg. v. Gumin, Heinz und Heinrich Meier, S. 41 - 88.

[11] Vgl.: Alfes, Henrike F.: „Literatur und Gefühl. Emotionale Aspekte literarischen Schreibens und Lesens.“, hrsg. v. der Arbeitsgruppe NIKOL (Achim Barsch, Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt, Reinhold Viehoff), Bd. XIX, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995.

[12] Alfes, Henrike F.: „Literatur und Gefühl. Emotionale Aspekte literarischen Schreibens und Lesens.“, hrsg. v. der Arbeitsgruppe NIKOL (Achim Barsch, Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt, Reinhold Viehoff), Bd. XIX, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995, S. 44.

[13] Alfes, Henrike F.: „Literatur und Gefühl. Emotionale Aspekte literarischen Schreibens und Lesens.“, hrsg. v. der Arbeitsgruppe NIKOL (Achim Barsch, Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt, Reinhold Viehoff), Bd. XIX, Westdeutscher Verlag, Opladen 1995, S. 61.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kognitive Ordnungsbildung beim Verstehen und bei der Reproduktion von fiktionalen Texten
Hochschule
Universität Wien  (Germanistik)
Veranstaltung
SE: Linguistische Erzählformen
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V120829
ISBN (eBook)
9783640243471
ISBN (Buch)
9783640246601
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kognition, Ordnungsbildung, Reproduktion von Texten, fiktionale Texte, Rezeption von Literatur, Verstehen von Texten, Sprachwissenschaft, Konstruktivismus, empiristisch, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Dr. phil. Daria Hagemeister (Autor), 2008, Kognitive Ordnungsbildung beim Verstehen und bei der Reproduktion von fiktionalen Texten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120829

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