Ende Juli 1934 schrieb Karl Kraus „Warum die Fackel nicht erscheint … Mir fällt zu Hitler nichts ein.“ Erst in den 60er Jahren schien im deutschsprachigen Raum diese Sprachlosigkeit überwunden und man sah sich mit der Notwendigkeit der Aufarbeitung der Vergangenheit konfrontiert. Doch oft mündete diese Aufarbeitung darin, einen Schlussstrich darunter zu ziehen und das Geschehene aus der Erinnerung löschen zu wollen. „Im Hause des Henkers soll man nicht vom Strick reden“ meinte Theodor W. Adorno einmal in einer wissenschaftlichen Kontroverse. „Der Gestus, es solle alles vergessen und vergeben sein, der demjenigen anstünde, dem Unrecht widerfuhr, wird von den Parteigängern derer praktiziert, die es begingen. ... Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob bloß als Gespenst dessen, was so ungeheuerlich war, dass es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; …“ Und tatsächlich war und ist das „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie“ bis zum heutigen Tag, und zwar nicht nur in Deutschland, „potenziell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 Literatur und Vergangenheitsbewältigung
1.2 „Der Sinn der Politik ist Freiheit“
1.2.1 Die Politik versus das Politische
1.3 Für eine „engagierte“ Literatur
1.3.1 Die Funktion des Dramas
1.3.2 Die Geburt des Dokumentartheaters
2 ROLF HOCHHUTH (* 1. APRIL 1931 IN ESCHWEGE)
3 „DER STELLVERTRETER“
3.1 Der Inhalt:
3.2 Der Aufbau:
3.3 Die Figuren:
3.4 Die Themen:
3.5 Die Rezeption:
3.5.1 Kontroversen:
4 HEIL HITLER
4.1 Der Inhalt:
4.2 Der Aufbau:
4.3 Die Figuren:
4.4 Die Themen:
4.5 Die Rezeption:
5 SCHLUSSBEMERKUNGEN:
5.1 Das totgesagte Dokumentartheater:
5.2 Zusammenfassung:
6 QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS:
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des politisch engagierten Dokumentartheaters anhand der Werke von Rolf Hochhuth, insbesondere „Der Stellvertreter“ und „Heil Hitler!“, um die Verbindung zwischen historischer Aufarbeitung, ethischer Verantwortung und dem politischen Anspruch der Literatur zu analysieren.
- Analyse des Einflusses des Dokumentartheaters auf die Vergangenheitsbewältigung in den 1960er Jahren.
- Untersuchung der Rolle und der moralischen Verantwortung des Schriftstellers gegenüber gesellschaftlichen und politischen Prozessen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Haltung der katholischen Kirche und Papst Pius XII. im Nationalsozialismus.
- Reflexion über die Aktualität politisch engagierter Literatur in modernen Demokratien und den Wandel von Feindbildern.
- Gegenüberstellung von historischer Faktizität und künstlerischer Darstellung innerhalb der Dramen von Rolf Hochhuth.
Auszug aus dem Buch
Die Geburt des Dokumentartheaters
Die Geburt des Dokumentartheaters ist in gewissem Sinne die Wiedergeburt des Geschichtsdramas.18 Bernd W. Seiler meint, dass „das meistbeachtete formale Merkmal dieses Dramas, seine dokumentarische Tendenz“ gleichzeitig auch „der am wenigsten erstaunliche Zug an ihm“ sei. Die Orientierung an historischen Dokumenten und direkte Zitate seien nur Ausdruck davon, dass „das heutige Bild von der Geschichte ein wissenschaftlich gegründetes Bild ist“. Wenn auch das Dokumentarstück nicht immer tatsächlich dokumentarisch ist, denn schon durch die Selektion und Anordnung der Dokumente wird eine subjektive Wertung vorgenommen, so ist doch der intentionale Bezug auf die Dokumente und somit eine scheinbare Objektivität und Wissenschaftlichkeit gegeben.
Bereits in den 20er Jahren wurde das Dokumentartheater im Ansatz von Erwin Piscator entwickelt, doch konnte es sich erst in den 60er Jahren in der BRD durchsetzen. Der große Erfolg jener Serie von Dramen, die mit Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ (das Schweigen der Kirche zur Judenverfolgung) ihren ersten Erfolg feierten, über Peter Weiss „Ermittlung“ (Auschwitz-Prozess), Heinar Kipphardts „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ (Atombombe) und Günter Grass „Die Plebejer proben den Aufstand“ (17. Juni), … liegt darin, dass es sich um politische Botschaften, um politische Anklagen handelt.
Während für den Historiker der Verlauf der Ereignisse relevant ist, auch die Motive und Antriebe der handelnden Personen, so ist hingegen für den Schriftsteller, bzw. den Dramatiker, die Perspektive, unter welcher das historische Geschehen wahrgenommen wird, ausschlaggebend. Er nimmt somit nicht die Rolle eines Historikers ein, sondern die eines Moralisten. Das Dokumentarstück will eine moralische Geschichtsbewertung vornehmen mit dem Zweck einer politischen Wirkung. Das Dokumentartheater ist also somit eindeutig politisches Theater, das versucht mittels authentischen Geschichtsmaterials, wie etwa Reden, Zeitungsartikeln, Flugblättern, Briefen und Augenzeugenberichten, das Publikum zu einer Auseinandersetzung mit dem Gezeigten zu bewegen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung beleuchtet das Spannungsfeld zwischen Vergangenheitsbewältigung, literarischem Engagement und der gesellschaftlichen Verantwortung des Schriftstellers nach dem Zweiten Weltkrieg.
2 ROLF HOCHHUTH (* 1. APRIL 1931 IN ESCHWEGE): Dieses Kapitel gibt einen biografischen Überblick über Rolf Hochhuth und stellt seine bedeutendsten, kontrovers diskutierten Dokumentardramen vor.
3 „DER STELLVERTRETER“: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse des Stücks „Der Stellvertreter“, wobei insbesondere die Darstellung von Papst Pius XII. und die moralischen Konflikte der Figuren untersucht werden.
4 HEIL HITLER: Dieses Kapitel widmet sich Hochhuths späterem Werk „Heil Hitler!“ und analysiert dessen satirische Herangehensweise an den Nationalsozialismus und die Schuldfrage.
5 SCHLUSSBEMERKUNGEN: Die Schlussbemerkungen diskutieren die Bedeutung und das Fortbestehen des Dokumentartheaters über die 1960er Jahre hinaus bis in die heutige Zeit.
6 QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS: Diese Sektion listet alle in der Arbeit verwendeten Primär- und Sekundärquellen sowie die herangezogenen Internetressourcen auf.
Schlüsselwörter
Dokumentartheater, Rolf Hochhuth, Vergangenheitsbewältigung, Nationalsozialismus, Der Stellvertreter, Heil Hitler!, Politisches Theater, Schuldfrage, Hannah Arendt, Papst Pius XII., Literaturwissenschaft, Ethik, Geschichte, Engagement, Widerstand
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Wirkungsweise des politisch engagierten Dokumentartheaters in Deutschland und Österreich, insbesondere am Beispiel des Dramatikers Rolf Hochhuth.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, die moralische Rolle der katholischen Kirche und die gesellschaftliche Verantwortung von Literaten und Künstlern.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Die Verfasserin möchte untersuchen, wie historische Dokumente im Theater genutzt werden, um das Publikum politisch zu aktivieren und kritische Reflexion über Schuld und Verantwortung anzuregen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die primäre Theatertexte mit zeitgeschichtlichen Dokumenten vergleicht und in den Kontext der Rezeptions- und Wirkungstheorie stellt.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte im Hauptteil?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Hochhuths „Der Stellvertreter“, seiner Kritik an der Haltung des Vatikans, sowie eine Analyse seines späteren Stücks „Heil Hitler!“ bezüglich der Euthanasie-Thematik.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Dokumentartheater, Vergangenheitsbewältigung, politische Verantwortung, Schuldfrage sowie die Dramen von Rolf Hochhuth.
Warum wird im Dokumentartheater mit "authentischem Material" gearbeitet?
Die Verwendung von Originaldokumenten dient dem Ziel, die Darstellung historisch zu untermauern und eine unmittelbare, moralische Auseinandersetzung des Publikums mit den dargestellten Ereignissen zu provozieren.
Inwieweit unterscheidet sich Hochhuths Herangehensweise in "Heil Hitler!" von "Der Stellvertreter"?
Während in „Der Stellvertreter“ die unterlassene Hilfeleistung einer historischen Institution im Zentrum steht, wählt Hochhuth in „Heil Hitler!“ eine tragikomische Perspektive, die aufgrund der größeren zeitlichen Distanz auch Satire und das Lächerlichmachen faschistischer Strukturen zulässt.
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- Dr. phil. Daria Hagemeister (Author), 2008, "Auschwitz oder Die Frage nach Gott", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120830