Social Movement Unionism (SMU) als Form der gewerkschaftlichen Orientierung zeichnet sich dadurch aus, dass politische und soziale Probleme in einem breiteren Kontext als allein dem der Arbeitsbeziehungen gesehen werden. Aus der Anziehungskraft, die ein solches soziales Projekt entfaltet, das sich beispielsweise dem Einsatz für Demokratisierung, dem Kampf gegen Unterdrückung oder der Einhaltung der Menschenrechte – in dieser Arbeit insbesondere der Arbeiterrechte - widmet, erklärt sich zu einem Großteil die besondere Fähigkeit dieser Gewerkschaften, ihre Mitglieder - und andere Aktivisten - für ihre Kampagnen zu mobilisieren. SMU ist somit zum einen ein effektives Mittel, um gewerkschaftliche Ziele zu erreichen, und zum anderen der Versuch, die Gewerkschaften besser in der Gesellschaft zu verankern – in zivilgesellschaftliche Bündnisse zu integrieren – und so gleichsam, neue Mitglieder zu gewinnen.
Eine neue Perspektive hat sich für die U.S.-amerikanischen Gewerkschaften seit der Einrichtung der Nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA im Jahr 1994 ergeben. Der von den Befürwortern prophezeite Anstieg der Beschäftigung in den USA blieb aus. Vielmehr wurde durch NAFTA die „Exit-Option“ für amerikanische Unternehmen noch attraktiver und die Drohung mit ihr noch wirksamer, da Mexiko als Land mit niedrigen Löhnen und Arbeitsstandards seitdem einen integrierten Wirtschaftsraum mit den USA und Kanada bildet. Auch auf mexikanischer Seite blieb ein `Jobwunder` aus. Dieses Faktum stellte auch eine Enttäuschung der Erwartungen der „offiziellen“ mexikanischen Gewerkschaften dar, die aus dieser Hoffnung heraus zu den Befürwortern von NAFTA gehört hatten. So haben sich weder die Arbeitsbedingungen verbessert, noch konnte der Trend sinkender Reallöhne in den Maquiladoras, die in dieser Arbeit im Zentrum der Untersuchung stehen, beeinflusst werden.[...] Ziel der Arbeit ist es, zu untersuchen, ob und wie SMU in der Auseinandersetzung um die Maquiladoras erfolgreich praktiziert wird und, ob es so gelungen ist oder gelingt, transnationale Solidarität zwischen Gewerkschaften und Arbeitern zu erzeugen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Situationsbeschreibung
2.1 Social Movement Unionism in gewerkschaftlichen Strategien
2.2 Maquiladoras als bevorzugte „Exit-Option“ transnationaler U.S.-Konzerne unter NAFTA
2.3 Die (rechtliche) Lage der Arbeiter in den Maquiladoras
3. Social Movement Unionism „across the border“ in den Maquiladoras
3.1 Bündnisse und Organisationsformen
3.2 Strategien
4. Cross-border Kampagnen
4.1 Transnationale „grass roots“-Mobilisierung als Basis für SMU
4.2 Öffentlichkeitswirksame Strategien auf Basis von SMU
5. Fazit: Perspektiven von SMU auf transnationaler bzw. „cross-border“ Ebene
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial des Social Movement Unionism (SMU) als gewerkschaftliche Strategie zur Verbesserung von Arbeits- und Lebensbedingungen in mexikanischen Maquiladoras unter dem Einfluss des NAFTA-Abkommens. Dabei wird analysiert, ob durch transnationale Kooperationen zwischen Gewerkschaften und zivilgesellschaftlichen Akteuren ein wirksames Gegengewicht zu transnationalen Konzernen und deren „Exit-Option“ (Standortverlagerung) geschaffen werden kann.
- Analyse der Auswirkungen von NAFTA auf gewerkschaftliche Verhandlungsmacht und Standortwettbewerb.
- Untersuchung rechtlicher und struktureller Hindernisse für gewerkschaftliches Organisieren in Mexiko.
- Evaluation von Kooperationsmodellen wie der Allianz zwischen UE und FAT sowie der Coalition for Justice in the Maquiladoras (CJM).
- Bewertung verschiedener Strategien: Codes of Conduct, Public Campaigns und Community-based Organizing.
- Herausarbeitung der Bedeutung von Basis-Orientierung (rank-and-file) für den Erfolg transnationaler Solidarität.
Auszug aus dem Buch
3.1 Bündnisse und Organisationsformen
Prinzipiell lassen sich drei verschiedene Ansätze transnationaler Kooperation unterscheiden. Bezüglich der in dieser Arbeit im Fokus des Interesses stehenden SMU-orientierten Zusammenarbeit ist die Ebene von Koalitionen auf der Basis von Netzwerken unterschiedlicher Gruppen von besonderer Relevanz. Das herausragende Beispiel hierfür stellt die Coalition for Justice in the Maquiladoras (CJM) dar. Eine Zusammenarbeit auf der Ebene von Gewerkschaftsdachverbänden ist im Fall der Maquiladoras besonders durch die Beschaffenheit dieser Verbände auf mexikanischer Seite erschwert. Problematisch ist hier vor allem die Konkurrenz unter diesen und die Dominanz der CTM in der Grenzregion. Auf eine Beurteilung der CTM, die sehr kontrovers ist, wird im Folgenden eingegangen werden. Die dritte Ebene ist schließlich die der Zusammenarbeit einzelner Gewerkschaften oder kleinerer Verbände. Diesbezüglich ist die Allianz der United Electrical, Radio & Machine Workers of America (UE) und der Frente Auténtico del Trabajo (FAT) das eindrucksvollste Beispiel für „cross-border“ Kooperation. In diesem Kapitel werden die drei Modelle vorgestellt und exemplifiziert.
Die CJM wurde bereits 1989 unter Einschluss religiöser Gruppen, Gewerkschaften – auch des AFL-CIO, der finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellte, und von „community groups“ gebildet. Im „Coalition Mission Statement“ heißt es bezüglich der Ziele: „We are a tri-national coalition of religious, environmental, labor, Latino and women’s organizations that seek to pressure U.S. transnational corporations to adopt socially responsible practices within the maquiladora industry, to ensure a safe environment along the U.S./Mexico border, safe work conditions inside the maquila plants and a fair standard of living for the industries workers.“ Das Repertoire der CJM ist breitgefächert: „information politics, symbolic politics, leverage politics, accountability politics.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert SMU als breitere gewerkschaftliche Strategie und skizziert die Problematik sinkender Arbeitsstandards und gewerkschaftlicher Verhandlungsmacht durch die NAFTA-Implementierung.
2. Situationsbeschreibung: Dieses Kapitel beschreibt die Rolle der Maquiladoras als Exit-Option für Konzerne und die schwierigen, oft korporatistischen Rahmenbedingungen für unabhängige Gewerkschaften in Mexiko.
3. Social Movement Unionism „across the border“ in den Maquiladoras: Hier werden Bündnisstrukturen und transnationale Kooperationsmodelle analysiert, mit Fokus auf das Potenzial und die Grenzen von Netzwerken wie der CJM sowie bilateralen Gewerkschaftsallianzen.
4. Cross-border Kampagnen: Anhand konkreter Fallbeispiele (GE/UE-FAT und Mexmode/Nike) wird untersucht, welche Strategien bei der Durchsetzung von Arbeiterrechten effektiv sind.
5. Fazit: Perspektiven von SMU auf transnationaler bzw. „cross-border“ Ebene: Das Fazit fasst zusammen, dass effektive Kooperation auf Augenhöhe zwischen Basis-Gewerkschaften stattfinden muss, um als SMU nachhaltig erfolgreich zu sein.
Schlüsselwörter
Social Movement Unionism, NAFTA, Maquiladoras, transnationale Kooperation, Gewerkschaftsallianzen, Arbeiterrechte, gewerkschaftliches Organisieren, Arbeitsbedingungen, Exit-Option, Basis-Orientierung, internationale Solidarität, Labour Rights, Protektionsverträge, Öffentlichkeitsarbeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie U.S.-amerikanische und mexikanische Gewerkschaften über nationale Grenzen hinweg kooperieren können, um den Druck durch globale Standortverlagerungen zu verringern und Arbeiterrechte zu stärken.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt den Social Movement Unionism (SMU), die Auswirkungen der NAFTA auf den Arbeitsmarkt sowie transnationale Strategien wie Codes of Conduct und zivilgesellschaftliche Bündnisse.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu untersuchen, ob und unter welchen Bedingungen SMU in der Auseinandersetzung um die Maquiladoras erfolgreich praktiziert werden kann, um echte transnationale Solidarität zwischen Arbeitern zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von Strategiepapieren, Fachliteratur und Fallstudien zu spezifischen transnationalen Kampagnen und Bündnissen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die rechtliche Situation in mexikanischen Betrieben, die Funktionsweise von Koalitionen wie der CJM sowie die praktische Umsetzung von Kampagnen durch Allianzen wie die der UE und FAT.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Social Movement Unionism, Maquiladoras, transnationale Kooperation, Arbeitsrechte und gewerkschaftliches Organisieren.
Welche Hindernisse bestehen laut Autor für unabhängige Gewerkschaften in Mexiko?
Hauptprobleme sind die „offiziellen“, parteigebundenen Gewerkschaften, die Praxis von Protektionsverträgen („protection contracts“), die Neutralität der zuständigen Schlichtungsgremien sowie fehlende Transparenz.
Warum wird die Kooperation zwischen UE und FAT als besonders erfolgreich gewürdigt?
Sie gilt als beispielhaft, da sie auf einer intensiven Basis-Orientierung und gegenseitiger Bildung fußt und versucht, das durch Konzerne verursachte Standort-Dumping durch direkte Zusammenarbeit der Arbeiter zu bekämpfen.
Welche Rolle spielt die „Exit-Option“ für die gewerkschaftliche Strategie?
Die Drohung mit Standortverlagerungen nach Mexiko schwächt die Verhandlungsposition der U.S.-Gewerkschaften massiv; der Autor argumentiert, dass diese Drohung nur neutralisiert werden kann, wenn die Arbeitsbedingungen in den mexikanischen Betrieben substanziell angehoben werden.
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- Magister Artium Timo Metzner (Author), 2005, Cross-border Organizing als Form des Social Movement Unionism, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/120930