„[...] sie kehren das Unterste zuoberst in die Menschen“
(Bertolt Brecht: „Mutter Courage“, S.71 )
Dieses aus Bertolt Brechts „Mutter Courage“ stammende Eingangszitat spricht ein Grundmo-tiv an, welches das gesamte Stück durchzieht und welches für die vorliegende Hausarbeit als Ausgangspunkt dienen soll: Mit dieser Äußerung lässt der Stückeschreiber den Feldpre-diger die Tatsache thematisieren, dass sowohl im Dreißigjährigen als auch in jedem anderen Krieg die Welt aus den Fugen gerät, bisher allgemein Bekanntes keine Gültigkeit mehr be-sitzt und nichts mehr der gängigen Logik und den üblichen Konventionen folgt – es herrscht sozusagen ‚verkehrte Welt’.
In der Tat finden sich in „Mutter Courage“ zahlreiche Beispiele für derartige Verkehrungen und Umwertungen. Jan KNOPF, der eine Vielzahl von Verbindungen zwischen Grimmelshau-sen und Brecht sieht, nennt diesen Sachverhalt ebenfalls eine Gemeinsamkeit der beiden Autoren, indem er Brechts Inversionen in die Tradition eines barocken Topos stellt, den auch Grimmelshausen verwendet: „Schließlich übernimmt Brecht von Grimmelshausen das struk-turale Element, nämlich die Umkehr des Gewöhnlichen: im Barock ist es der Topos von der verkehrten Welt [...], bei Brecht ist es die ‚Umwertung’ der ‚normalen’ bürgerlichen Werte durch den Krieg als neue Normalität.“
Inwiefern sich Brecht dieser ursprünglich barocken Motivik bedient, diese verändert, an seine Verfremdungstheorie adaptiert und schließlich in „Mutter Courage“ praktisch umsetzt, soll im Folgenden untersucht werden. In einem ersten Schritt wird es dabei um den barocken Inver-sionstopos und dessen Funktion gehen. In diesem Kontext werden außerdem sowohl die Frage nach der geistigen Verwandtschaft zwischen Grimmelshausen und Brecht als auch Brechts Verfremdungstheorie von Interesse sein. Im dritten Kapitel wird dann das Stück „Mutter Courage und ihre Kinder“ selbst im Vordergrund stehen. Auf verschiedenen Ebenen werden Beispiele für Umkehrungen und Umwertungen untersucht und auf ihre Funktion hin bewertet werden. Aufbauend auf diesen Betrachtungen soll am Ende zusammengefasst werden, wie Brecht diesen barocken Topos aufnimmt, ihn mit seiner Verfremdungsidee in Einklang bringt und damit letztendlich zur Ideologiekritik nutzt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die ‚Verkehrte Welt’ und Brechts Verfremdung
2.1 Grimmelshausen und der Topos der verkehrten Welt
2.2 Eine geistige Verwandtschaft zwischen Grimmelshausen und Brecht?
3 Verkehrungen in „Mutter Courage“
3.1 Paradoxien und Gegenläufigkeiten gegen die Alltagslogik
3.2 Verkehrung geläufiger Sprachmuster
3.3 Die Um- und Abwertung des Glaubens und der Religion
3.4 Leere Phrasen, Redensarten und hohles Pathos
4 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption und Adaption des barocken Topos der „verkehrten Welt“ in Bertolt Brechts Drama „Mutter Courage und ihre Kinder“ und analysiert, wie Brecht diesen Topos mit seiner Verfremdungstheorie verknüpft, um kriegsbedingte Umwertungen von Normen und Ideologien kritisch zu demaskieren.
- Der barocke Inversionstopos als literarisches Motiv
- Geistige Parallelen zwischen Grimmelshausen und Brecht
- Funktion von Paradoxien und sprachlichen Umkehrungen im Stück
- Ideologiekritik durch die Darstellung kriegerischer Realitäten
Auszug aus dem Buch
3.1 Paradoxien und Gegenläufigkeiten gegen die Alltagslogik
Bereits im initialen Dialog, dem Gespräch zwischen Werber und Feldwebel (S.9f.), findet sich ein Paradoxon, also eine – um mit HINCK zu sprechen – „offensichtliche Umkehrung und Verdrehung des tatsächlich Wahren, eine auf die Spitze getriebene widersprüchliche Behauptung“35, welche sich durch das gesamte Stück zieht. Die beiden Charaktere äußern diese Ungeheuerlichkeit mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass dem Zuschauer bereits zu Beginn der Stückes klar wird, dass im Krieg wohl völlig andere Regeln gelten. Der Feldwebel meint: „Man merkts, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da die Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung.“ Und er fährt fort: „Wie alles Gute ist auch der Krieg am Anfang halt schwer zu machen“ (S9f.).
Der Krieg als „base condition of ‚organized’ and ‚decent’ society“36, der Krieg als etwas Gutes? MENNEMEIER hat völlig recht, wenn er meint, die beiden Charaktere sprächen „eine auf den Kopf gestellte, invertierte Sprache von gespenstischer Komik [..., die] die absurde Ordnung des Krieges und seinen ideologisch-verlogenen Wortschatz ins Bewusstsein [...]rückt.“37 Einerseits entlarven die Sprecher hier ihre ‚verkehrte’ Moral und andererseits zeigt sich in dieser Äußerung eine doppelte Verkehrung: Auch der Stückeschreiber lebt angesichts des drohenden Zweiten Weltkrieges in einer ‚verkehrten Welt’, denn für Brecht ist Ordnung nichts Positives, sondern bedeutet – wie THOMAS ausführt – „einen Missbrauch einer Kontrolle über Menschen, d[er] Menschlichkeit ausschließt und den Zweck hat, sie zum Begehen von Missetaten zu zwingen.“ Der Grund für diese Umwertung und Brechts tiefes Misstrauen gegenüber der Ordnung liegt darin, dass es sich auch beim Nationalsozialismus um ein hoch organisiertes Ordnungssystem handelt, das die Ordnung zu seinem Zwecken missbraucht und ihr – wie THOMAS schließt – nur eine Funktion zuspricht: „Ihr Zweck ist Krieg.“38
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Grundmotiv der „verkehrten Welt“ ein, das Bertolt Brechts Stück durchzieht und das im Kontext barocker Tradition sowie der Verfremdungstheorie untersucht werden soll.
2 Die ‚Verkehrte Welt’ und Brechts Verfremdung: Das Kapitel erläutert den barocken Inversionstopos bei Grimmelshausen und beleuchtet die geistige sowie strukturelle Verwandtschaft zu Brechts „Mutter Courage“ im Hinblick auf dessen Verfremdungstechnik.
3 Verkehrungen in „Mutter Courage“: Hier werden anhand von Paradoxien, Sprachmustern, religiöser Umwertung sowie rhetorischer Phrasen die konkreten Ebenen der „verkehrten Welt“ im Drama analysiert.
4 Schluss: Die Schlussbetrachtung fasst zusammen, wie Brecht den barocken Topos nutzt, um durch Verfremdung die Ideologie des Krieges als zerstörerische Scheinordnung zu entlarven.
Schlüsselwörter
Verkehrte Welt, Mutter Courage, Bertolt Brecht, Grimmelshausen, Verfremdung, Inversionstopos, Ideologiekritik, Dreißigjähriger Krieg, Paradoxien, Sprachmuster, Umwertung der Werte, Barock, Kriegsethik, Dramaturgie, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Verwendung des barocken Motivs der „verkehrten Welt“ in Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Umwertung von Werten im Krieg, die Kritik an bestehenden Ordnungen und die Rolle von Sprache als Instrument der Verfremdung.
Welches Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Brecht traditionelle literarische Motive adaptiert, um die Kriegs- und Herrschaftsideologie seiner Zeit kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Dramas mit theoretischen Schriften zur Verfremdung sowie barocker Literaturtradition in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Paradoxien, die Verkehrung von Sprachmustern, die Umwertung religiöser Inhalte und die Analyse von hohlem Pathos.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie „Verkehrte Welt“, „Verfremdung“, „Ideologiekritik“ und „Brechts Mutter Courage“ beschreiben.
Wie unterscheidet sich Brechts Anwendung des Topos von Grimmelshausen?
Während bei Grimmelshausen die Weltordnung als göttlich und durch den Menschen gestört gilt, nutzt Brecht die Inversion gezielt als ideologiekritisches Mittel zur Entlarvung der zerstörerischen gesellschaftlichen Ordnung im Krieg.
Welche Rolle spielt die Sprache im Drama laut der Autorin?
Die Sprache fungiert bei Brecht als „Verfremdungssprache“, die durch Verkehrungen und Paradoxien die „ständige Wachheit“ des Zuschauers gegenüber verlogenen gesellschaftlichen Narrativen erzwingen soll.
Warum wird Kattrins Trommeln im Kontext der Untersuchung thematisiert?
Es dient als Beispiel für das Scheitern bzw. die Entwertung von Tugenden in der „verkehrten Welt“ des Krieges, wobei ihr Mitleid paradoxerweise als Schwäche umgedeutet wird.
Was bedeutet die Schlussfolgerung des Autors für die Interpretation des Stücks?
Sie unterstreicht, dass der Krieg als „unnormales Feld“ keine normale moralische Berechnung erlaubt und Brecht das Stück als Warnung vor den durch den Krieg verursachten menschlichen Entstellungen nutzt.
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- Dipl.-Bibl. Regina Männle (Autor), 2006, "...sie kehren das Unterste zuoberst in die Menschen" , Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121109