Der japanische Kolonialismus

Versuch einer Einordnung am Beispiel Hokkaidos und Taiwans


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Japan als Objekt der Kolonisation
1.1. Die Ungleichen Verträge – Japan wird Teil des „informal empire“ der Westmächte
1.2. Die Konstruktion des modernen Nationalstaates als Selbstbehauptungsakt und das veränderte Verhältnis zu Asien

2. Japan als Kolonisator – Formen, Strukturen, Ideologien
2.1. Hokkaidō – Kolonisierung ohne Koloniebildung
2.2. Taiwan – Laboratorium der japanischen Kolonialherrschaft
2.3. Taiwan und Korea als Gegenstand japanischer Kolonialtheorie

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturangaben

Einleitung

In vorliegender Arbeit sollen die grundlegenden Formen und Strukturen, sowie die Konzeptionen und ideologischen Formationen des japanischen Kolonialismus herausgearbeitet werden. Natürlich erhebt diese Arbeit keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, aber verfolgt dennoch das Ziel anhand seiner wichtigsten Erscheinungsformen, den japanischen Kolonialismus innerhalb des globalen modernen Kolonialismus einzuordnen. Der moderne Kolonialismus wird hier verstanden, als die imperialistische Überseeexpansion der europäischen Nationalstaaten und der USA im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die Definition des Kolonialismus von Jürgen Osterhammel ist, wie in dieser Arbeit herausgearbeitet werden wird, auch für den japanischen Kolonialismus sehr gut brauchbar. Sie lautet:

„Kolonialismus ist eine Herrschaftsbeziehung zwischen Kollektiven, bei welcher die fundamentalen Entscheidungen über die Lebensführung der Kolonisierten durch eine kulturell andersartige und kaum anpassungswillige Minderheit von Kolonialherren unter vorrangiger Berücksichtigung externer Interessen getroffen und tatsächlich durchgesetzt werden. Damit verbinden sich in der Neuzeit in der Regel sendungsideologische Rechtfertigungsdoktrinen, die auf der Überzeugung der Kolonialherren von ihrer eigenen kulturellen Höherwertigkeit beruhen.“(Osterhammel 2006: 21)

Die kulturelle Andersartigkeit und die Überzeugung der kulturellen Höherwertigkeit, müssen, wie wir sehen werden, im Falle Japans und seiner Kolonien relativiert werden. Im Wesentlichen wurden sie in der Modernisierungsphase herausgebildet, wobei stets auch das gemeinsame kulturelle Erbe und die ethnische Verwandtschaft zur Untermauerung des japanischen Herrschaftsanspruch in Asien benutzt wurde. Ich möchte nun das zu verifizierende Ergebnis dieser Arbeit zunächst in Kürze zusammenfassen. Der japanische Kolonialismus bis 1937 war als Grenzkolonialismus konzipiert und hatte als solcher das Ziel die Koloniebildung zu vermeiden, oder die Kolonie nur als Interimsstruktur einzurichten. Das bedeutet der japanische Kolonialismus stellte prinzipiell eine Ausdehnung der nationalen Reichsgrenzen auf neue Peripherien dar. Diese Peripherien sollten in einer möglichst kurzen Zeitspanne, legal und sozio-kulturell in das Reich integriert werden. Die Idealfälle einer solchen Kolonisierung ohne Koloniebildung waren die japanische Nordinsel Hokkaidō und die Südinseln Ryūkyū. Im Falle Hokkaidōs war die planmäßige Siedlungskolonisation und die geschwächte Verfassung der indigenen Bevölkerung ausschlaggebend, im Falle der Ryūkyū-Inseln war die geringe Größe des Territoriums und die Schwäche Chinas entscheidend für die erfolgreiche Einverleibung ins japanische Reich. Umgekehrt konnten Taiwan und Korea nicht vollständig ins Reich integriert werden und behielten ihre Interimsstruktur als japanische Beherrschungskolonien unter Sonderverwaltung bis zu ihrer Unabhängigkeit 1945. Die Gründe für das Scheitern des Vorhabens Taiwan und Korea zu voll integrierten Teilen des japanischen Reichs zu machen, sollen hier am Fall Taiwans, auf struktureller und ideologischer Ebene untersucht werden. Die schwierige Bestimmung des nationalen Selbst, zwischen der Abgrenzung zu und der Identifikation mit den imperialen Westmächten einerseits und den ostasiatischen Nachbarn andererseits, spielte dabei die wichtigste Rolle. Der japanische Kolonialismus war, wie auch schon die Modernisierung und die Nationalstaatsbildung, stark von westlichen Systemen und Ideologien beeinflusst. Man könnte verallgemeinernd sagen, der japanische Kolonialismus lässt sich zwischen der britischen „indirect rule“ und der französischen „assimilation“ verorten und bewegte sich mit fortschreitender Zeit mehr und mehr hin zur Letzteren. Allerdings muss beachtet werden, dass von der japanischen Kolonialtheorie eine spezielle ostasiatische Variante der Assimilation erschaffen wurde, die mit sozial-darwinistischen Theorien und rassistischen Attitüden konkurrierte. Daraus entstand eine paradoxe Mischung aus Assimilationsanstrengungen und fortgesetzter legaler, sowie sozio-kultureller Diskriminierungspraxis gegenüber den Einheimischen. Im Ergebnis waren die Kolonisierten gleich an Pflichten, aber nicht gleich an Rechten.

Diese Arbeit stützt sich im Wesentlichen auf in europäischen Sprachen erschienene Sekundärliteratur, es standen also begrenzte Erkenntnismittel zur Verfügung. Jürgen Osterhammel bildete mit seiner brillanten komparatistischen Beschreibung des Kolonialismus, die wichtigste Grundlage für diesen Versuch der Einordnung des japanischen Kolonialismus. Weiterhin war die „Erfindung Japans“ von Shingo Shimada, in dem die Konstruktion der japanischen Nation im Zwischenraum zwischen Asien und Europa, brillant analysiert wird, ein wichtiger Ideengeber dieser Arbeit. Auch wenn etwas in die Jahre gekommen, liefert das Werk „The Japanese Colonial Empire“ herausgegeben von Ramon R. Myers und Mark R. Peattie mit seinen hintergründigen Einzelstudien immer noch den globalsten Überblick über den japanischen Kolonialismus und war natürlich auch wichtige Informationsquelle dieser Arbeit. Sehr hilfreich zum Verständnis der ideologischen Formation hinter dem japanischen Kolonialismus waren die beiden Aufsätze, „Barbaren und Lehrmeister“ von Wolfgang Schwentker, sowie „Die Schmerzen der Modernisierung als Auslöser kultureller Selbstbehauptung“ von Mihima Ken’ichi.

1. Japan als Objekt der Kolonisation

1.1. Die Ungleichen Verträge – Japan wird Teil des „informal empire“ der Westmächte

Bevor Japans Kolonialismus innerhalb des globalen modernen Kolonialismus eingeordnet werden kann, muss Japans zunächst als Objekt der Kolonisation betrachtet werden. Wie wurde Japan zum Objekt der Kolonisation? Vor der Meiji-Restauration (1869-1889), das heißt vor der japanischen Modernisierung, ist Japan in informelle koloniale Abhängigkeit der USA und Englands geraten, später auch in die Russlands und anderer Staaten Europas. Die USA und England versuchten im Zeichen des „Freihandelsimperialismus“ ihre Machthemisphäre durch die Aneignung strategischer Handelsstützpunke und Hafenkolonien in Asien auszudehnen. China und Japan sollten dem Welthandelssystem angeschlossen werden, d.h. sie wurden zur Öffnung ihrer Ökonomien gezwungen und ihnen wurden die für „informal empire“ charakteristischen Souveränitätsbeschränkungen auferlegt (Jürgen Osterhammel 2006: 39). Die informelle Kolonisierung Japans funktionierte nach dem gleichen Muster, wie sie zuvor in China praktiziert worden war. Unter militärischer Gewaltandrohung, der so genannten „Kanonenbootdiplomatie“ wurde Japan gezwungen mit den imperialistischen Westmächten Handelsverträge abzuschließen. Diese Verträge sicherten den Westmächten einseitige Vorteile, wie Zollfreiheit und Exterritorialität zu und gingen daher als die Ungleichen Verträge in die Geschichte ein (vgl. W. G. Beasley 1987: 21). Den militärisch erzwungenen Verträgen, folgte der Handel zwischen den wirtschaftlich ungleich entwickelten Partnern, sozusagen in Umkehr des Kolonialslogans, nach dem Prinzip „the trade follows the flag“. Der Verlust der Zollhoheit stellte die größte Benachteiligung für Japan dar, weil es sein einheimisches vorindustrielles Gewerbe nicht vor preiswerten Importwaren schützen konnte (vgl. Zöllner 2006: 255). Das heißt ausländische Industrieprodukte konnten gewinnbringend abgesetzt werden, während die japanische Industrieproduktion noch nicht konkurrenzfähig war. Dieses Bedrohungsszenario bildete den Hintergrund unter dem sich der rapide Modernisierungsprozess Japans vollzogen hat.

1.2. Die Konstruktion des modernen Nationalstaates als Selbstbehauptungsakt und das veränderte Verhältnis zu Asien

Der Kulturwissenschaftler Mishima Ken’ichi argumentiert, dass politische Denken in Japan gegenüber dem Westen, sei seit der gewaltsamen Landesöffnung von Misstrauen geprägt und man tendiere dazu böse Motive zu unterstellen, die sich unter dem Deckmantel menschheitlicher Ideale versteckten (Mishima 1996: 97). Er führt weiter aus, „das anhaltende Trauma, das die Nation zwischen der Ankunft der „Schwarzen Schiffe“ des Commodore Perry von 1853 und der so genannten Intervention der drei Mächte von 1895 als vom „vom Westen ausgehende Bedrohung“ wiederholt erlitten hatte, zog einerseits Versuche nach sich den Politikstil der stärkeren Nationen zu adaptieren, und zwar nicht nur in der Außenpolitik, sondern auch hinsichtlich der Darstellung der eigenen Kultur, einer Selbstdarstellung die bis in die Kapillaren des Alltags reicht“ (ebd.: 98). Der japanische Nationalstaat der in eben dieser Zeit zwischen Ungleichen Verträgen und Tripel Intervention konstruiert wurde, befand sich also von Beginn an in einer Abwehrsituation, in der die eigene Position behauptet werden musste. Auch die Adaption imperialistischer Praktiken in der Außenpolitik, ist vor diesem Hintergrund zu bewerten. So erzwang Japan seinerseits bereits im Februar 1876 mit Kanonenbootpolitik die Öffnung Koreas, und schloss einen Handelsvertrag nach dem Muster der „Ungleichen Verträge“ ab (Zöllner 2006: 234). Die Modernisierung des Landes geschah folgerrichtig, in Reaktion auf die äußere Bedrohung der Kolonisierung. Auch wenn wesentliche Vorbedingungen der Modernisierung bereits in der Tokugawa-Zeit gelegt worden, kann die Geschwindigkeit und die Radikalität des Umbruches im ausgehenden 19. Jahrhundert nur durch das vorangehend skizzierte Bedrohungsszenario erklärt werden (vgl. Beasley 1987: 27). Neben ihrem defensiven Charakter, war die Modernisierung aber auch geprägt von einer partiellen Kooperation mit den Westmächten. Jürgen Osterhammel bezeichnet die modernisierenden Machtgruppen in Japan seit 1868, mit dem Begriff Kooperationseliten innerhalb eines Klientelverhältnisses (Osterhammel 2006: 73). Mit dem Begriff Klientelverhältnis, benennt er eine Abhängigkeit des schwächeren vom stärkeren Partner, ohne das der Schwächere ausgeliefert ist und unmittelbarer der prokonsularischen Herrschaft des Stärkeren untersteht (ebd. 72). Wolfgang Schwentker hat in seinem Aufsatz „Barbaren und Lehrmeister“ treffend das dialektische Verhältnis Japans zum Westen in der Umbruchszeit zur Moderne charakterisiert (vgl. Schwentker 1997: 101-121). Die Schlagwörter dieser Ära lauteten sowohl „Vertreibt die Barbaren“, als auch „Vom Westen lernen“. Während Ersteres die Überzeugung widerspiegelt, Eindringlinge aus dem Westen seien grundsätzlich Feinde, entwickelte sich Zweiteres aus der Erkenntnis, das Japan sich ohne das Studium westlicher Wissenschaft und der Aneignung westlicher Technik nicht werde behaupten können. Der neo-konfuzianische Gelehrte Sakuma Shōzan war der erste der die Aneignung „westlicher Kunstfertigkeit“ und Beibehaltung „östlicher Moral“ für den richtigen Weg hielt (ebd. 115). Damit wies er den späteren Meiji-Reformern den Weg. Die Trägerschicht der Modernisierung bildeten bisher von der politischen Macht ferngehaltene Angehörige des unteren Kriegeradels, die hauptsächlich aus den südlichen Han(Fürstentümern) Satsuma und Chōshū stammten. Viele von ihnen, wie zum Beispiel der liberale Bildungsreformer Fukuzawa Yūkichi, hatten schon in größerem Umfang Wissen aus der westlichen Welt durch das Studium der „Hollandstudien“ – Rangaku erworben. Fukuzawa warnte in seinen Schriften, das bisher alle außereuropäischen Gesellschaften, durch die Begegnung mit Europa ihre Unabhängigkeit eingebüsst hätten und Japan sich schnellst möglich zum modernen Nationalstaat entwickeln müsse (vgl. Shingo Shimada 2006: 211). Die Aneignung und Nutzbarmachung westlichen Wissens, westlicher Techniken und Systeme bildete folgerichtig einen der Stützpfeiler der Selbstbehauptung Japans. Westlichen Formen der Staatlichkeit, Verwaltungs- und Bildungssystemen, Agrar- und Industrietechnologien, sowie natürlich Militärtechnologien galt das Hauptaugenmerk der Meiji-Reformer. Die Modernisierung war eine graduelle Annäherung Japans an westliche Maßstäbe, mit dem politischen Ziel, die Rücknahme der „Ungleichen Verträge“ zu erreichen und zur den Westmächten ebenbürtigen Nation aufzusteigen. Da den wissbegierigen japanischen Reformern und Intellektuellen, wenn sie sich in Europa oder der USA aufhielten, oft mit kulturellem Chauvinismus oder Rassismus begegnet wurde, entstand bei ihnen die Einstellung, um die Anerkennung der eigenen kulturellen und rassischen Gleichwertigkeit kämpfen zu müssen. Mishima zeigt an den Schriften von herausragenden Intellektuellen und Wissenschaftlern der Meiji-Zeit, wie Fukuzawa, Okakura Kakuzō und Fukuda Tokuzō, wie die Begegnung mit dem Westen eine kulturelle Selbstbehauptung auslöste(vgl. Mishima 1996: 87-122). Von Fukuda und Fukuzawa wurde der sozial-darwinistische Rassendiskurs unkritisch auf das Verhältnis Japans mit Asien übertragen (ebd. 104). Die japanische Höherentwicklung wurde nun auf die besondere Begabung der japanischen Rasse zurückgeführt. An der japanischen Zivilisation könnten sich die anderen Völker Asiens aufrichten, denn Japan verkörpere die technologische Stärke des Westens, gepaart mit der geistigen Stärke des Ostens, so die Meinung vieler japanischer Zeitgenossen. Fukuzawa leitete aus der japanischen rassischen Überlegenheit, die Pflicht ab Asien vor dem Zugriff des Westens zu schützen (vgl. Shimada 2007: 211). Er, der zunächst hoffte Korea würde sich nach dem Vorbild Japans entwickeln, trat als diese Hoffnung enttäuscht wurde, in seiner Schrift Datsu-A 1885 für eine Loslösung Japans von Asien ein, später plädierte er offen für die Kolonialisierung Koreas durch Japan. Damit in Zusammenhang steht auch ein Prozess den Shingo Shimada die „Entdeckung/ Erfindung der Eingeborenen“ nennt (ebd. 210). Im neu erschlossenen Hokkaidō waren die Ainu die ersten kulturchauvinistisch ausgedrückt „Wilden“, also Eingeborenen die Japan zivilisieren konnte. Auch die Eingeborenen Taiwans fielen unter diese Kategorie. Während der imperialistischen Expansion in die Südsee trafen die japanischen Kolonialisten noch auf weitere eingeborene Inselbevölkerungen, denen man Zivilisierung und „Eingeborenen-wohlfahrt“ angedeihen lassen konnte. Dabei ordnete man diese peripheren asiatischen Völker auf einer Skala ein, die auf einem vom Westen übernommenen geschichtsphilosophischen Einordnungssytem beruhte. Auf dieser Skala standen die weißen Europäer ganz oben und die Eingeborenen ganz unten (ebd. 211). Die Japaner sahen sich auf dieser Skala in einer Aufwärtsbewegung, weg von den asiatischen Eingeborenen hin zu den zivilisierten Europäern (ebd. 211). Überhaupt kam der Begriff Asien in Japan erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Gebrauch und war eine Übersetzung aus den europäischen Sprachen (ebd. 209). Shimada stellt heraus, dass die Bezeichnung „Asien“ daher von Beginn an das Selbst im Auge des Fremden bezeichnete, also relational gedacht war (ebd. 209). Das führt uns zum zweiten Stützpfeiler der Selbstbehauptung, der Ausbildung eines kulturellen Nationalismus. Dieser kulturelle Nationalismus war geprägt von einer doppelten Abgrenzung gegenüber dem Anderen. Einerseits war es die Abgrenzung gegenüber dem Westen und Andererseits gegenüber Asien. Nach Shimada wurde die Konzeption des Selbst im nationalstaatlichen Rahmen, durch Übersetzung grenzziehender Semantik aus der europäischen Gesellschaftslehre, von japanischen Intellektuellen vollzogen (ebd. 217). Er nennt diese nationale Selbstdefinition, die okzidentalistische und orientalistische Konstruktion des Fremden, durch die das Einheitliche Bild des Westens und Asiens entworfen worden sei (ebd. 217). Durch die diskursive Einordnung Japans zwischen Orient und Okzident, ließ sich die nationale Sonderstellung behaupten (ebd. 217). Gegenüber Asien, fand allerdings nicht nur eine Abgrenzung statt, sondern Asien diente auch der Gegenüberstellung östlicher Tugend und westlicher Untugend. Ein China, Korea und Japan umfassendes Asien wurde als Hort der Zivilisiertheit und Kultiviertheit betrachtet. Als westlich galten Individualismus, Egoismus und Materialismus, als östlich Naturbezogenheit, Gruppenbezogenheit, Spiritualität und Treue zu Familie und Herrscher. Letzteres wurde Manifestiert in dem konfuzianisch geprägten kaiserlichen Erziehungsedikt (kyōiku chokugo), erlassen 1890 und fortan rezitiert in allen Schulen. Die bereits erwähnten Sakuma und Okakura, stehen nur stellvertretend für eine Vielzahl von Intellektuellen, welche die Überlegenheit des ostasiatischen Geistes behaupteten. Seit der krisenhaften Begegnung mit dem westlichen Handelsimperialismus, ist die Einordnung Japans zwischen Asien und dem Westen stets im Diskurs der Intellektuellen aktuell geblieben. Die Konstruktion Ostasiens am Ausgang des 19. Jahrhunderts beruhte auf der Gemeinsamen Schriftkultur und der konfuzianischen Ethik. Vom „Verein für die gemeinsame Ostasiatische Schriftkultur“ (Tōa Dōbunkai) wurden sogar in China tausende Japaner zu China-Experten ausgebildet (ebd. 277). Die 1940 unter Premierminister Konoe Fumimaro als Wirtschafts- und Verteidigungsgemeinschaft unter japanischer Oberhoheit ins Leben gerufene „Großostasiatische Wohlstandsphäre“ (daitōa kyōeiken), ist zurück zu verfolgen bis auf das Wirken seines Vaters Konoe Atsumaru, der als Vorsitzender des Tōa Dōbunkai bereits 1900 die Formel, die Lösung der Probleme Ostasiens solle in der Verantwortung der Ostasiaten liegen, prägte (ebd. 278). Hinter beiden stand als Treibende Kraft das Militär, Tōa – Ostasien war für die Armee von Beginn an der Begriff der ihr potentielles Operationsgebiet umschrieb (ebd. 277). Entscheidend für eine wachsende Befürwortung von Annexion und Kolonisierung unter Politikern, Militärs und Intellektuellen, war die Erkenntnis, dass sich die beiden asiatischen Nachbarländer China und Korea und auch der Rest Ost- und Südostasiens, nicht so erfolgreich gegen den westlichen Handelsimperialismus und die schleichende Kolonisierung zu wehr setzen konnten. Sie würden sich in absehbarer Zeit nicht selbstständig modernisieren können. Japans Kolonisierung in Asien verfolgte daher einerseits das Ziel die imperialistischen Westmächte zurückzudrängen und Andererseits den Asiatischen Nachbarn zu „ihrem Glück“ zu verhelfen. Aus der japanischen Höherentwicklung leitete man die Pflicht ab, die Modernisierung in Restasien zu steuern. Dabei spielte die Absorption westlicher Kolonialtheorie eine entscheidende Rolle. Das Recht Japans zur Herrschaft in Asien, wurde andererseits aber auch aus dem geteilten kulturellen Erbe und der ethnischen Verwandtschaft abgeleitet. Trotzdem entwickelte sich in der Kolonialzeit 1895 – 1945 ein unübersehbarer Rassismus gegenüber Chinesen, Koreanern und anderen Kolonisierten. Es herrschte eine deutliches Spannungsverhältnis zwischen rassistischer Abgrenzung und behaupteter Gemeinsamkeit, zwischen angestrebter Assimilierung der Kolonisierten in den Staatskörper und ihrer legalen, wie sozialen Diskriminierung. An der Kolonisierung Hokkaidōs, Taiwans und Koreas soll nun der japanische Kolonialismus genauer Charakterisiert werden.

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Details

Titel
Der japanische Kolonialismus
Untertitel
Versuch einer Einordnung am Beispiel Hokkaidos und Taiwans
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Ostasieninstitut Lehrstuhl Modernes Japan)
Veranstaltung
Kolonialismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
33
Katalognummer
V121130
ISBN (eBook)
9783640247523
ISBN (Buch)
9783640247837
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolonialismus, Japan, Korea, Taiwan, Okinawa, Hokkaido
Arbeit zitieren
Daniel Lachmann (Autor), 2008, Der japanische Kolonialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121130

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