Trauerkultur und Sepulkralkultur waren „von christlichem Glauben und kirchlichen Institutionen geprägt“. Beginnend mit der Reformation, massiv verstärkt seit der Aufklärung und damit einhergehender Säkularisierung, folgte parallel ein Wandel im kirchlichen Begräbniswesen. Diesen gilt es, beschränkt auf das heutige deutsche Gebiet und bis ins 19. Jahrhundert, zu untersuchen, da es sich keineswegs um einen einheitlichen Prozess handelte.
Zum einen fand eine ständige Wechselwirkung zwischen „Säkularisierung“ einerseits und „Technisierung und Individualisierung“ andererseits statt, zum anderen trat der Wandel zeitlich voneinander distanziert in der Stadt und auf dem Land und bei den sozialen Schichten (Bürgertum/Unterschicht) auf.
In dieser Arbeit soll die Entwicklung des Begräbniswesens unter Berücksichtigung der genannten Faktoren geschildert werden. Nach dem deskriptiven Teil der Arbeit will ich mich der empirischen Seite sowie meinem eigentlichen spezifischeren Thema, der protestantischen Beerdigung im 19. Jahrhundert, widmen, anhand von Quellenmaterial erläutern und ein Resümee ziehen.
Auch heutzutage halten viele Menschen die (wissenschaftliche) Beschäftigung mit dem Tod für unsensibel, ja makaber. Vermutlich aus diesem Grund sind wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema relativ neu. Erst seit etwa 30 bis 35 Jahren ist das Themengebiet Tod ins Blickfeld der deutschen Historiker gerückt. Seitdem sind jedoch einige gute einführende Werke erschienen, auf die ich mich besonders im zweiten Teil der Arbeit stützen werde. Die „Pionierarbeit“ wurde allerdings den Franzosen (u. a. Ariès, Vovelle) überlassen, insbesondere im Bereich der Mentalitätsgeschichte. Auf der deutschen Seite wurden eher das Friedhofswesen und die Bestattungskultur in Augenschein genommen.
Auch meine Arbeit wird sich der „deutschen Tradition“ anschließen und den Schwerpunkt mehr auf das Begräbniswesen legen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Vorwort
2. Methodisches Vorgehen
II. Die Entwicklung des Begräbniswesens
1. Bis in die frühe Neuzeit
2. 17. bis 19. Jahrhundert
III. Das protestantische Begräbnis im 19. Jahrhundert
IV. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Wandel des kirchlichen Begräbniswesens im 19. Jahrhundert in Deutschland mit einem speziellen Fokus auf protestantische Bestattungen. Dabei wird die Wechselwirkung zwischen Säkularisierung, bürokratischen Eingriffen des Staates und den veränderten Bedürfnissen der Bevölkerung analysiert, um zu klären, wie trotz des allgemeinen Trends zur Entkirchlichung eine „Verkirchlichung“ der Begräbnisse stattfinden konnte.
- Historische Entwicklung des Begräbniswesens von der frühen Neuzeit bis zum 19. Jahrhundert.
- Einfluss der Reformation und der Aufklärung auf die Sepulkralkultur.
- Rolle der hygienischen und staatlichen Eingriffe bei der Kommunalisierung von Friedhöfen.
- Die protestantische Beerdigung im 19. Jahrhundert zwischen kirchlicher Dogmatik und bürgerlichem Prestige.
- Analyse von Archivmaterial und Protokollen zu Konfliktfällen bei der Bestattungspraxis.
Auszug aus dem Buch
II. Die Entwicklung des Begräbniswesens
Mehrere Jahrtausende lang hatten sich die Menschen der vorchristlichen Kulturen bemüht, ihre Toten ihrer Stadt und ihrer Nachbarschaft fernzuhalten. Schon das altehrwürdige römische Zwölftafel-Gesetz verfügte, innerhalb der städtischen Bannmeile (in urbe) keine Leichen zu bestatten. Bis ins 4. Jahrhundert konnte sich das Gebot, die Leichen extra muros zu beerdigen, halten. Mit der rechtlichen Gleichstellung des Christentums jedoch fiel diese Bastion. Die Gemeindekirchen wurden nun immer häufiger in den Städten errichtet und diese mussten spätestens seit dem Konzil von Karthago (401 n.Chr.) mit Reliquien ausgestattet sein. Die Erlaubnis, dort beigesetzt zu werden, galt zunächst nur für Päpste, Bischöfe und „andere hohe kirchliche Würdenträger, dann aber auch fürstliche oder sonst hoch geehrte Persönlichkeiten“.
Im Volksglauben setzte sich alsbald die Vorstellung durch, dass die Heiligen und Märtyrer als Fürsprecher vor Gott für ihr Seelenheil fungieren könnten. Daher versuchten die Menschen, so nah wie möglich bei diesen hervorragenden Christen beerdigt zu werden. Das Vergaberecht der Gräber besaß der Pfarrer der jeweiligen Kirche, dessen „umsichtige Berücksichtigung“ man sich mit Spendenfreudigkeit vergewissern konnte, wodurch sich allmählich die soziale Abstufung der Gräber zeigte, die sich um die Kirche herum konzentrierten. So wurde die Kirche samt ihrem Kirchhof zum Begräbnisplatz mitten in der Stadt.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung erläutert den Wandel der Sepulkralkultur unter dem Einfluss von Säkularisierung und Individualisierung und definiert das Ziel, die Entwicklung des protestantischen Begräbniswesens im 19. Jahrhundert anhand von Quellen zu untersuchen.
II. Die Entwicklung des Begräbniswesens: Das Kapitel beschreibt den historischen Übergang vom innerstädtischen Kirchhof zur Verlagerung vor die Stadtmauern sowie den zunehmenden Einfluss von Hygiene, Staat und Medizin auf die Bestattungskultur bis ins 19. Jahrhundert.
III. Das protestantische Begräbnis im 19. Jahrhundert: Hier wird der scheinbare Widerspruch zwischen Säkularisierung und der beobachtbaren Zunahme kirchlicher Begräbnisse thematisiert und die Rolle der Kirche als Partnerin bei repräsentativen, bürgerlichen Bestattungsriten analysiert.
IV. Resümee: Dieses Kapitel zieht ein Fazit über die Entzauberung des Todes in der Neuzeit und den Wandel des Bestattungswesens hin zur staatlich geregelten Kommunalisierung, die letztlich zur Neubelebung der kirchlichen Beteiligung führte.
Schlüsselwörter
Begräbniswesen, Sepulkralkultur, Protestantismus, 19. Jahrhundert, Säkularisierung, Kirchhof, Friedhof, Bestattung, Kirchengeschichte, Rheinprovinz, Konsistorium, Gemeindewesen, Leichenpredigt, Bestattungskultur, Preußen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den historischen Wandel des kirchlichen Bestattungswesens in Deutschland, insbesondere den Übergang von der vorchristlichen und kirchlich dominierten Tradition hin zur staatlich regulierten Kommunalisierung im 19. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Felder sind die Veränderung der Friedhofskultur, der Einfluss von Aufklärung und Medizin auf Bestattungsrituale, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat sowie die Bedeutung bürgerlicher Repräsentationsbedürfnisse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu erklären, warum entgegen dem Trend der Entkirchlichung die Beteiligung der evangelischen Kirche an Begräbnissen im 19. Jahrhundert signifikant zunahm.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine deskriptive historische Analyse mit einer empirischen Auswertung von Archivquellen, insbesondere Protokollen der Kreis- und Provinzialsynoden sowie behördlichem Schriftverkehr.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung der historischen Entwicklung des Begräbniswesens und eine detaillierte empirische Analyse der protestantischen Bestattungspraxis im 19. Jahrhundert unter Einbeziehung regionaler Archivdaten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Sepulkralkultur, Säkularisierung, Verkirchlichung, Kommunalisierung und Bestattungspraxis definiert.
Welche Rolle spielt die Rheinprovinz für die Untersuchung?
Die Rheinprovinz dient als regionales Fallbeispiel, für das durch das Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland umfangreiche Quellen wie Synodalprotokolle und Pfarrbriefe vorliegen, die den Alltag und Konflikte bei Bestattungen illustrieren.
Wie gingen Pfarrer im 19. Jahrhundert mit Bestattungen um?
Die Pfarrer sahen sich oft mit neuen Anforderungen konfrontiert, wie der weiten Entfernung zu neuen Friedhöfen oder dem Wunsch nach feierlichen Reden, und agierten dabei zunehmend in einer Rolle zwischen kirchlicher Verkündung und kommunaler Funktion.
Was war der Grund für Konflikte bei der Bestattung?
Konflikte entstanden häufig durch den Widerstand gegen die Kommunalisierung von Friedhöfen, konfessionelle Spannungen bei der Bestattung in gemischten Regionen oder Fragen der Teilnahme des Geistlichen bei als „nicht ordnungsgemäß“ geltenden Toten, wie etwa Selbstmördern.
Welche Bedeutung haben die angehängten Archiv-Anlagen?
Die Anhänge liefern authentische Primärquellen, darunter Briefe von Pfarrern zur Entbindung von der Leichenpredigtpflicht und Berichte über behördliche Anweisungen, welche die theoretischen Ausführungen der Arbeit stützen.
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- Anke Seifert (Author), 2007, Das kirchliche Begräbnis in Deutschland im Wandel der Zeit - unter Berücksichtigung der protestantischen Beerdigung im 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121143