Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema „Familie als Pflege- und Betreuungsinstanz alter Menschen“.
Zum jetzigen Zeitpunkt kümmern sich in unserer Gesellschaft überwiegend Familienangehörige und nahe Verwandte um hilfs- und pflegebedürftige Menschen. Ob diese Relation so bleibt, ist höchst ungewiss.
Die Aktualität der Thematik ergibt sich aus einem eindeutigen demographischen Trend:
Die demographische Alterung wird die Zahl alter Menschen in den kommenden Jahrzehnten weiter stark wachsen lassen, während sich die Zahl der Jüngeren verringert. Nicht unwahrscheinlich ist, dass damit auch die Gruppe jener Personen wachsen wird, welche auf Grund körperlicher oder geistiger Behinderungen auf die Unterstützung anderer angewiesen sind. Gleichzeitig schrumpft die Zahl jener, die Hilfe leisten könnten. Darüber hinaus bewirken sinkende Heiratshäufigkeit, abnehmende Kinderzahlen und steigende Scheidungshäufigkeit eine zunehmende „Singularisierung“ unserer Lebensformen, gesamtgesellschaftliche Individualisierungstendenzen bewirken ein Loslösen von alten Rollenmustern und eine wachsende Freiheit in Hinsicht der Lebensplanung. Damit ist absehbar, dass informelle familiäre Unterstützungsnetzwerke unter nahen Angehörigen „dünner“ werden könnten.
Da der Großteil der Pflegeleistungen immer noch innerhalb des Familienverbandes stattfindet, ist es umso mehr von Bedeutung, sich mit der Situation pflegender Angehöriger auseinander zu setzten.
Von besonderer Wichtigkeit ist hierbei, für die helfenden Angehörigen Unterstützung zu gewährleisten, um damit die Pflege in der gewohnten Umgebung angemessen und dauerhaft zu ermöglichen. Gesellschaftliche Unterstützungsmaßnahmen sollten die nach wie vor vorhandene Bereitschaft von Familienmitgliedern zur häuslichen Pflege fördern und sie in sofern entlasten, um Überforderungen vorweg einzudämmen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Vorgehensweise
1. Demographischer Hintergrund
1.1 Bevölkerungsentwicklung
EXKURS: Theoretische Erklärungsansätze zur sinkenden Fertilität
Frühe Wohlstandstheorien des Geburtenrückgangs
Familientheoretische Erklärungsansätze
Theorie der säkularen Nachwuchsbeschränkung von Hans Linde
Mikro- analytische Erklärungsansätze
1.2 Mortalität und Morbidität
1.3 Familien und Haushaltsgröße
2. Das Alter
2.1 Versuch einer Altersdefinition
2.2 Quantität vs. Qualität
2.3 Position der Alten in der Gesellschaft
2.3.1 Position der Alten in den letzen 500 Jahren – ein kurzer geschichtlicher Abriss
2.3.2 „Die neuen Alten“
2.4 Wohnverhältnisse
3.Pflege- und Hilfsbedürftigkeit
3.1 Begriffsklärung
3.2 Gesundheitszustand älterer Menschen
Demenzerkrankung als ausgewählte alterspezifische Erkrankung
3.3 Unterstützungsbedarf
4.Die Familie
4.1 Definition von Familie
4.2 Familie im Wandel: Ausdifferenzierung und Emotionalisierung
4.2.1 Entwicklung der Familie
4.2.2 Familie und Umwelt
4.2.3 Funktionswandel der Familie
4.2.3.1 Herausbildung von Emotionalität
4.2.3.2 Sozialemotionale Leistungen der Familie
4.2.4 Zusammenfassende Betrachtungen
4.3 Lebensformen im Wandel der modernen Gesellschaft bzw. die Kernfamilie als Normaltypus der Moderne?
5. Pflege und Versorgung alter Menschen
5.1 Geschichtliche Entwicklungen in der Altenpflege
5.2 Verantwortung und Zuständigkeit
5.3 Der Staat als Versorgungsinstanz
5.3.1 Pflegesicherung
5.3.2 Staatsausgaben für die Pflege von alten Menschen
5.3.3 Demographische Alterung als Grund für eine Kostensteigerung im Gesundheitswesen?
5.4 Aktuelles Pflegesystem
5.4.1 Die offene Altenhilfe
5.4.2 Die geschlossene Altenhilfe
5.4.3 Heim vs. Hilfe zu Hause
6. Der Familienverband als Pflege- und Betreuungsinstanz: Probleme, Belastungen, Aussichten
6.1 Erwartungen und Ideologien in der Familienpflege
6.2 Pflegende Angehörige
6.2.1 Pflegevoraussetzungen
6.2.2 Pflegetätigkeiten
6.3 Gründe für die Pflege zu Hause
6.4 Probleme bei der Pflege alter Menschen im Familienverband
6.4.1. Psychische Belastungen
6.4.2 Physische Belastungen
6.4.3 Belastungen durch anfallende Kosten und unzureichende Wohnverhältnisse
6.4.4 Zeitliche Belastungen
6.4.5 Pflegetätigkeit und Beruf
6.4.6 Mangelnde soziale Absicherung
6.4.7 Zusammenfassende Bemerkungen und Forderungen betroffener Personen
6.5 Die Tragfähigkeit der modernen Familie in Bezug auf die chronische Pflegebedürftigkeit eines Mitglieds
6.6 Unterstützungsleistungen für die Pflege in der Familie
6.6.1 Unterstützung durch stationäre und teilstationäre Pflegedienste
6.6.2 Unterstützung durch ambulante Dienste
6.6.3 Interaktionen zwischen pflegenden Angehörigen und professionellen Hilfesystemen
6.7 Selbsthilfegruppen
6.8 Neuorientierung in der Pflege als Herausforderungen für die Zukunft
7. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Familie als Pflege- und Betreuungsinstanz für ältere Menschen. Ziel ist es, angesichts des demographischen Wandels und der schwindenden Kapazitäten informeller familiärer Unterstützungsnetzwerke, die Tragfähigkeit der modernen Familie zu analysieren und Möglichkeiten sowie Grenzen der häuslichen Pflege in einem differenzierten sozialen Kontext zu beleuchten.
- Demographische Alterung der Gesellschaft
- Wandel der Familienstrukturen und Funktionen
- Physische und psychische Belastungen pflegender Angehöriger
- Entlastungsmöglichkeiten durch staatliche und soziale Dienste
Auszug aus dem Buch
6.4.1. Psychische Belastungen
Psychische Belastungen entspringen, entsprechend der Vielfältigkeit der Belastungen und Probleme, mehreren Quellen. Eine der unmittelbaren Belastungen auf dieser Ebene des Problems stellt die Ausweglosigkeit der Pflegesituation dar: Die Pflege kann den Prozess des Schwindens nur verlängern, am Ende der Pflege steht unumgänglich der Tod. Weiters ist die Unausweichlichkeit der Situation zu nennen, der pflegende Angehörige kann von der ergriffenen Verantwortung nicht mehr abrücken, hierbei unklar sind meist auch die Tätigkeiten, die noch auf einen zukommen, sowie die Frage danach, wie lange man die Pflege selbst noch zu übernehmen im Stande ist. Erschwert wird die Situation meist durch auftretende Kommunikationsprobleme, welche mit den geistigen Veränderungen der Pflegebedürftigen einhergehen; im schlimmsten Falle erkennt der Pflegefall den Angehörigen nicht mehr und verhält sich äußerst unkooperativ.
Wird ein Familienmitglied zum Pflegefall, kommt es zu einer Umstrukturierung des gesamten Familiengefüges. Verantwortlichkeiten ändern sich genauso wie Erwartungsmuster und damit Rollen. Zuvor um Hilfe Gebetene werden zu Hilfesuchenden, Verantwortliche zu Unselbstständigen. Diese Rollenveränderungen verlangen Akzeptanz und Einfühlungsvermögen, statt denen jedoch oft Schuldgefühle aufkommen: Wiedergutmachungstendenzen, ein Zurückzahlen von erhaltenen Unterstützungen lässt sich oft bei pflegenden Angehörigen wieder finden. Schuldgefühle entstehen aber auch zusätzlich durch die belastende Situation, in der ja eigentlich alle Bemühungen eine fortschreitende Verschlechterung des Zustands des alten Menschen nicht aufhalten können.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Demographischer Hintergrund: Darstellung des Alterns der Bevölkerung anhand statistischer Daten, der demographischen Übergangsphasen sowie einer Analyse der Fertilität, Mortalität und Haushaltsstrukturen.
2. Das Alter: Erörterung der demographischen und sozialen Definition des Alters, der Lebensphase sowie der Wohnverhältnisse alter Menschen.
3.Pflege- und Hilfsbedürftigkeit: Definition von Hilfs- und Pflegebedürftigkeit sowie quantitative Erfassung der betroffenen Personen in Österreich und deren Gesundheitszustand.
4.Die Familie: Historische und soziologische Analyse des Familienbegriffs, der Familienstrukturen im Wandel und der Bedeutung der Familie als soziales Unterstützungssystem.
5. Pflege und Versorgung alter Menschen: Überblick über die geschichtliche Entwicklung der Altenpflege und das aktuelle staatliche Unterstützungssystem in Österreich.
6. Der Familienverband als Pflege- und Betreuungsinstanz: Probleme, Belastungen, Aussichten: Kernkapitel zur Analyse der Belastungssituation pflegender Angehöriger sowie ein Überblick über Unterstützungsangebote und zukünftige Herausforderungen.
7. Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse über die Bedeutung der familiären Pflege und notwendige sozialpolitische Rahmenbedingungen.
Schlüsselwörter
Altenpflege, Familienpflege, demographische Alterung, Pflegebedürftigkeit, Angehörige, häusliche Pflege, Sozialstaat, Lebensqualität, Unterstützungssysteme, Pflegestufen, Demenz, Betreuung, Generationenvertrag, Haushaltsstrukturen, soziale Dienste.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit der Situation der Familie als zentraler Instanz für die Pflege und Betreuung älterer, hilfsbedürftiger Menschen im Kontext des demographischen Wandels.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die demographische Alterung Österreichs, der Wandel von Familienstrukturen, die Belastungssituation pflegender Angehöriger sowie das staatliche Pflegesystem.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Die Arbeit analysiert, ob und inwieweit die moderne Familie den Anforderungen chronischer Pflegebedürftigkeit gewachsen ist und welche Unterstützung sie hierfür benötigt.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-soziologische Arbeit, die auf einer umfassenden Auswertung statistischer Daten, demographischer Prognosen und bestehender Fachliteratur basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der demographischen Ausgangslage, die Definition von Alter und Pflegebedürftigkeit, die soziologische Betrachtung der Familie und eine detaillierte Untersuchung der Probleme und Belastungen in der Familienpflege.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Altenpflege, Pflegebedürftigkeit, Familie, demographischer Wandel, Angehörige, Pflegesystem, soziale Unterstützung.
Warum wird die "doppelte Alterung" als zentrales Merkmal hervorgehoben?
Sie beschreibt die überproportionale Zunahme hochaltriger Menschen in der Bevölkerung, was den Druck auf die Betreuungsstrukturen durch eine sinkende Anzahl jüngerer Pflegender verschärft.
Welche Rolle spielt die emotionale Belastung für pflegende Angehörige?
Sie stellt einen wesentlichen Faktor dar, da neben der physischen Pflege auch die psychische Dauerbelastung – oft in Verbindung mit Schuldgefühlen und der Unausweichlichkeit der Situation – zu einer starken Beanspruchung der persönlichen Identität führt.
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- Mag. MBA Karin Sommer (Author), 2005, Familie als Pflege- und Betreuungsinstanz alter Menschen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/121236