Diese Arbeit soll den Versuch machen bisher weitestgehend unabhängig voneinander behandelte Gedichte der Droste parallel zu lesen. Damit wird jenen eine innere Zusammengehörigkeit unterstellt, die schließlich auch aufgefunden werden konnte, doch entzieht sich die Argumentation dem Vorwurf des Zirkelschlusses nicht gänzlich. Hauptsächliches Ziel war es der „Geheimnisebene“1 Raum zu schaffen. Wie Peter von Matt sagt „[...]fordert [diese Dichtung] alle Lesekunst und –erfahrung, gerade weil sie so konventionell daher kommt.“2 Um diese Anforderung, zumindest im Kleinen, zu erfüllen, wurden manche Spitzfindigkeiten nicht nur geduldet sondern sogar gesucht. Mit der Hoffnung einer allen untersuchten Gedichten zugrunde liegenden Intention gerecht werden zu können. Der untersuchte Corpus ist daher absichtlich klein gehalten worden, damit das je Besondere in den Focus gerückt werden konnte. Oft verbirgt sich nämlich gerade hier, im Detail, das Allgemeine.
Zuerst werden das so genannte Dichtergedicht „Mein Beruf“3 und das Gedicht „Das Spiegelbild“4 gelesen. Deren Interpretation entscheidende Aspekte zum Verständnis des zweiten Teils von „Der Dichter – Dichters Glück“5 (oft auch als eigenständiges Fragment „Locke nicht du Strahl aus der Höh“ betrachtet) beitragen kann. Hier wird deutlich, dass die göttliche Berufung zur Dichtung leidvolle Auswirkungen auf die Dichterin selbst hat. Sie wird zum Opfer. Zum einen gibt sie sich dabei selbst her. Sie opfert sich. Zum anderen wird sie geopfert, indem Gott sie beruft. Die Dichterexistenz, wie sie die Droste versteht, ist daher, im vollen Sinne des Wortes, tragisch zu nennen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. MACHT UND AUFGABE DER DICHTUNG
3. DAS GESPALTENE ICH
4. DIE FOLGEN DER BERUFUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Dichtungsverständnis von Annette von Droste-Hülshoff anhand dreier ausgewählter Gedichte. Dabei wird die These verfolgt, dass die göttliche Berufung zur Dichtung für die Autorin mit einem tragischen Opfergang verbunden ist, bei dem sich das Ich als Dichterin konstituiert und gleichzeitig verzehrt.
- Analyse des legitimatorischen Anspruchs der Dichtung in „Mein Beruf“
- Untersuchung der psychologischen Ich-Spaltung in „Das Spiegelbild“
- Deutung der tragischen Dichterexistenz in „Der Dichter – Dichters Glück“
- Erörterung der christlich geprägten Dualität von Gut und Böse
- Interpretative Verknüpfung der „Geheimnisebene“ innerhalb des Werks
Auszug aus dem Buch
3. Das gespaltene Ich
Das Gedicht „Das Spiegelbild“, entstand wie auch „Mein Beruf“ während des Meersburg Aufenthalts der Droste vom Herbst 1841 bis Anfang Februar 1842. Es fand ebenfalls Eingang in die Rubrik „Gedichte vermischten Inhalts“ in der 1844er Gedichtausgabe. Neben der zeitlichen Nähe der Gedichte weisen sie auch eine inhaltliche Entsprechung in der Grundlage des Ausgeführten auf, sodass ein Zusammenlesen ergiebig ist. Eine dieser Grundlagen ist das Weltverständnis von Gut und Böse, welches aber für alle Gedichte der Droste, besonders für die geistliche Dichtung (obwohl diese Trennung bei der Autorin wenig hilfreich ist, da sie Gemeinsamkeiten leugnet bzw. diese außer Blick geraten), konstitutiv ist.
Die erste Auffälligkeit des Gedichtes ist die Distanz zwischen dem Spiegelbild und dem Ich, das sich im Spiegel betrachtet. Schon der Titel nimmt dies vorweg, anstatt des besitzanzeigenden Fürwortes wird der bezugsneutrale Artikel verwendet. Es soll also offensichtlich der Eindruck erweckt werden, das Spiegelbild sei autonom. Die erste Strophe bestätigt dies nicht nur, sondern macht die Unabhängigkeit als auch Vitalität des Spiegelbildes deutlicher, es wirkt wie ein Gespenst:
„Schaust du mich an aus dem Kristall, Mit deiner Augen Nebelball, Kometen gleich die im Verbleichen; Mit Zügen, worin wunderlich Zwei Seelen wie Spione sich Umschleichen, [...]“
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Es wird die Forschungsfrage dargelegt, die Gedichte der Droste in einer parallelen Lesart zu untersuchen, um die „Geheimnisebene“ und das tragische Dichtungsverständnis der Autorin zu erschließen.
2. MACHT UND AUFGABE DER DICHTUNG: Dieses Kapitel analysiert das Gedicht „Mein Beruf“ hinsichtlich seines legitimatorischen Charakters und der moralischen Verpflichtung der Dichterin in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche.
3. DAS GESPALTENE ICH: Der Fokus liegt auf dem Gedicht „Das Spiegelbild“, in dem die Identitätsspaltung des lyrischen Ichs und die Unheimlichkeit der Selbstreflexion als zentrales Motiv herausgearbeitet werden.
4. DIE FOLGEN DER BERUFUNG: Die Untersuchung von „Der Dichter – Dichters Glück“ verdeutlicht die existenzielle Tragik der Dichterin, die sich im Dienst der Heilung für andere selbst aufopfert.
Schlüsselwörter
Annette von Droste-Hülshoff, Dichtergedichte, Mein Beruf, Das Spiegelbild, Der Dichter – Dichters Glück, Dichterberufung, Ich-Spaltung, Identität, Literaturanalyse, Göttliche Berufung, Tragik, Gut und Böse, Selbstreflexion, Lyrik, Literatur des 19. Jahrhunderts.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem spezifischen Dichtungsverständnis von Annette von Droste-Hülshoff und der Frage, wie sie ihre eigene Existenz als Dichterin in ihren Werken reflektiert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die Legitimation des Dichtens, die psychologische Spaltung des Ichs sowie die tragische Konsequenz der Berufung zur Dichtung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, drei scheinbar unabhängig behandelte Gedichte der Droste parallel zu lesen, um eine innere thematische Zusammengehörigkeit und die tragische Dichterexistenz aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine textnahe, interpretative Analyse angewandt, die intertextuelle Bezüge und die historische Einbettung der Gedichte in das Gesamtwerk der Autorin berücksichtigt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der drei Gedichte „Mein Beruf“, „Das Spiegelbild“ sowie „Der Dichter – Dichters Glück“ und deren inhaltliche Verknüpfung.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind die Begriffe Dichterberufung, Ich-Spaltung, Identität und die moralische Zerrissenheit des künstlerischen Schaffens.
Wie interpretiert der Autor das Bild der „Wüstenblume“?
Das Bild der Wüstenblume symbolisiert das einsame, sich opfernde Dichter-Ich, das trotz Isolation eine heilende, aber selbstzerstörerische Funktion für die Gesellschaft übernimmt.
Warum spielt die Spiegel-Metaphorik eine so große Rolle?
Die Spiegel-Metaphorik dient dazu, den Prozess der Selbstreflexion und die Entfremdung des Ichs von sich selbst zu verbildlichen, was die Zerrissenheit der Autorin verdeutlicht.
- Quote paper
- Falk Quenstedt (Author), 2002, Das Opfer der Berufung. Über drei Gedichte der Annette von Droste-Hülshoff., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/12146